Im Sternbild Schwan befinden sich in enger Nachbarschaft zwei Planetarische Nebel. Der erste, MWP 1 mit seiner Katalognummer, ist deutlich heller als der zweite namens Alv 1. Wie das aktuelle AdM zeigt, passen sie gut ins Gesichtsfeld mittelbrennweitiger Optiken. Bildautor ist Axel Rau, Mitglied der Fachgruppe Astrofotografie.
Die Aufnahmen zu diesem AdM entstanden im Zeitraum 28., 29. und 30.07.2024, dazu am 22. und 23.08.2024. Aufnahmeort war Pfullendorf (Baden-Württemberg). Zwei Photo-Newton-Teleskope von Lacerta waren parallel im Einsatz: (a) 250 mm / 750 mm, (b) 200 mm / 800 mm. Dazu kamen dann zwei Kameras des Typs ASI294MM Pro von ZWO. Mit dem ersten Photo-Newton entstanden fülgende Schmalbandbelichtun gen: Ha: 56 x 600 s, [O III]: 58 x 600 s. Die RGB-Aufnahmen am zweiten Photo-Newton wurden wie folgt belichjtet: R: 5 x 180 s, G: 5 x 180 s, B: 4 x 180 s. Insgesamt waren das dann 19,7 h.
Hier in Kürze die Schritte der Bildbearbeitung mit PixInsight gemäß Beschreibung des Autors:
(a) Die Rohdaten der Filteraufnahmen beider Teleskope wurden gemeinsam mit DrizzleIntegration aufaddiert, (b) Dann 2 x BlurXTerminator mit den Einzelbildern, (c) Entfernung der Sterne mit StarXTerminator und Glättung mit NoiseXTerminator, (d) Kombination der Summenbilder zum Bicolorbild, (e) Anpassung der relativen Intensitäten mit NarrowbandNormalization und BackgroundNeutralization Streckung, (f) Einmischen der Sterne aus dem [OIII]-Kanal mit PixelMath, (g) Einmischen der Sternfarben aus dem RGB-Bild mit NBStarColorsFromRGB.
Das Bild mit einem Gesichtsfeld von 78,3' x 49,4' zeigt einen Ausschnitt im Schwan, den man erst einmal wiederfinden muss ... Zu unbekannt sind die umgebenden schwachen Nebel, für die sich auch keine Katalognummer findet. Erklärung: sie sind in ihrer Flächenhelligkeit sogar erheblich lichtschwächer als die beiden PNe (Planetary Nebulae, das ist die Mehrzahl von PN, nicht PNs !!!). Dabei zeigt der Nebelstreifen im östlichen Bildteil eine rötliche Färbung, die wahrscheinlich vom ionisierten Wassertstoff herrührt. Mit Sicherheit ist das aber nicht zu sagen, denn - wie eine Untersuchung der FG Astrofotografie gezeigt hat - erscheinen Reflexionsnebel (weiß, braun oder bräunlich) nach langer Belichtungszeit durch einen Ha-Filter auch rötlich. Selbst die knallblauen Plejadennebel zeigen - wenn man nur lange genug durch einen Ha-Filter belichtet - stellenweise rötliche Farbtöne - rotes Kontinuum. So ähnlich ist es auch mit dem blauen Nebelstreifen auf der westlichen Bildseite: Eine intensive Belichtung durch einen [OIII]-Filter macht selbst weißliche Reflexionsnebel bläulich, denn der [OIII]-Filter lässt außer der schmalen, doppelten [OIII]-Linie auch noch genügend blaues Kontinuum durch, welches dem Blaukanal bzw. Blau- und Grünkanal zugeordnet wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit tippe ich bei diesem blauen Nebelstreifen auf einen Reflexionsnebel und keinesfalls auf einen [OIII]-Emitter. Für eine hoch angeregte [OIII]-Emission fehlen hier einfach die entsprechend heißen, jungen Sterne (z.B. Spektraltypen O). Im Zusatzbild sind die blauen Vordergrundsterne HD 202393, HD 202386 und BD+33°4202 eingezeichnet. Mit ihren Spektraltypen A2, B8 und A5 bestärken sie die Reflexionsnebel-Überlegung für den Fall, dass sie mit den Nebeln assoziiert sind.
MWP 1 trägt seinen Namen entsprechend den Initialen der Entdecker: C. Motch, K. Werner, M.W. Pakull (1993): "A new PG 1159 star discovered in the ROSAT XRT all sky survey : NLTE analysis of X-ray and optical spectra", Astron. & Astrophys. 268, pp. 561-569. Die Entdeckung geschah nicht über den Nebel selbst, sondern über den Zentralstern mit der Katalogbezeichnung 1SWASP J211708.29+341227.6 (= Veränderlicher V2027 Cygni) mit V = 12,33 mag. Er wurde anhand des Röntgenspektrums als Stern des Typs PG 1159 klassifiziert. Dies sind besondere Weiße Zwerge mit einer wasserstoffarmen Atmosphäre, sie sind extrem heiß bis zu 200.000 K und können sogar in der Helligkeit veränderlich sein, wie der Zentralstern von MWP 1 und wie der Prototyp PG 1159-035 selbst - bekannt auch als Veränderlicher GW Virginis. Das Kürzel PG stammt vom Palomar-Green-Katalog gemäß R.F. Green, M. Schmidt, J. Liebert (1986): "The Palomar-Green Catalog of Ultraviolet-Excess Stellar Objects", Astrophys. J. Suppl. Ser. 61, p. 305. Nachfolgende Aufnahmen in [OIII] zeigten bei MWP 1 dann die umgebende, eindeutige PN-Nebelhülle. Ihre blaue bis türkise Färbung beweist eine hohe Anregung, typisch bei PNe mit starkem [OIII]-Anteil. Auch eine leichte, aber deutliche Rotfärbung ist zu sehen. Hier ist es mit Gewissheit Ha, denn der Zentralstern besitzt laut Entdecker eine Temperatur um 150.000 K. Und im Vergleich zu Ha überwiegt [OIII] ganz klar.
MWP 1 hat im AdM (monochrome Version, in Helligkeit und Kontrast gesteigert) einen scheinbaren Durchmesser von 878" x 516". Da für den Zentralstern aus der Gaia-Parallaxe in Simbad eine Entfernung von ~1640 Lichtjahren folgt, hat der Nebel eine wahre (projizierte) Ausdehnung von rund 7,0 x 4,1 Lichtjahren. Seine Form ist achsensymmetrisch sowohl in Ost-West-Richtung als auch in Nord-Süd-Richtung. So etwas nennt der Astronom dann "bipolar".
Zur Südwestecke hin ist der zweite PN zu sehen: Alv 1 (= PN G079.8-10.2). Er wurde im November 2009 durch den Portugiesen Filipe Alves fotografisch entdeckt. Aber erst drei Jahre später erschien der zugehörige Artikel von A. Acker, H.M.J. Boffin, N. Outters, B. Miszalski, L. Sabin, P. Le Dû und F. Alves (2012): "Discovery of New Faint Northern Galactic Planetary Nebulae", Revista Mexicana de Astronomia y Astrofisica 48, pp. 223-233. Darin heißt es, etwas freier auf Deutsch übersetzt: "Ein lichtschwacher PN-Kandidat wurde per Zufall entdeckt, als der exotische PN MWP 1 in einem Feld von 60' x 80' um MWP 1 remote am Crow Observatory in Portalegre/Portugal fotografiert wurde." Dazu wurden Ha- und [OIII]-Filter mit 6 nm bzw. 12 nm Halbwertsbreite verwendet, außerdem Breitbandfilter BVR, womit eine Kontinuumssubtraktion für Ha und [OIII] durchgeführt wurde, aber leider keine perfekte, sondern eine - wie Frank Sackenheim es einmal formulierte - "KS des kleinen Mannes".
Der runde PN Alv 1 hat im AdM einen Durchmesser um 305". Die in Simbad verfügbare Gaia-Parallaxe ergibt eine Entfernung von ~5400 Lichtjahren. Damit lässt sich für Alv 1 ein wahrer Durchmesser von nahezu 8 Lichtjahren in Ost-West-Richtung und 7,2 Lichtjahren in Nord-Süd-Richtung errechnen. Der G = 18,3 mag helle Zentralstern namens GALEX J211506.6+335818 ist auf dem AdM noch deutlich erkennbar.
Anmerkungen: In diesem AdM wird deutlich, dass Dank recht aufwändiger Bildbearbeitung ein schmalbandig gefiltertes Bild durchaus mit korrekten Sternfarben im Einklang stehen kann. Was die oben geschilderten Bearbeitungsschritte mathematisch im Detail bewirken, wird den meisten Anwendern egal sein. Resultat: Die Farben der im Zusatzbild bezeichneten Sterne sind jeweils sehr gut in ihrem Spektraltyp und auch mit ihrem Farbindizes B-V getroffen. Dazu schaue man sich bitte die Sterndaten in Simbad an.
Ein Farbbild, welches die beiden PNe hervorragend in ihrem Umfeld zeigt. Axel, vielen Dank und die herzliche Gratulation des AdM-Teams zum Astrofoto des Monats!
Peter Riepe
Bildautor: Axel Rau
Koordinaten (J2000) für MWP 1:
RA = 21 h 17 min 08,3 s, DEC = +34° 12' 27''
Koordinaten (J2000) für Alv 1:
RA = 21 h 15 min 06,7 s, DEC = +33° 58' 19''
Vollbild unter: https://www.astronomie.de/aktuelles...i-lichtschwache-planetarische-nebel-im-schwan
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