Re: Austarierung der Gabel, nur wie?
Hallo Markus,
"tarieren" ist nicht so das, was Du wissen willst, denke ich.
Es ist hilfreich, nicht aber zwingend, wenn
1. die Polhöheneinheit (z. B. "Wiege") in sich selbst in den entscheidenden Winkeln rechtwinklig ist. Und zwar richtig rechtwinklig, auf möglichst wenige Bogenminuten genau (!).
2. es ist hilfreich, aber auch nicht notwendig, wenn diese Art Polblock ("Wiege") exakt horizontal mit ihrer Basis zur Erdoberfläche ausgerichtet ist.
3. nun - auch wenn die Bedingungen 1 und 2 nicht besonders erfüllt werden - greift das Scheinerverfahren zum exakten Justieren der Polachse des Instrumentes. (Suchfunktion im Forum nach "Scheinern" verwenden). Je mehr die entscheidenden Größen in 1 und 2 abweichen vom absolut rechtwinkligen Ideal und absolut horizontaler Basis, umso öfter wird man die Scheinerschritte anwenden müssen, weil mit jeder Korrektur auch zwangsläufig ein (wenn auch kleiner) Fehler in der jeweils anderen Variablen eingeführt wird. (Wegen der "Schiefe" wird z. B. nicht nur die Polhöhe verstellt wie erwünscht, sondern auch etwas der Nordwinkel. Das geht aber alles mit dem cos kleiner Winkel und ist nicht tragisch.) Das Scheinerverfahren nutzt aus, daß die Himmelsdrehgeschwindigkeit und die der Montierung übereinstimmen, Abweichungen im Okular werden erfaßt und durch systematische Verstellung von Polhöhe und Nordwinkelausrichtung der Basis minimiert. Dies führt zur perfekten Ausrichtung der parallaktischen Montierung.
Warum ich persönlich bei Holz ohne komplizierte Rechnungen skeptisch wäre: wenn es um Langzeitbelichtung mit hohen Brennweiten und hochauflösenden CCDs geht, würde ich mir Sorgen um Laständerungen und Windeinflüsse machen. Nicht eine Bruchfestigket, Zugfestigkeit oder Rißfestigkeit ist hier entscheidend, sondern Reaktionen des ganzen Systems auf Windstöße mit Resonanzfrequenz und Laständerungen während langer Belichtungen. Selbst wenn das Teil 11 Tonnen "hielte", so reichen doch vielleicht schon auftretende 60 Nm, um das Ganze um einige Bogensekunden zu verdrehen und verbiegen, womöglich hast Du da dann schon Striche auf dem CCD. Das sind die relevanten Daten für eine Montierung. Daß das auch nach Tonnen nicht kracht, ist unerheblich.
Ich denke, daß das der andere "holzkritische" Kollege auch meinte, Metalle haben da einfach ganz andere "inneren Werte" (E-Modul etc.).
(PS: Den Begriff Polhöhen"wiege" mag ich perönlich nun gar nicht, ich denke da immer an schaukelnde Säuglinge und das ist ja nun gar nicht das, was ein Polblock eigentlich sollte: verziehungsfrei und verdrehungsfrei die Lasten und deren Änderungen der hoffentlich auch für diesen Lastfall bogensekundengenauen Gabel aufnehmen.)
Zu all diesen Themen wurde schon oft diskutiert, auch wenn das einigermaßen lang her ist - meine ich. Eine ausgedehnte Suche von E-Modul über Torsion bis hin zur Polhöhenwiege dürfte etliches an Erkenntnissen und Erfahrungen zutage fördern. Diese Verbiegungen und Bogensekunden (!) sind der Grund, warum optische Geräte äußerlich so "überfest" sind (hoffentlich sind sie es auch im Niederpreissegement hinreichend) und erst recht mechanische Komponenten an astronomischen Geräten wie z. B. Montierungsköpfe, Achsen, Lager und eben auch Polblöcke.
Vielleicht habe ich etwas Anregung geben können,
klare Himmel und Top-Bedingungen wünscht
Matthias.