Spektrum der rekurrierenden Nova T Coronae Borealis

Hallo,

gestern Abend konnte ich ein weiteres T CrB Spektrum erstellen.

Dramatisch viel hat sich nicht verändert - es scheint so, als wenn die Ha-Linie etwas prominenter hervortritt.

Spektrum T Coronae Borealis 09.05.2024

TCrB_Vgl_6-2.bass.png
 
Hallo,

ich konnte gestern Abend ein weiteres Spektrum von TCrB erstellen. Noch sieht dies so aus, wie das von Anfang Mai.

Unten seht ihr das zugehörige Spektralprofil - mehr dazu gibt es unter ... Rekurrierende Nova T Coronae Borealis

TCrB-07062024-1.bass.png


Und hier noch "in Farbe"...
TCrB-07062024-2-color.bass.png


Die feine Ha-Emissionslinie des Wasserstoffs ist gut zu erkennen. Man könnte sogar vermuten, dass ihre relative Intensität etwas abgenommen hat.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

und weiter geht es - hier das aktuelle Spektrum von T CrB vom 24.06.2024.

Alles wie gehabt, (noch) nicht Auffälliges im Spektrum. Die Akkretionsscheibe füllt sich weiter - und die Emissionslinie von Ha ist deutlich zu sehen.

Vergleicht man mit den vorigen Profilen, wirkt es so, als wenn Ha nun an Intensität zulegt ...

TCrB_24062024.bass.png


Schöne Grüsse,
Michael
 

Anhänge

  • TCrB_24062024.bass.png
    TCrB_24062024.bass.png
    265 KB · Aufrufe: 91
Zuletzt bearbeitet:
Hallo,

Das nächste Spektralprofil ist im Vergleich zum vorigen Posting 4 Tage später aufgenommen worden. Die Abbildungen zeigen das Profil von 28.06. als rote Linie, das Profil von 24.06. ist blau dargestellt.

Die zwei Profile sind nahezu identisch. Die Variationen liegen im Bereich von 1 bis 2 Prozentpunkten und gehen auf die leicht unterschiedlichen Beobachtungsbedingungen zurück (Transparenz, Wolken, ...).

Zoomt man in den Bereich der Ha-Linie, so sieht man auch hier keine markanten Unterschiede, die zwei Profile sind fast deckungsgleich.

tcrb_28062024.bass.png


tcrb_28062024-detail-Ha.bass.png
 
Hallo Michael,

Deine Methode zur Normierung der Spektren, die Du auf Deiner Homepage beschreibst ("Für diese Normierung erstellt man für jedes Profile eine Trendlinie, die dem groben Verlauf folgt. Formell nutze ich ein Resampling durch einem Low-Pass-Gaussfilter mit einer Breite von 100 Pixel.") ist sehr interessant. Die Ermittlung des wahren Kontinuumverlaufs für M- und Kohlenstoffsterne ist durch das starke "line blanketing" der Molekülbanden auch für professionelle Astrophysiker durchaus eine Herausforderung und mit Deiner Methode kann man immerhin reproduzierbar den Vergleich von begradigten Spektren vornehmen (bisher habe ich diese immer manuell durchgeführt, um die Spektren auszuwerten).

Welches Programm verwendest Du für das Low-Pass-Gaussian filtering?

VSpec besitzt einen "Gaussian Filter", der über den Parameter "Sigma" angepasst wird (wahrscheinlich Breite der Gausskurve auf Höhe der Wendepunkte in Pixel ?).

Hier ist das Ergebnis für den M4e Stern U Ceti (spaltlose Spektroskopie SA-200 Grism), wenn ich für Sigma den Wert 100 eingebe. Funktioniert sehr gut!
U_Ceti.jpg


Beste Grüsse

Matthias

PS: Glückwunsch zur Publikation des wirklich beeindruckenden Buchs "Bildatlas der Sternhaufen & Nebel"! Endlich mal ein Buch mit Spektren und Erklärungen zu den quantenmechanischen Grundlagen der Spektreninterpretation und den Termschemata. Eurem Verleger ist wahrscheinlich zunächst einmal der Schweiß ausgebrochen. Spektren und besonders Gleichungen in nicht-fachwissenschaftlichen Büchern reduzieren die Verkaufszahlen, wie Stephen Hawking im Vorwort seines Buches "Eine kurze Geschichte der Zeit" schreibt: "Man hat mir gesagt, dass jede Gleichung im Buch die Verkaufszahlen halbiert. Ich beschloss also, auf mathematische Formeln ganz zu verzichten."
 
Hallo Matthias,

zuerst danke für deinen netten Kommentar / PS zum Bildatlas der Sternhaufen und Nebel. Stefan und ich haben das dem KOSMOS-Verlag zu verdanken. Nachdem der Bildatlas der Galaxien so gut ankam, wollten wir zum einen tiefer in die Milchstraße einsteigen, weil Stefan hier jede Menge toller Bilder zur Verfügung hatte. Dazu kam dann auch die Idee, diesen Bildatlas entlang der Sternentwicklung aufzubauen - zumindest was die ersten Kapitel angeht. Und ich habe dann als Textautor versucht die Astrophysik "formellos" zu erklären.

Jetzt zu den Spektren.

Was Du beschreibst, also wie man das Kontinuum am besten anfittet, um daraus dann einen normierten Verlauf zu erstellen, hat mich auch beschäftigt. Ich wollte hier einen Standard-Ablauf etablieren, der es mir erlaubt die Ergebnisse gut vergleichen zu können (auch wg. versch. Kameras...). Ich nutze als Software BASS und hier habe ich das Kontinuum manuell angefittet - in BASS gibt es dazu Polynom-Abschnitte. Dies klappte ganz gut, jedoch hängt es von den Klick-Punkten ab. Der nächste Versuch waren die Gauss-Filter (in BASS über Resampling), also das, was du auch machst. Dies waren bessere Fits - weniger individuell, aber die Randwerte passten nicht besonders gut - wobei dies sicher von der BASS Umsetzung abhängt, das kann bei VSpec anders sein. Als dritte Methode, und diese setze ich jetzt bei den T CrB Spektren ein, ist die Anpassung eines Trends in BASS. Hier wählt man den Polynom-Grad und kann die Eckwerte mit hinzunehmen. Das Ergebnis finde ich "passend" und mit diesem Trend normiere ich dann das Spektralprofil.

Den Vorteil sehe ich im Standard-Ablauf, und damit ergibt sich die Vergleichbarkeit der normierten Spektren. Wie du richtig schreibst die die Reproduzierbarkeit das Wichtigste. Ich habe auch eine Reihe von eigenen Python-Programmen, die ich für weitergehende Untersuchungen nutze, aber das sind dann Funktionen, die BASS nicht anbietet (Peakfinder, P-Cygni-Profile-Fits, ...).

Hattest du mit dem SA-200 auch schon einmal T CrB spektrometriert?

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hattest du mit dem SA-200 auch schon einmal T CrB spektrometriert?
Leider noch nicht. Steht aber ganz oben auf dem Beobachtungsplan, sobald die Nächte wieder länger werden (ich brauch meinen Schlaf....).

Ich habe auch eine Reihe von eigenen Python-Programmen, die ich für weitergehende Untersuchungen nutze, aber das sind dann Funktionen, die BASS nicht anbietet (Peakfinder, P-Cygni-Profile-Fits, ...).
Für Profile-Fits und die nachfolgende peak-deconvolution benutzte ich als armer Nicht-Physiker "Fityk": https://fityk.nieto.pl/ Hier ein paar Beispiele (Nova V1405 Cas und Dulux Energiesparlampe):

Folie4.JPG

Folie7.JPG


Beste Grüsse

Matthias
 
Hallo Matthias,

danke für den Tipp zu Fityk - das kannte ich noch nicht und schaue es mir gerne an.

..

Ich habe noch einmal den Arbeitsablauf visualisiert, also der Weg vom gemessenen und dann kalibrierten Spektrum zu den Profilen in den Abbildungen.


1. Die kalibrierten Profile werden dann mit der Instrumenten-Response-Kurve korrigiert (mittels Arktur und K1.5III-Referenz). Die Abbildung zeigt für die zwei Beobachtungen die zugehörigen Profile in grün und violett. Der Anstieg beider Kurven von links nach rechts, also "zum Roten" hin, zeigt, wie rotlastig das ganze System strahlt.

2. Für die Profile wird dann jeweils ein Resampling / Trend erstellt. Diese Kurven geben den Kontinuumsverlauf wieder, dort sind also keine Linien und keine Kanten der TiO-Banden enthalten.

3. Die kalibrierten Profile werden durch die Kontinuumskurven dividiert. Damit ergeben sich Profile, die über den Wellenlängenbereich von 380nm .. 800 nm um den Wert 1 schwanken. Die Rotlastigkeit ist nicht mehr sichtbar, dafür erkennt man jetzt die Linien im kurzwelligen, blauen Bereich besser. Ganz links zeigt sich auch das Rauschen, da meine Kamera hier nur noch wenig Empfindlichkeit aufweist.

4. Für die direkte Vergleichbarkeit der zwei Profile der zwei Beobachtungen normiere ich Profile "auf 1" in einem kleinen Bereich. Bei T Crb liegt dieser bei 550 .. 570nm, da hier keine Emissionslinien der Scheibe zu sehen sind und hier nur der MIII-Stern leuchten dürfte. Wie schon geschrieben, liegen die Profile fast deckungsgleich übereinander.

An der "T CrB Chemie" hat sich also in den 4 Tagen nichts verändert. Auch wenn T CrB in diese Zeit im Visuellen das bekannte Flickering zeigt, bei der Helligkeitsvariationen innerhalb von 1-2 Stunden messbar sind


tcrb_28062024-vlg-24062024-Response-Resampling-Divided-Vergleich-380-800_0.png


tcrb_28062024-vlg-24062024-Response-Resampling-Divided-Vergleich.png


Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

Das folgende Spektralprofil vom 07.07.2024 (23:00 .. 23:45) zeigt nun, im Vergleich zu den Profilen der letzten Wochen, eine Änderung. Die Ha-Linie nimmt weiter an Intensität zu. Bei der Hb-Linie ist ebenfalls dieser Anstieg zu erkennen.

Da alle Profile normiert sind, kann man die Intensitäten vergleichen. Innerhalb eines Profil sind die TiO-Banden-Peaks ein guter Bezugspunkt, um abzuschätzen, wie stark die Intensität der Wasserstoff-Linien zugelegt hat.

TCrB_07072024_380-800.bass.png



Es könnte also sein, dass nun langsam die Vorzeichen in Richtung Nova-Ausbruch deuten.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

im Spektralprofil vom 09.07.2024 (22:50 .. 23:30) hat die Intensität der Ha-Linie weiter zugenommen. Die Entwicklung der letzten zwei Wochen setzt sich also fort. Bezieht man diese auf das normierte Kontinuum, so erreicht die Ha-Linie nun fast das 2,5-fache. Vor einer Woche lag der Wert noch bei etwa 2.

tcrb-09072024_1.bass.png



Hier noch der Blick auf die Ha-Region.

tcrb-09072024_1-Detail-Ha.bass.png



Schöne Grüsse,
Michael
 
Servus Michael, super spannend was du da machst. Inieweit vertraust du deinen relativen Linienflüssen?
Ist dein Spalt zum Beispiel groß genug, dass kurzwellige Photonen (450-500nm) genauso gut durchkommen wie die bei 650 nm, oder schneidet dir das wellenlängenabhängige Seeing die blauen Photonen mehr ab als die roten? Kann man deine Normierung auf das Kontinuum als passend ansehen, um solche Effekte auszugleichen?

Der Grund warum ich frage ist, dass das quantenmechanische Rekombinationsverhalten ein intrinsisches Verhältnis von ca 2.86 von H-alpha / H-beta erzwingt. Kleinere Werte kann es nicht geben, aber größere können durch Staub verursacht werden, der H-beta stärker abschwächt als H-alpha.

In deinem Spektrum vom 7.7. lese ich Verhältnis von ziemlich genau 2.0 ab (unphysikalisch), während in dem vom 9.7. es etwa 4.2 beträgt, was eine deutliche Staubkomponente bedeuten würde. Ich habe aber nur die Peakwerte abgelesen, die sind eventuell durch undersampling betroffen, auch weiss ich nicht wie du die Spektren sonst noch kalibriert hast. Aber auf jeden Fall sehr interessant. Falls du Lust hast, kannst du ja mal das Verhältnis der integrierten Linienfluesse als Funktion der Zeit darstellen, vielleicht gibt es da einen Trend.
 
Hallo Mischa,

danke für deinen netten Kommentar.

Genau das überlege ich auch - wie sehr kann ich den Intensitäten trauen? Oder - was kann ich tun, damit ich die Profile der verschiedenen Nächte vergleichen kann?

Um das zu erreichen, habe ich das folgende gemacht:
(1) Das Instrumenten-Setup habe ich nicht verändert - Teleskop- Spektrograph - Kamera.
(2) Beobachtungszeit ist auch in etwa die gleiche, die Stunde vor Mitternacht (MESZ).
(3) Datenauswertung - Das Verfahren ist identisch, incl. der genutzten Master-Responsekurve, also eben kein Anpassung eines einzelnen Profils, sondern alle gleich behandelt. Also kein "Fummlen" oder "Datenschönung" :)
(4) Normierung - Alle Profile schwanken durch die Division durch das ResampledProfile um den Wert 1, dazu habe ich auch noch alle Profilen beim ihrem Profilwert bei 550 nm die 1 gesetzt. Dort liegt keine Linie - weder TiO noch H - und das führt dazu, dass die Kontinua einen Ankerpunkt haben.

Soviel zu den Profilen. Nun habe ich überlegt, wie ich das "Starten der Nova" am besten messen kann. Mein Ansatz ist der, dass ich die Intensität der Wasserstoff-Linien messe und zwar in Bezug auf die TiO-Bandenkanten (TiO-Peaks). Letztere kommen vom roten Begleiter und diese sollten sich in ihrer Intensität gemäß dem Akkretionsscheibenmodell (erst einmal) nicht verändern.

Um die Profildaten der letzten Wochen zu vergleichen - ich habe dazu die vom 24.6., 28.6., 7.7, 8.7. und 9.7. benutzt - habe ich 8 Wellenlängenbereiche ausgewählt. Diese sind schmal und dort liegt jeweils ein Peak. Bei 6 der 8 Bereich sind es Peaks am blauen Ende der jeweiligen TiO-Bande und in 2 Bereichen liegt einmal die H-Beta-Linie und einmal die H-Alpha-Linien.

Auch hier wollte ich den "menschlichen Einfluss" bei der Auswertung reduzieren und nutzte daher ein Python-Programm, das die 5 Profile einliest und dann in den 8 Bereichen einen Gauss-Fit durchführt. Hier habe ich bei den TiO-Peaks auch mit einem Doppelprofil gefittet, dies ist aber bzgl. der Konvergenz etwas schwieriger zu handhaben. Die folgenden zwei Grafiken zeigen die 8 Bereiche und die daraus gewonnen Gaussfit-Werte (die Nummerierung entspricht der zeitl. Reihenfolge 24.6. .. 9.7.)

TCrB - GaussFits-Bereiche.png



TCrB - GaussFits-Werte.png




Im zweiten Scatter-Plot sind die zwei Bereiche mit den Wasserstoff-Linien entsprechend markiert. Schaut man auf die Werte, so kann man - in aller Vorsicht - doch schon jetzt bzgl. der Entwicklung der Intensitäten folgendes ableiten:

- Die 5 Bereiche mit den TiO-Peaks liefern für alle Beobachtungen eng beieinander liegende Werte. Dies deute ich als Bestätigung, dass das Verfahren einigermaßen konsistente Werte für die Linienintensitäten liefert. Die Streuung dieser TiO-Peaks liegt bei rund 0,1 ADU.

- Die zwei Wasserstoff-Linienintensität zeigen eine Streuung, die über der der TiO-Peks liegt. Daraus schließe ich, dass sich die "Wasserstoff-Situation" zeitlich geändert hat, im Gegensatz zum TiO.

- Bei Ha und bei Hb zeigt sich auch ein etwas anderes Zeitverhalten. Während Ha deutlich zulegt im Lauf der Beobachtungszeit, ist bei Hb am 7.7. ein Maximum, aber sonst ist Hb eher konstant als steigend.

- Das Soll-Verhältnis Ha/Hb = 2,86 wird gut erreicht (Ausreiser ist der 7.7. ...)


Dies als erster Blick auf die Datenauswertung. Die Plots sind auch noch etwas grob - ich hoffe, dass sich diese mit meinen Erläuterungen verstehen lassen.

Was ich heute auch geprüft habe, ist, ob sich in den TCrB Photometriedaten in den letzten zwei Wochen etwas getan hat. Laut AAVSO ist dies aber nicht der Fall. Man erkennt den bekannten Abstieg (über Wochen) in das Pre-Eruption-Dip, aber sonst sieht alles wie gehabt aus.

Stimmen meine Annahmen, so leuchtet die TCrB-Scheibe in Ha heller und heller. Ob das nun so weitergeht, oder ob sich alles wieder normalisiert, werden die nächsten Spektren zeigen.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

ein kurzes Update - ich habe gestern Abend ein weiteres Profil erstellen können - bevor die Wolken kamen.

TCrB Profilvergleich

Ha ist weiterhin prominent, allerdings stieg die Intensität nicht weiter an, sondern nahm etwas ab. Mal sehen wie das weitergeht. Ein solches "Flickering" ist für andere Spektralbereiche typisch.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo Michael,

eine wirklich schöne Meßserie! Die Fluktuationen der H alpha-Linie stimmen qualitativ gut überein mit den Messungen von David Boyd (StarEx 2400 35 um slit) und Forrest Sims (Shelyak LISA) aus der BAA-Datenbank:

StarEx 2400 35 um slit

Shelyak LISA

(mit der Maus kann in der Spektrenserie ein Ausschnitt vergrößert werden)

Die Spektren von David Boyd sind höher aufgelöst (R=10.000) und zeigen die Linienstruktur mit der typischen zentralen Absorption, die nach Munari et al. auf den Sternenwind des kühlen M-Sterns zurückzuführen ist:

Munari et al.

Beste Grüsse

Matthias
 
Hallo Matthias

danke für die Links - dann passen die Messungen gut zusammen. Und wir sehen ein Ha/Hb Flickering.

Angetrieben durch den ionisierten Sternwind des M-Riesen. Dieser füllt ja seinen Rochelobe aus, und die Akkretionsscheibe um den WD reicht mit ihren 90 Rso auch bis an ihren Rochelobe. Somit wirken Sternwindänderungen direkt auf die Scheibe ein. Siehe Zamanov 2024, Referenz in dem von dir genannten Paper von Munari.

Schöne Grüße
Michael
 
Für alle Interessierten, die das T CrB-Fieber noch nicht erfasst hat und die sich noch einen kompakten Überblick verschaffen wollen:

Francois Teyssier hat auf der letzten SAS Konferenz 2023 die astrophysikalischen Daten für T Crb sehr schön graphisch dargestellt und die Ursachen des Flickerings diskutiert:

http://www.astronomie-amateur.fr/DocsSpectro/TCrB_SAS_2023-06-22.pdf

T_CrB.jpg

T_CrB2.jpg

Der Vortrag von Francois ist hier abrufbar:

https://www.youtube.com/watch?v=JJrR7DPv-HU&list=PLmQ5Bvz4ACYK9PzC3SRKpIr1bRuna78dJ&index=7

Beste Grüsse

Matthias
 
Hallo Matthias,

vielen Dank für die Infos - das Video ist interessant. Der Sternwind des M3-Riesen "koppelt" also direkt an die Scheibe an. Und damit wäre das Flickering eine Art "Windmesser".

Gestern Abend habe ich wieder Spektren aufgenommen. Und nun zeigt sich eine Abnahme der Ha-Intensität. Das Flickering lässt die Linienstärken um +/- 50% in Zeitrahmen von einigen Tagen schwanken.

tcrb_18072024_3.bass.png


Die Gaussfit-Werte haben nun einen weiteren Punkt (gelb) in der Zeitreihe. Und dieser liegt bei Ha ganz weit unten.

tcrb_18072024_Figure_5.png


Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

und weiter geht es.

Gestern Abend zogen zwar schon erste hohen Cirren durch, ich konnte aber 20 Spektren mit jeweils 5 min Belichtungszeit aufnehmen. Der Mond sorgte für einen hellen Himmelshintergrund, aber diesen Einfluss entferne ich durch die Auswahl der Profile für T CrB und die Subtraktionsprofile ober - und unterhalb des Nova-Spektrums.

Die Summierung von 21 Profilen ergab das unten gezeigte nächste Spektralprofil von T CrB. Man erkennt, dass innerhalb von zwei Tagen die Ha-Intensität wieder zugelegt hat. Die Intensität liegt nun wieder im Mittelwert meiner Messungen.


tcrb_20072024_2.bass.png


Die Messwerte der Gaussfits ergeben jetzt das folgende Bild. Die Messpunkte sind farblich gekennzeichnet. Der neueste Wert ist dunkel-violett, das Minimum vom 18.07. ist gelb eingefärbt.

tcrb_20072024_Figure_6.png


Wenn man die Zeitreihe der Gaussfit-Messwerte aufträgt, erkennt man die Variabilität der Ha-Intensität (blauer Verlauf). Im Gegensatz dazu ist die gefittete Linienbreite nahezu konstant (grün).

tcrb_20072024_Figure_8.png



Das schon benannte Flickering der Ha-Intensität lässt sich - auch bei den nun wenigen Messpunkten - gut abschätzen. Innerhalb eines Tages kann T CrB eine Variation von 10 .. 20% in der Linienintensität produzieren. Man dazu dazusagen, dass sich dies auf die aktuelle Situation in T CrB bezieht - wenn die Nova startet, dürfte dieser Wert deutlich überschritten werden.

Innerhalb einer nächtlichen Beobachtungssession, also innerhalb von 1 bis 2 Stunden, verändert sich die Intensität nur marginal. Man kann eine Rate von rund 1 % in 1 Stunde abschätzen. Diese Variation liegt im Rahmen des Rauschniveaus meines Instruments, so dass ich nicht feiner zeitlich auflösen kann.


Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

das die letzten beiden Nächte klar waren, habe ich zwei Messpunkte anfügen können.

In der Darstellung der Messwerte der Gaussfits sind zwei Farben hinzugekommen. Die Ha-Intensität liegt wieder "im Mittelfeld".

TCrB_Gaussfit_Parameter_Figure_7.png



Und die Zeitreihe der Gaussfit-Parameter setzt sich fort und deckt nun einen Monat ab. Man sieht, dass die Ha-Intensität weiter "vor sich hin flickert". Nach der Zunahme bis Mitte Juli, folgte ein Abstieg und dann legte die Ha-Linienintensität wieder zu. Die Zeihe ist viel zu lückenhaft, um eine Frequenzanalyse zu betreiben, die Annahme zu den "maximalen Prozentsprüngen" von oben gelten aber weiterhin recht gut.

TCrB_Zeitreihe-Gaussfit_Figure_8.png



Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

zu Anfang August konnte ich an zwei Abenden weitere Spektren von T CrB aufnehmen.

Hier das Spektralprofil vom 5.8.2024. Die Ha-Linienintensität hat wieder zugelegt.
tcrb_05082024_2.bass.png



Mit den weiteren Datenpunkten, "füllt" sich auch weiter die Zeitreihe des Beobachtungszeitraums. Zwar dominieren die Lücken, doch man bekommt einen immer besseren Eindruck von der "Schwankungsstärke" der Intensität der Ha-Linie.

Figure_2.png


Wie schon in den früheren Postings beschrieben, sieht man immer deutlicher, dass die Variabilität in der Ha-Linie steckt, gefolgt von Hb - wie es ja durch die physikalische Kopplung der Emissionsprozesse auch der Fall sein muss.

Die anderen Spektrallinien, die auf den Beitrag des MIII-Riesen zurückgehen, sind im Rahmen der messbedingten Schwankungen konstant.

Die Zeitreihe der Messung der Ha-Gaussfit-Parameter sieht nun also so aus:
Figure_4.png


Das Zapplen der gemessenen Amplitude der Ha-Linie ist das erwähnte "Flickering". Den mathematischen Hintergrund werde ich in einem nächsten Posting erläutern - es ist der so genannte "power law noise". Es handelt sich um einen stochastischen Prozess, der Variabilität auf verschiedenen Zeitskalen produziert. Dieser ist nicht-periodisch und es gibt als in der Natur viele solche Beispiele, wo langfristige und kurzfristige Variationen in einer bestimmten Gewichtung auftreten.

Bei T CrB schafft die Ha-Amplitude eine Variabilität Maximalwerte von bis zu 20% an einen Tag, und das normale Auf-und-Ab der Amplitude liegt dann bei 20% in einer Woche.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo,

wie man erkennt, ist die Zeitreihe der Gaussfit-Parameter mit großen Lücken versehen. Klar, denn man kann nur Nachts Spektren aufnehmen und außerdem klappt das nicht jeden Abend.

Im T CrB Doppelsternsystem ist der MIII-Riese der Sternwindlieferant. Hier strömt Materie auf die Akkretionsscheibe ein, die im Zentrum den kompakten Begleiter, den weißen Zwerg besitzt. Deutet man nun die Variationen der Hα-Linienintensität als ein Folgeeffekt der aktuellen Stärke des Sternwindes des MIII-Riesen, so kann man aus den Variationen der Hα-Amplitude auf die Sternwind-Variationen schließen (und umgekehrt).

Ich habe einmal versucht, diese Sternwind-Variationen zu simulieren. Wer hier einsteigen möchten, findet hier mehr Informationen dazu hier T Crb Simulation des Sternwindes

Als Appetizer zeige ich einmal eine solche Simulation ...
Screenshot 2024-08-11 125231.png


Schöne Grüsse,
Michael
 
Ich habe einmal versucht, diese Sternwind-Variationen zu simulieren. Wer hier einsteigen möchten, findet hier mehr Informationen dazu hier T Crb Simulation des Sternwindes
Hallo Michael,

vielleicht interessant für Dich als Phyton-Programmierer:

Xavier im frankophonen Astrosurf-Forum "Spektroskopie und Photometrie" analysiert die kurzzeitigen Variationen der H-alpha Linie mittels eines Autokorrelations-Modells nach Scargle und Edelson-Krolik: http://www.astrosurf.com/topic/167595-tcrbb-nova-possible-en-avril/?do=findComment&comment=2412307

Hierzu gibt es wohl auch einige Phyton-Notebooks auf AstroML: http://www.astrosurf.com/topic/167595-tcrbb-nova-possible-en-avril/?do=findComment&comment=2410030

Zur Visualisierung des kurzzeitigen Flackerns hat Xavier eine sehr schöne animierte Grafik erstellt:

TCrB_2024-06-11T23.gif.dcbf77ac5c972faa3c0ff88a06d53e49.gif


Beste Grüsse

Matthias
 
Hallo,

@Matthias - Danke für deine Postings zum Thema!

Der Sommer 2024 geht so langsam zu Ende und damit auch für mich die Sichtbarkeit von TCrB. In den letzten Monaten sind eine Reihe von Spektren entstanden, die einen "Blick ins System" erlaubt haben, auch wenn der Nova-Ausbruch noch auf sich warten lässt.

Der MIII-Spektralbeitrag ist die beständige Größe in den Spektren. Die TiO-Banden sind der "rote Faden" in den Profilen. Aufgesattelt zappelt die spektrale Aktivität der Akkretionsscheibe um den Weißen Zwerg - bzw. das Leuchten der Anschlusspunkte, wo Sternwind-Material über die Roche-Grenze in Richtung Scheibe fließt.

Hier folgen nun die Updates zu den Zeitreihen. Zuerst das aktuelle Spektralprofil - mit der prominenten Ha-Linie.

tcrb_06092024_11_newcal.bass.png



Die nächste Abbildung zeigt für die verschiedenen Linien (H, He) und für die Linien-Strukturen (TiO), die Ergebnisse der Amplituden-Fits, die durch ein Programm automatisch (also nicht manuell) ermittelt wurden. Wie schon beschrieben, zappeln die Ha- und die Hb-Amplituden am stärksten. Dieses "Flickering" geht sehr wahrscheinlich auf Variabilität im Sternwind des Roten Riesen-Begleiters zurück, also auf Intensität-Änderungen - wobei die Materialzusammensetzung des Windes gleich bleibt.


TCrb_Linien-Fits-Zeitreihe_Figure_2.png




Blickt man nun allein auf die Ha-Amplituden-Fits, so zeigt sich die folgende Zeitreihe. Die Amplitude kann kurzfristig deutlich schwanken - maximal mit etwa 20% pro Tag.


TCrb_Ha-Fits-Zeitreihe_Figure_4.png



Schaut man auf den Wochen-Trend, so kann man in der Zeitreihe - so man dies sehen möchte :) - einen Anstieg der Amplituden-Intensität ablesen. In den letzten Wochen lagen die Werte fast alle über dem Mittelwert der Beobachtungen.

Der Nova-Ausbruch steht also dicht bevor. Vielleicht schafft TCrB dies ja noch im Vorhersagezeitraum, also im September 2024.

Wer einmal alles zusammengefasst nachlesen möchte, dem empfehle ich meine Homepage...
https://www.astro-images.de/rekurrierende-nova-t-coronae-borealis/
https://www.astro-images.de/tcrb-simulation-des-sternwindes/
https://www.astro-images.de/tcrb-minima-2024/

Schöne Grüsse,
Michael
 
Hallo Matthias,

danke für die Hinweise - und auch danke an Hans.

Ja, ist ist wohl ziemlich viel "Dampf im Kessel" ... also Material in der Akkretionsscheibe.

Wenn jetzt das Wetter in den nächsten Wochen mitspielt, sollte es gelingen den Ausbruch mitzuverfolgen.

Schöne Grüsse,
Michael
 
Auch die Nervosität unter den professionellen Astronomen nimmt offenbar zu. Jedes Flackern wird als Vorbote des Ausbruchs interpretiert....

T CrB on the Verge of an Outburst: H alpha Profile Evolution and Accretion Activity
Hier eine durchaus berechtigte kritische Stellungnahme zu der oben zitierten ATel-Meldung von Francois Teyssier (ARAS Gruppe) und Steven Shore (Universität Pisa):

https://www.spectro-aras.com/forum/viewtopic.php?t=2902&start=40

"It's the hype that's around reading chicken entrails and "predicting the unpredictable" that's tapping into the community, you'd almost think that the scientific community has adopted astrology."

Beste Grüsse

Matthias
 
Hallo,

und weiter geht es in 2025 mit der T CrB.

Ich habe bisher zwei Spektren aufnehmen können und auch die Zeitreihe der Messungen weiter fortgeführt.

Die Informationen dazu findet ihr im Beitrag TCrB in 2025

--

Zum schnellen Blick hier das Spektrum von Anfang April:
tcrb_04042025_2.bass.png



Die Intensität der Ha und Hb-Emissionlinien hat deutlich zugelegt. Die zwei Amplituden-Fits liegen deutlich über den Werte aus 2024.

Hier die Zeitreihe für Ha:
TCrb_Zeitreihe der Ha-Amplituden-Fits_Figure_4.png



Schöne Grüsse,
Michael
 
Zurück
Oben