Das Astrofoto des Monats Juli passt wieder einmal gut zur Jahreszeit. Bildautor Markus Meel gibt uns einen höchst interessanten Einblick in das Zentrum des Sternbildes Schwan. Ganz grob gesagt, nennt sich das Gebiet um den Stern Gamma Cygni auch "Cygnus X". Die Aufnahmeserie zum Gesamtbild entstand am 07.08.2024 in Kronau (Baden-Württemberg). Das Teleskop war ganz neu: ein Askar FRA600 mit D = 108 mm und f = 420 mm, d.h. Öffnungsverhältnis D/f = 1:3,9. Die verwendete Kamera war eine Canon 6Dac, also gekühlt. Um die zahllosen Nebel im zentralen Bereich des Schwans aus der Rheinebene heraus gut sichtbar zu machen, wurde ein Dual-Schmalbandfilter des Typs Optolong L-Ultimate verwendet. Damit wurde insgesamt 22 h belichtet. Damit auch die Sterne möglichst in natürlicher Farbe mit im Bild sichtbar sind, wurden auch noch 4 h an RGB-Belichtungen zugefügt. Die Dauer der Einzelbelichtungen ist nicht bekannt. Die Bildbearbeitung erfolgte komplett mit PixInsight.
Das eingeschickte Originalbild war ein Breitformat mit Norden links und Osten unten. Ich muss sagen, dass mir in diesem reichhaltigen Nebelfeld beim stetigen Abgleich mit dem Himmelsatlas Aladin die Orientierung schwerfiel. Daher kurz entschlossen ins Hochformat gedreht mit Norden oben und Osten links. Und jeder kann jetzt ebenfalls mit Profi-Aufnahmen aus beliebigen Surveys abgleichen. Damit war meine Orientierung wieder da ... Das Bildfeld misst 2° 54' x 4° 34', also ganz schön weitwinkelig. Da macht es richtigen Spaß, ausführlich durch Cygnus X zu surfen.
Drei Objekte fallen im chaotischen Rot der dynamischen HII-Gebiete sofort ins Auge: (a) im oberen Drittel mittig NGC 6888, der Crescent Nebula, (b) im unteren Drittel der bläulich-türkise Nebel beim Wolf-Rayet-Stern WR 134, und (c) der kleine, rote und runde DWB 14 am linken Bildrand. Diese Objekte sollen jetzt ein wenig näher besprochen werden.
Dazu schauen wir das Zusatzbild 1 an. Die Verkleinerung des Originals (auch Norden oben), enthält zahlreiche Katalognamen der betreffenden Nebel. Dabei taucht der Katalogname DWB xx sehr häufig auf. Diese "DWB-Nebel" gehen zurück auf die Astronomen H.R. Dickel, H.J. Wendker und J.H. Bieritz. Sie verfassten 1969 einen Fachartikel über ihre Untersuchungen von HII-Regionen im Sternentstehungsgebiet Cygnus X in der Zeitschrift Astronomy and Astrophysics 1, 270-280. Wer sich für diese 56 Jahre alten Untersuchungen interessiert, wird überrascht sein. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in Form einer Zeichung (!) präsentiert. Das sehen wir im Zusatzbild 2. Es zeigt die katalogisierten DWB-Nebel im Gebiet Cygnus X. Klar dürfte sein, dass hier die Formgebung alles andere als korrekt ist. Das macht aber gar nichts, denn die Umrisse sind beim Vergleich mit dem AdM gar nicht so wesentlich, eher deren maßstäblich passende Anordnung. Die drei Astronomen maßen auch radioastronomisch die Entfernung dieser filamentösen und faserförmigen Emissionsneebel. Für den überwiegenden Anteil ihrer DWB-Nebel bestimmten die Drei 1,2 bis 1,8 kpc als Distanz.
NGC 6888 ist das klassische Beispiel eines Wolf-Rayet-Nebels (WR). Im Zentrum befindet sich der WR-Stern HD 192163, der mit 7,5 mag (sowohl in B als auch in V) hellblau leuchtet. Da NGC 6888 ein recht helles Objekt ist, ist er in diesem AdM schon "sehr kräftig belichtet" und erscheint weißlich. Aber die Randzonen (insondere im Westbereich) leuchten deutlich blau. WR-Sterne sind Weiterentwicklungen massereicher O-Sterne. Sie haben in ihrer "Jugend" viel Energie und Masse "veräußert" - abgestoßen, so dass wir jetzt auf den ehemaligen Kern des O-Sterns blicken. Als Spektraltyp klassifizieren die Astronomen HD 192163 als WN6. Auch Planetarische Nebel stoßen die Masse ihrer Außenschichten ab und bilden eine expandierende Hülle. Ein WR-Nebel ist aber nie ein PN, denn PNe (Mehrzahl von PN, nicht PNs) sind sterbende Sterne, die ihren Masseverlust erst im Alter durchmachen. Letzter Punkt zu NGC 6888: Mittels GAIA wurde die Parallaxe von HD 192163 gemessen. Und daraus ergibt sich eine Entfernung von 1,73 Kiloparsec (kpc), in recht gutem Einklang mit den vorweg genannten Messdaten von Dickel, Wendker und Bieritz.
Zu WR 134. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Astrofotografen WR 134 mit dem Nebel gleichsetzen. Falsch. WR 134 ist nicht der Nebel, sondern der WR-Stern HD 191765, der die nebelige Hülle als ehemaliger O-Stern auszustoßen begonnen hat. Im Zusatzbild 1 ist der 8,08 mag helle WR 134 mit einem kleinen gelben Strich eingezeichnet. Der WR-Nebel leuchtet bläulich-türkis, typisch für eine hohe Anregung, bei der [OIII] in Emission frei wird. Wie weit ist der WR-Nebel entfernt? Die Parallaxe von HD 191765 ergibt eine Distanz von 1,9 kpc, geringfügig weiter weg als NGC 6888.
Kurios erscheint DWB 14. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine HII-Region, mit kugeligem Aufbau und mit zentraler Höhle wie beim Rosetten-Nebel. Das wird schon bei dieser kurzen Brennweite von 420 mm ersichtlich - unglaublich! Offensichtlich steht DBW 14 aber weiter entfernt, denn kein interner O-Stern ist sichtbar (mit dieser kleinen Optik). Daher kann auch nichts über die Entfernung ausgesagt werden.
Anmerkung: Das vorliegende AdM zeigt eine Fleißarbeit von Markus Meel. Die Abstimmung zwischen überbetonter H-alpha-Wiedergabe mit viel Rot (so ist es eben bei Verwendung von Schmalbandfiltern) und RBG-Farben der Sterne ist gut gelungen, so dass doch ein natürlicher Anblick zustande kommt. Dazu technisch sauber, erzielt die Aufnahme (nicht die Daten, Markus ...) ihre Wirkung!!! Vielen Dank an den Bildautor. Und natürlich dazu die herzliche Gratulation des AdM-Teams an Markus Meel zum Astrofoto des Monats Juni 2025!
Peter Riepe
Bildautor: Markus Meel
Koordinaten (J2000) für WR 134:
RA = 22 h 10 min 14,2 s, DEC = +36° 10' 35''
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