Re: Unabhängige Selbstkontrolle - nicht bei Prüfern!
Hallo liebe Leute!
Ich betrachte das Ganze auch mal vor der psychologischen Seite. Ich denke bei einem Großteil der angefragten Zertifikate geht weniger um technische Auswertung sondern um Individualität. Ich gehe mal von mir aus und schließe dann etwas pauschal so auf die Allgemeinheit.
95% aller Amateurastronomen bewegen sich in einem Massenmarkt in dem Teleskope innerhalb der jeweiligen optischen Systeme in beliebiger Menge in meist recht identischer Ausfertigung zur Verfügung stehen.
Ich denke uns geht aber oft - im Gegensatz zum beliebig verfügbaren identischen Massenprodukt - darum eine individuelles, einzigartiges Produkt in Händen zu halten und auf diese Art und Weise eine Beziehung zu "seinem" Teleskop zu entwickeln. Als Beleg sei auf das sehr hohe Bedürfnis an Modifikationen, Umbauten, Veränderungen hingewiesen, dass sich alleine aus technischen Unzulänglichkeiten der Produkte nicht vollständig erklären lässt.
Ist so eine persönliche Beziehung zum Teleskop geschaffen, werden (zumindest meines Erachtens) auch seine "Schwächen" hingenommen, weil sie einfach zu diesem (meinen, einmaligen) Teleskop dazu gehören. Auch da wieder ein Beispiel von mir: Mein TAL-250K ist nach dem Interferogramm schön beugungsbegrenzt aber glänzt beileibe nicht mit tollen Daten. Der RMS wurschtelt so um 1/18-1/20 lambda/wavefront rum und ist weit weg von irgendwelchen "Traum-Werten" ähnlicher Systeme.
Trotzdem würde ich mein Teleskop nicht hergeben - no way

- warum? Weil es "meines" ist, eine Geschichte mit mir hat, ich eine Geschichte mit ihm habe.
Um jetzt auf die Prüfprotokoll-Inflation zu kommen. Ich glaube dahinter steckt der Versuch seinem Teleskop eine gewisse Individualität, eine Identität zu geben - es wird unverwechselbar. Wir trotzen damit der Tatsache, dass es natürlich eigentlich zigtausende identische SC´s, RC´s ... gibt.
Einen zweiten Punkt möchte ich auch noch anführen: Natürlich wissen wir, dass im Massenmarkt normalerweise beugungsbegrenzt gefertigt wird, aber das ja eigentlich die qualitative Untergrenze darstellt. Ergo, kaufen wir alle eine Optik im Wissen darum was sie NICHT ist - nämlich schlechter als beugungsbegrenzt.
Viel lieber würden wir aber wissen was sie IST, oder? Und da sind Strehl 0,8 / RMS 1/16 Lambda/Wavefront und PtV 1/4 Lamdba/Wavefront eben nur 80% dessen was uns theoretisch möglich erscheint. Rein rechnerisch scheint ja noch 20% Luft nach oben zu sein. Ich denke die wenigsten von uns stürzen sich in einen Optiktest mit der Absicht dem Verkäufer nachzuweisen, dass seine Optik schlechter als Beugungsbegrenzt ist. Aus Sicht des Verkäufers mag das etwas anders erscheinen, weil natürlich die nochmal aufschlagen, deren Auswertung (scheinbar) schlechtere Werte erbracht hat. Wir sind einfach neugierig auf unsere Teleskop, weil wir ganz einfach seitens der Hersteller nur einen zugesicherten Qualitätsbereich (besser als ...) bekommen und keine eindeutige "Zahl" (wie weich die auch immer ist in der Realität). Das macht halt neugierig ...
Was soll nun das Ganze? Ich denke es ist müßig darüber zu diskutieren, ob solche Optiktests Sinn machen oder nicht. Sie sind Realität und sie werden gemacht und das immer mehr.
Sie dienen einerseits dazu mich mit "meinem Teleskop" anzufreunden - das ist nur allzu menschlich und wird sich nicht ändern. Und sie entstehen andererseits aus der Verlockung rauszukriegen ob ich in der großen (Massenmarkt) Teleskop-Tombola nicht vielleicht doch einen (kleinen Haupt)Gewinn erwischt habe - oder eben nur einen Normalo-Gewinn. Nieten gibt´s ja keine - jeder Kauf gewinnt (eben mindestens beugungsbegrenzte Optik). Wenn ich Tassilo richtig verstanden habe wird sich das auch nicht ändern, egal ob das Label nun MEADE, Celestron, Skywatcher, GSO, … nennt.
(Nebenbei stellt sich mir dann die Frage, wie hart das manchmal angeführt Kriterium "selektierte Optik" dann wirklich ist

) Letztlich suchen wir doch alle das Bessere im Guten - selbst wenn wir gar keinen Nutzen davon haben.
Nun, dann lasst uns doch mit Amateurmitteln testen was das Zeug hält: an Sternen, per Ronchi, per Interferometer, Messerschneide und was es sonst noch alles gibt - es macht uns (im Durchschnitt) anscheinend zufriedener, glücklicher und erinnert die Hersteller daran beugungsbegrenzt zu fertigen (ist ja auch nicht so ganz einfach).
Das einzige was Not tut, ist wissen was so ein Test aussagt, was er bedeutet, wie er zu interpretieren ist. Wunderbar - es steigert auch noch Kompetenz und Wissen. Damit sind wir bei Svens Vorhaben.
Ändern wird es im Großen nichts - wir werden weiterhin optimieren und messen und verbessern und verschlimmbessern und testen und umbauen und das ist gut so. Vielleicht - und damit wäre schon viel erreicht, verstehen dann einige (mich eingeschlossen) ein Stück mehr von der Materie und sind nicht darauf angewiesen jeden Kram der, egal wo er gepostet oder veröffentlicht wird, zu glauben und etwas kritischer Hinzuschauen.
Kritische Verbraucher, Nutzer, Anwender, Käufer - ist doch gar kein so schlechtes Ergebnis, oder?
CS, Andreas