Letzte Chance vor den Weißen Nächten ... | Astronomie.de - Der Treffpunkt für Astronomie

Letzte Chance vor den Weißen Nächten ...

Achim

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Bericht vom 27.05.2020; 00.15h – 03.00h

Ausrüstung: Newton-Teleskop, Öffnung 428mm, Brennweite 1830mm, (f/4,25) Adler
Dobsonmontierung

verwendete Okulare: 21mm (87-fach) ; 13mm (140-fach), 10mm (183-fach), 8mm (228-fach), 6mm (303-fach) – Ethos-Serie
Ort: Freies Feld bei Beerbach, ca. 405m üNN
Temperatur: 00.00h +12, C ; 03.10 +10 C
Seeing: anfangs 2-3, zum Ende der Beobachtung 1-

Wetter: tags erst schwach bewölkt, dann komplett bedeckt, ab 14h reißt die Wolkendecke wieder mehr und mehr auf

Beobachtete Objekte:
Kometen: -
Planetarische Nebel: NGC6309, NA1
Gasnebel: NGC6992, NGC6960 (Cirrus-Komplex)
Quasar: B1422+231
Planeten: Saturn, Jupiter
Kugelsternhaufen: M12, M10
Sterne: -
Galaxien:
DRA: M102; NGC5907
SER: NGC6027A ..E = Seyfert Sextett
Supernovae: -

Kurzarbeit. Bin Tags 120km mit dem Rennrad in die fränkische Schweiz gefahren. Gegen 16 Uhr schreibt mich Nils an, vom Himmel her könnte spechteln klappen. Meteoblue Astronomical Seeing ist vielversprechend. Bin etwas platt vom Radeln, doch die nächste DeepSky-Beobachtung ist erst mit dem Juli-Neumond sinnvoll. So beschließe ich etwas vorzuschlafen. Stelle den Wecker auf 23.30h und schaffe es tatsächlich 1 Stunde richtig zu schlafen (und eine weitere zu dösen). Punkt Mitternacht bin ich vor Ort, Nils kam wenige Minuten davor an und ist da beim Justieren.

Aufbauen, Justage an Polaris testen. Seeing ist gut, der Spiegel muss aber noch etwas nachtemperieren. Ich lasse den Blick schweifen. Bootes dominiert den Süden, das Milchstraßenband ist gut sichtbar, liegt aber noch niedrig im Osten. Es ist dunstiger als die letzten male, eine kleine Lichtglocke tief im Süden, dann eine merkliche in WSW. Ein Hubschrauber stört kurz die Ruhe, 5 Minuten nachdem der weg ist wird plötzlich die Lichtglocke gen WSW deutlich heller. Dort ist Illesheim, die Base einer Hubschrauberstaffel; Ich vermute Landelichter. 3 Minuten später … auf einmal wieder dunkler, ausgeschaltet.

Ich fühle mich frisch und munter das Vorschlafen hilft sehr. Beginne mit leichten Objekten, das Einstellen ist etwas ‚tricky‘ da diese fast exakt im Zenit stehen.

M102 - GX - DRA (mag 9,9 – sbr 12,2; 6,5 * 3,1) SQM21,24

sehr leicht zu erkennen, dank der für eine GX ungewöhnlich hoher Flächenhelligkeit. Diese liegt von 8h nach 2h schräg im GF. Der helle flächige Zentralbereich wie ein Katzeniris geformt, auf 1h nur 1‘ separiert ein 11,2Feldstern, auf 4h nach ca. 2Bogenminuten ein mag 12.2 Stern. Erst bei im 10er, 8er … Feldsterne bei 230-fach immer noch punktförmig. Ich weiß ob des sehr schmalen zentralen Staubbands der GX, bin mir aber noch nicht sicher dieses zu erkennen. Im 6er bei gut 300-fach bläht es die Sterne leicht auf, doch bin ich mir zu 90% sicher es zu erkennen. Nils schaut auch mal kurz bei mir, kann dieses aber nicht Dingfest machen. Ich bleibe trotzdem dabei J . Spitzname der GX ist Spindel – gut nachvollziehbar.

Nur wenige Grand entfernt eine traumhafte Nadel, will heißen GX in Kantenlage

NGC5907 - GX - DRA (mag 11,4 – sbr 13,8; 11,3 * 1,4) SQM21,24
Wow ! was für ein Ding. Es braucht dunklen Himmel, aber dann … Ein Durchmesser-Dickenverhältnis von 1:8 – krass. Wunderschön langgestreckt, ohne zentrale Bulge aber doch mit merklich hellerem länglich-flachen GX-Zentrum. Von 1h nach 7h fast auf der Spitze stehend schwebt die GX durchs Gesichtsfeld. Ich gehe bis zum 8er Oku bei 230-fach, da schneidet diese gut 2/3 des 100 Grad Gesichtsfelds. Knapp neben dem Zentrum, auf 4h ein mag 14 Lichtfünkchen, links neben dem oberen Ende, welches leicht auffächert eine 3er nach oben offene stumpfwinklige Sternengruppe jeweils mag 13,5. Das war ein Einstand.

Nils fragt nach der Zeit: 0h50 – der Mond ist nun unter gegangen. Gesehen habe wir den um 0h auch schon nicht mehr, da hinter einer Baumgruppe versteckt. Soll ich? Nach den Fehlversuchen der letzten Beobachtungsnacht bei 2 Quasaren will ich keine Zeit verschwenden, doch Bootes steht so schön hoch im Süden, kann es nicht lassen, getragen von der Euphorie durch die GX-Beobachtungen. Auf zu

B1422+231 – QSO – BOO (mag 16,2) SQM 21,28
ein in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliches Objekt. Durch eine für Amateurmittel unsichtbare Vordergrund-GX in 3,7 Mrd LJ gelinster Quasar, der 4-fach abbildet, mit Helligkeiten von mag 16,5; 16,9; 17,4 und 20,4. Die drei ‚hellsten‘ Abbildungen innerhalb 0,8 Bogensekunden.
Mit Hilfe des Tablets und SkySafari bin ich schnell im Zielgebiet. Dankbarer Weise sind hier mehrere relativ helle mag 10 … 11 Feldsterne, so behält man die Orientierung und hat etwas zum Fokussieren bei hohen Vergrößerungen. Den letzten Schritt gehe ich mit einem DSS-Ausdruck in der Hand. Seeing auch hier, auf ca. 60 Grad Höhe ausgezeichnet. Nach dem 8er gleich das 6er Oku mit 303-fach. Am unteren Rand des GF ein mag 10,7, auf 1h und 2h je ein 13,5er Feldstern ca 8 Bogenminuten entfernt vom 10,7er. Vom 13,5 etwa nach 8h eine Gruppe lichtschwacher Sterne, wie der Herkules-Rumpf angeordnet. Zwei mit mag 15,8 ein hellerer mit 14,1 ein schwächer um 16. Aber alle direkt zu sehen! Auf 4h, ca. 1,5‘ vom Stern unten-rechts der Gruppe der QSO. Indirekt stabil, direkt zu 50%, nachdem ich etwa 1 Minute nicht mehr auf die Karte gesehen habe (auch schwaches Rotlicht beeinträchtigt bei extremen Objekten). Etwa 1‘ direkt darüber ein noch schwächeres Fünkchen. Gut 12Milliarden Jahre waren die Photonen unterwegs, bis diese auf meine Netzhaut treffen …

Das war deutlich weniger anstrengend als erwartet, da schiebe ich noch eine sehr schwache, aber auch prominente GX-Gruppe nach: das Seyfert-Sextett. 60 Grad hoch im Süd, nahezu ideale Position.

NGC6027 A/B/C/D/E– GX – Ser (mag 14,6 – sbr ??; 0,4 * 0,2‘) SQM 21,30
Auch HGC79 genannt. Bestehend aus Komponenten, zwischen Mag 14,7 und 16,7 ‚hell‘, die ‚größte‘ davon 0,8*0,4 Bogenminuten. Diese Nacht geht etwas, dem mittlerweile sehr guten Seeing – neben der Transparenz – sei Dank. Der Starhop vo Rho Serpentis in die Zielregion ist schnell erledigt. Die Gruppe scheint aus sechs einzelnen Galaxien zu bestehen, was ihr auch ihren Namen gab. Mittlerweile weiß man, dass es 4 GXen sind, welche auf nur ca. 100.000LJ angeordnet sind und wechselseitig interagieren. Das entspricht in etwa der Größe unserer Milchstraße. Eine 5. GX ist so weit entfernt, das diese für die Interaktion keine Rolle spielt, die 6. Ist ein durch Gezeitenkräfte herausgebogener Teil einer der Galaxien. Im Okular sehe ich zwischen einem mag 14,2(links) und mag 14,7 (rechts) Feldsternen, diese auf gleicher Höhe, näher zum 14,2er zunächst einen blassen Knuddel mit 3 helleren Bereichen. Erst im 10, dann im 8er, sogar das 6er bei 303-fach bringt Gewinn. Der 1. Knoten links, etwa 2:3 Achsenverhältnis in etwa senkrecht, direkt fast direkt, link unten von 10h nach 4h anschließend ein etwa 2:1 Schemen, der nach 4h etwas blasser, länglicher. Rechts oben, nur wenig separiert etwa 2,5:1 noch ein Schemen. Die Nachbereitung zeigt, an der Stelle sind es 2 GX’en, die konnte ich nicht auflösen. Die nächste leicht separiert (0,8‘), ein ganz schwacher Schemen ohne Zentralaufhellung etwa 2,5:1 auf der Kante. Die ersten 3 Objekte wie zusammengebacken. Toll, das so viel an Details zu sehen waren, in der Nachbereitung bestätigt sich meine Feldskizze in den meisten Punkten – Freu!

Als ich am Vorabend meine Beobachtungsliste zusammen gestellt hatte fanden auch zwei PN’s ihren Einzug, der zweite etwas exotisch. Ich tiefer, nur wenige Grad oberhalb von Sabik (Eta Ophichu)

NGC6309 – PN – OPH (mag 10,8 – sbr ?; 0,3‘ * 0,3’) SQM 21,30
Unmittelbar neben dem PN ein mag 11,9 Feldstern, eine super Fokussierhilfe. Selbst hier unten, nur knapp 30 Grad über dem Horizont ist das Seeing gut, das Objekt relativ flächenhell, erst im 10, dann im 8er . Es zeigt sich ein flächig-helles Objekt mit markanter Außenkontur, grob wie ein Parallelogramm mit 2:3 Achsverhältnis, die lange Achse weg vom Feldstern. OIII und UHC erhöhen den Kontrast zum Hintergrund (OIII mehr als UHC), der Übergang zu selbigen leicht verwaschen. Interessant. Das 6er mit 303-fach bringt keinen Gewinn.

Knapp 10 Grad höher dann

NA1 = PK018+20.1 – PN – OPH (mag 13,4 – sbr 16,7; 5“ * 5“) SQM 21,25
Da muss die Position schon genau stimmen. Mit Starhop am Sucher hangele ich mich von 47 OPH kommend ins Ziel. Ich sehe einige schwächere Feldsterne im 13er, der PN fällt nicht auf, versuche diesen mit Filter herauszublinken, ohne Erfolg. O.K. mehr Vergrößerung. 10er, 8er … ah – der eine Stern ist etwas verwaschen, 6er … hab ich dich! Sehr klein der PN, rundlich blasser Halo um den Zentralstern, der hier dominiert. Aber immerhin.

Es ist schon 2h30, tief im Osten zeigen sich hohe Wolkenschleier, auch im NO. Das SQM zeigt leicht nachlassende Werte im Zenit, das kann auch daran liegen, dass das Milchstraßenband schon relativ hoch steht und in den Messkegel mit einstrahlt. Nils versucht sich an Nebelkomplexen, mit wenig greifbaren Erfolg. Am Starhop liegt es nicht, der klappt mittlerweile schon sehr gut, mehr Finden als Suchen. Es fehlen Schmalbandfilter. Am Cirrus-Nebel will ich es ihm vorführen, und bleibe dann selbst hängen.

Bei guten Bedingungen jedes Mal aufs Neue: Toll die Knochenhand (NGC6960), die hell leuchtenden Unterarme, die knochigen Finger oberhalb des leuchtend hellen Feldsterns 52Cyg. Der Gegenbogen (NGC6992) des weit expandierenden Supernova-Rests filigran, wie in sich verwundener, hauchzarter Tüll, teils - überwiegend nach innen hin - ausgefranst. Da bleibe ich sicherlich 10 Minuten zum Genießen hängen.

Zurück zu Ophihicus, zu zwei der Messier-Kugelsternhaufen dort:

M12 – GC – OPH (mag 6,7 – sbr ?; 16‘ * 16) SQM 21,25
Leicht von Delta Oph aus anzusteuern. Hell, im Sucher deutlich erkennbar und damit sofort im Okular. Recht massiert, einige merklich hellere Außenbereichsterne, diese leicht gelblich wirken. 3 Feldsterne um Mag 11 in der Region bilden ein gleichschenkliges Dreieck, der GC nach der Spitze des Dreiecks im Okularblick. Sehr schön aufzulösen. Beobachtet im 10er bei 182-fach. In der Nähe, sogar noch etwas heller

M10 – GC – OPH (mag 6,6 – sbr ?; 20 * 20’) SQM 21,25
Etwas näher gelegen (14k LJ vs. 16k LJ bei M12), etwas weitläufiger, wobei der Innenbereich ähnlich groß wie M12 erscheint. Zum Zentrum mehr hellere Lichtfunken, teils kaltweis, teils leicht gelblich – wenn die Nacht nicht so fortgeschritten wäre hätte ich länger beobachtet. Doch muss ich am Folgetag arbeiten.


Zum Abschluss noch die näheren Gasriesen. Das 10er Oku bleibt stecken, es wird tief gepeilt. Erst auf

Saturn – mag 0,4
14 Grad über dem Horizont. Hell die Kugel und das Ringsystem, blickweise ist die Cassini-Teilung zu erahnen, das Ringsystem mittlerweile wieder weit geöffnet, die Ränder auf Höhe der Planetenkante. Titan weit außen, Rhea und Thetys relativ nahe am Planeten zu erkennen.

Jupiter – mag -2,5
Hell! In der Region stehen schon leichte Wolkenschleier, das ist der Hintergrund deutlich aufgehellt. Manchmal nur blickweise, dann wieder für Sekundenbruchteile steht die Luft, deutlich die zwei Hauptwolkenbänder, im nördlichen Band ist ein Wirbel erkennbar, fast zentrisch auf der Planetenscheibe am Rand Richtung Pol. Ich meine dies ist aber nicht der GRF, der ist denke ich noch größer. Neben den beiden Hauptbändern sind noch weitere, schwächere erahnbar. Nicht schlecht für < 20 Grad Höhe. Deutlich auch die Galileiischen Monde, Io und Europa dicht beieinander.

Um 3h beginnt Nils mit dem Abbau, ich wenige Minuten später. Es geht heimwärts. Was für eine tolle Nacht! Immer noch munter, vom Erlebten begeistert fahre ich heim. Um 03.40h ins Bett, um 7.30h aufstehen. Vielen Dank an Nils, ohne sein Nachfragen wäre ich faul zu Hause geblieben.

Beim Rezessieren merke ich: meine Ausführungen sind zu sehr ins Detail, verbal ist das sehr aufwändig und fordert viel Vorstellungskraft beim Leser, vielleicht stelle ich zukünftig mehr Grobskizzen ein und belasse es bei wenigen Worten. Das sollte viel schneller gehen.

Clear Skies und gute Gesundheit Euch und euren Lieben wünscht

Achim
 

Simon 81Bay

Mitglied
Hi Achim
Das ist für mich (und sicher viele andere) ein sehr guter, fesselnder und auch lehrreicher BB von Dir- liest sich wie ein Roman, gefällt mir auch ohne Skizze sehr gut. Das macht bestimmt einiges an Arbeit und deshalb schätze ich das sehr.
Ich war auch wieder heute Nacht 3 Std (mit 10x50 Fg) draussen 😉, diesmal aber auf heimischen Feldern (Wellucken 49.625758,11.089667 in Google Maps -Zeile eingeben). Ich hatte erstmals ins Handy diktiert, u.a.: "...um 1:14 war die einzige Sternschnuppe, im Zenit v. Süd nach Nord u. gar nicht mal kurz ..." 🤩
Habt Ihr die auch gesehen ? 😄
An meinem Stammplatz Wellucken hatte ich heute Nacht die Grenzgröße auf 6,0 mag (blickweise u. sehr selten, aber sicher 5mal) "hochschrauben" können- bisher mein Lokal-Rekord. Am 22.Mai waren die 6,0 auch weiter östlich auf dem Hetzleser Berg (540mMSL u. noch ne Spur weniger Lichtverschmutzung) drin.
M13 war im Fg heute aber deutlich weniger markant als z.B. neulich im Steigerwald.
Der Nordamerika N. war in Wellucken heute als Milchstraßen-"Gries"-loser schwarzer Fleck ausmachbar, auf dem Hetzleser Berg dagegen war da noch ganz leichter Rotstich und neulich im Steigerwald (Neundorf, Bortle 4-5) das Rot auffällig und die Umrisse erkennbar.
Spät heute Nacht war M31 gerade so indirekt wahrnehmbar- in der Richtung ist keine Lichtv. bei mir.
Ich denke auch schon an die hellen Mitsommernächte. Letztes Jahr konnte ich in zwei Juninächten (14. u. 21.6.19)
hier leuchtende Nachtwolken bestaunen u. mit dem Handy festhalten.

Alles Gute, Achim. Mach weiter so !
Lg und clear skies, Simon.
 

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