Re: Einstiegsteleskop
Hallo Luis (ich nu' wieder...),
was an deiner Einstellung grundrichtig ist, ist daß Du die praktischen Erwägungen
an der Amateurastronomie nicht unterschätzt und bereits völlig zu Recht vermutest,
daß diese das Beobachtungserlebnis eines Anfängers gerade in der Startphase ziemlich
dominieren können.
Nun folgerst Du allerdings aus dem Rat vom Mainzelmann mit einem 8"er Dobs anzufangen,
ihm ginge es in erster Linie darum eine optisch wünschenswerte dicke Haubitze in
Stellung zu kriegen.
Das stimmt so einfach nicht und sein Rat (wie auch der von Stathis oder vom Astrokockel und vielen anderen)
hat schon sehr gute Gründe:
Die Optik ist beim Dobs (meiner Meinung nach) gar nicht DER springende Punkt im Vergleich zu
anderen Rohren:
Die Montierung ist es. Das die es erlaubt schon zu einer ganz ordentlichen Öffnung zu greifen,
ist ein prima Sekundäreffekt.
Allerdings: Im Vergleich zu einer einigermaßen guten paralaktischen Montierung ist die Dobsonmontierung
leichter, billiger, schneller einsatzbereit, wartungsärmer und mit unter sogar
stabiler (obwohl letzteres ist so nicht zu verallgemeinern, weil das Prinzip ist zu verschieden).
Gerade Anfänger verlieren über das ganze paralaktische Gerümpel schnell die Sterne
aus den Augen und in Folge dessen oft auch die Lust.
Dazu mal ein Beispiel:
Ich habe erst im Dezember mal zwei Leute mitgeschleppt, die mal in die Sache mal "reinrichen"
wollten. Beide tendierten in Richtung Meade 10" SC als erstes Rohr und auch das
Wort Fotografie fiel da das ein um's andere mal.
Na das könnt ihr haben, hab' ich mir gedacht, dann laden wir euch mal das C9 ein.
Den Jungs habe ich den Kofferaum aufgesperrt und dann haben die unter meiner
Anleitung mein paralaktisch montiertes C9 aufgebaut. Wir gingen es flott an, aber
beim ersten Mal dauert's halt a Bissel. Erst vierzig+ Minuten später war dann der
Saturn endlich im Kasten.
Erste spontane Äußerung VOR dem verdienten ersten Blick (frei übersetzt): "Wow, ist
das jedesmal so ein Aufstand?"
Dafür genossen sie den nachgeführten Anblick sehr - gaaanz in Ruhe fokussieren und
Okulare tauschen ("Guck mal - die Monde!") usw - und allgemeine Begeisterung stellt sich ein.
Zwei Uhr Morgens dann der Abbau und das anschließende Trocknen der taubeschlagenen
Teile - Begeisterung beim Abbauen ("Gääähn, ham' wir alles?") dann aber eher mäßig.
Eine Woche später war dann der 8"er Leihdobs auf der gleichen Tour: Zehn Minuten Aufbau
(schleppen inkl.) und bums war auch hier Saturn im Rohr. Dafür aber eben nicht motorisch
nachgeführt. Der eine fand das 'rumgedobse eher nervig, der andere eigentlich gar nicht
und hatte den Dreh mit dem Telrad ruckzuck raus. Abbau a la Dobs dann für beide kein Thema.
Eine Linsentour mit einem kleinen Pentax Refraktor hab' ich ihnen auch noch vermittelt
(war' ich aber nicht dabei). Dem Vernehmen nach waren die Planeten damit prima, Deepsky
allerdings (nach 8 Zoll eine Woche vorher nicht überraschend) eher etwas mau.
Zwischenfazit: Einer der beiden ist sich nicht sicher, ob die Amateurastronomie
überhaupt was für ihn ist (ehrlicher Kommentar: "Ich dachte man sieht schon etwas
mehr von den Galaxien. Der visuelle Eindruck ist so ganz anders als die Fotos, die
man so kennt...") und überlegt es sich noch, Nummer zwo spart jetzt auf einen 8"Dobs
dieser Art (
http://www.starsplitter.com/m_com.html) und nervt mich dauernd damit,
ihm bis dahin noch mal ab und an das C9 zu leihen (seufz).
Groß geraten habe ich denen zu gar nix. Nehmen muß man (wenn's ein Hobby sein soll), was
einem Spaß macht. Was weiß denn ich, was denen Spaß machen wird?
Was der Purist als willkommene Herausforderung empfindet, ist für den Nächsten pure
Selbstkasteiung. Was der technikverliebte Astrofreak als befreiendes Muß empfindet ist
für den Puristen störender Ballast.
Nachdem ER sich auf den Dobs festgelegt hat, waren wir dann mal gucken, was es in der Richtung
in seinem Limit so alles gibt.
Daher: Es bleibt dir einfach nicht erspart Luis, deinen eigenen Weg zu finden, denn die ganze Sache
muß letztendlich dir und nur dir Spaß machen. Sonst keinem.
Und keine noch so sachliche Erwägung kann dir z.B. verraten ob Du nun Rennradfahren oder Mountenbiken
ansprechender findest. Da muß man schon erst mal eine Runde selber losradeln.
Und darum geht dieser Kommentar:
------------------------------------------------------------------------------------------------------
Ich halte zum Beispiel die oft gestellte Frage an ratsuchende Anfänger "Was willst du denn machen?
Sonne, Deep Sky, Planeten, Fotografie, Richfield, etc. - davon werden Teleskopvorschläge abhängen"
für richtig aber in diesem Fall trotzdem SEHR bedenklich... woher soll ein Anfänger wissen, wo seine
Vorlieben liegen werden, wenn er eben ein Anfänger ist?
------------------------------------------------------------------------------------------------------
voll an der Sache vorbei:
denn SEHR bedenklich ist vielmehr die Tatsache, daß viele Anfänger nach einem Telekop fragen, ohne
anscheined jemals durch eines hindurchgeschaut zu haben. Das läuft anscheined heutzutage so:
fragen - kaufen - gucken
Was für eine Antwort erwarten die denn?
Keine Ahnung Luis, welche sie allerdings von mir kriegen ist für mich klar:
fragen - gucken - noch mal fragen- noch mal gucken - kaufen und bitte NICHT andersherum.
Denn sehr richtig:
------------------------------------------------------------------------------------------------------
Bei den häufigen Fragen an ahnunglose Anfänger nach dem Anwendungsbereich kommt es mir vor wie jemandem,
der Eislaufen lernen will und sich nach guten Schlittschuhen erkundigt, am ersten Tag zu Fragen: "Willst
du damit den dreifachen Flickflack oder den fünffachen Flattermann lernen?". Was wird da wohl für eine
Antwort kommen...?
------------------------------------------------------------------------------------------------------
Ich persönlich habe z.B. Schlittschuhe laufen mit einem geliehen Paar und ein paar Freunden zur
Unterstützung gelernt. Hat gut hingehauen (wortwörtlich).
Und ich vermute auch, daß die Leutchen, die dir hier zum Dobs geraten haben, daher genau daß hier:
------------------------------------------------------------------------------------------------------
Geschickter finde ich dann die Frage "Welche Beobachtungsmöglichkeiten hast du denn?" und dann entsprechend
der Mobilitätsnotwendikeit des Fragestellers ein möglichst passendes (aber trotzdem möglichst viele Bereiche
abdeckendes) Instrument vorzuschlagen.
------------------------------------------------------------------------------------------------------
im Sinn hatten.
Für jemand der keinen Plan hat was er eigentlich will, ist ein Allrounder wie der 8"er Dobs von der Optik
und vom Handling her meiner Ansicht nach ein guter Tipp, der selten voll daneben gehen wird.
Paralaktische montierte Teleskope würde ich aus eigener Erfahrung z.B. nicht an einen Anfänger empfehlen,
der sowas in finsterer Nacht nicht wenigstens einmal auf und abgebaut hat.
Bei dir ist mir da doppelt mulmig, denn jemandem ein Teleskop
zu empfehlen, daß auch im Handgepäck im Flieger noch eine gute Figur macht,
ist gar nicht so einfach (wenn's preislich im Rahmen beleiben soll).
So (Mann ist das schon wieder lang...),
jeddefalls: viel Glück bei deiner Odysee
Mario