… und genau deswegen läuft Kritik ins Leere!
1. Soll ich solche Beiträge künftig mit „Vorsicht, Satire!” überschreiben, damit ich nicht mißverstanden werde? Oder fehlt es meinem Beitrag an sprachlicher Klarheit, daß nicht rüberkommt, was ich meinte?
2. Das folgende Zitat gibt mir willkommenen Anlaß, meinen kleinen Deutschkurs um eine weitere Folge fortzusetzen.
Die Werbeaussagen … sind wohl obsolet und absolut überflüssig.
Kleiner Deutschkurs für Hobbyastronomen, Teil 2:
Das seit Jahrzehnten nur noch selten benutzte Fremdwort „obsolet” (lateinisch obsoletus = abgenutzt) ist infolge der zunehmenden Beliebtheit englischer Wörter bei Werbefritzen und anderen Wichtigtuern aus dem Englischen (engl. obsolete = veraltet, überholt) wieder quicklebendig in die deutsche Sprache zurückgekehrt. Leider wird dieses Wort aber ähnlich wie viele andere englische Wörter mit falscher Bedeutung gebraucht (Beispiel: „administration” bedeutet richtig übersetzt „Regierung”, nicht dasselbe wie das deutsche Fremdwort „Administration”, welches „Verwaltung” oder „Verwaltungsbehörde” bedeutet; daher ist es falsch, wenn Radio- und Fernseh-Nachrichtensprecher oder Zeitungsjournalisten von der „Bush-Administration” sprechen bzw. schreiben, wenn sie die „Bush-Regierung” meinen). Zurück zum Wort „obsolet”. Es wird von den meisten des Lateinischen oder Englischen nicht ausreichend mächtigen Deutschen im Sinne von „überflüssig” verwendet, was nur dann richtig ist, wenn die Ursache des Überflüssig-Seins die verlorene Aktualität ist, der damit gekennzeichnete Gegenstand also „veraltet”, „nicht mehr zeitgemäß” ist. Aber die Verwendung von „obsolet” in der Bedeutung von „überflüssig” ist dann falsch, wenn sich das Überflüssig-Sein auf z.B. das „Im-Überfluß-vorhanden-Sein”, also eine unnötige Vielzahl (unnötige Verdoppelung, Vertreifachung, … Vervielfachung) gründet.
Da es sich im obigen Zitat bei der Werbeaussage nicht um etwas „Veraltetes” handelt, ist dort also die Verwendung von „obsolet” allein deshalb schon falsch. Sie wird aber auch noch grotesk, wenn man für „obsolet” das deutsche Wort einsetzt, das damit gemeint war, nämlich „überflüssig”. Denn dann lautete der zitierte Satz: „Die Werbeaussagen … sind wohl überflüssig und absolut überflüssig”.
Um das nun auf den Wortschatz der Hobbyastronomen anzuwenden, noch ein Beispiel: Wenn jemand vier Okulare mit 6 mm, 10 mm, 10,5 mm und 20 mm Brennweite hätte, die sich ansonsten nicht nennenswert unterscheiden, dann wäre entweder das 10- oder das 10,5-mm-Okular vielleicht überflüssig, aber nicht „obsolet”. Hätte er hingegen nur drei Okulare mit 6 mm, 10 mm und 20 mm Brennweite gehabt und kaufte sich ein viertes, das ebenfalls 10 mm Brennweite hat, aber neuerer Bauart ist und das veraltete, z.B. noch nicht mehrschichtvergütete 10-mm-Okular ersetzen soll, dann wäre dieses alte 10-mm-Okular wirklich „obsolet” gewesen, und zwar sogar schon vor dem Neukauf!
Merke: Das Wort „obsolet” ist zwar nicht obsolet (= veraltet), aber in den meisten Fällen überflüssig, weil man mit den deutschen Wörtern „veraltet” und „überflüssig” solche Mißverständnisse vermeiden kann.
3. Ich brauche die Frage
Warum werden diese dann überhaupt geschrieben?
hier nicht nochmals zu beantworten, denn ich hatte sie ja schon mit folgendem Satz in meinem vorherigen Beitrag veantwortet: „Die Werbetexter … nutzen aber gern solche Ausdrücke, weil sie wissen, daß der dumme Kunde in euphorisierender Kauflust nach dem „Besonderen” giert und alles, was irgendwie mit positivem Inhalt aufgeladen werden kann, gern auch so interpretiert.” War das nicht klar genug?
4. Dasselbe gilt auch für die folgende Frage
Wollen hier Eigenschaften induziert werden, welche nicht vorhanden sind oder will ein gewisser Handlungsbedarf durch die Befristung erreicht werden?
Ganz klar „ja”, wie ich meinte, ebenfalls schon hinreichend klar ausgedrückt zu haben, wobei ich das im Zitat von mir orange markierte „oder” bedenkenlos durch „und” ersetzen möchte.
5. Jeder, der etwas verkaufen will, hat das Recht, sein Produkt durch die Wahl seiner Worte und auch mit anderen Mitteln aufzuwerten, solange er nicht die Unwahrheit sagt, gravierende Mängel bewußt verschweigt oder den Kunden mit List und Tücke in die Irre führt. Nun war in den Lobpreisungen für das hier diskutierte Fernglas vielleicht durchaus ein wenig List und Tücke im Spiel, aber wer seinen Kopf nicht nur als Hutablage, sondern auch zum Denken einsetzt und einen Werbetext nicht nur oberflächlich interpretiert, also nicht vorschnell einfach die nächstliegende optimistische Vermutung zur Basis seiner Kaufentscheidung macht, sondern den Text kritisch hinterfragt, der sollte ihm nicht auf den Leim gehen. Dazu als Beispiel folgende Episode: Ein Mann steht vor einem Gemüsestand auf dem Viktualienmarkt und liest „Sonderangebot: 1 kg Kartoffeln heute nur 1,20 Euro”. Da kauft er doch gleich 5 kg, aber nachdem er bezahlt hat, wagt er es doch, den Verkäufer zu fragen, wieviel die Kartoffeln denn morgen kosten werden. Er bekommt zur Antwort „1,10 Euro das Kilogramm”. – Ich hoffe, er wird das nächste Mal vor dem Kauf fragen.
Vielleicht helfen meine beiden Beiträge allen, die bisher etwas zu arglos Werbetexte konsumiert haben, diese künftig ein wenig kritischer zu analysieren.
Walter E. Schön