wasguggsuda
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Hallo zusammen,
wer hat auf den Mond noch nie die auffällige und schöne Kraterkette Theophilus-Cyrillus-Katharina bestaunt?
Hinter der Benennung dieser Krater steckt eine sehr spannende Historie - und hinter der "möglicherweise erfundenen Heiligen Katharina" wird die antike heidnische Wissenschaftlerin Hypatia in der turbulenten Geschichte des Untergangs der Bibliothek von Alexandria sichtbar ...
Theophilus war der Vorgänger von Cyrillus als Erzbischof von Alexandria, und Cyrillus heißt auch der große Krater links neben diesem Mondkrater, benannt von Riccioli nach dem heiliggesprochenen "Philosophen", wie überall angegeben wird - ich verbinde mit diesem eine andere, schaurige Geschichte um den Untergang der Bibliothek von Alexandria und die damit einhergehende lange, dunkle Nacht der Wissenschaft, für die ich Carl Sagans "Unser Kosmos" zitieren möchte:
"Als letzte Vertreterin der Wissenschaft arbeitete in der Bibliothek eine Frau von einer auch heute noch bewundernswert vielseitigen Bildung: die Mathematikerin, Astronomin, Physikerin und Leiterin der neuplatonischen Schule der Philosophie, Hypatia. 370 in Alexandrien geboren, zu einer Zeit, als Frauen als Eigentum behandelt wurden und wenig zu sagen hatten, bewegte sich Hypatia frei und unbefangen in Domänen, die traditionellerweise Männern vorbehalten blieben. ...
Alexandria, seit langem schon unter römischer Herrschaft, stand zu diesem Zeitpunkt unter grossem Druck. Die Sklaverei hatte der klassishen Zivilisation die Lebenskraft ausgesaugt, und die wachsende christliche Kirche festigte ihre Macht und suchte die heidnische Kultur und ihren Einfluß auszurotten.
Hypatia stand im Epizentrum dieser mächtigen sozialen Kräfte. Der Erzbischof von Alexandria, Kyrillos, verachtete sie wegen ihrer engen Freundschaft mit dem römischen Statthalter und als Symbol der von der Urkirche weitgehend mit Heidentum gleichgesetzten Gelehrsamkeit und Wissenschaft. Hypatia jedoch setzte trotz drohender Gefahr für Leib und Leben ihre Lehr- und Publikationstätigkeit fort, bis sich 415 der von Kyrillos aufgehetzte Mob auf dem Wege zur Bibliothek auf sie stürzte, sie vom Wagen zerrte, ihr die Kleider vom Leib riß und mit Muschelschalen das Fleisch von den Knochen schnitt. Ihre Überreste wurden verbrannt, ihre Werke getilgt, ihr Name vergessen und Kyrillos zum Heiligen erhoben.
Uns ist vom Glanz der Alexandrinischen Bibliothek nur eine schwache Erinnerung verblieben. Schon bald nach Hypatias Tod wurden die letzten Überreste zerstört.
Ea war, als hätte sich die ganze damalige Zivilisation eigenhändig einen Teil des Gehirns weggeschnitten und damit die meisten Erinnerungen, Entdeckungen, Ideen und leidenschaften unwiederbringlich ausgelöscht."
Ich freue mich immer wieder, wenn diese Mondregion, wie die Wissenschaften aus dem Jahrhunderte währenden Dunkel, aus der Schwärze der Mondnacht auftaucht, auch wenn (nicht nur dort) mancher Krater einen für mich eher fragwürdigen Namen trägt.
Und zu meiner Freude gibt es in der kommenden Nacht von Samstag auf Sonntag im TV einen Spielfilm über Hypatia, nämlich "Agora – Die Säulen des Himmels", im Dritten, rbb Berlin, um 00:05-02:00 Uhr zu sehen, ein Sandalenfilm mit Tiefgang.
Und wer weiterlesen will, kann über den Wikipedia-Artikel zu Hypatia hinaus bei "Antike im Film" weiterlesen, oder sogar zu Michael A.B. Deakin's Buch "Hypatia of Alexandria: Mathematician and Martyr" greifen - toller Lesestoff!
Gruß+cs,
Dietmar
wer hat auf den Mond noch nie die auffällige und schöne Kraterkette Theophilus-Cyrillus-Katharina bestaunt?
Hinter der Benennung dieser Krater steckt eine sehr spannende Historie - und hinter der "möglicherweise erfundenen Heiligen Katharina" wird die antike heidnische Wissenschaftlerin Hypatia in der turbulenten Geschichte des Untergangs der Bibliothek von Alexandria sichtbar ...
Theophilus war der Vorgänger von Cyrillus als Erzbischof von Alexandria, und Cyrillus heißt auch der große Krater links neben diesem Mondkrater, benannt von Riccioli nach dem heiliggesprochenen "Philosophen", wie überall angegeben wird - ich verbinde mit diesem eine andere, schaurige Geschichte um den Untergang der Bibliothek von Alexandria und die damit einhergehende lange, dunkle Nacht der Wissenschaft, für die ich Carl Sagans "Unser Kosmos" zitieren möchte:
"Als letzte Vertreterin der Wissenschaft arbeitete in der Bibliothek eine Frau von einer auch heute noch bewundernswert vielseitigen Bildung: die Mathematikerin, Astronomin, Physikerin und Leiterin der neuplatonischen Schule der Philosophie, Hypatia. 370 in Alexandrien geboren, zu einer Zeit, als Frauen als Eigentum behandelt wurden und wenig zu sagen hatten, bewegte sich Hypatia frei und unbefangen in Domänen, die traditionellerweise Männern vorbehalten blieben. ...
Alexandria, seit langem schon unter römischer Herrschaft, stand zu diesem Zeitpunkt unter grossem Druck. Die Sklaverei hatte der klassishen Zivilisation die Lebenskraft ausgesaugt, und die wachsende christliche Kirche festigte ihre Macht und suchte die heidnische Kultur und ihren Einfluß auszurotten.
Hypatia stand im Epizentrum dieser mächtigen sozialen Kräfte. Der Erzbischof von Alexandria, Kyrillos, verachtete sie wegen ihrer engen Freundschaft mit dem römischen Statthalter und als Symbol der von der Urkirche weitgehend mit Heidentum gleichgesetzten Gelehrsamkeit und Wissenschaft. Hypatia jedoch setzte trotz drohender Gefahr für Leib und Leben ihre Lehr- und Publikationstätigkeit fort, bis sich 415 der von Kyrillos aufgehetzte Mob auf dem Wege zur Bibliothek auf sie stürzte, sie vom Wagen zerrte, ihr die Kleider vom Leib riß und mit Muschelschalen das Fleisch von den Knochen schnitt. Ihre Überreste wurden verbrannt, ihre Werke getilgt, ihr Name vergessen und Kyrillos zum Heiligen erhoben.
Uns ist vom Glanz der Alexandrinischen Bibliothek nur eine schwache Erinnerung verblieben. Schon bald nach Hypatias Tod wurden die letzten Überreste zerstört.
Ea war, als hätte sich die ganze damalige Zivilisation eigenhändig einen Teil des Gehirns weggeschnitten und damit die meisten Erinnerungen, Entdeckungen, Ideen und leidenschaften unwiederbringlich ausgelöscht."
Ich freue mich immer wieder, wenn diese Mondregion, wie die Wissenschaften aus dem Jahrhunderte währenden Dunkel, aus der Schwärze der Mondnacht auftaucht, auch wenn (nicht nur dort) mancher Krater einen für mich eher fragwürdigen Namen trägt.
Und zu meiner Freude gibt es in der kommenden Nacht von Samstag auf Sonntag im TV einen Spielfilm über Hypatia, nämlich "Agora – Die Säulen des Himmels", im Dritten, rbb Berlin, um 00:05-02:00 Uhr zu sehen, ein Sandalenfilm mit Tiefgang.
Und wer weiterlesen will, kann über den Wikipedia-Artikel zu Hypatia hinaus bei "Antike im Film" weiterlesen, oder sogar zu Michael A.B. Deakin's Buch "Hypatia of Alexandria: Mathematician and Martyr" greifen - toller Lesestoff!
Gruß+cs,
Dietmar