Mit den Öffentlichen auf > 2000 m: Bieler Höhe

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Gelöschte Mitglieder 487

Hallo zusammen!

Nachfolgend ein Erlebnisbericht.

Von Jeanshosen auf Wanderschaft und ungeputzten Zähnen im Gleitschirmflug: Erlebnisse auf der Bieler Höhe, Silvretta Hochalpenstraße mit 12" Gitterrohr

Prolog

Nach einiger Zeit trüben und nasskühlem Wetter kam am vergangenen Mittwoch pünktlich zu meinem Urlaubsbeginn die Sonne im Alpenraum heraus. Ich war noch nie in den Hochalpen mit Teleskop – also hatte ich entsprechend Hummeln im Hintern und hatte bereits abends zuvor gepackt, dass ich gleich von der Arbeit kommend in den Zug springen kann. Eigentlich war die Edelweißspitze geplant, aber da hätte ich als Nicht-Autobesitzer den letzten Postbus auf die Hochalpenstraße nicht mehr erreicht. So gings auf 2000 m Höhe statt 2600m. Da es die Tage zuvor stark schneite, war mir die Lage bezüglich Edelweißspitze auch zu unsicher.

Die Fahrt

Nach halbwegs entspannter Anreise per Bahn war eine unentspannte Busfahrt mit dem letzten Postbus angesagt. Der war voll, und mein 30 kg schwerer Rucksack warf mich in jeder Kurve praktisch fast um. Glücklicherweise wurde der Bus vor der eigentlichen Hochalpenstraße quasi leer und ich und mein Rucksack konnten sitzen.
Jedes Gasgeben nach der Kurve um Höhe zu gewinnen ließ meinen Puls direkt in die Höhe schnellen – der Motor war mit mir praktisch im Einklang...
Ziel war der Großparkplatz, da man von dort wohl am besten da lichtgeschützt beobachten kann. Ich hielt aber schon unterwegs Ausschau nach anderweitigen Beobachtungsplätzen, falls dieser sich als nicht so optimal herausstellen sollte. Es lag praktisch überall Schnee aber die Straße war frei (per Telefon habe ich mich diesbezüglich versichert, da sonst kein Bus gefahren wäre...).

Die Fahrt nach oben gab ein immer weiter werdendes Panorama frei, die Berge wichen mehr und mehr dem Horizont. Oben angekommen stellte ich zufrieden fest, dass der Parkplatz frei war. Zuvor beim Aussteigen aus dem Bus erregte mein 115 Liter-Rucksack und die Stangen in der Hand das Aufsehen eines Motorradfahrers: "Hastn Gleitschirm dabei?"..."Nö, das isn Teleskop" - "Oh, aha..."
Auf dem Brauneck in Bayern tummeln sich ja die Gleitschirmflieger und stelzen aus den Gondeln mit ziemlich ähnlich aussehendem Gepäck wie dem meinen... Schon dort brabbelte der Taxifahrer auf dem Weg zur Gondel munter drauf los, wie heute der Wind steht und von wegen Fallwinde, bis ich meinte, "ähm...ich bin kein Gleitschirmflieger..."

Nahende Dämmerung

Dann kam aber ein Wohnmobil und ich sorgte mich um Lichtschutz. Also ging ich mal hin und fragte höflich, wie es denn mit deren Lichtmanagement ausschaut. Erfreulicherweise sind das wohl Stammgäste da heroben, die schon einschlägige Erfahrungen mit den Hobbyastros da oben haben und konnten mich mit Stichwort Rolladen beruhigen.

Ich baute meinen 12“er auf. Die Nacht zuvor habe ich noch bis Mitternacht versucht, einen Streulichtschutz zu improvisieren, da der Schnee für meinen Gitterrohrdob wohl ein ziemliches Problem darzustellen versprach. Nach einigem Gewusel mit einem Wochen zuvor gekauften großen Stück Stoff, Klebestreifen, Schere und Sicherheitsnadeln hab ich dann etwas halbwegs Funktionales hinbekommen, dass ich beruhigt schlafen gehen konnte. Vor Ort hat es auch ganz gut geklappt – pünktlich bevor es zu dunkel wurde, hatte ich alles aufgebaut. Gut, an der „Naht“ war ein kleiner Spalt offengeblieben. Da habe ich mich wohl etwas verschnippelt...

Die ganze Zeit wehte schon so ein typischer Bergwind, immer aus derselben Richtung. Mir schwante es, das würde so bleiben. Aber kleidungstechnisch war alles dabei: Skihose, Wollunterwäsche, Sturmhaube, Gore-Jacke etc..

Ich hatte so richtig Bock. Mein Scope hatte ich erst Tage zuvor aus einer Inspektion zurückerhalten, bis dato konnte ich auch nicht zufriedenstellend damit beobachten. Langsam wurde es dunkel und ich hatte mir noch gar keinen wirklichen Plan gemacht, was ich beobachten soll. Es war eh Premiere auf über 2000 m mit meinem 12“ Dob, da wird sich die Zeit schon vertreiben lassen...

Kein Auge zu

Der Himmel war nahezu wolkenlos, aber leider nicht ganz transparent. Ich war gespannt, was die Nacht so bringen würde. Erstes Ziel fiel mir die SN in der M 101 ein. Mit dem Rigel war die Sache schnell gefunden: Oh man. IST – DIE - HELL. Meine letzte Beobachtung war mit schiefer Optik aus dem Münchener Stadtrand heraus und zeigte ein nur leicht helleres Pünktchen als die Umgebungssterne. DAS war jetzt wirklich eine Bilderbuch-Supernova. Endlich auch mal mit größerem Galaxieanteil drumrum. Toll.

Natürlich probiert man mit einem neuen Scope erst mal die Standards aus. Die folgten nach der SN.
Ich sag mal so, immerhin habe ich mir Stephans Quintett angeschaut, um mir nichts vorwerfen lassen zu müssen ;-)
Irgendwann blitzte knapp über einem Berggipfel am Horizont ein irre heller Punkt auf. Hä? ISS? Flugzeug? Es bewegte sich nichts. Irgendwann wurde mir klar, dass es der aufgehende Jupiter war. Jetzt stellte ich wirklich fest, dass dies ein guter Standort sein muss. Von Extinktion war nicht allzuviel zu sehen... Auch der tiefstehende große Wagen ließ mich überlegen, ob ich den überhaupt je so hell gesehen habe – und der steht ja bekanntlich sogar recht tief zur Zeit...

Trotzdem waren Schleierwolken oder irgendein anderer Siff da, der nun vom aufgehenden Mond zusätzlich Deep-Sky-technisch THE END anzeigte. Egal. Ich machte es mir auf der Isomatte gemütlich und versuchte etwas zu schlafen, um etwas später den Mond und Juppi anzusehen.

Es war nicht sonderlich kalt – vielleicht 4 Grad. Aber schlafen – ging nicht. Dieser verflixte Wind.
Selbst mit dem Wind im „Rücken“ kroch mir der Wind übers Gesicht. Trotz Sturmhaube und Kaputze kam der irgendwie noch ungünstig genug an, um mir den Schlaf zu vermiesen.
Ich vertrat mir also nach 1,5 h Rumliegen die Beine auf dem großen Parkplatz. Dabei entfernte ich mich um die 100 m vom Teleskop.
Aus der Ferne sah ich etwas weghuschen aus Richtung meines Teleskops bzw. meines großen und offenenen, liegenden Rucksacks. Mist, hatte der Wind hier irgendeine meiner herumliegenden Tüten (alle mit irgendwas gefüllt) weggeweht?

Als ich ankam, lagen einige meiner Sachen quer verstreut. Hä? So doll war der Wind doch nun auch nicht?? Ich hatte vor Dämmerungsbeginn von Jeans auf Skihose umgerüstet. Meine Jeans, die vorher noch im Rucksack war, lag einen Meter von diesem entfernt. Ich bückte mich gerade nach einer Plastiktüte um das Gewicht zu testen. Ergebnis: kann nicht sein, dass das der Wind war.
Aus dem Augenwinkel stellte ich fest, dass sich meine Jeans von mir entfernte. WAS ZUM GEIER:::??? Mein Blick wanderte zum Ende der Hose: Fuchs. Ich griff nach der Hose und verhinderte, dass ich entweder Mit Skihose, nur in Wolllunterhose, oder nur im Schlüpfer die Heimreise antreten muss. „Verpiss Dich!! Aber ganz schnell Du!!!“. Ein paar schnelle Schritte in seine Richtung und er flüchtete.
Ich weiß nicht, ob jemand von euch Zettis Kokosflocken kennt, aber die fand er anscheinend nicht schlecht, denn die Kollegen in der Tüte waren nicht mehr vollzählig.
Mehr und mehr wurde mir der Umfang klar, was dieses blöde Viech so angestellt hat. Meine Brotdosen lagen um den Rucksack verstreut. Außer ein paar Spuren die abrutschende Zähne bewiesen fehlte hier nichts. Zum Öffnen war er glücklicherweise zu blöd.

Aber nicht zu blöd um wiederzukommen. Auf 2000 m gibt’s nicht so viel zu fressen, da kommt ein Sternegucker mit prall gefülltem Rucksack gerade recht.
Da stand er wieder. Wie aus dem nichts. Keine 3 Meter von mir stand er da, wie ich ihn im leichten Mondlicht gerade eben noch ausmachen konnte, bevor er wieder was klaut.

Dieses mal musste ich noch etwas aggressiver werden. Der merkte, ich mach nix außer rennen. Wahscheinlich dachte das Paar im Wohnwagen, ich habe nich mehr alle Tassen im Schrank - Mitten in der Nacht rumbrüllen wie so ein Oktoberfestler... Langsam überlegte ich mir, ob die Bergstiefel die ich anhatte, eine neue Funktion bekommen müssen...Als er ein drittes mal ankam, schob ich nur noch Wache. Ans Beobachten war nicht mehr ernsthaft zu denken. Zum Glück lag Schnee rundherum, dass sich das blöde Vieh nicht so einfach im Dunkel anschleichen kann wenn man aufpasst.
Es war 5.30 Uhr. Ich sehnte die Dämmerung herbei. Ein paar blicke auf den Mond und Jupiter musten zwischendurch aber schon sein. Juppi zeigte zwei interessante dunkle Kondensierungen in Äquatornähe. Leider bin ich gerade nicht up to date, ich werd mal schauen, um was es sich da handelt.

Der gegen Mitternacht aufgegangene Mond tauchte die umliegende Landschaft langsam in ein Licht, dass ich mir vorkam wie in der Antarktis, Kanada o.ä.
Die schneebedeckten Gipfel rundherum hebten sich klar vor dem Himmel ab, der trotz 30 Grad hohem Mond immer noch die Milchstraße zeigte. Knapp über den schneebedeckten Bergen prankte der Orion. Traumhaft. Allein dafür hat sich der Ausflug gelohnt, ich wünschte ich hätte es photographisch festhalten können (keine Spiegelreflex dabei).

Es kam die ISS. Hier machte sich der gut justierte Rigel wieder bemerkbar – die ISS war schnell gefunden und konnte im 26 Nagler verfolgt werden. Na ja, dreieckige Gestalt halt.

Der Morgen danach

Nach ein paar schönen Anblicken vom orangenen Jupiter vor blauem Grund (endlich war der Wind weg und das Bild ruhig) checkte ich mal die Umgebung von meinem Platz. 15 m entfernt sah ich etwas rotes Im Schnee liegen. Meine Tüte mit der Zahnbürste! Verdammt, die hat er also auch weggeschleppt. Die Bürste war unbrauchbar. Wahrscheinlich hat sich der Bursche damit die Zähne geputzt. Die Borsten waren bräunlich. Auch ohne Vefärbung hätte ich die nicht mehr genommen.

Ich hatte Angst. Vor Tollwut. Ich wusste nicht, was ich wie anfassen soll. Selbst ein geschmiertes Brot aus der geschlossenen Dose habe ich weggeschmissen, weil es mir seltsam feucht vorkam.
Man kann ja manchmal gar nicht so bekloppt denken, wie es zugeht...
Die Jeans zeigte kleine Löcher von den Zähnen und im Inneren meines Rucksacks waren Sandtapsen. Der is richtig reingekrochen offenbar...

Die Jeans fand er interessant, meinen Lieblingsfleece-Pulli der auf der Isomatte lag, glücklicherweise nicht. Wäre bei Katzen vielleicht was anderes gewesen...
Und man kann dem Fuchs keine finanziellen Absichten unterstellen – die Tüte mit meinem Portemonnaie (wo auch die Kokosflocken drin waren) war noch da.
Auch der Naglerkoffer war unversehrt. Obwohl der Deckel nur zugeklappt und nicht verschlossen war...

GOTT SEI DANK lag Schnee. Sonst hätte ich keinen Streulichtschutz drübergezogen und der Hauptspiegel liegt in einer seeehhhrrrr flachen Box. So war das Gerät weitesgehend vorm Fuchs sicher...

Nach einer Hochgebirgsnacht, die in Ansätzen zeigte was der Standort kann (es war selbst am Boden völlig trocken und M 31 sah trotz der nicht allzu guten Tansparenz schon ziemlich photomäßig aus), konnte ich im Zuge der aufgehenden Sonne einen Halo um selbige festhalten – siehe hier...

http://www.bilder-space.de/show_img.php?img=7dc24e-1317039012.jpg&size=original

...und ein Eindruck vom Platz...

http://www.bilder-space.de/show_img.php?img=41dc7b-1317040449.jpg&size=original

THE END. :)

Schöne Grüße,
Norman










 
Zuletzt bearbeitet:
Hi Norman,
schöner Bericht vom listigen Lurch (ach nee, Fuchs).
Hochalpen sind schon fein, nur der Mond hätte ja mal wegbleiben können.
Dein Dobs hat mir gefallen auf dem HTT neben Roledo's ATD.
Woher stammte der?
 
Hallo Norman,
find ich immer wieder klasse, Deine Jagd nach dem ultimativen Beobachtungsplatz.
Hab Dich leider Samstag in der Nacht nicht mehr ausfindig machen können, wollte auch nochmal einen Blick durch den 12er werfen, vielleicht klappts ein anderes Mal.

Viele Grüße
Martin
 
Hi Ralf!

Danke :).

Der Dob ist von Sumerian Optics (ein Holländer). Das ganze in einer Box-Verstau-Konzept ist wirklich durchdacht und aufgebaut ist´s von den Bewegungen her echt smooth und austariert. Sehr viele nette features aber auch Kinderkrankheiten eines vergleichsweise neuen Anbieters.
Ausschaun tuts auch super, stimmt :biggrin:
Mir bereitet gegenwärtig die Abbildung Sorge, wo ich ums Verrecken nicht weiß, woher die Abbildungsfehler kommen. Aber das ist eine andere Geschichte...

Schöne Grüße,
Norman

 
Hi Martin,

komisch, hast Du den Platz mit der Dobsonreihe nich mehr gefunden? Der weisse 12.5er von meinem Kumpel war doch wie ein Leuchtturm in dem Areal... Schade, na ja.

Beobachtungsplatzsuche ist in diesem Zusammenhang nicht ganz richtig. Der Platz liegt abartig weit weg (5 Stunden Weg), ich wollte einfach mal in die Hochalpen. Mein Standardbeobachtungsplatz wird beim Wendelstein liegen, da bin ich in einer guten Stunde dort und sofern ne Gondel fährt auf 1600 m Höhe (Platz liegt etwas unterhalb und abseits des Berges). Ein schönes Feld (Segelflugplatz) unten tuts auch. Da gibts mit Sicherheit auch einen klasse Himmel.

Hoffentlich bis irgendwann mal wieder!

Schöne Beobachtungen im Fläming wünscht

Norman
 
Hallo Norman,

ein sehr kurzweiliger Bericht beim Lesen. Der Platz ist schon gut und etwas beneide ich darum. Die letzten Hüttentour unserer Sternwarte zur Heilbronner Hütte werde ich verpassen - im Juli hatten wir Regen. Aber der Himmel ist eigentlich so gut, dass man auch mit etwas Siff am Himmel noch ziemlich gut gucken kann.

Viele Spaße beim nächsten Mal.

CS,
Stefan
 
Hi Stefan,

danke. Freut mich zu lesen, dass so viel Text kurzweilig rüberkommt :) . Na beim nächsten mal oberhalb von 2000 m wirds wohl das Gornergrat. Bieler Höhe bin ich erst mal gebrandmarkt ;) Vorher brauch ich aber ein paar gescheite Winterstiefel...

cs,
Norman
 
Zuletzt bearbeitet:
Hi!

Füchse hatten wir letztes Jahr auch mal auf der Heilbronner Hütte gesehen - die hatten allerdings genauso blöd aus der Wäsche geschaut wie wir (die hatten da wohl auch nur mit Murmeltieren gerechnet). Bis die Batterien aus dem Astrotrack wieder in das Blitzlicht gewandert waren, waren die Füchse aber wieder verschwunden.

Beste Grüße,
Alex (der da am Freitag wieder hin fährt)
 
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