Hi,
Planetenfotografie ist so eine Sache. Durch die Webcams ist vieles einfacher geworden, das heisst aber nur, daß man leichter ansehnliche Ergebnisse zustande bringt.
Ein echtes Spitzenbild hingegen ist heute noch genauso schwierig und selten, wie es 1988 war.
Das wichtigste für das perfekte Bild ist Routine. Routine deshalb, weil das perfekte Bild nur bei perfekten Bedingungen entsteht. Perfekte Bedingungen ohne Routine bedeuten meistens, daß irgendein Fehler das Bild versaut...
Nun mal konkret. Also, das R200SS, welches ich selbst habe, ist nunmal keine Planetenkanone. Das ist auch jeden Fall eine wichtige Einschränkung.
Wenn Du eine Webcam betreibst, dann erreichst Du mit einer 2x Barlow zwar eine ganz nette Vergrößerung, aber für die richtig tollen Details braucht es mehr Vergrößerung.
Das heisst, Du müsstest in Okularprojektion gehen.
Ach ja, ob chemisch oder Webcam: Immer direkt auf den Chip/Film projizieren, also keine "Fremdoptik" dazwischen. Webcam-Linse abschrauben!
Für Okularprojektion hast Du einfach die falschen Okulare. Ich will zwar nicht behaupten, daß die Okulare nicht funktionieren, aber selbst wenn sie eine ordentliche Projektion machen würden, bringen sie durch ihre Größe Probleme ins Spiel. Ausser das LV 20, das aber hat zu wenig Vergrößerung, um bei Okularprojektion sinnvoll zu sein.
Allgemein nimmt man zur Okularprojektion Orthos. Es lohnt schon, ordentliche Orthos zu nehmen. Noch besser sind wohl Projektionsokulare (z.B. Pentax XO, so teuer wie Dein Nagler). Muß aber nicht sein. Ein ordentliches Ortho genügt.
Jetzt kommt die Faustformel ins Spiel. Vergrößerung mal Projektionsabstand gibt die Effektivbrennweite.
Also Beispiel: 8mm Ortho am R200SS: 100-fache Vergrößerung. Abstand zwischen Okular und Webcam sei 50mm. Dann sind das 100x50mm=5000mm Effektivbrennweite. Das gibt auf der Toucam einen ca 100 Pixel grossen Mars. Für chemie müssen mindestens mal 30m Effektivbrennweite an den Start...
Wenn Du damit loslegst (5m bei Webcam, 30m chemisch), wirst Du erstmal lustig wuseln, bis Du Mars überhaupt im Bild hast! Nur wenn der Webcam-Adapter ganz gerade zum Chip sitzt, hat man eine Chance. Deshalb ist hier ein Adapter, der ins Gewinde der Webcam geschraubt wird, praktisch notwendig.
Beim Einstellen des Planeten, so daß sein Licht auf den Chip kommt, ist wieder Routine gefragt. Ausserdem muß die Webcam auf lange Belichtungszeiten gestellt werden, damit man die riesige, unscharfe Scheibe des Planeten überhaupt sieht.
Wenn es dann ums Fokussieren geht, so ist das ohne Fokussiermotor sauschwer, weil man bei so starker Vergrößerung alles Verwackelt und deshalb den Schärfepunkt nicht erkennen kann. Ich habe mir so einen Motor selbst gebastelt.
Dann kann es ans Belichten gehen. Du musst eine grosse Serie Bilder (locker 500-1000 Stück) machen, und zwar bei der richtigen Belichtungszeit. Die findet sich bei der Webcam recht leicht, man sieht ja das Rohbild. Aber auch hier ist wieder Routine das Erfolgsrezept.
Wenn dann die Aufnahme läuft, dann zeigt sich zum einen, wie gut das Seeing ist, zum anderen, wie gut Deine Routine beim Aufstellen der Montierung ist.
Das gute Seeing ist zum einen Wettersache (Glück und oft Zeit zum gucken haben), zum anderen aber auch unbedingt Standortsache. Städte mit ihren warmen Hauswänden und Asphaltflächen und Wärmespuckenden Schornsteinen sind Seeing-Killer.
Wenn Du Deine Montierung nicht einigermassen ordentlich auf Polaris ausgerichtet hast, dann wandert Dir während der Belichtung der Planet aus dem Ausschnitt. Sei froh, wenn es nicht dauernd während der Einstellerei der Software passiert. Dann musst Du nachkorrigieren, und man erwischt immer und garantiert den Knopf für die Gegenrichtung (es sei denn, man hat Routine) und der Planet flutscht aus dem Bild - wenn man Pech hat, ist er weg und man muß die Kamera abbauen und ihn visuell mitm Okular wiedersuchen. Bei der Vergrößerung hilft nämlich ein Sucher garnix.
So. Nun hast Du mal ziemlich anschaulich gehört, was für ein Krampf sowas schnell werden kann.
Funktionieren tut's trotzdem.
Ich würde sagen, Du machst Deine ersten Bilder direkt im Fokus den Teleskops bei 800mm, oder eben mit 2x Barlow bei 1600mm. Das dürfte sogar mit der Barlow noch mehr werden, weil die Kamera weiter aussen sitzt als ein Okular.
Damit hast Du schonmal gute Erfolgsaussichten.
Wenn das klappt, dann kannst Du Dich steigern, und auf Okularprojektion umsteigen.
Clear Skies
Sven