Re: restrictive mit Recht!
Hallo Jan,
OK, ich will da mal ausführlicher drauf eingehen.
Zunächst mal zum 90/1000 Refraktor. Das Gerät habe ich eigentlich als Leitrohr angeschafft, aber wenn man eine schöne Optik hat, nutzt man sie auch ab und an mal für mehr. Das ist aber selten. Die Interessantesten Jupiterbeobachtungen konnte ich mit einem 5mm Ortho machen, was bei 200x die Optik zwar "überzieht", aber gegenüber meinem 9mm Ortho noch mehr Details brachte - meine Okularpalette ist für das Gerät nicht gut ausgelegt.
Beobachtet habe ich Jupiter und Saturn am 20.3., 21.3., 22.3 und 16.4.2003. Bei schlechterem Seeing (16.4.) fiel der Farbfehler im 5mm Ortho nicht mehr auf. An den anderen Abenden war er schwach zu bemerken. Besonders fällt mir hier die Notiz auf, daß mein Skyglow-Filter den Blausaum stärker hervortreten ließ. Am 16.4. konnte ich Europas Schatten im Explorer nicht wahrnehmen, wohl aber im R200SS (8" f/4 Newton), den ich gleich darauf für Webcam-Aufnahmen aufbaute.
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/juppadd_16_04_03_nv_1_rb1a.jpgJupp im R200SS, 16.4.
Auch ein LV 5 brachte ich zum Einsatz, aber die Abbildung war etwas schlechter als mit dem 5mm Ortho.
Bei der Mondbeobachtung bemerkte ich den Farbfehler bei den verschiedensten Beobachtungen und er verschwand erst bei einer "Abenteuervergrößerung" von LV 5 und 2x Barlow, die ich mehr aus Witz verwendet habe. Ich gehe davon aus, daß zusammen mit der Blauschwäche des LV der Farbfehler dann bei 400x einfach zu dunkel abgebildet wurde.
Als ich das Gerät 2000 angeschafft habe, probierte ich es übrigens gleich abends nach dem ATT mit einem 9mm Ortho an Denebola aus. Ich hatte damals kaum Erfahrung mit Achromaten - 10 Jahre hatte ich praktisch nur mit Spiegeloptiken und meinem 60/800 Achromaten geschaut, und ich war ziemlich schockiert über den Blausaum.
Am 24.9.2003 habe ich zur Marsbeobachtung notiert "10mm LV +2x Barlow etwas besser als Rohbilder". Ich war aber mit den Bedingungen an diesem Tage nicht sonderlich zufrieden.
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/mexpl2_ovr1_b2.jpgMars mit dem Explorer.
Das bringt mich zur Planetenfotografie. Also ich bin ziemlich sicher, daß man visuell stets mehr sieht, als ein Webcam-Rohbild zeigt. Bei einer gekonnten Okularprojektion auf ein vernünftiges CCD-Gerät (z.B. DSLR, EOS 300D in der Art) könnte ich mir vorstellen, daß man es auf einen gleichstand bringt. Erst das bearbeitete Summenbild aus der Webcam bringt mehr raus, als man sehen kann.
Hier möchte ich noch eine wichtige Erkenntnis aus der Arbeit mit dem Refraktor und meiner Casio QV 3500 Digiknipse anbringen: Digitalkameras können den Farbfilter weitgehend ausfiltern. Diese Erkenntnis gewann ich beim Vergleich verschiedener Sonnenfotos u.a. von Merkurdurchgang und Venusdurchgang, die alle mit dem Explorer 395 entstanden sind.
Hier ein im blauen zugelaufenes Sonnenbild auf chemischem Film:
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/Sol2002-07-28-1130UT-1bw.jpg
Im grünen Kanal ist das Bild weitgehend in Ordnung:
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/Sol2002-07-28-1130UT-1bgb.jpg
kann aber nicht mit dem Orange gefilterten Bild vom Merkurdurchgang mithalten:
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/merkur20030507_12web.jpg
Beim Venusdurchgang zeigte die Digiknipse aber keinen Blausaum:
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/vd_kontakt1.jpg
Hier spielen auf jeden Fall 2 Faktoren zusammen. Zum einen ist der chemische Film (Diafilm) im UV-Bereich noch empfindlich und er "sieht" im Blauen einen UV-Farbfehler, den das Auge nicht wahrnehmen würde. Zum anderen aber kann man bei der Digiknipse die Bandbreite des Blaukanals durch Filter derart beschneiden, daß die am gröbsten vom Farbfehler betroffenen Wellenlängen weggeblendet werden.
Zurück zur visuellen Wahrnehmung: Ich hatte bei meinen Jupiter-Beobachtungen mit dem Explorer immer ein Okular-Handycap, weil das 5mm Ortho bzw. 5mm LV mit 200x schon zu stark vergrößert. Mein LVW 8 vergrößerte zwar im optimalen Bereich, ist aber kein besonders starkes Planetenokular. Das 9mm Ortho zeigte mir dann auch fast soviel Detail wie das 5mm Ortho.
Deine Beschreibung von der gemütlichen Beobachtung möchte ich auch aufgreifen. Gemütlich war die Beobachtung auch. Besonders am 20.3.2003 habe ich notiert "toller Refraktorgenuß". Hier habe ich wirklich über 45 Minuten hinweg sehr ruhig dagesessen und das Bild in mich hineingesogen, trotz des schwierigen Einblicks im 5mm Ortho. Es kommt einfach bei der Beobachtung darauf an, daß man sich selbst diese Ruhe antun kann. Wenn man dazu ein Okular mit bequemem Einblick braucht, dann wird mit entsprechender Ruhe das allgemein als für Planeten als weniger gut empfundene LV mehr Beobachtungserfolg liefern, als das Perfekt abbildende Ortho, dessen knapper Einblick den empfindlichen Beobachter aber schon nach 10 Sekunden "zu tränen rührt".
Wenn Du also schreibst, daß Du gemütlich am Monitor sitzend mehr siehst, dann nehme ich einfach mal an, daß Dir bei der visuellen Beobachtung irgendwelche Widrigkeiten den Blick ins Okular verleiden.
Typische Gründe:
- schlechtes Einblickverhalten des Okulars
- falsche Einblickposition
- wackelnde Montierung
- keine Nachführung
- nicht ausreichende Kleidung
Und natürlich hängt es auch immer von der Beobachtungserfahrung ab - die aber am Bildschirm gemacht das Auge nun nicht gerade schult...
Clear Skies
Sven