27. Woche - Sh2-54, und ein Ei im Nest

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Heute zeigen wir ein schönes Astrofoto aus einer weniger beachteten Himmelsregion im Schwanz der Schlange (Serpens Cauda). Rund 2° nördlich des bekannten Emissionsnebels Messier 16 liegt Sh2-54. Bildautor Karsten Bahr ist neu im Kreis der AdW-Astrofotografen - daher ein herzliches Willkommen! Er nahm Sh2-54 an folgenden Tagen auf: 26.05.2023, 28.05.2023, 07.06.2023, 09.06.2023. Teleskop war ein TS Photon Newton mit 200 mm Öffnung und 1000 mm Brennweite, dazu wurde als Farbkamera eine ToupTek APS-C ATR3CMOS26000KPA Color eingesetzt. Das Bild - ein HαRGB - wurde insgesamt 12 h 16 min belichtet, und zwar bei Gain 100 (der einstellbare Gainbereich liegt zwischen 100 und 10.000). Die Einzelbelichtungen: 30 x 180 s (L) mit Astronomik-Filter, 118 x 180 s + 73 x 240 s mit einem Optolong L-Ultimate dual Schmalbandfilter. Aus den Schmalbandaufnahmen wurde das Hα-Signal extrahiert und dem Rotkanal des in RGB zerlegten Luminanzbildes hinzugefügt. Das AdW zeigt Norden oben, Osten links, das Bildfeld beträgt 77,3' x 51,5'.

Und jetzt die Besonderheit: Die Aufnahmeserie entstand in der nördlichsten Stadt Deutschlands - in Flensburg!

Was zeigt das AdW? Die gesamte Szenerie ist von leuchtendem, ionisiertem Wasserstoffgas erfüllt. Der kleine elliptische rote Nebel oben halbrechts ist Gum 85 mit 5,6' x 3,4' Ausdehnung. Er steckt wie ein Ei im Nest in einem schwächeren, umgebenden Teilring in Emission. Das sind die hellsten Bereiche von Gum 84. Insofern erinnert dieeser Anblick an ein Ei im Nest (siehe Titel). Das Zusatzbild 1 zeigt einen Ausschnitt aus Simbad/Aladin (monochromatisch und in Helligkeit und Kontrast etwas optimiert). Darin liegt unten Messier 16, 2° nördlich der erheblich größere, aber lichtschwächere Gum 84 (gelbes Kreuz) mit dem eingebetteten Gum 85.

Ein wenig Information zum Thema "Gum": Zwei Jahre nachdem Steward Sharpless seinen ersten Katalog der HII-Regionen publizierte (1953), nahm der Australier Colin S. Gum eine ausgedehnte Untersuchung der südlichen Milchstraße in Hα vor. Wer Interesse hat, schaue nach: A Survey of Southern HII Regions; Memoirs of the Royal Astronomical Society 67, p. 155 (1955). Dabei nutzte er zwei Film/Filter-Kombinationen: eine Kombination aus Kodak-Eastman 103a-E mit Filter Parra-Mantois VR2. Das brachte einen 25 nm breiten auf Hα zentrierten Durchlass - nicht schlecht für damalige Verhältnisse. Dazu einen Film Supper XX mit Filter Chance OY1, das ergab ein Durchlassfenster von 60 nm Halbwertbreite zwischen 565 bis 625 nm zur Aufnahme im Kontinuum zwischen Grün und Rot. Das Zusatzbild 2 zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Gum-Katalog. Astrofotografen, die an südlichen Orten ihre Aufnahmen machen, können sich ruhig einmal näher mit diesem Katalog befassen. Da sind auch wenig bekannte Nebel aufgeführt.

Bei Emissionsnebeln ergibt sich generell die Frage: Wer bringt diese Nebel zum Leuchten? Welche Quelle ist dafür verantwortlich? Colin S. Gum gab schon die Antwort: Es ist der offene Sternhaufen NGC 6604, der sich an der unteren Bildkante des AdWs 30' südlich von Gum 85 befindet. In diesem Sternhaufen steckt u.a. der massereiche Doppelstern HD 167971, ein Blauer Überriese mit den Spektraltypen O8Ia und O4/5 - also zwei gewaltige "UV-Schleudern". Darüber hinaus ist der gesamte Nebel Sh2-54 Teil der Assoziation Serpens OB2. Douglas Forbes (2000) fand heraus, dass diese ziemlich vernachlässigte Assoziation über 100 OB-Sterne enthält, in einer Entfernung von 1.9 ± 0.3 kpc (ca. 6200 Lj) mit einem gemeinsamen Alter von 5 ± 1 Millionen Jahren. Diese Sterne regen auch die äußeren Partien der großen HII-Region Sh2-54 bzw. Gum 84 zur Emission an.

Anmerkungen: Dies ist ein guter Schritt, eine doch recht südlich gelegene HII-Region durch "Hα-Unterstützung" zur gewünschten roten Farbe zu verhelfen. Und das auch noch von dem nördlichen Aufnahmeort!!! Dass die Sterne in ihren Farben dabei ein wenig blass geblieben sind, muss nicht stören. Allein die Idee dazu ist lobenswert.



Wir bedanken uns für das interessante Astrofoto und gratulieren Karsten Bahr zum Astrofoto der Woche.



Peter Riepe
Bildautor: Karsten Bahr



Koordinaten (J2000.0) von Gum 84:
A = 18 h 18 min 00 s, Dec = -11° 57' 00"



Vollbild unter: https://www.astronomie.de/aktuelles-und-neuigkeiten/detailseite/27-woche-sh2-54-und-ein-ei-im-nest




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Vielen Dank an das AdW-Team für die tolle Präsentation meines Bildes als Astofoto der Woche.

Mein besonderer Dank geht an Peter Riepe für die nette e-mail Konversation und die freundliche Vorstellung meiner Person sowie

die interessanten Zusatzinformationen zu dem AdW 27KW 2023 "Sh2-54, und ein Ei im Nest"

Grüße und CS
Karsten
 
Hallo Karsten,
herzlichen Glückwunsch zu Deiner Aufnahme und dem AdW!
Ja, man sollte ruhig einmal die eingefahrene Bahn verlassen und etwa abseits experimentieren.
Ich habe mittlerweile auch den Mut gefasst, südliche Objekte in meine Liste aufzunehmen, nachdem ich von meinem neuen Standort freie Sicht zum Südhorizont habe.

CS Dietmar
 
Hallo Martin und Dietmar,

es macht wirklich Mut, auch mal aus den nördlichen Lüneburg diese Tiefen zu versuchen.

Auf jeden Fall mal versuchen, wenn das Seeing einigermaßen gut ist kann ich von FL aus M16 und M17 noch ganz gut erreichen.

Bei M20 oder NGC6523 wird es aber schon kritisch.

Ich habe mittlerweile auch den Mut gefasst, südliche Objekte in meine Liste aufzunehmen, nachdem ich von meinem neuen Standort freie Sicht zum Südhorizont habe.

vielen Dank Dietmar,

dass die südlichen Ziele von deinem Standort ja ganz gut gehen, hast du ja schon mit deinem tollen Antaris Bild bewiesen.

M20 könnte für deine große Brennweite ja eventuell auch ganz gut passen.

Außerdem bietet die Region auch viele selten abgelichtete Sharpless-Objekte.

Ich freue mich jedenfalls schon auf neue Bilder von deinem Distant Horizon Observatory.

Grüße und CS
Karsten
 
M20 könnte für deine große Brennweite ja eventuell auch ganz gut passen.

Hallo Karsten,

das ist Gedankenübertragung!
Gestern habe ich mein Instrument für eine Aufnahme von M20 umgerüstet und hatte eigentlich auf klaren Himmel gehofft.
Ist auf jeden Fall mein nächstes Target, allerdings mit dem Reducer am NCT300 bei f=1340mm.
Mit der langen Brennweite werden die Belichtungszeiten zu lang und dafür reicht das kurze verfügbare Zeitintervall nicht aus.
Mal schauen, was sich machen lässt.

CS Dietmar
 
Da drücke ich dir auf jeden Fall die Daumen, Dietmar

am Wochenende könnte es ja mal wieder klappen mit "clear skies"

Grüße und CS
Karsten
 
Der vollständigkeit halber, zeige ich auch noch die HHORGB Version und

die timelapse Videos aus den Schmalband Aufnahmenächten.

In dem AdW Habe ich ja nur das Ha Signal des L-Ultimate verarbeitet aber

um das OIII Signal nicht zu verschwenden habe ich auch eine pseudo Hubble Palette erstellt.

(Newton20) Sh2-54 T2600C  HP-Vers.jpg


Das Video von den Aufnahmenächten, das zeigt recht deutlich was es bedeutet

nödlich des 54 Breitengrades im Sommer Astrofotografie zu betreiben.



Grüße und CS
Karsten
 
Hallo Karsten,

mein Favorit ist die AdW-Version.
Deine Aufnahmebedingungen, so weit im Norden der Republik, sind im Sommer wirklich nicht die Allerbesten!
Erstaunlich, was Du dennoch für gute Ergebnisse erzielst. :y:
Wie ich weiter oben schon erwähnte, arbeite ich im Moment an M20. Das macht wirklich nicht viel Spaß im Lichtsumpf des Horizonts herumzustochern. Den Guidinggraphen mag ich gar nicht anschauen, bei diesem Hitzegewaber der vergangenen Nächte. :(

CS Dietmar
 
Vielen Dank Dietmar,

langsam werden die Nächte ja wieder langer und die Aufnahmen der südlichen Ziele habe ich für dieses Jahr beendet.

Schmalbandaufnahmen sind zwar auch ganz gut, aber ich möchte endlich mal wider vernünftige RGB Bilder machen können.

Ich hoffe du hast noch die Möglichkeit deinen M20 fertigzustellen.

Grüße und CS
Karsten
 
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