Information zur Schärfentiefe bei Fernglasbeobachtung
Leider bin ich derzeit so mit Arbeit überlastet, daß ich mich zu diesem eigentlich wichtigen Thema nicht ausführlich äußern kann und meine Beteiligung an diesem Forum derzeit fast auf Eis liegt. Aber zu diesem Thema hatte ich aus damals aktuellem Anlaß im Dezember 2003 einen ziemlich langen Beitrag verfaßt, der hier zu finden ist und in dem eigentlich schon alle obigen Fragen beantwortet werden:
http://forum.astronomie.de/phpapps/ubbthreads/showflat.php?Cat=&Board=Fernglaeser&Number=123131&Forum=Fernglaeser&Words=Sch%e4rfentiefe&Match=Entire%20Phrase&Searchpage=2&Limit=25&Old=allposts&Main=123131&Search=true#Post123131
Es hat sich dann an meinen Beitrag noch eine längere Diskussion angeschlossen, die zu lesen sich ebenfalls lohnt, wenn man sich intensiv mit diesem Thema befassen möchte.
Zusammenfassung: Die u.a. von Steiner gemachten Behauptungen, bestimmte Ferngläser hätten eine größere Schärfentiefe als andere gleicher Daten (z.B. 7x50), ist ausgemachter Unsinn und ein plumper Versuch, die eigenen Produkte schönzureden. Oft dient sie auch dazu, das Fehlen einer Fokussiereinrichtung (was je eigentlich ein Nachteil ist) wie einen Vorteil aussehen zu lassen. Die ebenfalls von einigen Anbietern propagierte Aussage, die Schärfentiefe ließe sich durch spezielle Okularkonstruktionen vergrößern, ist genauso unsinnig und physikalisch nicht haltbar.
Deshalb ist auch eine Bewertung der Schärfentiefe in Tests beim Vergleich von Ferngläsern gleicher Kenndaten unsinnig. Leider sind viele sonst durchaus kundige und erfahrene Tester in diesem Punkt uninformiert oder haben noch nie genauer darüber nachgedacht, so daß man immer wieder enstprechende Aussagen lesen kann und die leider zur Festigung der falschen Ansichten beitragen.
Richtig ist hingegen, daß die Schärfentiefe (für den gleichen Beobachter
* und unter denselben Helligkeitsbedingungen
**) sich etwa umgekehrt proportional zum Quadrat der Vergrößerungen verhält, also z.B. bei 8facher Vergrößerung die Schäfentiefe ca. 56% größer als bei 10facher Vergrößerung ist (Berechnung: 10ˆ2/8ˆ2 = 100/64 = 1,5625 = 156,25% => 56,25% mehr).
* Der Beobachter spielt eine Rolle, weil die Schärfentiefe durch die Akkomodationsfähigkeit beeinflußt wird. Ein junger Beobachter, der z.B. noch 12 dpt Akkomodationsbreite hat, „sieht” eine sehr große Schärfentiefe im Vergleich zu einem älteren Beobachter, der z.B. nur noch 3 dpt Akkomodationsbreite aufbringt, denn durch starke Akkomodation stellt sich das Auge noch auf solche Entfernungen scharf, die bei schwacher Akkomodation außerhalb der Schärfentiefe liegen. Akkomodation ersetzt also bis zu einem gewissen Grade die Fokussierung des Fernglases.
** Die Helligkeit beeinflußt die Pupillengröße, und diese wieder die augenseitige Schärfentiefe. Je heller es ist, um so kleiner die Augenpupille (bis zu einem gewissen Grenzwert etwa bei 1,8 mm Ø) und um so größer die Schärfentiefe. Man mache den Versuch, ein Fernglas an den Endanschlag der Naheinstellung einzustellen und dann einmal bei Tag und einmal bei großer Dunkelheit zu überprüfen, in welcher kürzesten Entfernung man noch scharf sieht. Das kann z.B. bei Tag 2,5 m und bei Nacht 3,1 m sein. Der Unterschied rührt von der Größe der Pupille und (falls es so dunkel ist, daß das Auge nur noch mit den Stäbchen sieht) an der fehlenden Akkomodation beim Nachtsehen her.
Walter E. Schön
PS.: Man sollte, wie ich hier im Forum auch schon mehrfach begründet habe, von „Schärfentiefe” und nicht von „Tiefenschärfe” sprechen, wenn man den Entfernungsbereich (= „Tiefe”) meint, der scharf abgebildet bzw. scharf gesehen wird. Dagegen wäre die „Tiefenschärfe” nicht dieser Entfernungsbereich, sondern der Schärfegrad, der als Grenzkriterium diesem Bereich zugrundeliegt und der z.B. bei reeller Abbildung durch die Größe eines Zerstreuungskreisdurchmessers angegeben werden könnte. Ich weiß aber, daß ich hier in diesem Forum mit solchen sprachlichen Feinheiten leider weitgehend auf taube Ohren und Ignoranz stoße, und deshalb lege ich diese sprachlich korrekte Unterscheidung ausdrücklich nur der Minderheit nahe, die sich trotz allgemeiner Sprachunfähigkeit (—> Pisa) noch einen Rest an Sprachgefühl bewahrt hat.