Ursus corpulentus
Aktives Mitglied
Liebe Altglassammler,
ein paar Sätze in der Rubrik "Selbstbau", da das Teil, um das es hier geht, zwar auch irgendwie "alt" ist im weitesten Sinne, in erster Linie aber komplett selbstgebaut. Und das in einer Perfektion, die mich zutiefst beeindruckt. Leider nicht von mir!
Doch der Reihe nach.
Angefangen hat alles dieses Frühjahr, als ich über eine Kleinanzeige in Kontakt zu einem privaten astronomischen Verein in der Nordschweiz kam. Sie boten gegen eine "Spende" an den Verein allerei Dinge an, die sich im Laufe der Jahrzehnte bei ihnen angesammelt hatten.
(Es geht wohl wahrscheinlich allen astronomischen Vereinen auf der Welt so, habe ich gedacht, dass die Hinterbliebenen die Sachen des Opas, wenn er gestorben ist, an den Verein geben; sei es aus Unwissenheit ob deren Wert oder reiner Nostalgie ["Monatelang hat er im Keller gesessen, ganz allein, bis das Ding fertig war!] - Und jetzt wohin damit?").
Auf jeden Fall war die Auswahl bei den Eidgenossen so abwechslungsreich wie abenteuerlich: alte japanische Refraktoren, Elektronik, Montierungen, Spiegel und Kleinkram, von dem niemand mehr so richtig wusste, wofür er einst gedacht war - herrlich! Das Meiste war, Gott sei Dank, schon weg, doch ich konnte eine schöne alte, riesige Meade Montierung (DS16 EQ) ergattern für eine sehr bescheidene Spende. Das dazugehörige Instrument, so wurde mir mitgeteilt, würde der Verein aber gerne selbst behalten. Was für mich völlig okay war, ich hatte es nie "auf dem Schrim" gehabt, ja wusste nicht einmal genau, um was es sich handelte. Als der Tag kam, die, zumindest für mich, gigantische Montierung abzuholen, fuhr ich zusammen mit meiner Frau in die Schweiz - sie hat das größere Auto.
Als die Montierung, nachdem wir sie gemeinsam zerlegt hatten, glücklich im Auto verstaut war, eröffnenten mir die Schweizer Kollegen, dass sie sich entschieden hätten, mir den Newton doch noch mitzugeben. Ohne weitere Spende. Sie hätten genügend Instrumente im Club und sie fänden es schade, wenn es weiterhin sein trauriges Dasein auf einem Regalbrett im Clubhaus fristen würde. Er (der Newton) verbrachte seine Zeit zwar einem breit orange-weiß gestreiften Überzug, der aussieht, als ob er aus einem Sonnenschirm gefertigt wurde. Doch selbst diese sommerliche Aufmunterung schlug mit den Jahren in Frustration ob seines Nichtgebrauchs um, im selben Maße, wie die orangefabenen Streifen im Laufe der Zeit verblassten.
Ein anständiger Newton für die Museumssternwarte! Cool! Der Kollege hatte mir im Vorfeld zwar schon ein Bild davon geschickt, und ja, das Teil war schon groß; irgendwie. Doch wie groß wurde mir erst klar, als ich ihn in seinem gestreiften "Schlafanzug" auf dem Regal liegen sah. Das Ding ist fast zwei Meter lang. Zum Auspacken sind zwei Leute nötig, doch es lohnt sich:

Der Haken war nur, dass unser Auto zu klein (!) war, um das Teleskop auch noch hineinzubekommen. Nix Grab & Go.
Schmunzelnd riet mir der Schweizer Kollege, es zu einem späteren Zeitpunkt zu holen. "Bring ein gößeres Auto mit" war sein lakonischer Hinweis.
Das habe ich letzte Woche gemacht.
Und seit zwei Abenden sitze ich auf meinem Carport-Dach und spiele mit einem Teleskop rum, das deutlich größer ist, als ich selbst (ich bin dafür doppelt so schwer), mich komplett überfordert und dennoch einen riesen-Spaß macht.
Meine Nachbarn fragen sich natürlich wieder einmal, was der Typ jetzt auf seinem Dach stehen hat. Ich überlege ernsthaft, das Ganze an den Rand des Dachs zu schieben, den Tubus steil zu stellen, vorne eine Schnur mit einem kleinen Karabinerhaken dranzubinden und dem ersten, der fragt, zu erzählen, es sei ein Kran für meine Gießkanne im oberen Stock.

Beobachtet man in Zenitnähe, dann ist man gezwungen, auf irgendetwas etwas draufzustehen. In meinem Fall - die professionellen UVV'ler mögen das bitte überlesen - klettere ich von einem handelsüblichen kleinen, hölzernen Tritt auf einem Hocker; im trüben Schein der roten Stirnleucht in sonst völliger Dunkelheit. Abenteuerlich! Vor allem auf einem Dach. Aber dafür habe ich mir die Gin Tonics gespart (es ist außerdem zu kühl für Eiswürfel mittlerweile).

Die Nachführung erfolgt mittels zwei schönen Hangriffen am oberen Ende des Gittertubus', wobei ich mit der äquatorialen Führung kämpfe. Das Ding will nicht so, wie ich. Äquatorial-Rodeo; es fühlt es sich an wie ein bockiger Esel. Und aufgrund der Bauart ergeben sich natürlich die üblichen Yoga-Haltungen beim Beobachten: von gaaanz unten (der Panda hält Winterschlaf) bis gaaanz oben (der Bambus streckt sich nach dem Mond). Beobachtet man zu zweit, könnte ein Außenstehender es für Astro-Kama-Sutra halten.
Das Auffinden des Objekts ist ebenfalls abenteuerlich. Der selbstgebaute Sucher - eine gravierte Plexiglasscheibe, von unten beleuchtet - ist an sich gut durchdacht, nur muss ich noch den Anschluss für die Kabel ändern. Die montierten Stecker passen wahrscheinlich an das klingonische Bordnetz, aber an nichts, was ich je gesehen habe. Spaßhalber habe ich mal eine Batterie drangehalten und - es hat gefunzt! Schön orangefarbener Schein auf dem Plexiglasfadenkreuz (Erinnert stark an das Notvisier aus dem Flakpanzer Gepard).
Beholfen habe ich mir, indem ich einen kleinen Refraktor mit Leuchtpunktvisierung auf das entsprechende Objekt eingerichtet, und den Newton dann danebengestellt habe. Dann habe ich von Weitem über beide Tuben gepeilt und sie in der Höhe parallel gestellt, so gut es ging. Die seitliche Ausrichtung erfolgte über das Entlangpeilen an einer der fast zwei Meter langen Streben wie über einen Gewehrlauf (ich bin Förster von Beruf) und siehe da: die Anfängernebel (M31 und M13) konnte ich nach etwas 'Rumprobieren erfolgreich anschießen. Und seit gestern Abend weiß ich, dass M13 wirklich aus einzelnen Sternen besteht und kein kosmologischer Wattebausch ist.
Der Okularauszug ist eigentlich ein Okular-Vorschub, funktioniert aber tip-top, wenn auch etwas schwergängig. Technik die begeistert. Ach ja, die Brennweite liegt irgendwo um die 1500 Millimeter.

Der Hauptspiegel hat 8 Zoll und ist in sehr gutem Zustand mit einer einzigen klitzekleinen Beschädigung - eine Art Steinschlag - bei der ich mich ernsthaft frage, wie sie Zustande kam.

Gebaut wurde das Instrument von einem Baseler Feinmechaniker-Meister. Ich bin zutiefst beeindruckt von der Qualität seiner Arbeit, selbst wenn mir das Wissen dazu fehlt, sie konstruktiv beurteilen zu können. Aber das gesamte Teleskop ist, bis ins Detail, unglaublich sauber und mit großer Hingabe verarbeitet. Es ist in jeder Hinsicht ein sehr, sehr beindruckendes Instrument. Und ich bin außerordentlich glücklich, dass es den Weg zu mir gefunden hat. Auch wenn ich sein wahres Potenzial wahrscheinlich nie ausreizen werde. Mangels Sachverstand.
Schließen möchte ich mit ein paar weiteren Bildern.
Ich werde versuchen, etwas mehr über das Teleskop und vor allem seinen Erbauer herauszufinden. Falls ihn oder sein Werk jemand von Euch kennt, wäre ich sehr glücklich über ein Feedback.



Newton'sche Grüße sendet Euch allen der
Ursus
ein paar Sätze in der Rubrik "Selbstbau", da das Teil, um das es hier geht, zwar auch irgendwie "alt" ist im weitesten Sinne, in erster Linie aber komplett selbstgebaut. Und das in einer Perfektion, die mich zutiefst beeindruckt. Leider nicht von mir!
Doch der Reihe nach.
Angefangen hat alles dieses Frühjahr, als ich über eine Kleinanzeige in Kontakt zu einem privaten astronomischen Verein in der Nordschweiz kam. Sie boten gegen eine "Spende" an den Verein allerei Dinge an, die sich im Laufe der Jahrzehnte bei ihnen angesammelt hatten.
(Es geht wohl wahrscheinlich allen astronomischen Vereinen auf der Welt so, habe ich gedacht, dass die Hinterbliebenen die Sachen des Opas, wenn er gestorben ist, an den Verein geben; sei es aus Unwissenheit ob deren Wert oder reiner Nostalgie ["Monatelang hat er im Keller gesessen, ganz allein, bis das Ding fertig war!] - Und jetzt wohin damit?").
Auf jeden Fall war die Auswahl bei den Eidgenossen so abwechslungsreich wie abenteuerlich: alte japanische Refraktoren, Elektronik, Montierungen, Spiegel und Kleinkram, von dem niemand mehr so richtig wusste, wofür er einst gedacht war - herrlich! Das Meiste war, Gott sei Dank, schon weg, doch ich konnte eine schöne alte, riesige Meade Montierung (DS16 EQ) ergattern für eine sehr bescheidene Spende. Das dazugehörige Instrument, so wurde mir mitgeteilt, würde der Verein aber gerne selbst behalten. Was für mich völlig okay war, ich hatte es nie "auf dem Schrim" gehabt, ja wusste nicht einmal genau, um was es sich handelte. Als der Tag kam, die, zumindest für mich, gigantische Montierung abzuholen, fuhr ich zusammen mit meiner Frau in die Schweiz - sie hat das größere Auto.
Als die Montierung, nachdem wir sie gemeinsam zerlegt hatten, glücklich im Auto verstaut war, eröffnenten mir die Schweizer Kollegen, dass sie sich entschieden hätten, mir den Newton doch noch mitzugeben. Ohne weitere Spende. Sie hätten genügend Instrumente im Club und sie fänden es schade, wenn es weiterhin sein trauriges Dasein auf einem Regalbrett im Clubhaus fristen würde. Er (der Newton) verbrachte seine Zeit zwar einem breit orange-weiß gestreiften Überzug, der aussieht, als ob er aus einem Sonnenschirm gefertigt wurde. Doch selbst diese sommerliche Aufmunterung schlug mit den Jahren in Frustration ob seines Nichtgebrauchs um, im selben Maße, wie die orangefabenen Streifen im Laufe der Zeit verblassten.
Ein anständiger Newton für die Museumssternwarte! Cool! Der Kollege hatte mir im Vorfeld zwar schon ein Bild davon geschickt, und ja, das Teil war schon groß; irgendwie. Doch wie groß wurde mir erst klar, als ich ihn in seinem gestreiften "Schlafanzug" auf dem Regal liegen sah. Das Ding ist fast zwei Meter lang. Zum Auspacken sind zwei Leute nötig, doch es lohnt sich:

Der Haken war nur, dass unser Auto zu klein (!) war, um das Teleskop auch noch hineinzubekommen. Nix Grab & Go.
Schmunzelnd riet mir der Schweizer Kollege, es zu einem späteren Zeitpunkt zu holen. "Bring ein gößeres Auto mit" war sein lakonischer Hinweis.
Das habe ich letzte Woche gemacht.
Und seit zwei Abenden sitze ich auf meinem Carport-Dach und spiele mit einem Teleskop rum, das deutlich größer ist, als ich selbst (ich bin dafür doppelt so schwer), mich komplett überfordert und dennoch einen riesen-Spaß macht.
Meine Nachbarn fragen sich natürlich wieder einmal, was der Typ jetzt auf seinem Dach stehen hat. Ich überlege ernsthaft, das Ganze an den Rand des Dachs zu schieben, den Tubus steil zu stellen, vorne eine Schnur mit einem kleinen Karabinerhaken dranzubinden und dem ersten, der fragt, zu erzählen, es sei ein Kran für meine Gießkanne im oberen Stock.

Beobachtet man in Zenitnähe, dann ist man gezwungen, auf irgendetwas etwas draufzustehen. In meinem Fall - die professionellen UVV'ler mögen das bitte überlesen - klettere ich von einem handelsüblichen kleinen, hölzernen Tritt auf einem Hocker; im trüben Schein der roten Stirnleucht in sonst völliger Dunkelheit. Abenteuerlich! Vor allem auf einem Dach. Aber dafür habe ich mir die Gin Tonics gespart (es ist außerdem zu kühl für Eiswürfel mittlerweile).

Die Nachführung erfolgt mittels zwei schönen Hangriffen am oberen Ende des Gittertubus', wobei ich mit der äquatorialen Führung kämpfe. Das Ding will nicht so, wie ich. Äquatorial-Rodeo; es fühlt es sich an wie ein bockiger Esel. Und aufgrund der Bauart ergeben sich natürlich die üblichen Yoga-Haltungen beim Beobachten: von gaaanz unten (der Panda hält Winterschlaf) bis gaaanz oben (der Bambus streckt sich nach dem Mond). Beobachtet man zu zweit, könnte ein Außenstehender es für Astro-Kama-Sutra halten.
Das Auffinden des Objekts ist ebenfalls abenteuerlich. Der selbstgebaute Sucher - eine gravierte Plexiglasscheibe, von unten beleuchtet - ist an sich gut durchdacht, nur muss ich noch den Anschluss für die Kabel ändern. Die montierten Stecker passen wahrscheinlich an das klingonische Bordnetz, aber an nichts, was ich je gesehen habe. Spaßhalber habe ich mal eine Batterie drangehalten und - es hat gefunzt! Schön orangefarbener Schein auf dem Plexiglasfadenkreuz (Erinnert stark an das Notvisier aus dem Flakpanzer Gepard).
Beholfen habe ich mir, indem ich einen kleinen Refraktor mit Leuchtpunktvisierung auf das entsprechende Objekt eingerichtet, und den Newton dann danebengestellt habe. Dann habe ich von Weitem über beide Tuben gepeilt und sie in der Höhe parallel gestellt, so gut es ging. Die seitliche Ausrichtung erfolgte über das Entlangpeilen an einer der fast zwei Meter langen Streben wie über einen Gewehrlauf (ich bin Förster von Beruf) und siehe da: die Anfängernebel (M31 und M13) konnte ich nach etwas 'Rumprobieren erfolgreich anschießen. Und seit gestern Abend weiß ich, dass M13 wirklich aus einzelnen Sternen besteht und kein kosmologischer Wattebausch ist.
Der Okularauszug ist eigentlich ein Okular-Vorschub, funktioniert aber tip-top, wenn auch etwas schwergängig. Technik die begeistert. Ach ja, die Brennweite liegt irgendwo um die 1500 Millimeter.

Der Hauptspiegel hat 8 Zoll und ist in sehr gutem Zustand mit einer einzigen klitzekleinen Beschädigung - eine Art Steinschlag - bei der ich mich ernsthaft frage, wie sie Zustande kam.

Gebaut wurde das Instrument von einem Baseler Feinmechaniker-Meister. Ich bin zutiefst beeindruckt von der Qualität seiner Arbeit, selbst wenn mir das Wissen dazu fehlt, sie konstruktiv beurteilen zu können. Aber das gesamte Teleskop ist, bis ins Detail, unglaublich sauber und mit großer Hingabe verarbeitet. Es ist in jeder Hinsicht ein sehr, sehr beindruckendes Instrument. Und ich bin außerordentlich glücklich, dass es den Weg zu mir gefunden hat. Auch wenn ich sein wahres Potenzial wahrscheinlich nie ausreizen werde. Mangels Sachverstand.
Schließen möchte ich mit ein paar weiteren Bildern.
Ich werde versuchen, etwas mehr über das Teleskop und vor allem seinen Erbauer herauszufinden. Falls ihn oder sein Werk jemand von Euch kennt, wäre ich sehr glücklich über ein Feedback.



Newton'sche Grüße sendet Euch allen der
Ursus