Hallo Jan und allerseits,
Je nachdem, ob Du zu einer rein wissenschaftlich orientierten Uni oder zu einer technisch geprägten Bildungsanstalt kommst, steht Dir wohl in der Mathematik ein mehr oder weniger großer Schock bevor. Das kann im Extremfall soweit gehen, dass die Schulmathematik, egal auf welchem Niveau, so gut wie nichts mit den Anforderungen im Mathematikstudium gemeinsam hat.
Um Missverständnissen vorzubeugen, ich rede hier nicht von den vergleichsweise banalen mathematischen Werkzeugen, die Du als Physiker oder Ingenieur für Deine physikalischen Vorlesungen, Übungen und Praktika benötigst. Damit hat gewöhnlich kein Studienanfänger irgendwelche Probleme.
Nein, die Probleme haben in der Regel damit zu tun, dass die mathematische Fakultät einer Universität zwar mit der Ausbildung von Mathematikern und Naturwissenschaftlern allgemein befasst ist, zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen dieser Studienrichtungen jedoch kaum oder im schlimmsten Fall gar nicht differenziert.
Ich hoffe, dass meine persönlichen Erfahrungen (vor langer Zeit an der FU in Berlin) in dieser Hinsicht inzwischen nicht mehr gültig sind. Damals wurden wir als Physikstudenten jedenfalls bis zum Vordiplom in genau dieselben Mathevorlesungen, Übungen und Prüfungen geschickt wie unsere mathematischen Kommilitonen. Da gab es absolut keine Differenzierung, weder im Umfang noch in den Anforderungen. Es war eine grausame Bewährungsprobe. Die Übungsaufgaben hatten in der Regel so gut wie nichts mit dem Vorlesungsstoff gemein. Und vernünftige Lehrbücher gab's damals auch nicht. Als Physikstudent war man de facto gezwungen, das eigentliche Studienfach im Gleitflug zu durchqueren, damit man die ständigen Herausforderungen und Krisen mit der Mathematik der Mathematiker wenigstens überlebte. Ok, ich habe es überlebt und es hat bei mir auch keinen bleibenden Schaden hinterlassen, aber effektiv war das ganze sicher nicht.
Es werden ja immer wieder Witze gemacht über die fundamental verschiedene Denkweise von Mathematikern und Physikern. Da ist tatsächlich viel dran.
Meine persönliche Erinnerung betrifft eine optionale Vorlesung über Differentialgleichungen, die ich in der Erwartung belegt hatte, damit ein wichtiges Werkzeug zur Lösung physikalischer Probleme zu erlernen. Im Laufe meiner weiteren akademischen Ausbildung habe ich mir diese Fähigkeit auf anderem Wege auch angeeignet, aber die entsprechenden Mathevorlesungen und die dazugehörenden Übungen waren für einen angehenden Physiker so gut wie nutzlos.
Da wurde nämlich in der Regel nicht eine konkrete Lösungsklasse erarbeitet, die möglicherweise eine nützliche Anwendung hatte. Nein, das war für den Mathematiker wirklich völlig uninteressant. Es ging im wesentlichen dabei immer nur um die Frage, ob überhaupt eine Lösung existiert, und wenn ja, ob eine solche Lösung eindeutig ist!
Die oben geschilderten Erfahrungen mögen extrem und heutzutage in dieser krassen Form nicht mehr typisch sein, jedenfalls hoffe ich das. Gleichwohl würde es mich überraschen, wenn inzwischen der mathematische Übergang von der Schule auf die Universität ohne solche fundamentalen Brüche vonstatten geht. Vielleicht können ja andere hier ihre diesbezüglichen Erfahrungen und Meinungen einbringen.
Jedenfalls erscheint es mir vor diesem Hintergrund ausgesprochen problematisch, wenn nicht gar nutzlos zu sein, einem Pennäler zur Vorbereitung auf das Studium ein Mathebuch zu empfehlen. Aber vielleicht sehe ich ja zu schwarz.
Mit freundlichen Grüßen,
Peter