Serenitatis
Aktives Mitglied
Hallo Astros,
die vergangene Beobachtungsnacht (15./16.07.2007) machte für den heutigen Tag eine Astroleiche aus mir. Sternegucken ist ja schon ein etwas verrücktes Hobby, das sich mit dem Arbeitsleben nicht wirklich verträgt...
Es war in der Tat eine Nacht mit Seltenheitswert für mich, zumindest meine allerschönste dieses Jahres. Eine echte "Nacht der Nächte"! Laue Sommernacht, Neumond, kein Wölkchen in Sicht und es war klar: Ich musste meinen Lieblingsbeobachtungsplatz im Odenwald ansteuern, der Luftlinie rund 20 Kilometer vom Rheingraben entfernt liegt und sich in etwa 400 Metern Höhe befindet. Ein absolut einsames und nur schwer erreichbares Plätzchen mit gutem Rundumblick, von dem aus der Blick nur in Richtung Westen getrübt ist durch die Lichtglocke von Mannheim/Ludwigshafen/BASF, die wohl auch aus 100 Kilometern Entfernung noch nervt. Gestern war zu meinem Entsetzen die ganze Zeit über eine weiße, scharf abgegrenzte Lichtsäule sichtbar, die - als ich ankam - dümmlich und sinnlos im Westen zwischen Boo und CrB in den Himmel strahlte, keine Ahnung woher, vermutlich aber aus MA/LU selbst. Dennoch die helle Milchstraße über mir, die mich direkt wieder verzauberte. Von Horizont zu Horizont bestens sichtbar. Nur die Kühlung meines Wagens lief noch ein paar Minuten nach und störte die Ruhe dort oben und einige Rehe, die sich schnell aus dem Staub machten.
Die erste Abschätzung anhand von UMi zeigte: Grenzgröße - abgesehen vom Westhimmel - gute 5.8 mag! Kaum hatte ich mein 10"-Dobson aufgestellt, richtete ich es verwegen auf Jupiter, der noch hell im Südwesten oberhalb des Scorpionschwanzes im Schlangenträger hing. Und häh?!?! Jupiter erschien bei V=46 viel zu schön. Der Spiegel war doch noch überhaupt nicht auf Beobachtungsplatztemperatur?! Vielleicht liegt es am Pyrex-Spiegel, keine Ahnung, die optische Qualität meines Dobsons haut mich immer wieder vom Hocker. Verwegen schaute ich mir Jupiter im 7-mm-Oku mit 179facher Vergrößerung an. Gut, jetzt schwamm er ein wenig, zeigte sich aber immer noch weit detailreicher als in vielen anderen Nächten. Dieser kleine Seeing-Test ließ mich bereits ahnen, dass eine prächtige Beobachtungsnacht vor mir liegen würde.
Ich begann mit Objekten, die ich mir mit geringer Vergrößerung und möglichst großem Gesichtsfeld anschauen wollte: Natürlich Cirrus! Mit 35-mm-Oku und 27-mm-Oku war NGC 6960 schon ohne Filter gut sichtbar, NGC 6992/5 nur schwach, mit OIII-Filter dann allerdings sehr detailliert. Das feine Filament um 52 Cyg ist einfach der Hammer und ich fuhr es etliche Male ab, ohne mich satt sehen zu können. Die Filamente von NGC 6992/5 sind ja etwas schwächer, dafür ebenso fein verzweigt und detaillreich. Wahnsinn, ich schaue nur mit meinem puristischen Newton-Teleskop in einen Supernovarest, der unseren Vorfahren vor 50000 Jahren hell am Himmel erschienen ist. Auch an NGC 7000 (Nordamerikanebel) konnte ich mich nicht satt sehen. Und gestern war er besonders gut zu erkennen.
Ich schwenkte über zu M 13 und M 92 im Herkules, den beiden Doppelsternhaufen, die mit verschiedenen Vergrößerungen allein Stoff für eine ganze Beobachtungsnacht bieten. Wie die Zeit vergeht... M 57 hatte fast schon seine höchste Position erreicht, als ich mich von diesen beiden "leichten" Objekten losreißen konnte. Auch M 57 schaue ich mir immer gerne an. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich gestern zum allerersten Male - bei V=250 im 5-mm-Oku - den Zentralstern habe erspähen können?! Ist ja eigentlich mit 10" nicht erreichbar... Vielleicht habe ich ihn mir in meiner Beobachtungs-Euphorie gedacht? Bin mir nicht sicher.
Dann wanderte ich vom Schützen (M 8 mit Filter, M 22 - im Vergleich mit M 13 und M 92 ebenfalls sehr spannend - Omeganebel M 17, und all die anderen irren Objekte wie M 24 oder M 55 etc. Selbst M 69 war gestern ziemlich deutlich sichtbar) aus über M 11 (hoch vergrößert) zu Sge mit M 71 und natürlich M 27, dem Hantelnebel, der sich superplastisch abhob.
Normalerweise nehme ich mir nur wenige Objekte pro Beobachtungsnacht vor, gestern war das anders: Ich war richtig euphorisch, wie supergut manche Objekte erkennbar waren, viel besser als sonst. Die Liste der Objekte, die ich gestern im Oku hatte, ist weit länger, besonders beeindruckt haben mich gestern jene, die ich oben nenne. Ich versuchte noch, einige Objekte zu sehen, an denen ich mich zwar schon versucht hatte, die mir aber verborgen blieben. Für M 107 war es schon zu spät und NGC 6712 nahe M 11 sah ich auch gestern nicht.
Als ich M 92 im 14-mm-Oku bei V= 89 hatte, düste ein Satellit durchs Bild und es gelang mir eine ganze Weile, ihn zu verfolgen. Auch solche Späße müssen sein...
Noch einmal in dieser Nacht ging ich auf Verfolgungsjagd, was mit meinem Dobson prima funktioniert: Eine Verkehrsmaschine, die Richtung Nordosten düste, stand klar im Bild und die beleuchtete Fensterreihe war knackescharf erkennbar. Bei mir war es ruhiger als in der Maschine: Ab und an schallte der Ruf eines Waldkäuzchens durch die Nacht und wäre da nicht die Lichtglocke MA-LUs im Westen gewesen, hätte ich glatt vergessen können, in welchem Jahrhundert ich da unter dem Sternenzelt sitze.
Vor Beginn der Morgendämmerung wurde es dann am Himmel schon zunehmend herbstlich: Pegasus und Andromeda stiegen hoch und höher. Am Sternenhimmel Herbst und ich nur mit dünnem Jäckchen bekleidet... Es ist Ewigkeiten her, dass ich M 31, M 32 und M 110 im Sommer so prächtig gesehen habe. Die Andromeda-Galaxie riesengroß im Oku und es waren klar Details zu erkennen, die ich sonst in Zenitnähe nur selten gesehen habe. Irgendwann sagte mir die Vernunft lauter werdend: "Bald schon beginnt Dein Arbeitstag..." und ich packte meinen leicht angetauten Dobson ins Auto zurück. Zum Abschied wanderte ich noch mit meinem 7x50 freihändig durch die Sternfluten, ehe ich mich irgendwann doch losreißen konnte und den Rückweg antrat.
Als ich nach der Tour wieder daheim ankam und Teleskop, Plörren etc. ins Haus trug, spürte ich noch immer keine Müdigkeit. Die Euphorie wirkte wie ein lang anhaltender Koffein-Schub und wich der Müdigkeit erst, als ich noch mal meine Notizen durchschaute und ergänzte. Dafür war ich den heutigen Tag über arbeitstechnisch gesehen eine ziemliche Astroleiche...
Für genau solche wunderbaren, seltenen Beobachtungsnächte lohnt der beträchtliche Aufwand, den wir Astros ja betreiben. Und den Zauber einer solchen Nacht kann nur ein Dichter beschreiben, ich leider nicht...
CS
Serenitatis
die vergangene Beobachtungsnacht (15./16.07.2007) machte für den heutigen Tag eine Astroleiche aus mir. Sternegucken ist ja schon ein etwas verrücktes Hobby, das sich mit dem Arbeitsleben nicht wirklich verträgt...
Es war in der Tat eine Nacht mit Seltenheitswert für mich, zumindest meine allerschönste dieses Jahres. Eine echte "Nacht der Nächte"! Laue Sommernacht, Neumond, kein Wölkchen in Sicht und es war klar: Ich musste meinen Lieblingsbeobachtungsplatz im Odenwald ansteuern, der Luftlinie rund 20 Kilometer vom Rheingraben entfernt liegt und sich in etwa 400 Metern Höhe befindet. Ein absolut einsames und nur schwer erreichbares Plätzchen mit gutem Rundumblick, von dem aus der Blick nur in Richtung Westen getrübt ist durch die Lichtglocke von Mannheim/Ludwigshafen/BASF, die wohl auch aus 100 Kilometern Entfernung noch nervt. Gestern war zu meinem Entsetzen die ganze Zeit über eine weiße, scharf abgegrenzte Lichtsäule sichtbar, die - als ich ankam - dümmlich und sinnlos im Westen zwischen Boo und CrB in den Himmel strahlte, keine Ahnung woher, vermutlich aber aus MA/LU selbst. Dennoch die helle Milchstraße über mir, die mich direkt wieder verzauberte. Von Horizont zu Horizont bestens sichtbar. Nur die Kühlung meines Wagens lief noch ein paar Minuten nach und störte die Ruhe dort oben und einige Rehe, die sich schnell aus dem Staub machten.
Die erste Abschätzung anhand von UMi zeigte: Grenzgröße - abgesehen vom Westhimmel - gute 5.8 mag! Kaum hatte ich mein 10"-Dobson aufgestellt, richtete ich es verwegen auf Jupiter, der noch hell im Südwesten oberhalb des Scorpionschwanzes im Schlangenträger hing. Und häh?!?! Jupiter erschien bei V=46 viel zu schön. Der Spiegel war doch noch überhaupt nicht auf Beobachtungsplatztemperatur?! Vielleicht liegt es am Pyrex-Spiegel, keine Ahnung, die optische Qualität meines Dobsons haut mich immer wieder vom Hocker. Verwegen schaute ich mir Jupiter im 7-mm-Oku mit 179facher Vergrößerung an. Gut, jetzt schwamm er ein wenig, zeigte sich aber immer noch weit detailreicher als in vielen anderen Nächten. Dieser kleine Seeing-Test ließ mich bereits ahnen, dass eine prächtige Beobachtungsnacht vor mir liegen würde.
Ich begann mit Objekten, die ich mir mit geringer Vergrößerung und möglichst großem Gesichtsfeld anschauen wollte: Natürlich Cirrus! Mit 35-mm-Oku und 27-mm-Oku war NGC 6960 schon ohne Filter gut sichtbar, NGC 6992/5 nur schwach, mit OIII-Filter dann allerdings sehr detailliert. Das feine Filament um 52 Cyg ist einfach der Hammer und ich fuhr es etliche Male ab, ohne mich satt sehen zu können. Die Filamente von NGC 6992/5 sind ja etwas schwächer, dafür ebenso fein verzweigt und detaillreich. Wahnsinn, ich schaue nur mit meinem puristischen Newton-Teleskop in einen Supernovarest, der unseren Vorfahren vor 50000 Jahren hell am Himmel erschienen ist. Auch an NGC 7000 (Nordamerikanebel) konnte ich mich nicht satt sehen. Und gestern war er besonders gut zu erkennen.
Ich schwenkte über zu M 13 und M 92 im Herkules, den beiden Doppelsternhaufen, die mit verschiedenen Vergrößerungen allein Stoff für eine ganze Beobachtungsnacht bieten. Wie die Zeit vergeht... M 57 hatte fast schon seine höchste Position erreicht, als ich mich von diesen beiden "leichten" Objekten losreißen konnte. Auch M 57 schaue ich mir immer gerne an. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich gestern zum allerersten Male - bei V=250 im 5-mm-Oku - den Zentralstern habe erspähen können?! Ist ja eigentlich mit 10" nicht erreichbar... Vielleicht habe ich ihn mir in meiner Beobachtungs-Euphorie gedacht? Bin mir nicht sicher.
Dann wanderte ich vom Schützen (M 8 mit Filter, M 22 - im Vergleich mit M 13 und M 92 ebenfalls sehr spannend - Omeganebel M 17, und all die anderen irren Objekte wie M 24 oder M 55 etc. Selbst M 69 war gestern ziemlich deutlich sichtbar) aus über M 11 (hoch vergrößert) zu Sge mit M 71 und natürlich M 27, dem Hantelnebel, der sich superplastisch abhob.
Normalerweise nehme ich mir nur wenige Objekte pro Beobachtungsnacht vor, gestern war das anders: Ich war richtig euphorisch, wie supergut manche Objekte erkennbar waren, viel besser als sonst. Die Liste der Objekte, die ich gestern im Oku hatte, ist weit länger, besonders beeindruckt haben mich gestern jene, die ich oben nenne. Ich versuchte noch, einige Objekte zu sehen, an denen ich mich zwar schon versucht hatte, die mir aber verborgen blieben. Für M 107 war es schon zu spät und NGC 6712 nahe M 11 sah ich auch gestern nicht.
Als ich M 92 im 14-mm-Oku bei V= 89 hatte, düste ein Satellit durchs Bild und es gelang mir eine ganze Weile, ihn zu verfolgen. Auch solche Späße müssen sein...
Vor Beginn der Morgendämmerung wurde es dann am Himmel schon zunehmend herbstlich: Pegasus und Andromeda stiegen hoch und höher. Am Sternenhimmel Herbst und ich nur mit dünnem Jäckchen bekleidet... Es ist Ewigkeiten her, dass ich M 31, M 32 und M 110 im Sommer so prächtig gesehen habe. Die Andromeda-Galaxie riesengroß im Oku und es waren klar Details zu erkennen, die ich sonst in Zenitnähe nur selten gesehen habe. Irgendwann sagte mir die Vernunft lauter werdend: "Bald schon beginnt Dein Arbeitstag..." und ich packte meinen leicht angetauten Dobson ins Auto zurück. Zum Abschied wanderte ich noch mit meinem 7x50 freihändig durch die Sternfluten, ehe ich mich irgendwann doch losreißen konnte und den Rückweg antrat.
Als ich nach der Tour wieder daheim ankam und Teleskop, Plörren etc. ins Haus trug, spürte ich noch immer keine Müdigkeit. Die Euphorie wirkte wie ein lang anhaltender Koffein-Schub und wich der Müdigkeit erst, als ich noch mal meine Notizen durchschaute und ergänzte. Dafür war ich den heutigen Tag über arbeitstechnisch gesehen eine ziemliche Astroleiche...
Für genau solche wunderbaren, seltenen Beobachtungsnächte lohnt der beträchtliche Aufwand, den wir Astros ja betreiben. Und den Zauber einer solchen Nacht kann nur ein Dichter beschreiben, ich leider nicht...
CS
Serenitatis