(Re) Welches Teleskop?
Hallo Bia,
von einigen Erstüberlegungs-Geräten ist ja schon begründet eher abgeraten worden. Ich finde, Du bist auf dem richtigen Weg, schrittweise und besonnen die große Marktauswahl für Dich in Hinsicht auf Dein Wunsch-Teleskop in Deinem Budget von rund 300 Euro ohne okularseitige Ausstattung zu untersuchen.
Sicherlich helfen Dir unsere beratrischen Hinweise und Hintergründe. Das Beste aber ist es, Kontakt zu Sternfreunden in der Nähe aufzubauen und mit diesen gemeinsam unterm Sternenzelt zu quatschen und mit deren Geräten mal zu beobachten. Dies ist sehr hilfreich, wertvoll und nicht zu ersetzen. Eine Kontaktaufnahme könnte durch unser Treffpunktforum gelingen, über unsere Mailfreundschaften (Astronomie.de-Portalseite links in der Linkleiste, nicht auf der Foren-Start-Seite) oder über unser Vereinsverzeichnis zur Freizeitastronomie hier (GAD, ebenda).
Deinen nun neuerlichen Vorschlag, einen 150/750 (mithin f/5) Newton auf EQ3 als visuelles Instrument anzuschaffen, möchte ich differenziert erörtern:
- das Gerät ist sehr knapp montiert (längere Auswackelzeiten beim Fokussieren, Windanfälligkeit). Eine stärkere Montierung wäre durchaus komfortabler, aber auch deutlich kostspieliger
- das Gerät hat eventuell nur einen sphärischen (=kugelschalenförmigen) Hauptspiegel. Ich habe auf der Webseite keinen Hinweis auf einen parabolischen Hauptspiegel gefunden. Hier unbedingt nachfragen. Sollte es tatsächlich ein nur sphärischer Hauptspiegel sein, so wäre die Abbildung eher schlecht. Wir "alten Hasen" würden sagen: schon vom Hauptspiegel her nicht mal beugungsbegrenzt. Hier wäre definitiv abzuraten. Das Gerät soll ja nicht nur im niedrigsten Vergrößerungsbereich betrieben werden, und auch da schon vermutlich mit Abstrichen. "Schnelle" Newtons (also f/4er, f/5er) brauchen einfach einen parabolischen Spiegel, sonst schicken sie das Licht nicht dorthin in die Abbildung, wo es hinsoll. Nur parabolisch sind schnelle Newtons nach den Regeln der Kunst gefertigt und ermöglichen nachhaltig freudvolle Nutzung. Sphärische Spiegel sind deutlich einfacher und billiger herzustellen. Bei einem f/5er aber würde hier an der falschen Stelle gespart. Unbedingt nachfragen.
- Mit f/5 ist das Gerät eher "schnell", das heißt, wenn durch das Rohr fotographiert wird, braucht man nicht so lange Belichtungszeiten. (Für Lanzeit-Astrophotographie, wo eben f/5 genutzt wird, durch das Gerät, mithin mit 750 mm Brennweite aber wäre sowohl a) eine sehr deutlich kostspielige Montierung nötig und auch b) als Leitrohr eine Zweitoptik. Langzeit-Astrophotographie ist die Königsdisziplin und SEHR kapitalintensiv. Auch sind die Anforderungen an die Optik hoch, da würde man kaum eine Optik in dieser Preislage andenken, beim Vergleich zu all den anderen Kosten, da wäre dann ja noch Motorisierung, Steuerung, Energieversorgung, evtl. Autoguider...). Was ich an dem Gerät nicht so recht verstehe: es ist fotografisch ausgelegt und hat nur einen 1,25"-OAZ. Da wird es wohl zu Vignettierung kommen. Ein 2"-OAZ wäre da viel besser.
- visuell hat die Optik (ich gehe jetzt mal von einem parabolischen Hauptspiegel aus, ohne diesen ist das Gerät grundsätzlich nicht empfehlenswert) vermutlich 3 Hauptmankos: 1. läßt die fotographische Auslegung den Fangspiegel größer werden, was als Obstruktion die Abbildung verschlechtert. 2.: f/5-Geräte brauchen zur randscharfen Abbildung durchaus kostspieligere Okulare. Diese Folgekosten sind zu bedenken. (Wie gesagt, alles sowieso nur, wenn der Hauptspiegel nicht sphärisch ist.) Und 3. es wäre schön, wenn Geringvergrößerung weitwinklig ginge. Das bietet der nur 1,25"-OAZ aber nicht.
Schließlich zu diesem Gerät: auch hier dürften zahlreiche Verbesserungsmaßnahmen anzudenken sein, die die Leistung erhöhen. Grundsätzlich jeden Newton mußt Du justieren, das geht aber nach Anleitung und wenig Übung gut. Ein f/5er ist etwas schwieriger und genauer zu justieren als ein f/6-Teleskop.
Da ich mal annehme, daß Du visuell einen Allrounder möchtest, will ich nochmal die Anregungen von oben stehenden Beiträgen zu einem Dobson-Newton 200/1200 (=8"-f/6) aufgreifen und dessen Vorteile nennen:
mit den unter allen Bedingungen bewährten, wirklich visuell allroundfähigen und kostenschonenden Dobsons 200/1200 (Achtzoll-f/6) gelingen freudvolle Beobachtungen, und kaum wird je jemand ein solches Instrument wegen Unzufriedenheit wieder dringend loswerden wollen (eher wegen weiterem Aufstieg). Ich habe selbst einen solchen und kenne so einige Sternfreunde, die auch voll zufrieden sind. Das Gerät bietet auch bei Bastelwillen Möglichkeiten zur Leistungssteigerung, das sind aber nur Optionen, auch ohne ist es ein solides Leistungsgerät. Bis man wirklich alles, was damit möglich ist am Himmel gesehen hat, kann man schon Uropa werden...
Das Gerät hat im Vergleich zu vielen kleineren Geräten im Budgetrahmen einige Vorteile, die ich mal kurz aufführen möchte:
- viel Geld geht in die Optik, kaum etwas in die solide brauchbare Montierung (Rockerbox, sozusagen "Möbelstück")
- 200 mm Öffnung bieten ordentliche Auflösung und Vergrößerungspotential. (Bei anderen geringer öffnenden Geräten im Budget wird schnell das Ende der Fahnenstange erreicht.) Öffnungs-Preis-Leistung ungeschlagen.
- mit f/6 ist das Gerät a) okularunkritisch (auch niederpreisigere Okulare arbeiten gut), b) universell einsetzbar (von richtiger Geringvergrößerung bei großen Feldern bis zur Hoch- und Höchstvergrößerung geht alles; andere bes. kompakte Geräte können oft nicht so gut weite Felder; vollständig nutzbarer AP-Bereich im Vergleich zu vielen anderen Geräten im Budget von 7mm-0,8mm ca.) c) justierbar, relativ justierstabil und justierunkritisch (gegenüber "schnelleren" Geräten: f/5...f/4)
- durch den Zwei-Zoll-Okular-Auszug können weitwinklige Zwei-Zoll-Okulare verwendet werden, die sehr freudvolle Spaziergänge am Firmament ermöglichen.
All diese bekannten und gern genutzten Vorteile haben dem Gerät zu DEM Allrounder für geringe Budgets in der Freizeitastronomieszene gemacht, der er heute ist. Entsprechend groß ist auch die Konkurrenz, das Marktangebot, die Häufigkeit auf dem Gebrauchtmarkt, die sehr gute Preis-Leistung und überhaupt der relativ geringe Kostenrahmen.
Gegenüber Deinem Vorschlag, liegt der Dobson in einer ganz anderen Leistungsliga. Das schöne: im Preise kaum!
Anmerkung zum Transport: Dobson: Rockerbox und Rohr, passt auch in jeden Kleinwagen. Parallaktischer Newton: Tubus, Montierungskopf, Gegengewichtsstange mit Gegengewicht, Stativ, (evtl. biegsame Wellen, Steuerung, Batteriepack). Im Vergleich tut sich nicht viel. Wenn man die jeweils fürs schwerste Teil rund 10 kg körpernah trägt, gibt es eigentlich keine Probleme.
Anmerkung zu Okularen: ganz unabhängig davon, welches Gerät es auch immer wird (am besten mit Sternfreunden vor Ort vergleichen!!) - Du wirst Okulare brauchen. Meist ist die Minimal-Anfangsausstattung: Ein Übersichtsokular (lange Okularbrennweite, geringe Vergrößerung, großes Feld am Himmel, große AP=Lichtmenge, wenn 2-Zoll geht, dann sehr gern), ein mittleres und eins für hohe Vergrößerung (geringe Okularbrennweite). Die letzteren können unter Umständen auch erstmal durch eins der marktgängigen sehr niederpreisigen und bewährten Zooms ersetzt werden, ein gutes, meist weitwinkliges Hoch-Höchstvergrößerungsokular ist dann zu überlegen. Wenn Du Dein Gerät gefunden hast (wie gesagt, am besten mit Sternfreunden unterm Himmel), auf jeden Fall schlauerweise noch hier klar eine Okularberatungs-Diskussion anregen, da gibt es viel zu beachten und Du kannst auch hier durch kluge Wahl für Dein Budget das Maximum rausholen. Häufig sind die Beiliege-Okulare eher überflüssig, wenn man schon genau (oder wenigstens brennweitenmäßig) weiß, welche man haben wird oder mitbestellt, so kann das Beiliege-Okular eventuell gewandelt werden. Wäre ja schade Geld dafür auszugeben, wenn man es nicht oder nur sehr sporadisch nutzt.
Anmerkung zum Kauf: Pakete bringen oft Vergünstigungen, Messen, Aktionen und Teleskoptreffs sind auch typische Gelegenheiten nochmals einen Zusatznachlaß zu erzielen, direkt vor Ort (Messe, T-Treff) fallen auch keine Porto-Kosten an.
Anmerkung zu "Basteleien":
die zum typischen "Tuning" geforderten Arbeiten sind abschrauben und anschrauben, kleben und schneiden. Mit 2-3 Schraubendrehern und einer starken Schere ist die nötige Werkzeugausstattung schon komplett. Am Dobson umfaßt das typische Tuning einige Dinge, die ich kurz mal beschreiben will:
- Okularauszug: (nur bei Bedarf): gegen mögliches "Schlackern" Tesastreifen längs aufkleben. Dauer: Minuten, Kosten: Cents
- Tiefschwärzung: (anzuraten): durch Lösen der haltenden Schrauben wird die Hauptspiegeleinheit, der Okularauszug und die Fangspiegelspinne ausgebaut. Schwarzvelours-Selbstklebefolie aus dem Baumarkt für komplett vielleicht 18 Euro wird nach Absaugen und Fusselabrollen derselben in den Tubus und das Innere des Okularauszugs eingeklebt. Alle Abbauten wieder in umgekehrter Reihenfolge einbauen. Dauer: vielleicht 2-3 Stunden.
- Lüfter: (anzuraten): die einfachste Möglichkeit meines Erachtens ist ein Computerzubehör-Lüfter, der auf schwarze Hartschaumplatte angebracht wird. Die billige Hartschaumplatte ist schwarz, wetterfest, leicht und mit einer starken Schere zu schneiden. So wird für den Lüfter ein Loch und am Umfang der Hauptspiegelzelle unten ein entsprechender Ausschnitt ausgeschnitten, daß eine Lüfterverplattung entsteht, und der Venti die Luft aus dem Tubus am Hauptspiegel vorbei nach unten außen weg zieht. Abdichtung kann durch Moosgummi erfolgen, Fixierung über Gurte, Klett, Gummiband oder Magneten. So kühlt das Instrument schneller aus, läuft der fallenden Nachtkühle nicht weit hinterher - bildverschlechterndes Tubus-Seeing bleibt aus - und schließlich wird noch überhaupt für Hochvergrößerung die Luftströmung koordiniert, was der Abbildung zuträglich ist. Mit Akkus vom Discounter, einem Batteriehalter von einem beliebigen Elektro-Discounter und der benötigten 20x40cm²-Hartschaumplatte aus dem Baumarkt kann eigentlich nichts schief gehen. Das ganze ist einfach spurenlos abnehmbar und für rund 20 Euro komplett zu realisieren. Bei gewissenhafter Ausführung wird der Anfänger wohl einen Nachmittag brauchen.
- Tubusverlängerung himmelwärts: (empfehlenswert) bringt bessere Abschirmung von Streulicht und der Atemwärme des Beobachters, schützt noch zusätzlich den Fangspiegel vor Tau und Reif, spurenlos abnehmbar. Ich empfehle einen dreischichtigen Aufbau: innen Selbstklebe-Schwarzvelours, mittig: 1,25-mm-PE-Folie (Meterware Baumarkt, Eurofuffzich) und außen Heizkörpertapete (ca. 8 Euro für das ganze Rohr). Die Tubusverlängerung sollte leicht trichterförmig öffnen zum Himmel hin (für die üblichen Tuben des Marktes). Vielleicht eine halbe Stunde Aufwand.
- Tubusisolierung: "Heizkörpertapete"=biegsames Styropor, mit Aluminiumfolie beklebt mit der Alufolie nach außen auf der Rolle für wenig Euro im Baumarkt: In mehreren Stücken um den Tubus gelegt, eventuell Zuschnitt für Höhenräder mit der Schere. Befestigung durch Gurte, Riemen oder Gummispannringe. Spurenlos abnehmbar. Beruhigt die Luft noch weiter im Rohr, schirmt vor Beobachterwärme ab, denn jede Wärmeschwade stört die Wellenfront der Objekte massiv. Bildverbesserung. Schnell und unkompliziert.
-Rockerbox: meiner Erfahrung nach hilft für etwaige Probleme der AZ-Drehbewegung (rechts/links) das saubere Einstellen der Zentralmutter und gegebenenfalls Anbringen einer Kontermutter (Cents, Sekunden). Im Höhenlager half mir das einseitige Aushängen der Spannfeder und Anbringen von Aquarienmagneten (3 Stck aus dem Discounter, sind schön velourst) als "Gegengewicht" in Hauptspiegelnähe. Tipp: von unten her anbringen, dann bleibt das Gleichgewicht auch bei unterschiedlicher Höhenausrichtung erhalten.
Mit diesen Maßnahmen ist die Leistung jedwelchen Newton-Geräts, gleich ob Dobson oder parallaktisch nochmals deutlich höher, wenn er nicht bereits so sein sollte (im High-End-Bereich durchaus möglich). Gerade für budgetlimitierte Einsteiger kann so nochmals kostenschonend ein Leistungsschub erzielt werden. All diese Bastelarbeiten kommen mit Schrauben, Kleben und Schneiden aus, so daß weder ein Maschinenpark noch sonstwelche Fachfertigkeiten nötig sind. Die Materialien sind niederpreisig und gut verfügbar. Die einzelnen Maßnahmen sind auf vielen Homepages von Mitgliedern dokumentiert und genau beschrieben. Auch ist es gang und gäbe, sich dabei unter Sternfreunden zu helfen. Schließlich: bis auf die Tubusinnenschwärzung durch das Klebevelours sind alle Maßnahmen spurenlos abnehmbar. Falls also - entgegen den Erwartungen - doch einmal ein Weiterverkauf anstehen sollte oder beim Basteln etwas nicht perfekt gelingt, macht das dem Gerät selbst nichts. Der für Anfänger als problematischst anzusehende Knackpunkt ist vielleicht die Grundjustage nach dem Velours-Tuning, hier sollte man sich vielleicht einen bewanderten Sternfreund zu einladen, oder die Justage bei einer gemeinsamen Beobachtung unterm Firmament mit diesem zusammen machen. Die Kenntnis um die Justage brauchst Du sowieso, so daß auch dies relativiert zu sehen ist.
Anmerkung zu sonstigem Zubehör für den Sternfreund: eine verstellbare Sitzgelegenheit (Bügelstuhl z. B

, eine Rotlichtlampe (Fahrrad-LED-Licht, vielleicht etwas mit Klebeband abkleben) und einen (Taschen)-Himmelsatlas (z. B. Karkoschka) halte ich für die unverzichtbaren nichtoptischen Ausrüstungsgegenstände des Sternguckers. Hier findet sich aber fast immer schon das ein oder andere daheim.
Ich wünsche Dir Kontakte zu Kollegen in der Nähe, eine besonnene Teleskopwahl und klare Himmel mit Top-Bedingungen,
Matthias.