Hallo!
Nun möchte auch ich meine Gedanken zu diesem Thema beisteuern.
Warnung: Es wird etwas länger. Kocht euch eine Tasse Kaffee

oder Tee und macht es euch gemütlich. Oder lest beim nächsten Beitrag weiter, ist auch in Ordnung.
Fragt ihr euch nicht auch manchmal wie verdammt schon fast absurd schön der Kosmos ist?
O ja! Am Ende einer Beobachtungsrunde schau ich meistens nochmal hoch und genieße einfach, wie wunderschön der Sternenhimmel ist - auf einer rein ästhetischen Ebene. Das kann mich dann richtig andächtig machen. Wegen dieser unglaublichen Schönheit. Und weil es schon eine ganz besondere Atmosphäre ist, nachts da draußen in der Stille unter den Sternen.
Die Wahrnehmung der eigenen Lebensrealität verändert sich. Dinge des Alltags, die einen belastet oder geärgert haben, verschwinden in der Dunkelheit der Nacht und der Weite des Himmels. So kann ein erholsamer Abstand dazu entstehen. Auch die Dimensionen von Problemen verändern sich, wenn mir die altbekannte Tatsache, dass wir hier nur ein Sandkorn im Universum sind, wieder einmal bewusst wird. Jupiter und seine Kameraden haben schon viele Menschen und ihre Probleme kommen und gehen sehen. Sie waren schon da, lange bevor sich Lebewesen auf unserer Erde entwickelt haben und sie werden auch dann noch da sein, wenn es hier niemanden mehr gibt, der zu ihnen hinaufschauen und sich freuen könnte, den Alltag mal für eine Weile loszulassen. Die unvorstellbaren Entfernungen dort draußen, die Kräfte, die dort wirken, all das Unbegreifbare, das da passiert, lässt unser Gezänke hier unten bedeutungslos werden. Zumindest bis zum nächsten Morgen.
Auch wenn es nicht wirklich etwas daran ändert, wie die Dinge sind, kann es auf jeden Fall die Schlafqualität verbessern, vor dem Zubettgehen nochmal in den Sternenhimmel zu blicken. Und diese wunderschöne, friedliche Atmosphäre mit in die Träume zu nehmen.
habt ihr euer Leben verändert?
Im Großen nicht. Dafür bin ich nach etwa 2 Jahren, in denen ich mein Teleskop besitze und mich ernsthafter mit der Astronomie beschäftige, auch noch nicht lange genug dabei. Im Kleinen bemerke ich allerdings Veränderungen:
> Ich lerne und entdecke!
Vor meiner Teleskop-Zeit kannte ich am Himmel neben dem Mond noch den großen Wagen, die Kassiopeia und Wega. Ich wusste, dass es dort auch Planeten gab und dass Venus mal als Abend-, mal als Morgenstern auftaucht. Aber ob das Lichtlein, das ich für sie hielt, auch wirklich Venus war? Inzwischen hab ich Venus und ein paar andere Planeten mit eigenen Augen gesehen und bin sicher, dass sie es auch waren. In den Sternbildern finde ich mich zurecht und mit einigen hab ich mich angefreundet. Und es ist schön, immer mehr vom Nachthimmel kennenzulernen. Mal zufällig auf ein Objekt zu stoßen und es im Nachhinein zu identifizieren. Oder nächtelang nach etwas zu suchen, es schließlich zu finden - oder zu akzeptieren, dass es für den Moment einfach nicht machbar ist. Und so geht es allmählich immer weiter in die Tiefe, und inzwischen versuche ich so abstrakte Dinge wie Himmelsmechanik, den Einfluss von Wetter, Licht- und Umweltbedingungen auf die Sternbeobachtung, aber auch Teleskoptechnik zu verstehen - soweit es für meine Zwecke relevant ist.
> Ich gehe immer öfter auch bei Kälte und Dunkelheit aus dem Haus
Vor zwei Jahren hätte ich mir noch nicht vorstellen können, mitten im Winter bei Minusgraden mit Sack und Pack nachts rauszugehen, um mir irgendwo in der Pampa den Hintern abzufrieren bei dem Versuch, den Himmel zu studieren. Und auch noch Freude dabei zu haben!
Oder regelmäßig an meinem Stammplatz außerhalb der Stadt erst mal eine Weile mit meinen Ängsten zu ringen, um am Ende ein paar schöne Beobachtungseindrücke zu bekommen.
Weil das Wetter heuer astrotechnisch eher schwierig ist

, verbringe ich neuerdings auch immer wieder "Beobachtungszeit" bei teils wolkigem Himmel in meinem Liegestuhl am Balkon. Warm eingepackt mit Winterpulli, Mütze, Jacke und Decke schaue ich teils mit dem Fernglas (bis es beschlägt) dabei zu, wie Sterne hinter den Wolken verschwinden und wieder auftauchen. Das ist kein gezieltes Beobachten, sondern eher ein Genießen der Schönheit der Nacht. Und auch wenn ich den Himmel gern klarer hätte, kann ich dabei auch dankbar sein für unsere Atmosphäre mit den Wolken. Sie ist ja nicht selbstverständlich im Universum und so ganz nebenbei überlebenswichtig für uns Menschen.
> Mein "Freundeskreis" hat sich erweitert
Das ist vielleicht schon ein wenig schräg und einige von euch, die eher nüchtern und naturwissenschaftlich in der Astronomie unterwegs sind, werden jetzt die Augen verdrehen (falls ihr mir in diesem Endlos-Beitrag überhaupt bis hierher gefolgt seid

). Aber zu einigen der Sternbilder oder Planeten hab ich eine Art freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Ich vermisse sie, wenn sie grad nicht sichtbar sind. Ich halte nach ihnen Ausschau, wenn es allmählich Zeit für ihre Rückkehr wird. Und auch wenn sie meine Geduld manchmal sehr strapazieren, kann ich mich doch stets auf sie verlassen. Sie sind da draußen und sie kommen wieder.
Sternbilder, Planeten und Mond begleiten mich abends auf dem Nachhauseweg. Sie teilen die schönen Nachtstunden mit mir und die weniger schönen.
Und es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass sie auch dann da sein werden, wenn ich einst alt, krank und alleingelassen in meinem Pflegebett liege und mich auf den Weg mache, diese Welt zu verlassen. Auch wenn dann vielleicht niemand da ist, um an meinem Bett zu sitzen und mich zu begleiten, weiß ich doch, dass der alte Jupiter da draußen am Himmel steht. So wie er es schon vor meiner Zeit getan hat und es auch danach tun wird.
Seid ihr Gläubig geworden
Macht mich die Astronomie gläubig? Im Sinne von religiös? Wohl eher nicht. Ich würde mich insgesamt als nicht wirklich religiös bezeichnen. Zumindest komme ich nicht an das Level einer bayerischen Standard-Katholikin heran. Aber wenn ich nachts draußen bin, den Nachthimmel erkunde und immer mehr von den "Wundern" dort draußen mit eigenen Augen entdecke, bekomme ich schon manchmal sowas wie Ehrfurcht. Vor dem Unbegreiflichen, das da vor sich geht und dessen Teil ich bin. Hat das ein Schöpfer hervorgebracht? Hat es sich aus Zufällen entwickelt? Ist alles naturwissenschaftlich erklärbar? Und wenn ja, welche Kraft hat dafür gesorgt, dass die Gesetze der Naturwissenschaften entstanden sind? Hat es so eine Kraft gebraucht? Keine Ahnung.
Wenn ich die Ruhe und Schönheit einer klaren Nacht erlebe, hat das manchmal schon etwas Erhabenes. Etwas Heiliges? Ist es eine Art von spiritueller Erfahrung? Irgendwie schon.
So. Nun habt ihr ein wenig an meinen philosophierenden Gedanken zur Astronomie teilhaben können.
Ich wünsche euch ebenfalls weiterhin erhebende Momente mit dem Nachthimmel. Sei es auf einer rein naturwissenschaftlichen oder technischen Ebene, oder etwas "verrückter" und tiefergehend. Jeder und jede so, wie es zu euch passt.
Allseits klare Nächte - oder zumindest Freude an Wolken und Regen!

Herzliche Grüße
Sabine