IC434, NGC 2023, Sigma Orioni und der unbezähmbare Alnitak

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Ueberlaeufer

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Kaum ein Bild wird im Winter so oft gezeigt wie der Pferdekopfnebel. Und kaum ein Bild macht so viele Probleme, wie gerade die größten und prominentesten Beispiele, wie M42, M31, M33 oder M57, um nur einige zu nennen. Der Pferdekopf reiht sich hier nahtlos ein und bei der Bearbeitung habe ich mich oft gefragt, ob ich bei dem Motiv im wahrsten Sinne des Wortes nicht aufs falsche Pferd gessetzt habe.
Eine große Herausforderung bei der Bearbeitung ist es, die Strukturen des Halpha im Osten darzustellen ohne auf den dekorativen Reflexionsnebel NGC 2023 zu verszichten, oder ihn "absaufen" zu lassen. Dann gibt es noch die bildkompositorische Entscheidung: Alnitak mit aufs Bild oder aussparen? Man hat ja noch Sigma Orioni als dekoratives Element, wenn die Brennweite passt.
Ich dachte mir, dass einerseits Alnitak dem Pferdchen die Show stehlen würde und es durch sein Einbeziehen etwas ins Eck geraten würde. Andererseits sieht man, dass sich Alnitak nicht so leicht geschlagen gibt. Man kann sein Hereinstrahlen jetzt als Schwäche dieser Entscheidung auslegen oder den Hauptstrahl als kompositorisches Element betrachten, das fast einen goldenen Schnitt andeutet (wenn man HIP 26756 etwas nördlich vom Pferd als senkrechten Teiler des Bildes wahrnimmt).
Wenn man Referenzbilder mit langen Belichtungszeiten heranzieht, sieht man, dass südwestlich vom Hauptmotiv leichte Schleier vorhanden sind. Was man auf den Referenzbildern oft schwer erkennen kann, ist, woraus diese Schleier bestehen (das 50-h-Referenzbild zeigte mir graue Nebelstrukturen). Ich nahm an, dass es sich um Dunkelwolken handelt, weshalb ich auch einige Zeit in L-Aufnahmen investierte. Nur: Auf den gestackten Luminanzbildern war zwar etwas Helles erkennbar, was bei Unkenntnis der Referenzbilder erbarmungslos der DBE zum Opfer gefallen wäre, doch fehlten komplett die Strukturen. - Hier also wieder auf das falsche Pferd gesetzt? Da das gute Wetter und der Urlaub noch anhielten, änderte ich meinen Plan und sammelte noch einige Halpha-Aufnahmen. Wenn man dann den Stack betrachtet, wird es klar: Nix Dunkelnebel, H2-Region! Trotz langer Belichtungszeiten (30 x 900 s, also 7,5 h) hätte ich noch mehr Zeit gebraucht, um diese Strukturen gegen das Rauschen besser hervortreten lassen zu können.
Was aber mache ich mit NGC 2023? Mische ich Halpha ins Rot und verwende die Luminanzaufnahmen dafür, wofür sie dem Namen nach stehen, verschwinden nicht nur die Strukturen südwestlich, sondern auch östlich (im Bild oben). Nehme ich Halpha für die Luminanz (und opfere meine 86 x 300 s (also ca. 7 h) L-Aufnahmen, sehe ich zwar die Strukturen in Halpha, dafür wird aber NGC 2023 als Reflexionsnebel mickrig, der lebt ja vom Blauen. In meiner Verzweiflung bin ich von PI nach PS gewechselt (also nur einen Buchstaben weiter) und spielte mich mit verschiedenen Blend-Verfahren zwischen Halpha und L. Bei Screen wurde ich fündig doch hatte ich Schwierigkeiten, das Ergebnis dann wieder in PI weiterzuverarbeiten. Nach kurzer Recherche fand ich die Formel für Screen und verwendete Pixelmath in PI, um zu einem ähnlichen Ergebnis wie in PS zu kommen. (Später sah ich dann, dass es dafür das fertige Blend-Script gibt.) Manche werden sagen: Für diese Belichtungszeit rauscht das Bild aber gewaltig. Ja, das tut es. Nach einigen Versuchen entrausche ich nur mehr im linearen Bereich und das nur mäßig. Es gibt einfach zu viele Artefakte, die man nur schwer in den Griff bekommt. Das Bild entspricht eher dem Architekturstil, bei dem ma die nackten Betonwände sieht, um die Konstruktion sichtbar zu machen (nicht umsonst ist das Bild in unmittelbarer Nähe zum Gebäude der Universität Klagenfurt entstanden, das genau in diesem Stil gebaut wurde).
Zur Datengewinnung wäre noch zu sagen, dass ich den Perfektionismus vom letzten Jahr habe bleiben lassen, weshalb es in der linken oberen Ecke nicht so rund läuft, besonders bei den Sternen. Fokus lag auf dem Fokus, dem Bildausschnitt und der Datenmenge. Mit SGP habe ich ein Tool gefunden, zwei Objekte in einer Nacht mit minimaler manueller Intervention fast vollständig automatisiert aufzunehmen (NGC 660 bis 22:30 Uhr, IC434 den Rest der Nacht). Ganz ohne Kontrolle geht es aber nicht. Manchmal spinnt ein USB-Hub, manchmal muss man eine Kamera neu starten, manchmal versagt das Platesolving. Routinevorgänge werden aber bestens erledigt. Der Wechsel von APT auf SGP erfolgte schweren Herzens, schließlich hat mich APT jahrelang begleitet. Doch spontane Abstürze vorwiegend um Mitternacht haben mich dazu gebracht, den Wechsel zu vollziehen.
Conclusio: Selbst wenn man "nur" Pretty Pics" machen will, zahlt sich zumindest rudimentäres astronomisches Wissen aus. Und es ist klar: Obwohl das mein dritter Anlauf für dieses Motiv ist, lerne ich jedes Jahr dazu. Diesmal: Mehr Halpha, und man kann aus dem Motiv noch mehr herausholen.

Link zur Grafik: https://astrob.in/385623/0/rawthumb/gallery/get.jpg?insecure

-Erich
 
Hallo Erich,
so, wie Du Dein Bild präsentierst, darf es ruhig ein wenig rauschen, meiner Meinung nach trägt es der Aufnahme sogar positiv zu!
Ich finde, eine überaus gelungene Aufnahme. Die roten Nebel steigen sehr schön auf, die großen Sterne domieren nicht, sondern unterstreichen eher die Nebel.
NGC 2023 sitzt schön im Dunkeln und leuchtet aus der Tiefe heraus. Und zu dem Pferd muss ich ja nichts sagen. Perfekt.

Dein Bericht tut sein übriges dazu. Sehr schön geschrieben, sicherlich vielen aus der Seele, oft oft genug mit gleichen oder ähnlichen Problemen hadern...

Vielen Dank für´s Schreiben und zeigen,

Viele Grüße
Sven
 
Hallo Erich,

eine unkonventionelle Lösung des Problems, aber sehr sehr gut gelungen. Der Aufwand hat sich in meinen Augen wirklich gelohnt.

Das Rauschen ist an der Stelle vielleicht kaum vermeidbar, stört mich aber auch nicht, der Gesamteindruck des Bildes reißt das locker raus.

CS
Jörg
 
Vielen Dank, Jörg.
Falls jemand eine alternative Bearbeitungsmethode kennt, wäre ich sehr dankbar. Ich hätte da nämlich schon bald "den Hut draufgeschmissen". Nicht nur Alnitak, auch das Pferd ist beinahe unzähmbar.

-Erich
 
Hallo Erich,

alles bestens, Deine Mühe hat sich gelohnt und Dein IC434 kommt bei mir gut 'rüber und ist in der Farbgebung stimmig. Gerade Regionen mit HII- und ionisierte Nebelanteilen in Verbindung mit hellen Sternen wird die Bildverarbeitung schwierig, da gibt es kein Patentrezept. Wenn Du auf Galaxien gehst, ist der Prozess weitestgehend identisch, ansonsten immer eine kleine Herausforderung...
 
Danke, Peter!
Bei Galaxien habe ich bisher noch kein Schmalband dazugemischt. Ich denke, da unterscheidet sich derzeit mein Workflow doch grundlegend von dem, den ich jetzt ausprobiert habe.
Nebenbei ist mir das neue PI öfter abgestürzt, sodass ich den gesamten Prozess nicht mehr reproduzieren kann. Da ich die Abstürze reproduzieren wollte (was mir aber nicht gelungen ist), habe ich mich unfreiwillig mehr mit DBE beschäftigt. Conclusio hier: Machs wie bei Forumstrollen: Die Toleranz nicht zu hoch schrauben ;-).
 
Nicht nur Alnitak, auch das Pferd ist beinahe unzähmbar.
dabei zerzaust die Gruppe junger Gewalttäter Sigma Orioni in Wahrheit dem Pferd ganz schön die Mähne. Bald schon, naja, "bald" ist relativ, werden die beiden Nebelwolken von der brutalen UV-Strahlung der Jungsterne tödlich getroffen in sich zusammen sinken. Und so dann zur Geburtsstation neuer Sterne werden.

Tolle Bildkomposition. Sieht ja aus, als wenn Nessie gerade den Kopf aus dem See im schottischen Bergland hebt. Klasse.
 
Hallo Erich,

dein Beitrag gefällt mir sehr gut. Vor allem auch im Begleittext hast du exemplarisch mal so richtig deutlich machen können, welchen bildbearbeitungstechnischen Problemen sich der Astrofotograf bei Motiven wie hier z. B. dem Pferdekopfnebel häufig gegenübersieht. Da ist schon eine Menge Geduld und Experimentieren, u. U. mit verschiedener Software, notwendig.
Dein Ergebnisbild ist sehr beeindruckend und die Rauschthematik sollte sowieso nicht überbewertet werden, solange noch genügend Objektsignal rüberkommt.

Viele Grüße
Stefan
 
Vielen Dank, Stefan,
die Erfahrung meiner Bearbeitung hat mich gelehrt, warum es so viele schlechte Bilder vom Pferdekopf gibt. Er ist eine Herausforderung. Es ist manchmal wie ein Brettspiel. Man macht einen Zug und dann heißt es plötzlich: Gehe drei Felder zurück, oder: Gehe zurück an den Start.
Zum Rauschen: Wenn man von anderen Bildern her weiß, was da noch vorhanden ist, kann man schon mal sportlich gereizt werden und versuchen, ob der eigene Himmel die Daten ebenso freigibt.

-Erich
 
Hallo Erich,

man sieht mal wieder, warum der Pferdekopfnebel eines der tollsten Motive am Himmel ist. Diese von der Natur gegebene Bildkomposition ist einfach gewaltig. M.E. auch der einzig richtige Weg den Pferdekopf in den goldenen Schnitt des Portraits zu nehmen. So strahlt der helle Sterne weit oben über dem Kopf, was einfach herrlich aussieht.

Zum Rauschen: Das kann ich nicht so richtig nachvollziehen. In den Teilen des Bildes wo richtig Signal vorhanden ist, rauscht nix mehr. Das ist der Reflexionsnebel und die hellsten Bereiche der HII Stoßfront. Dass der Hintergurnd, und damit auch die Dunkelnebel, rauscht, ist normal und soll sogar so sein. Im Gegenteil, ich sehe wieder vermehrt Bilder wo gnadenlos entrauscht wird, ohne Masken und ohne Fingerspitzengefühl. Bilder müssen m.E. im Hintergrund leicht rauschen, das lässt sie authentisch und natürlich erscheinen und nicht wie ein Plastikeimer:-)
Also, ich finde du hast alles richtig gemacht.

CS Frank
 
Hallo Frank,
danke für das Feedback.
Zum Rauschen: Bei tieferen Aufnahmen sieht man auch etwas mehr im Südosten. Da lässt sich bei mir nur etwas erahnen. In irgendeinem englischen Nachbearbeitungstutorial habe ich den Ausdruck (sinngemäß) gefunden: Entrauschen heißt, nur ein bisschen Salz vom Butterbrot abzuklopfen.

-Erich
 
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