Sonnenuhr (?) in San Gimignano

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Walter_S

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Hallo zusammen,
schon vor fast zwei Jahren habe ich auf einer Reise durch die Toscana in San Gimignano an der Fassade der Kirche San Augustin diese merkwürdige Sonnenuhr gesehen :
Link zur Grafik: http://farm5.static.flickr.com/4119/4781086508_b31a86820c_b.jpg

Hier der link zum Original :

http://farm5.static.flickr.com/4119/4781086508_b31a86820c_b.jpg

Ich habe leider erst viel zu spät bemerkt, dass ich diese "Uhr" überhaupt nicht verstehe. Weiß jemand etwas zu den Kreisen, der Ellipse und der "Beschriftung" ?

Gruß Walter
 
Der Schattenstab spricht erst mal für Deine Vermutung, dass es sich um eine Sonnenuhr handelt. Aber Kurven und Buchstaben sind apokryph.

Zum Verständnis der Kurven wäre sehr hilfreich, die Orientierung der Wand (Ost-West, Abweichung?) zu kennen, an der die Uhr angebracht ist.
Deshalb erst mal nur Vermutungen, abgeleitet aus wahrscheinlicher Absicht derer, die eine Sonnenuhr konstruieren:

Die die "Kreise" überschneidende Ellipse könnte die Zeitgleichung (Abweichung Wahre Ortszeit von der Mittleren Ortszeit) repräsentieren, in der Regel eine Acht, aber in der Projektion andere Ausgestaltung möglich, die "Kreise" unterschiedliche Stundenzählungen - entweder gleichmäßige 24 Stunden und alternativ die Temporalstunden - 12 für den Tag und 12 für die Nacht, abhängig von den Auf- und Untergangszeiten unserer Sonne. Der relativ kurze Schattenstab ohne Kontur auf seiner Länge kann mit seinem Ende im Überstreichen der Kreise mit seinem Endpunkt Monate oder Jahreszeiten anzeigen - allerdings für mich nicht klar zu den um die Uhr angeordneten Buchstaben zuordenbar - oder sind etwa meine Italienischkenntnisse zu schlecht? Jedenfalls korrespondieren nicht die im Uhrzeigersinn angebrachten und vermutlich Himmelsrichtungen anzeigenden Buchstaben N-E-S-O (Norte, Este, Sud, Oveste = Nord, Ost, Süd, West) mit der Ausrichtung des Schattenstabes, der bei Sonnenuhren regelmäßig (auf der Nordhalbkugel) in Richtung Norden weist. Das hängt möglicherweise mit der unklaren Gestalt der "Wurzel" des Schattenstabs zusammen: gewollt oder Beschädigung des Putzes an der Wand? Auf dem Foto ist das nicht eindeutig erkennbar.
Schließlich ist noch daran zu denken, dass auch unser lieber Vollmond heftigen Schatten werfen kann...

Da ich im Herbst in der Toskana sein werde, schau ich mir diese originelle Uhr selbst mal an.

CS
derfritte

 
Wow ! Hallo Fritte (?) Da bin ich aber mal schwer beeindruckt ! Ich hab schon lange über dem Bild gebrütet, aber es wird immer verrückter (sprich unverständlicher), je länger man es anschaut, und wenn man - wie ich - keine Ahnung von Sonnenuhren hat. Und ich Hirni hab mir seinerzeit keine Beschreibung geben lassen. Hätte es sicher in der Kirche gegeben.
Über Google Earth hab ich gerade den Platz nochmal aufgesucht (Piazza Sant'Agostino). Da gibt es ein Panoramabild mit einer interaktiven "Rundumsicht". Sehr nett! Auch die "Uhr" ist gut zu sehen ! Jedenfalls ist die Fassade etwa SO ausgerichtet oder SSO

Vielen Dank für deine erste Analyse und schöne Toscanareise
wünscht
der Walter
 
Uuupps ! Schon hab ich die Lösung beim allwissenden Google gefunden. Leider nur in Englisch. Die "Uhr" ist demnach ein modernes "Kunstwerk" von 1994 (!!) und hat soviel mit ner Uhr zu tun wie Nickel mit Pumpernickel :-( Hier der Text aus folgender Quelle http://www.mail-archive.com/sundial@uni-koeln.de/msg09998.html

Hi all,

I had the same question three years ago. After consulting some Italian
sundial contacts, Gianni Ferrari provided the solution:

......
The strange "dial" is one of five works that the municipality has ordered in
1994 to five artists in the intent to give life to a project of museum of
modern art, open air. The quadrant has been realized by the artist Giulio
Paolini and, according to the words of the author: "The project intends to
propose the realization of a sundial of the dimensions and in the place (the
external wall of the church of Sant'Agostino) where an ancient sundial was.
A geometric motive (the profiles of the planets or their orbits) and a
sketch are engraved on the surface to plaster. There is also the sentence
TOUT SE TIENT [everything hangs together, FM] that signals the four cardinal
points with four of the letters that compose it. A pencil, in bronze, is
fixed in the central point perpendicularly and it projects its shadow on the
whole sketch." It is a pity that the new quadrant is completely false and
wrong as sundial, doesn't have anything to do with gnomonics and has been
superimposed to an authentic old solar clock.
......

In addition to Gianni's complaint, the title of the artwork is also quite
peculiar: "Meridiana".


zerknirschte Grüße
vom Walter
 
Hallo Walter,

Google schlägt Mathe: Da knabbert man an allen möglichen Projektionen und deren Transformationen - ein neckischer Künstler streckt einfach seine Zunge raus: Ätsch, alles nur erdacht, mehr oder weniger ästhetisch gestaltet und auch noch astronomisch anklingend Meridiana genannt.
Schade nur für die jetzt überdeckte alte Sonnenuhr an der Fassade. Ich schau mir das aber trotzdem demnächst mal an!
Beste Grüße
Fritte
 
haha ! Echt wahr ! Totale Ver...ätschung.

Bist du am Thema Sonnenuhren generell/prinzipiell oder eher nur tangentiell interessiert ? Wenn "sehr interessiert" wüsste ich gerne, ob in Fachkreisen ein Schweizer namens Heinz Schilt (Dr. math.ETH) bekannt ist. Von dessen Sohn habe ich eine Publikation des Vaters zur Berechnung ebener Sonnenuhren bekommen - und verstehe kein Wort.

nochnen Gruß vom Walter
 
Ja, Walter, an dem Thema Sonnenuhren bin ich generell interessiert. Das ist schon ein weites Feld, das sich von den Anfängen der Beobachtung des täglichen und jahreszeitlichen Sonnenlaufs mittels stein- und bronzezeitlicher Großanlagen (Goseck, Stonehenge) über ägyptische Schattenstäbe, antike Stufensonnenuhren, Skaphen, mittelalterliche kanoniale (die Gebetsstunden anzeigende) Sonnenuhren, tragbare Sonnenuhren und die allgemeiner bekannten ebenen Sonnenuhren an unseren Hauswänden bis hin zu den komplexeren Sonnenuhren wie z.B. die Äquatorialuhr nach M. Bernhardt in unserer Zeit erstreckt. Anschaulich hat Yves Opizzo auf dem Dach des Deutschen Museums in München eine sehenswerte Kollektion der unterschiedlichsten Sonnenuhrtypen zusammengestellt.
Die Publikation von Schild kenne ich nicht direkt, sie wird aber in einschlägigen Publikationen immer wieder mal als Quelle angegeben. Ein etwas populäreren Zugang zu dem Thema Sonnenuhren bietet das Buch von Arnold Zenkert, Faszination Sonnenuhr, Verlag Harri Deutsch, ISBN 3-8171-1665-9. Hier werden der astronomische Hintergrund und die verschiedenen Typen der Sonnenuhren anschaulich mit vielen verständlichen Graphiken und Bildern erläutert. Außerdem liegt dem Buch eine CD bei, die u.a. ein Windows-Programm zur Berechnung von Sonnenuhren enthält.
Warum nicht damit einsteigen? Auch das Betrachten mancher Sonnenuhren verursacht Schmerzen im Genick,
mit besten Grüßen
Fritte
 
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