Ehemaliges Mitglied 77903
Sehr geehrte Sternfreunde,
anhand eines Beispiels weise ich auf die wenig beachtete Archäologie astronomischer Geräte hin, womit ich den Nachbau historischer Beobachtungsgeräte und konkrete Beobachtungen mit ihnen meine. Sternwarten des europäischen und vorderasiatischen Raums arbeiteten vor der Einführung lichtsammelnder Optiken mit Winkelmessgeräten aller erdenklicher Aufgaben und Bauarten: Das Astrolabium war nicht nur eine analog-graphische Rechenhilfe, sondern besaß auf der Rückseite eine Visur und wurde verwendet wie die Sextanten der professionellen Navigation bis in die 1970er-Jahre; außerdem gab es Mauerquadranten als Steinmetz- oder Maurerarbeit, bewegliche Höhenmessgeräte mit Skalen, Lotfaden, Wasserwaage, tragbare Abstandsmessgeräte wie den Jakobsstab, wo zwei Visurmarken festen Abstands auf einer Schiene solange verschoben werden, bis sich im Auge des Beobachters die beiden Marken mit den beiden Objekten decken, Schattenwerfer, Sonnenuhren mit Skalen und ähnliches mehr. In dem häufigen Fall, dass es sich um Tischlerarbeit handelt, sind solche Geräte nicht erhalten, sondern allenfalls aus Abbildungen rekonstruierbar.
Ein historisches Dokument erwähnt die partielle Mondfinsternis 927SPT14 (Saros 110, 13° nach dem aufsteigenden Knoten), weshalb diese Finsternis in den heutigen Zusammenstellungen Bemerkenswerter Finsternisse erscheint. Als Amateur bin ich auf indirekte Quellen angewiesen. Meine zitiert aus [Stephenson F.R.: Historische Finsternisse - eine astronomische Fundgrube. In: Spektrum der Wissenschaft (1982), Dezember, S. 122-132] wie folgt: "Die Höhe des Sirius lag zu Beginn bei 31 Grad im Osten; die Himmelssphäre hatte sich nach Sonnenuntergang bis zum Einsetzen der Finsternis um 148 Grad gedreht, gemessen mit dem Astrolabium."
F.R. Stephenson ist ein Delta-T-Forscher, d.h. er leitete aus dem Vergleich zwischen historischen Notizen wie der genannten und den Vorhersagen moderner dynamischer Bewegungstheorien des Sonnensystems Aussagen über die Veränderungen der Drehgeschwindigkeit der Erdkugel ab. Er veröffentlichte seine Original-Arbeiten sicher nicht in Spektrum der Wissenschaft, sondern in einer mir unzugänglichen englischsprachigen Fachzeitschrift. Noch viel weniger zugänglich ist mir das historische Originaldokument des altarabischen Astronomen, auf das er sich bezieht. Solche Archivalien waren im 10. Jahrhundert keine Keilschriftdokumente in Ton mehr, sondern Pergament oder Papyrus mit arabischen Schrift- und Zahlzeichen, und diese schlummern in den Kellern wissenschaftlicher Bibliotheken und Museen, wo sie oftmals klimatisiert oder gar tiefgefroren u.ä. werden, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Ich kann nicht nachprüfen, ob Forscher Stephenson das Dokument selbst einsah und entzifferte oder nur auf eine Nachschrift zurückgriff. Es bleibt auch offen, ob er sich überhaupt mit der methodischen Frage befasste, um die es mir hier geht:
Wie hat der alte Araber die 148 Grad gemessen??
Meine Quelle erwähnt zu Recht, dass es im 10. Jahrhundert keine brauchbaren Uhren gab und man stattdessen Höhenangaben markanter Sterne wie hier des Sirius notierte. Wenn die Sonne im SPT eben untergeht, ist Sirius weit unter dem Horizont und fällt aus, ich habe aber auch sonst nichts am Himmel, was hell genug wäre, um es anvisieren und als Ausgangpunkt einer Messung der Drehung des Himmelsgewölbes verwenden zu können. Kann es sein, dass "Gemessen mit dem Astrolab" bedeutet, dass der Araber den Ort der Sonne auf dem Astrolab in den Horizont stellte und die Sternzeit ablas, dann das Astrolab so lange drehte, bis der Mond die (vor Ort bequem messbare) Höhe bei Finsternisbeginn hat, d.h. nicht eigentlich eine Sternzeitdifferenz am Himmel maß, sondern graphisch ermittelte?
Delta-T: +36m, damit UT = ET - 36m
geographischer Ort Bagdad -44,29°E+33,36°N
damit MOZ = UT + 02h57m
Sonnenuntergang (Bagdad, Vortag) 18h06 MOZ
t1 (Finsternisbeginn im Kernschatten) 03h58 MOZ(Bagdad)
Differenz t1-SoUnter = 09h52 = 9,87h = 148°
Passt also so genau, dass man misstrauisch wird: Es wird doch nicht etwa nur deshalb so genau passen, weil alle Stephensons Delta-T verwenden, das er aus unserer historischen Quelle ableitete? Womöglich ohne die arabische Notiz gesehen zu haben, ohne sie lesen zu können, ohne zu wissen, was der alte Araber da trieb und wie und was er eigentlich maß? Viel Stoff zum Nachdenken für Amateurastronomen, viel Arbeit für bastelnde Archäologen astronomischer Geräte!
Mit freundlichen Grüßen, R.M.
anhand eines Beispiels weise ich auf die wenig beachtete Archäologie astronomischer Geräte hin, womit ich den Nachbau historischer Beobachtungsgeräte und konkrete Beobachtungen mit ihnen meine. Sternwarten des europäischen und vorderasiatischen Raums arbeiteten vor der Einführung lichtsammelnder Optiken mit Winkelmessgeräten aller erdenklicher Aufgaben und Bauarten: Das Astrolabium war nicht nur eine analog-graphische Rechenhilfe, sondern besaß auf der Rückseite eine Visur und wurde verwendet wie die Sextanten der professionellen Navigation bis in die 1970er-Jahre; außerdem gab es Mauerquadranten als Steinmetz- oder Maurerarbeit, bewegliche Höhenmessgeräte mit Skalen, Lotfaden, Wasserwaage, tragbare Abstandsmessgeräte wie den Jakobsstab, wo zwei Visurmarken festen Abstands auf einer Schiene solange verschoben werden, bis sich im Auge des Beobachters die beiden Marken mit den beiden Objekten decken, Schattenwerfer, Sonnenuhren mit Skalen und ähnliches mehr. In dem häufigen Fall, dass es sich um Tischlerarbeit handelt, sind solche Geräte nicht erhalten, sondern allenfalls aus Abbildungen rekonstruierbar.
Ein historisches Dokument erwähnt die partielle Mondfinsternis 927SPT14 (Saros 110, 13° nach dem aufsteigenden Knoten), weshalb diese Finsternis in den heutigen Zusammenstellungen Bemerkenswerter Finsternisse erscheint. Als Amateur bin ich auf indirekte Quellen angewiesen. Meine zitiert aus [Stephenson F.R.: Historische Finsternisse - eine astronomische Fundgrube. In: Spektrum der Wissenschaft (1982), Dezember, S. 122-132] wie folgt: "Die Höhe des Sirius lag zu Beginn bei 31 Grad im Osten; die Himmelssphäre hatte sich nach Sonnenuntergang bis zum Einsetzen der Finsternis um 148 Grad gedreht, gemessen mit dem Astrolabium."
F.R. Stephenson ist ein Delta-T-Forscher, d.h. er leitete aus dem Vergleich zwischen historischen Notizen wie der genannten und den Vorhersagen moderner dynamischer Bewegungstheorien des Sonnensystems Aussagen über die Veränderungen der Drehgeschwindigkeit der Erdkugel ab. Er veröffentlichte seine Original-Arbeiten sicher nicht in Spektrum der Wissenschaft, sondern in einer mir unzugänglichen englischsprachigen Fachzeitschrift. Noch viel weniger zugänglich ist mir das historische Originaldokument des altarabischen Astronomen, auf das er sich bezieht. Solche Archivalien waren im 10. Jahrhundert keine Keilschriftdokumente in Ton mehr, sondern Pergament oder Papyrus mit arabischen Schrift- und Zahlzeichen, und diese schlummern in den Kellern wissenschaftlicher Bibliotheken und Museen, wo sie oftmals klimatisiert oder gar tiefgefroren u.ä. werden, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Ich kann nicht nachprüfen, ob Forscher Stephenson das Dokument selbst einsah und entzifferte oder nur auf eine Nachschrift zurückgriff. Es bleibt auch offen, ob er sich überhaupt mit der methodischen Frage befasste, um die es mir hier geht:
Wie hat der alte Araber die 148 Grad gemessen??
Meine Quelle erwähnt zu Recht, dass es im 10. Jahrhundert keine brauchbaren Uhren gab und man stattdessen Höhenangaben markanter Sterne wie hier des Sirius notierte. Wenn die Sonne im SPT eben untergeht, ist Sirius weit unter dem Horizont und fällt aus, ich habe aber auch sonst nichts am Himmel, was hell genug wäre, um es anvisieren und als Ausgangpunkt einer Messung der Drehung des Himmelsgewölbes verwenden zu können. Kann es sein, dass "Gemessen mit dem Astrolab" bedeutet, dass der Araber den Ort der Sonne auf dem Astrolab in den Horizont stellte und die Sternzeit ablas, dann das Astrolab so lange drehte, bis der Mond die (vor Ort bequem messbare) Höhe bei Finsternisbeginn hat, d.h. nicht eigentlich eine Sternzeitdifferenz am Himmel maß, sondern graphisch ermittelte?
Delta-T: +36m, damit UT = ET - 36m
geographischer Ort Bagdad -44,29°E+33,36°N
damit MOZ = UT + 02h57m
Sonnenuntergang (Bagdad, Vortag) 18h06 MOZ
t1 (Finsternisbeginn im Kernschatten) 03h58 MOZ(Bagdad)
Differenz t1-SoUnter = 09h52 = 9,87h = 148°
Passt also so genau, dass man misstrauisch wird: Es wird doch nicht etwa nur deshalb so genau passen, weil alle Stephensons Delta-T verwenden, das er aus unserer historischen Quelle ableitete? Womöglich ohne die arabische Notiz gesehen zu haben, ohne sie lesen zu können, ohne zu wissen, was der alte Araber da trieb und wie und was er eigentlich maß? Viel Stoff zum Nachdenken für Amateurastronomen, viel Arbeit für bastelnde Archäologen astronomischer Geräte!
Mit freundlichen Grüßen, R.M.