Stier, Hirsch und Bär – die Nacht der wilden Tiere

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FireWok

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Passau, den 02.03.2011

Hallo zusammen!

Letzten Samstag am 26.02.2011 trafen gleich mehrere günstige Ereignisse aufeinander: Wochenende, Mond im letzten Viertel, kaum Luftbewegung, kein Abendnebel und zu guter Letzt: Völlig wolkenloser Himmel von einem Ende des Horizonts zum anderen. Bereits am Nachmittag stand fest, dass dies eine Beobachtungsnacht werden sollte. Allerdings war ich mit meinen bisherigen Beobachtungsplätzen noch nicht 100%ig zufrieden (Einmal war das Auto von oben bis unten mit Matsch bespritzt, das andere Mal musste mich ein Traktor aus einer Schneewehe ziehen). Deshalb beschloss ich, mit Hilfe von Google Earth und einer Lichtverschmutzungskarte diesmal einen neuen Platz zu suchen. Fündig wurde ich im nahegelegenen Oberösterreich: Fahrzeit 30 Minuten, Höhe knapp 600m.
Abends stellte ich dann meine Ausrüstung zusammen: Das Lomo-Triplett 80/480 , 31er Nagler, Pentax Zoom24-8mm, Televue-Zoom 6-3mm und Nagler 2,5mm. Das alles zusammen mit Lupe, Rotlichtlampe, UHC- / O-III-Filter, Zenitprisma und Lasersucher befindet sich kompakt in einem Köfferchen von gerade mal 40x25x17cm. Des Weiteren kamen noch das Manfrotto475 incl. Mini-Giro Karkoschka, Notizblock und ein Klappstuhl in den Kofferraum. Da für die Nacht Temperaturen bis -5°C gemeldet wurden, zog ich mich vorsorglich an wie für eine Polarexpedition. (Ich kann an dieser Stelle schon verraten, dass ich kein einziges Kleidungsstück zu viel dabei hatte.)
Gegen 19 Uhr ging es schließlich los. Allerdings dauerte die geplant 30-minütige Fahrt schließlich doch eine ganze Stunde, da ich kein Navi habe und ein einsamer Beobachtungsplatz naturgemäß eher schlecht ausgeschildert ist. Aber nach 2-maligem Verfahren kam ich gegen 20 Uhr ans Ziel. Die letzten 500m führte ein unbefestigter Weg eine Anhöhe hinauf, der aber dank Bodenfrost recht gut befahrbar war. Der Weg selbst war wohl ein reiner Forstweg, denn er endete am Waldrand. Da somit keine Gefahr bestand, dass mitten in der Nacht sonst jemand hier fahren würde, konnte ich mein Auto mitten auf dem Weg stehen lassen und die Ausrüstung direkt daneben aufbauen – sehr bequem, da ich damit den Kofferraum als Ablagefläche nutzen konnte. Drei Rehe, die meine Ankunft misstrauisch beobachtet hatten, bekamen es nun doch mit der Angst zu tun und suchten schnell das Weite.
Der neue Platz war gut. Es handelte sich, wie gesagt um einen Südosthang, beidseits des Weges waren Felder, die eine freie Beobachtung von Nordost bis Südwest ermöglichte. Umliegende dichte Wälder schirmten die meisten Lichter sehr gut ab. Im Nordwesten sah man die Lichtglocke des Nachbarortes diffus am Horizont, allerdings war diese erfreulicherweise ab 23 Uhr praktisch verschwunden. Lediglich Autos fuhren gelegentlich in ca. 300m Entfernung vorbei und waren nach ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen auch schon wieder vergessen. Der Himmel hatte gegen 20 Uhr Bortle-Klasse 4 bei einem Seeing von 5, gegen 23 Uhr Bortle 3 mit Seeing 7. Windgeschwindigkeit ca. 10-20km/h, Temperatur -2° bis -5°C.
Nachdem ich aus meinem Garten wiederholt vergeblich versucht habe, M1 zu sehen, war dies mein erstes Objekt - und siehe da: Nach dem Anpeilen per Laser ist M1 mittig im Okular. Bis 40x kann vergrößert werden, bevor das Bild zu dunkel wird. Strukturen sind allerdings nicht erkennbar. Dafür hebt sich der Rand scharf und oval gegen den Nachthimmel ab.
Da ich sowieso gerade im Stier unterwegs war, beschloss ich, sämtliche „Karkoschka-Objekte“ in diesem Sternbild aufzusuchen. Die Hyaden passten zwar dank 5° Gesichtsfeld komplett ins 31er, aber dennoch wirken sie mit dem bloßen Auge besser. Anders die Plejaden: Ebenfalls im 31er sieht man noch genug sternlosen Himmel außen herum, damit die Sterne als Gruppe erscheinen. Sehr schön!
Der offene Sternhaufen NGC 1647 wirkt ebenfalls bei schwacher Vergrößerung (15x) und 5° Gesichtsfeld am besten.
Obwohl anfangs das Seeing eher mittelprächtig war, versuchte ich mich an den Doppelsternen im Stier: Nr.88 und 94 sind im Pentax Zoom bei 20x schön dargestellt, wo hingegen Nr.118 bis 80fach noch als Einzelobjekt erscheint. Mit dem Nagler-Zoom gehe ich bis 160x und die 2 bläulichen Sonnen sind klar räumlich getrennt. Eigentlich ist mit 160x die maximal sinnvolle Vergrößerung erreicht -trotzdem gehe ich mit dem 2,5er Nagler bis 200x. Subjektiv erscheint so die Trennung der Sterne nochmal schöner. Die Doppelsterne 47 und 68 sind selbst bei Maximalvergrößerung weiter nur als ein Punkt sichtbar.
In diesem Moment riss mich ein markerschütterndes Brüllen vom nahen Waldrand jäh aus meiner Beobachtung! Das konnte eigentlich nur ein ausgewachsener Rothirsch gewesen sein. Natürlich; bald ist Frühling und da ich mich zu erinnern glaubte, dass Hirsche während der Brunft auch schon Spaziergänger angegriffen haben, war mir doch etwas mulmig dabei zumute, dem 50m entfernten Wald den Rücken zuzukehren. Sicherheitshalber stellte ich den Klappstuhl hinter mich, damit der Hirsch bei einem möglichen Angriff erst mal stolpern würde. Jedenfalls war ich froh, mein Teleskop so dicht beim Auto stehen zu haben! Aber da ich nun diesen Bericht scheiben kann, ist ersichtlich, dass mich der Hirsch nicht gefressen hat ;-)
Nach Stier und Hirsch kam das Einhorn. Vor einigen Wochen hatte ich bei ebenfalls recht gutem Himmel bereits versucht, Hubbles Veränderlichen Nebel dar zu stellen, aber auch dieses Mal war ich leider erfolglos. Dennoch werde ich noch einen weiteren Versuch starten, falls das Teleskop mal unter Hochgebirgshimmel zum Einsatz kommt.
Auf meiner Liste der „nicht beobachtbaren Objekte“ vom letzten Mal standen noch NGC 2324 und der planetare Nebel 2438 im Sternbild Puppis. NGC 2324 war eine wirklich harte Nuss. Aber durch indirektes Sehen und wirklich am äußersten Rand der Wahrnehmungsgrenze konnte ich diesmal den offenen Sternenhaufen identifizieren. NGC 2438 dagegen war ein voller Erfolg! Diesmal konnte ich bei 80x und O-III-Filter den Nebel zwar sehr lichtschwach, aber zweifelsfrei innerhalb des Sternenhaufens M46 sehen. Schön! (Das beweist nebenbei, dass dieser Beobachtungplatz besser ist als der letzte)
Inzwischen war es 22.30 Uhr; die Lichtglocke im Nordwesten war praktisch verschwunden. Die Temperatur war nochmal gefallen und der Hirsch sollte inzwischen ebenfalls schlafen. Dafür war der große Bär direkt über mir. Da ich mich andernorts bereits mit begrenztem Erfolg an den Objekten in Ursa Major versucht hatte, beschloss ich aufgrund der Zenitstellung und des dunklen Himmels erneut mein Glück zu versuchen. Wiederum diente der Karkoschka als Checkliste.
Den Eulennebel M97 konnte man praktisch nicht übersehen; mit O-III-Filter und schwacher Vergrößerung von 20x-40x wurde allerdings die Erkennbarkeit nochmals gesteigert. Die benachbarte Galaxie M108 ist im direkten Vergleich nochmals deutlich lichtschwächer; mehr als 20-fach ist aufgrund des dann zu dunklen Bildes nicht möglich. Dafür hat man bei dieser geringen Vergrößerung ein Gesichtsfeld, das M108 und M97 gleichzeitig zeigt. Dadurch kann man recht gut beide Objekte zueinander in Relation setzen. Schön zu erkennen; Spindelform (M108), bzw. Kugelform (M97).
M109 ist als leicht ovaler Nebel mit hellem Kern zu sehen. Allerdings sollte der nahegelegene Stern Gamma-UMa außerhalb des Gesichtsfeldes gehalten werden, da er sonst die Galaxie überstrahlt.
Gut auffindbar ist die Galaxie NGC 3184, die sich bei 20x-30x als runder strukturloser Nebel mit hellem Kern darstellt.
Ebenfalls kreisrund mit hellem Zentrum zeigt sich M101; die Spiralstruktur kann man eher erahnen als sehen. Wie bei allen vorangegangenen Galaxien ist wiederum 20x-40x Vergrößerung bei meinem 80er-Lomo ideal. An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, dass bei all diesen Objekten das stufenlose Zoomen des Pentax (20x-60x) von unschätzbarem Wert ist, wenn es darum geht, das optimale Verhältnis zwischen Vergrößerung und Bildhelligkeit zu finden..
Weiter geht die Galaxienjagd mit der ovalen M81 und spindelförmigen M82 die sich aufgrund ihrer höheren Helligkeit gut bis 40x vergrößern lassen. Diese konnte ich bisher auch schon aus der Vorstadt beobachten, allerdings waren jetzt ohne Streulicht auch die beiden recht kleinen und lichtschwachen Begleitgalaxien NGC 2976 und NGC 3077 noch gut zu erkennen. Ein echtes Highlight: Aufgrund des großen Gesichtsfeldes waren alle vier Galaxien zusammen zu beobachten! Die Relationen von Helligkeit und Größe zueinander sind damit sehr gut zu beurteilen.
Das letzte Messierobjekt im großen Bären ist M40; einfach zwei Sterne und unspannend. Interessanter ist da schon der Doppelstern 79 UMa, der selbst bei schwächster Vergrößerung sehr sauber getrennt ist und schön den Helligkeitsunterschied beider Sterne zeigt. 78 UMa war leider mit 1,4’’ Abstand für mich nicht mehr trennbar.
Mehr Glück hatte ich mit Doppelsternen im Luchs: Nr. 41 ist schon im 24mm Okular als Zweifachstern zu erkennen und keinerlei Herausforderung. Nr. 38 war da schon bedeutend schwieriger; dennoch gut zu trennen und Dank des erheblichen Helligkeitsunterschieds des Paares recht interessant. Das Seeing war seit dem Abend immer besser geworden, so dass ich bis 200-fach vergrößern konnte.
(Rechnerisch liegt die Maximalauflösung meines Teleskops bei 1,44’’. Diesen theoretischen Wert konnte ich erfreulicherweise auch schon in der Praxis am Sternenpaar Virgo-Gamma bestätigen, dessen Winkel aktuell mit ca. 1,5’’ angegeben wird und eindeutig getrennt wurde.)
Mir 200x machte ich anschließend einen Kurzbesuch bei Saturn. Das Bild war praktisch perfekt! Dank der ruhigen Luft glaubt man fast ein Foto vor sich zu haben. Ein klasse Teleskop, das Lomo! Trotz 80/480 und (Über-)vergrößerung steht Saturn gestochen scharf und ohne erkennbaren Farbsaum im Okular, Cassini-Teilung und Ringschatten sind ebenso sichtbar wie ein dunkles Wolkenband im Norden.
Da ich mittlerweile seit über 3 Stunden hinter meinem Refraktor stand, machte sich immer mehr die Kälte bemerkbar. Da nützten auch drei Schichten Kleidung nichts mehr. Vor allem die Finger wollten nicht mehr so recht, was ich an meiner krakeligen Handschrift bemerkte. Daher war es an der Zeit allmählich zum Ende zu kommen.
3 Galaxien wollte ich aber dennoch aufsuchen:
Im Luchs war das NGC 2683, bei der sich das Auffinden mittels Starhopping als relativ schwierig gestaltete, da kaum auffällige Fixsterne in der Nähe lagen. Belohnt wurde meine Suche dann jedoch mit einer recht schön definierten Galaxie in Kantenlage und hellem Zentrum.
NGC 2841 am „Bein“ des großen Bären war dagegen sehr leicht zu finden – recht hell, oval und strukturlos mit hellem Kern.
Das letzte „Tier“ dieser Nacht war die Giraffe, wobei ich exemplarisch nur noch die Galaxie NGC 2403 betrachtete. Schön dabei: Der ovale Nebel wird von mehreren recht hellen Sternen überlagert, wodurch die Galaxie einen hübschen Sprenkel-look bekommt.
Da ich meine Zehen inzwischen schon nicht mehr spürte und es auch schon nach Mitternacht war, beendete ich diesen sehr erfolgreichen Abend und trat die Heimreise an. ( Diese dauerte nun wirklich nur eine halbe Stunde und war Dank billig-tanken in Österreich sogar noch ein finanzieller Erfolg.)
Was bleibt ist die Erkenntnis, dass dunkler Himmel und gutes Seeing wichtiger als jede Teleskopöffnung sind und mir mit meinem kleinen Refraktor ein treuer Begleiter zur Seite steht, der Dank minimalem Packmaß, enormen Gesichtsfeld und Hochvergrößerung bis 200x in allen Lebenslagen einsetzbar ist. Auch den Beobachtungsplatz werde ich gerne wieder aufsuchen, dann allerdings vorsorglich mit einer Dose „Hirschabwehrspray“ ;-)

CS, Tilo
 
Hi, ein sehr schöner Bericht, das zeigt mal wieder das auch mit ,, kleinen Öffnungen '' einiges möglich ist wenn die Bedingungen stimmem.
Ich persöhnlich finde das gerade so ,, kleine'' Optiken oft unterschätzt werden.
Ich selbst besitze einen 4''f10 Fraunhofer Refraktor, einen 8'' Dobson und einen 12 Zoll Dobson.
Dein Bericht bekräftigt mich in der Absicht mir einen schönen kleinen Refraktor zu kaufen, den man dann einfach aufgebaut spontan mit rausnehmen kann.
Nach deiner Beschreibung von der Saturnbeobachtung schien das Seehing recht gut gewesen zu sein.
Ich habe Saturn zuletzt vor einigen Tagen beobachtet, da hatte ich im 8'' Probleme die Cassiniteilung zu sehen, das Seehing war echt mies.
Dein Bericht hat spass gemacht zu lesen, bitte mehr davon.
Gruss Patrick
 
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