Kellerkind durfte mal raus

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WUNNI

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Hallo Altglasfreunde!

Das mit der Sternenkunde mache ich nun schon seit 1977. Auch wenn ich kein Sammler bin, ließ sich über die Jahre ein gewisser Aufwuchs an Teleskopen nicht ganz verhindern. Was soll man auch machen, man kann so ein Teleskop ja schlecht wegschicken, wenn es an die Tür klopft! Da ist auch manches selbstgebaute Gerät darunter: "Früher" hat man ja noch selbst gebaut.
Die meisten dieser Zugänge fristen ein Dasein als Kellerkind und dürfen nur selten raus ans Sternenlicht. Auch dieses hier:
1983 oder 1984 hatte ein früherer Arbeitskollege eine komplette 130 mm/1120mm Eigenbau-NEWTON-Rohrmontierung in der Zeitung annonciert. Hmm, etwas mehr als mein 80mm-Refrakor wäre schon nett. Also habe ich den Spiegel gekauft. Er soll aus der Meisterhand Alfred Wilkes stammen, frühe 1960er. Klarer Fall, fällt unter "Altglas" und darf hier vorgestellt werden.
Auf dem Hartgeweberohr stand ein unbrauchbarer DIY-Okularauszug. An den Kaufpreis kann ich mich nicht erinnern; vermutlich dreistellig (Mark der DDR).

Und? Nix. Das Teil blieb so wie es war im Keller! 1990 hatte ich die Gelegenheit, die beiden Spiegel in Hamburg neu verspiegeln zu lassen. Ich hatte extra eine Holzkiste für die Spiegel gebaut.
Und dann? Wieder nix.
2001 fiel mir die Holzkiste mit den Spiegeln in die Hände. Ah, ja, man müsste mal... Na, ihr kennt so etwas sicherlich.
Voller Aktionismus habe ich wenig später einen Okularauszug besorgt, einen JMI “RCF Mini1”, damals 79 US$ plus Porto und Zoll.
Circa drei Jahre später habe ich einen neuen Fangspiegelhalter mit Spinne selbst gebaut. Nach nur 2 Jahrzehnten stand einem First Light nichts mehr im Wege! :coffee:
Ergebnis? Ich habe damals frustriert geschrieben:
"Der Test am Sternhimmel war enttäuschend: Das Gerät zeigt einen erheblichen Astigmatismus. Auch der Wechsel des Gegenspiegels brachte keine Besserung.
Der Hauptspiegel ist (leider) nicht verspannt. Das Fernrohr ist nicht vernünftig nutzbar, Arbeit und Geld sind vergeblich investiert worden. Was mit den verwertbaren Teilen (Spinne, Okularauszug) passiert, ist offen; ich sollte versuchen, sie zu verkaufen." :poop:

Verkauft habe ich nichts davon, wie immer.

Weitere 10 Jahre später (=3 Jahrzenhnte nach Kauf, 5 Jahrzehnte nach Bau) habe ich 2014 das Instrument dann erstmalig für Videobeobachtungen (Gegenseitige Jupitermond-Ereignisse) genutzt. Wenn ich das Rohr gut auskühlen lasse, verschwindet der Astimatismus teilweise. Für Fotometrie ausreichend.
2015 habe ich dann den Tubus zwecks spachteln-schleifen-lackieren komplett zerlegt und schon mal angefangen,... um dann schon 2017 das Gerät zu vollenden! :y:
(Zugegeben geschah das im Zuge meines Sternwartenbaus, weil ich da eh ständig an Astro-Equipment gedacht habe.)
Da ich ab 2018 ein 12"-er am Start hatte, blieb der kleine Newton-Spiegel wieder -- im Keller.

Bis vorgestern. Am Freitag soll ich vor unserem Kulturbahnhof eine Mondbeobachtung anbieten. Wetterprognose ist gut. Was stelle ich hin? Ach, da ist doch noch der kleine Newton! Wie geht es dem denn? Außen etwas Spinnendreck und Staub, sonst ganz gut. Aber er ist nicht gut justiert, das sah ich schon beim Blick ins Okularloch. Das habe ich dann (im Keller!) mit einem Justierlaser erledigt. Der Tubus kam dann in die Sternwarte, um bei Umgebungstemperatur zu lagern.
Gestern Abend habe ich die Montierung aufgestellt, den Spiegel (mit ES 82° 6,7mm) aufgeschnallt. Und?
Ja, wer sagts denn?! Mond gestochen scharf. Erstaunlich. Und dann Jupiter: Wow, viele Details in den Bändern, richtig gut. Keine Spur von Astigmatismus. Wo ist der hin?
Keine Ahnung, hauptsache er ist weg.
Vermutlich war der Spiegel gestern Abend gerade gut akklimatisiert, so dass die Spannungen im Glas nicht gestört haben. Außerdem habe ich die ES-Okulare erst seit 2018...
Nur ein paar Spinnen guckten sauer aus den Tiefen des Tubus.

Das ist schon ein Ding, wenn man ein mehr als 60 Jahre altes Gerät einsetzt und staunen kann, wie gut es wider Erwarten ist. :teleskop:
Nun drückt mir mal die Daumen, dass das Kellerkind am Freitag auch das Publikum beeindruckt, wenn es wieder mal raus darf!

[Fotos reiche ich nach.]

VG, Niko
 
Hallo,

hier sehr ihr den kleinen Newton-Spiegel bei der Arbeit: Öffentliche Mondbeobachtung Freitag Abend.
Am Okular freut sich S. V. aus B. über ein schönes, scharfes Bild des Mondes.
Mondbeob_2025-03-07-k.jpg

Der 130-er Newton ist definitiv zu schade, um als Kellerkind sein Dasein zu fristen. Er hat nur 19% Obstruktion (25mm-Gegenspiegel) und damit einen besonders guten Kontrast. Ich habe ihn mit einem ES 82° 6,7mm betrieben, das sind V= 167 und AP= 0,78mm.
Montierung ist eine frühe Zeiss Ib mit Schrittmotoren plus FS 2 auf Vermessungsstativ. Bei Mondhöhe 64° brauchte man eine Bierkiste als Podest, um ans Okular zu kommen...

CS, Niko
 
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