Spreewald: Einhorn im Fernglas gesehen

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Kay

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Endlich mal wieder Deep-Sky-Wetter, als zwischen Weihnachten und Neujahr unser Besuch bei meinen Eltern im Unterspreewald anstand. Zwar ist es dort meist recht feucht, was im Laufe der Nacht schnell mal zu Nebel oder Dunst führen kann. In der Abenddämmerung kann man bei einem Spaziergang durchaus den Erlkönig treffen, echt! Aber dieser Horizont! Die Landschaft flach wie ein Handtuch. (In meiner neuen Heimat Tharandt wohne ich mitten in einem tiefen Tal. Ihr würdet mich auslachen, wenn ihr meinen üblichen Himmelsausschnitt sehen würdet.) Die Kinder konnten sich tagsüber austoben, und Papa auch - nachts.

Am 29.12.08 gab es ja dieses wunderschöne Aufeinandertreffen der schmalen Mondsichel mit Jupiter und dem für mich nur im Fernglas sichtbaren Merkur. (Im Interstellarum-Jahrbuch sehr schön gezeigt. Gips ja nun auch nicht mehr.)

Der Spreewald ist ja reich an Fabelwesen wie den kleinen Lutki (oder Ludki? Mein schriftliches Sorbisch ist mies, jedenfalls sind das die „Leutchen“.) oder dem Ochsenfrosch – also ein Frosch groß wie ein Ochse – der im Keller einer Spreewaldkneipe angekettet ist und nur selten vom Wirt losgelassen wird, um einen späten Gast nach Hause zu geleiten, ohne dass der Wassermann ihn in sein Reich lockt. Oder der Schlangenkönig...
Da passt doch das Einhorn ganz gut, auch wenn es nicht nur im Spreewald vorkommt. Bei Harry Potter auch... Großbritannien liegt ja ebenfalls meist im Nebel.

Es soll Leute geben, die „Angst“ vor dem Virgohaufen haben; ich selbst hatte noch eine Rechnung offen mit dem Einhorn. Denn als typisches Milchstraßensternbild tummeln sich dort Massen von Offenen Sternhaufen – und irgendwie sind das mit der Zeit meine Lieblings-DS-Objekte geworden. In jedem Instrument, mit jedem Himmel und bei jeder Vergrößerung anders. Nicht so verdammt von der Himmelstransparenz abhängig wie Galaktische Nebel, nicht vom Seeing wie PN... und selbst im Fernglas gibt es genug jenseits des breiten Messier-Highways und der NGC-Hauptstaße zu entdecken.
Nur liegt das Einhorn meist zu tief für meinen Guckplatz vor der Haustür, und außerdem protzt daneben immer dieser Macho von Orion mit seinem Gehänge, auf das viele von uns ihre Fernrohre und –gläser richten. (Dann doch lieber Jungfrau ;-)

Na, jedenfalls hatte ich nur mein 10x50 dabei, den Karkoschka und den Star-Guide. Kein PC, kein Internet, um mal schnell in der Deep-Sky-Liste zu recherchieren.

Da lob ich mir echt den Star Guide Atlas. Eine ordentliche Grenzgröße (9 mag), wirklich viele Objekte, wenn auch einige eher als Katalogeinträge denn real, ein ordentlicher Maßstab und die Sternbild-Hilfslinien zur Orientierung. Und nicht so dick und schwer wie die Uranometria.
Das beste ist aber, dass DS-Objekte je nach Helligkeit unterschiedlich fett gedruckt sind. Das haut wegen der nicht berücksichtigten Flächenhelligkeit (wie das nun auch noch?) zwar nicht immer hundertprozentig hin als Hilfestellung für die Sichtbarkeit, aber man muss nicht gleich den NSOG oder DSRF mitschleppen.

Auf meiner Liste standen insgesamt 24 Haufen, davon immerhin die 5 aus dem Karkoschka. (Und fast alle konnte ich sichten.) Kann sein, dass ich den einen oder anderen im Atlas übersehen habe, aber endlich habe ich mal einen Überblick, was so alles los ist. (Falls jemand „Eye & Telescope“ sein Eigen nennt: wie viele OHs in Monoceros zeigt das an für ein 10x50 bei 5,5mag oder 6,0 mag??)

Fang’ wa ma endlich an:
NGC 2264, der Weihnachtsbaum: im Fernglas aufm Kopp und lediglich 8 Sterne. Alles andere als spektakulär. Aber selbst mit bloßem Auge erkennbar.

NGC 2244, der Rosettennebelhaufen: für mich immer die „Mini-Zwillinge“ – 6 Sterne, in Zweierreihe aufgestellt. Vom Nebel keine Spur. Das Einhorn hing am Abend noch recht tief, Grenzgröße selbst in den Zwillingen magere 5,3 mag. Hatte aber den 2“-Baader-OIII im Astrokoffer und ihn mir vor ein Objektiv geklemmt. Und siehe da, der Nebel war schwach, aber eindeutig zu sehen.

Im gleichen Gesichtsfeld sollen sich gleich 3 Collinder-Sternhaufen befinden, von denen ohne Karte nix zu sehen war. Mit Karte konnte man mit gutem Willen alle 3 identifizieren:

Cr 106: 3 hellere, weitere schwache, wenig konzentriert.
Cr 107: auch 3 hellere, weitere schwache, aber etwas kleiner, auch unauffällig.
Cr 104: kleiner Sternknoten, indirekt waren ein heller und 2-3 schwächere zu erkennen. Wenigstens so etwas wie ein Haufen.

NGC 2324: nicht gesehen.

NGC 2301: DAS Highlight des Abends – eine auffällige etwa Nord-Süd verlaufende Sternenlinie, etliche Bogenminuten lang, nicht in Einzelsterne auflösbar. Vom Nordende geht ein schwacher „Widerhaken“ nach Osten. Das ist wirklich mal ein Haufen, den man vergrößern möchte. Zum Beispiel in meinem „neuen“ 50/330er „Viertelapo“, ein unvergütetes russisches Spektivobjektiv, Baumarktsanitärplastiktubus, dazu ein OAZ aus dem Reich der Mitte, frühe Synta-Dynastie. Mein erster, na ja, Selbstbau.

M 50 ist ja nominell der Star im Einhorn, bleibt unter diesen Bedingungen aber ein ca. 7’ kleines Nebelbällchen, aus dem 1-2 Sterne im Süden aufblinken, indirekt einige weitere.

Ach so, zwischendurch war ich mich mal im elterlichen Heim aufwärmen, nachdem mich die Nachbarn mit ihrem blöden Bewegungsmelder kirre gemacht hatten. Wahrscheinlich lief irgendein Katzenvieh hinter einer Maus her...
Und siehe da, der Himmel war gleich besser, in Gemini locker 5,6 mag, blickweise vielleicht sogar 5,9 mag. Und das Einhörnchen stand nun fast im Süden.

NGC 2254 hieß der Haufen wohl, den ich nicht sichtete. Dermaßen unscheinbar, dass ich nicht einmal mein Nuscheln vom Diktiergerät verstehen konnte...

NGC 2236 erschien als indirekt nebulöses kleines Etwas, es könnten aber auch nur zwei unaufgelöste schwache Sternlein gewesen sein...

Cr 91: 2 hellere und 2 nur indirekt sichtbare Sterne, kaum ein Haufencharakter

Cr 96: im Star Guide stehen zwei „hellere“ (8-9 mag?) Sterne im Haufen, die man indirekt zusammen mit 2 weiteren sieht. Auch so ein Fall für höhere Vergrößerungen.

Die Frau Dolidze (Vorname Madona... es scheint nicht nur exhibitionistische Exentrikerinnen unter diesem Namen zu geben) hat in den Sixties etliche Sternhaufen entdeckt und uns 2 Kataloge geschenkt. Den zweiten zusammen mit Herrn Dzimselejsvili (fast alle 11 Einträge im Fernglas sichtbar!), ihr „eigener“ Katalog enthält auch etliche im Fernglas sichtbare Haufen.
Zum Bleistift Do 23: ein Sternknoten mit je einem hellen Stern im Süden und Norden, dazwischen weitere indirekt sichtbar. Vergrößern!

Nördlich dieses Haufens fiel mir immer wieder ein nebulöser Schimmer auf. Klassischer Fall des indirekten Sehens: du stierst auf ein Objekt und siehst im Augenwinkel etwas, das wirklich interessant ist. Müsste Do 24 gewesen sein, konnte ich aber nicht ganz eindeutig verifizieren.

NGC 2232 zeigte sich nicht.

NGC 2286 war direkt ersma ein Blick ins Nichts, aber indirekt kamen dann etliche Einzelsterne zum Vorschein. Versteht ihr mich, wenn ich „grisselig“ schreibe?

NGC 2215 war sah ich als völlig unaufgelösten kleinen Fleck, eher indirekt, aber schwach auch direkt.

NGC 2251 war auch schwach direkt zu sehen, aber scheinbar war das Diktiergerät auch schon müde... keine weiteren Infos.

Zu guter Letzt beobachtete ich noch NGC 2353, der kaum Haufencharakter aufwies, da die 3-4 Sterne kaum konzentriert wirkten und sich kaum von der Umgebung abhoben.

Es hätten bestimmt noch zehn weitere Haufen einen Blick verdient, aber das Sandmännchen hatte mir schon ordentlich Schlafsand in die Augen gestreut, so dass ich meinen Hempelkrempel packte.

Was bleibt als Fazit: das Einhorn ist nicht nur eine interessante Nebelregion (Rosetten-, Konus- Hubblenebel...), sondern beherbergt eine Menge unterschiedlich interessanter Offener Sternhaufen, die ein Projekt sowohl mit kleinen als auch mit größeren Öffnungen lohnen. Etliche Tipps habe ich ja abgeben können. Vielleicht macht ja mal jemand weiter, wo ich aufgehört habe (... und wenn ich es selber bin).







 
Hallo Kay -
mal wieder ein richtiger Hardcore-Fernglas-Beobachtungsbericht. :super: Das motiviert mich jetzt ungemein. Habe schon lange nicht mehr beobachtet. Wenn's jetzt nur nicht so a...kalt wär. (z.Z. etwa -15° zur besten Beobachtungszeit).

Einhorn / großer Hund sind wunderschöne Beobachtungsziele. Habe leider bei der letzten Winterbeobachtung ( vor etwa einem Jahr :( ) diese Gegend nur kurz gestreift. Z.Z. stört der Mond leider noch etwas - morgen sollte aber wieder ein gutes Beobachtungsfenster zw. 20 und 22 Uhr für diese Himmelsgegend bei niedrigem Mondstand sein.

Den Starguide kann ich übrigens auch nur wärmstens für FG-Beobachter empfehlen. Den habe ich mir ja auf Grund deiner Empfehlung damals besorgt. Ist wirklich sehr praktisch, handlich, preisgünstig und hat (fast) alles, was man braucht - nur leider keine Dunkelnebel. :(

OK, ich kanns noch nicht 100% versprechen, aber vllt. gibt's von mir demnächst auch einen BB zu diesen und evtl. anderen Objekten in der Himmelsgegend. Herzlichen Dank für diesen schönen Beobachtungsbericht und die interessanten Objekte.

Thomas

 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Hallo Thomas,
schön, von dir zu hören!
Letztes Jahr warst du so aktiv, da habe ich den Hintern nicht hochbekommen... schön, wenn ich dich motivieren kann.

Tja, der Star Guide. Du hast meiner Erinnerung nach einen besseren Himmel als ich, hier vermisse ich die im Atlas fehlenden Dunkelnebel nicht wirklich.

Na denn, lass dich nicht lumpen und dafür was von dir lesen.

Viele Grüße
Kay
 
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