Hallo Michael,
vergiß die Markierung auf dem Fangspiegel. Denn eine solche Markierung ist Unsinn, wenn nicht zugleich angegeben wird, für welches Öffnungsverhältnis sie gilt. Der Offset muß nämlich um so größer sein, je weiter sich der Lichtkegel öffnet, also je größer das Öffnungsverhältnis ist (um Mißverständnisse zu vermeiden: f/4 ist ein größeres Öffnungsverhältnis als f/6). Die Markierung auf dem Fangspiegel müßte also für einen lichtstarken Fangspiegel (z.B. f/4) schon relativ weit aus der Mitte der Farngspiegel-Ellipse versetzt sein, bei einem lichtschwachen Spiegel (z.B. f/8) aber sehr nahe an der Mitte.
Worauf es beim Justieren zunächst ankommt, ist nur, daß der Fangspiegel beim Blick durch den leeren Fokussierertubus genau aus der Position des Primärfokus kreisrund aussieht und zentrisch zum Fokussierertubus liegt. Es ist dabei wirklich wichtig, daß sich das Auge (genauer: die Mitte der Pupille) in der Symmetrieachse des Fokussierertubus und in der Primärfokusebene befindet! Wenn man ein Filmdöschen mit kleinem Loch zu Hilfe nimmt, um die Augenposition zu präzisieren, sollte das Loch vielleicht etwa 5 mm vor dem Primärfokus (also vom Primärfokus aus nach innen) liegen, damit die Augenpupille dahinter in etwa im Primärfokus liegt. Das Loch im Filmdöschen sollte nicht so groß wie die voll ausgeleuchtete Feldblendenfläche sein, wie in einem anderen Beitrag weiter oben gesagt wird, sondern so klein wie möglich, um gerade noch den ganzen innenseitigen Rand des Fokussierertubus sehen zu können! Nur dann ist ausreichend genau die Lage der Pupille in der optischen Achse gewährleistet.
Wenn sich das Loch im Filmdöschen und die Pupille zu weit innen befinden, wird der Fangspiegel unter einem zu großen Öffnungswinkel betrachtet und es ergibt sich beim Justieren des Fangspiegels eine zu große Entfernung vom Hauptspiegel. Umgekehrt wird bei zu weit außen liegendem Loch im Filmdöschen und entsprechend auch zu weit außen liegender Augenpupille der Fangspiegel unter einem zu kleinen Öffnungswinkel gesehen und die Justage führt zu einem zu kleinen Abstand des Fangspiegels vom Hauptspiegel.
Ich will noch zwei weitere oft falsch angegebene Zusammenhänge klarstellen.
1. Der Offset kann wahlweise durch entsprechenden Versatz des Fangspiegels zur Spinne oder bei zur Spinne symmetrischer Fangspiegelanordnung durch entsprechenden Versatz der Spinne im Tubus bzw. im Hut eines Gitter-Dobsons realisiert werden. Es ist also völlig egal, ob an der Spinne ein Offset erkennbar ist oder nicht, entscheidend ist nur, daß der Spiegel einen Offset aufweist (der allerdings bei kleinen Öffnungsverhältnissen unter etwa f/8 so klein ist, daß er vernachlässigt werden kann). Wenn überhaupt ein Unterschied zwischen Fangspiegel-Offset mit zentrischer Spinne oder exzentrischer Spinne mit zur Spinne symmetrische angeordnetem Fangspiegel festzustellen sein sollte, dann (je nach Form, Dicke und Tiefe der Spinnenstreben) nur im minimal veränderten Beugungsbild. Aber selbst das ist so wenig, daß es eigentlich nur theoretisch nachgewiesen, aber parktisch nicht beobachtet werden kann.
2. Streng genommen könnte man auch auf einen Offset des Fangspiegels relativ zur Teleskoptubus-Achse verzichten. Denn wenn man die Kollimation vollständig und exakt durchführt, ergibt sich automatisch doch wieder der richtige Offset dadurch, daß am Ende der Hauptspiegel ein klein wenig gegenüber der Tubusachse in Richtung zum Fokussierer hin verkippt ist, also nicht mehr zur Mitte der Fangspiegelellipse (Schnittpunkt der kleinen und großen Achse) hin peilt, sondern etwas mehr zum Fokussierer hin. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß der Fangspiegel relativ zur optischen Achse des Hauptspiegels vom Fokussierer weg versetzt ist, und genau das ist der richtige Offset!
Ich habe mir viele Seiten im Internet zu diesem Thema angesehen und bisher auf keiner einzigen diese Tatsache beschrieben und erklärt gefunden. Daher wollte ich es mal hier kundtun, um alle die zu beruhigen, die sich Sorgen um den richtigen Offset machen. Fazit: Es ist eher eine kosmetische Frage, den exakten Offset bereits durch Versatz des Fangspiegels gegenüber der Spinne oder Versatz der gesamten Spinne mit zentrischen Fangspiegel zu realisieren. Wenn dies nicht oder nicht genau genug geschehen ist, wird es ganz automatisch beim richtigen Kollimieren korrigiert, und der einzige (wiederum nur kosmetische) Nachteil ist dann, daß der optische Achse des Hauptspiegels minimal schräg zur Tubusachse verläuft. Solange der Tubus vorne weit genug ist, um bei dieser leichten Schräglage nicht zu vignettieren, hat das keinerlei negative Folgen für die Bildqualität - sowohl bezüglich Schärfe, Kontrast und Beugungsverhalten als auch hinsichtlich der Bildfeldausleuchtung (Randvignettierung bei langbrennweitigen Okularen mit großem Gesichtsfeld).
Vielleicht habe ich dadurch manche fest Meinung zum Einsturz gebracht, aber das wäre auch von Vorteil, weil es besser ist, falsche Ansichten zu revidieren, als sie von Generation zu Generation fortzuschreiben.
Weil ich immer wieder auf weitverbreitete Unklarheiten stoße, seit ich mich an diesem Forum beteilige, überlege ich nun, ob ich nicht doch mal ein kleines Buch oder zumindest eine Broschüre über all diese Themen schreiben soll. Wäre sowas von allgemeinem Interesse?
Schließlich möchte ich für alle, die sich ausführlicher mit der Kollimation vertraut machen wollen und nicht wissen, wo sie Informationen darüber finden, einige Internetseiten empfehlen (die aber leider auch nicht meine obigen Informationen enthalten).
Ausführliche deutsche Erklärung der Kollimation:
http://home.t-online.de/home/Dr.Strickling/newtonj.htm
Sehr anschauliche englische Erklärung, sehr gut illustriert:
http://skyandtelescope.com/howto/scopes/article_787_1.asp
http://www.fpi-protostar.com/collim.htm
Weiterführende englische Informationen zum gleichen Thema:
http://www.efn.org/~mbartels/tm/collimat.html
http://w1.411.telia.com/~u41105032/kolli/kolli.html
http://w1.411.telia.com/~u41105032/autocoll/autocoll.htm
http://w1.411.telia.com/~u41105032/myths/myths.htm
MfG Walter E. Schön
PS.: Weil mir auffiel, daß viel von Euch irgendeinen schlauen (manchmal auch weniger schlauen Spruch) wie ein Motto an ihre Beiträge anhängen, möchte auch ich diesmal einen solchen mit Bezug zum Thema Astronomie zum besten geben:
„Der Mond ist nicht nur kleiner als die Erde, er ist auch viel weiter von ihr entfernt“