Lange und ergiebige Nacht mit dem 80/600 ED

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Delyon

Aktives Mitglied
Beobachtungszeitraum: 30./31.3.2014, ca.20:30-3:30
Beobachtungsort: Platt (Weinviertel, Niederösterreich)
Verwendetes Teleskop: Skywatcher 80/600 ED auf AZ-4
Verwendete Okulare und Filter: 32mm Erfle, 14mm Explore Scientific, 6.7mm Explore Scientific, 4.7mm Explore Scientific (Alle 82 Grad-Serie), Astronomik 2" UHC-Filter

Hallo,

da der Wetterbericht für heute nacht nicht nur mit erneut wolkenlosem Himmel, sondern auch noch mit deutlich niedrigerer Luftfeuchtigkeit als gestern nacht lockte, entschloss ich mich, meiner gestrigen Beobachtungsrunde mit dem 127er Mak gleich noch eine Beobachtungsnacht auf dem Land hinzuzufügen, diesmal mit dem 80/600 ED im Gepäck. Zwar fuhr ich wieder nach Platt, ging diesmal aber nicht an meinen Stammplatz, sondern suchte mir ein neues, auf einem Hügel malerisch zwischen Weinreben und einer hübschen Barockkapelle gelegenes Eck.

Los ging es mit der obligatorischen Jupiterbeobachtung, bei der ich das neu erworbene 4,7mm Explore Scientific testen konnte - bei 127x waren auf Anhieb drei Wolkenbänder, die Verdunklung der Polregionen und leichte Ausfransungen am Rand der beiden Hauptwolkenbänder sichtbar, alles schon nach wenigen Minuten Auskühlzeit schön scharf und kontrastreich ohne das gestrige Wabern und Blubbern, die Nacht versprach schon deutlich besser zu werden als gestern.
Das Deep Sky-Programm begann mit einigen Abschieden vom Winterhimmel. Zuerst der Orionnebel, bei 43x im 14mm ES sehr schön mit gut getrenntem Sternentrapez, den auf beiden Seiten ausgreifenden Adlerschwingen, der mittleren Dunkelwolke und M43 als zartem Nebelhauch. Mit UHC-Filter eine Wucht: Das Sterntrapez verblasst zwar, aber der sichtbare Teil des Nebels nimmt drastisch zu, es ist wirklich, als würde das Teleskop mit Filter plötzlich mehrere Zoll Öffnung dazugewinnen - so stark wie am Orionnebel habe ich die Wirkung des UHC-Filters an keinem anderen Objekt gesehen.
Danach sind einige offene Sternhaufen dran, zuerst h&chi bei 18x im Übersichtsokular genießen, dann rüber zu den drei Prachtsternhaufen im Fuhrmann M36, M37 und M38. Alle drei sehen bei 18x im Erfle etwas wie aufgelöste Kugelsternhaufen aus, besonders M36, der sich wie M38 am schönsten aufgelöst bei 43x zeigt. Der faszinierendste der drei Sternhaufen ist aber M37: Bei 18x noch ein nebliges Wölkchen mit herausfunkelnden Einzelsternen, offenbart sich der immense Sternenreichtum dieses Haufens am Besten bei 89x im 6,7mm ES. Ein wunderschöner Anblick, und faszinierend, sich vorzustellen, dass jedes dieser Diamantenstaubkörnchen das Zentrum eines Sonnensystems ist.

Als nächstes geht es zum Krabbennebel M1. Dieser Supernovaüberrest ist mühelos als ovaler Nebelfleck sichtbar, zeigt aber keine Struktur, und auch der UHC-Filter bringt keine wahrnehmbare Verbesserung. Trotzdem schön, so ein außergewöhnliches Objekt zu sehen. Da ich eh schon in der Nähe bin, noch einmal ein Schwenk zum Jupiter, wo gerade der Große Rote Fleck sichtbar ist und sich bei 127x schärfer abzeichnet als bisher jemals beobachtet: Während ich ihn bisher immer nur als Verdickung innerhalb des Wolkenbandes gesehen hatte, nehme ich ihn nun ganz deutlich als vom Wolkenband getrennte eigene Struktur wahr

Jetzt aber etwas weiter hinaus - zu den Galaxien! Bei allen Galaxien wende ich wieder das bewährte Verfahren an: Erst bei 18x aufsuchen, dann bei 43x mit höherem Kontrast im Detail betrachten. M51/NGC5195 machen den Anfang und zeigen sich wie gewohnt als zwei Nebelscheibchen mit aufgehelltem Zentrum, wobei die Nebelscheibe von M51 leichte Helligkeitsunterschiede aufweist.
Es wird Zeit, heute das erste bisher unbeobachtete Objekt aufzuspüren, und so versuche ich mich an der Galaxie M109, die so nahe an einem der Kastensterne des Großen Wagens liegt, dass es mich ärgert, sie bisher nie gesehen zu haben. Heute aber ist die Himmelsqualität ausgezeichnet und klappt es auf Anhieb - M109 zeigt sich als schwaches Lichtfleckchen, das bei etwas weniger transparentem Himmel für den kleinen ED leicht unsichtbar würde. Auch die Galaxie M108 in der Nähe des gegenüberliegenden Kastensterns sehe ich heute zum ersten mal und erkenne sie auf Anhieb als hübsche Edge-on-Galaxie, die sich wie eine deutlich schwächere M82 präsentiert, aber bei indirektem Sehen schon toll aussieht. Immerhin stolze 45 Millionen Lichtjahre entfernt! Den nahen Eulennebel M97 hingegen, die abgestoßene Hülle eines Sterns, habe ich schon einmal beobachtet, aber auch heute ist von den Augen nichts zu sehen - selbst unter sehr guten Bedingungen wird es dafür wohl ein ganzes Stück mehr Öffnung brauchen.
Die ausgedehnte, aber sehr lichtschwache Galaxie M101 sehe ich ebenso zum zweiten mal, und wieder zeigt sie sich nur als relativ großen, aber ganz zarten Lichthauch ohne jede Andeutung der Spiralstruktur. In den Jagdhunden warten noch mehr Galaxien, zuerst NGC4490, die wegen ihrer Position direkt neben einem hellen Orientierungsstern ganz leicht auffindbar ist und sich als länglicher, recht kräftiger Nebelfleck mit Aufhellung zum Zentrum hin zeigt - so kräftig, dass ich mich frage, wie Messier diese Galaxie eigentlich übersehen konnte. An der etwas höher liegenden Galaxie NGC4449 dagegen beiße ich mir auch heute wieder die Zähne aus, ich finde erneut keine Spur von ihr, obwohl sie laut Karkoschka noch heller als NGC4490 sein soll. Dafür ist die 30 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie M106 wieder ganz leicht und ein schöner Anblick mit hellem, rundlichem Kern und leicht ovalem Halo. NGC4244 finde ich nicht, M63 und M94 dagegen wieder leichte Suchübungen. Natürlich darf auch ein Blick auf das Galaxienpaar M81/82 nicht fehlen, die bei 43x noch gemeinsam ins Okular passen und beim heutigen guten Himmel so hell und schön sind, dass ich ihnen gut eine Viertelstunde lang folge und wieder besonders von der markanten Form von M82 begeistert bin, auch wenn ich mit dem ED keine Andeutung der gestern im Mak sichtbaren Staubstrukturen sehe.

Von da geht es in den Herkules zu den beiden Kugelsternhaufen M13 und M92, wobei ich bei M13 zu meiner Überraschung durchaus gewinnbringen bis 127x vergrößern kann und dabei eine Menge Einzelsterne am Rand auflösen kann, auch wenn die Bildästhetik unter der schon stark abfallenden Helligkeit leidet und es bei 89x schöner aussieht.
Nach welchen bisher unbekannten Objekten könnte ich jetzt noch suchen? Wie wäre es, solange die Zwillinge noch nicht zu tief in den Horizontdunst gesunken sind, mit dem Eskimonebel NGC2392, den ich schon einmal intensiv gesucht, aber nicht gefunden hatte! Im Erfle bei 18x sehe ich nur Sterne und kann nichts Nebelartiges ausmachen. Bei 43x fällt aber etwas auf, das wie ein Doppelstern mit einer irgendwie nicht scharfzustellenden Komponente aussieht, und bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es tatsächlich ein Nebelscheibchen ist. Bei 89x wird es dann ganz deutlich, aber von der berühmten Farbe sehe ich nichts. Ich werfe noch einen Blick auf den - heute erstmals beobachteten - herrlichen Offenen Sternhaufen M35, dann gibt es wieder Galaxien.
Erst das Leotriplett M65/M66/NGC3628, dann M95/M96. Schließlich probiere ich noch aus, ob ich die gestern im Mak beobachtete Galaxie NGC2903 am Kopf des Löwen auch im ED sehen kann: Ja, eindeutig, wenn auch merklich schwächer als im Mak.

Weiter geht die Galaxienparade mit den beiden elliptischen Galaxien M49 und M61, beide strukturlos, aber trotz ihrer immerhin 60 Millionen Lichtjahre Entfernung ziemlich kräftig. Faszinierend, sich dabei vorzustellen, was für ein Monstrum die Riesengalaxie M49 ist und wieviele hunderte Milliarden Planetensysteme sich wohl in diesem Lichtfleck im Okular tummeln mögen.
Beim Durchstreifen des Virgohaufens gehe ich heute etwas systematischer vor und kann die Galaxien M58, M59, M60, M89 und M90 eindeutig identifizieren, sehe aber auch noch etliche Fitzelchen, die ich nicht zuordnen kann. Die wieder andeutungsweise ihre Sombreroform zeigende M104 rundet das Galaxienprogramm für heute ab.

Jetzt stehen wieder Planeten auf dem Programm, zuerst der Mars, der bei 127x noch kein wirklich dankbares Beobachtungsobjekt ist, aber doch seine weiße Polkappe und ein Dunkelgebiet zeigt. Saturn ist wieder übernatürlich schön, gestochen scharf mit Cassini-Teilung ganz deutlich in den Ansen und angedeutet im restlichen Ring, mit Ringschatten und Bauchbinde. Auch meine ich neben Titan noch 1-2 weitere Monde zu sehen, habe aber nicht ermittelt, welche es waren.
Zum Abschluss noch ein Blick zu den Sommersternbildern: Der Ringnebel M57 als schöner Kringel, ein Blick auf den Pracht-Doppelstern Albireo und schließlich das erste mal in dieser Saison der Hantelnebel M27, der vom Einsatz des UHC-Filters sehr profitiert und andeutungsweise die "Ohren" zeigt.

Nach diesem vollen Programm räume ich zusammen, gönne mir noch eine halbe Stunde im Gras liegend und dem Wiederauftauchen der Sommermilchstraße zusehend, ehe es ins Dorf herunter und mit dem Frühzug zurück nach Wien geht.

CS,
Fabian

 
Hallo Fabian,

ein ausführlicher Bericht einer tollen Beobachtungsnacht! Schön zu lesen! :super: Da hast Du ja dieses Wochenende den "großen Rundumschlag" gemacht.

Beste Grüße,

Achim

 
Hallo Achim,

danke für das positive Feedback! Ja, wenn man mal Neumond, wolkenfreien Himmel und niedrige Luftfeuchtigkeit zugleich hat, muss bei unserem mitteleuropäischen Grausklima die Chance so intensiv wie möglich genutzt werden, wenn man sich nicht wieder die ganze nächste Schlechtwetterperiode hindurch über die verpasste Gelegenheit ärgern will ;) Nach zwei so ergiebigen Nächten kann ich dann auch wieder damit leben, wenn es ein paar Wochen Schlechtwetter gibt.

CS,
Fabian
 
Hallo Fabian,

ein sehr schöner Bericht. Wenn Kugelsternhaufen am Frühlingshimmel, dann darfste auch mal M5 einstellen. Der ist kaum schlechter wie M13.

Gruß
Lothar
 
Hallo Fabian,

es freut mich, dass Du eine so schöne Beobachtungsnacht hattest. Sogar ein Doppelstern war dabei, was mir als Doppelsternfan besonders gut gefällt. Ich bin visuell zurzeit mit einem 4-Zoll-Achromaten unterwegs und muss sagen, dass ich es ebenfalls sehr genieße, mit kleinerer Öffnung zu beobachten. Mars zeigte bei mir auch die Polkappe und noch zusätzliche dunkle Strukturen. Jupiter geht ebenfalls schon sehr gut, das kann ich bestätigen.

Viel Spaß beim Beobachten weiterhin!


Viele Grüße,
Christian
 
Hi Fabian,

herrlich romantisch zwischen Weinreben und Kapelle und so ein kleiner ED ist ja unglaublich überzeugend, wenn man Deine Beschreibungen liest, du hast alles abgeschöpft, fleissig, fleissig!!!!!!
Ich habe auch die extrem trockenen Nächte häufig genutzt, doch der Sportplatz in der Nähe hat nun an den Wochenenden bis 22h die Halogenlichter an, die Tanke wirft grad mit Laserreklame um sich....ich werd ganz krank noch!!!

Mars wabert bei mir nur, der ist mir gegen 22h noch zu tief und für Saturn komm ich nicht mehr aus den Federn....schäm, schäm....

wunderschöner Bericht und weiterhin immer so schöne Motivation wünscht Anette
 
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