48. Woche - Der Sternhaufen NGC 7380 und seine umgebende HII-Region

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Unser heutiges AdW-Objekt, der offene Sternhaufen NGC 7380, liegt in der südöstlichsten Ecke des Cepheus, sehr nahe an den Grenzen von Lacerta und Cassiopeia. NGC 7380 ist unverkennbar eingehüllt in eine leuchtende HII-Region, auf die wir noch zu sprechen kommen. Bildautor ist Reinhard Fukerieder. Er wohnt in Wiener Neustadt – nicht zu verwechseln mit Wien selbst – vielmehr ein Städtchen etwa 50 km südsüdwestlich von Wien gelegen. Am Stadtrand betreibt Reinhard seine Sternwarte, und dort entstand dieses Astrofoto im Oktober 2019 – sein zweites AdW! Norden liegt oben, Osten links. Aufnahmeoptik war ein 8-Zoll-Newton mit Kohlefasertubus aus der Serie UNC von TS mit f/5 auf einer Skywatcher-Montierung AZ EQ6 GT. Die Kamera war eine QHY9. Belichtet wurde wie folgt: Hα 64 x 10 min, [OIII] 70 x 10 min, [SII] 20 x 10 min, insgesamt also 25 h 40 min für dieses schöne Bild gemäß der Hubble-Palette. Das Guiding erfolgte mittels MGEN. Alle Filter waren übrigens 36-mm-Interferenzfilter von ZWO mit 7 nm Halbwertbreite.

Noch einmal zur Klärung (weil es oft verwechselt wird): NGC 7380 ist nicht der ihn einhüllende Emissionsnebel. Als Caroline Herschel den Sternhaufen 1787 entdeckte, war dieser Nebel weder bekannt noch nachweisbar. Caroline glaubte zwar eine Nebeleinbettung zu sehen (Hoskin 2006), aber dies blieb offensichtlich unbeachtet. Bei dem Nebel handelt es sich um die HII-Region [C51] 96 = [GS55] 261 = LBN 511 = Sh2-142. Zur Erklärung: Der Franzose Georges Courtès war der erste, der den Nebel als Emissionsobjekt Nr. 96 veröffentlichte. Seine Hα-Untersuchung erschien 1951 in der französischen Zeitschrift „Comptes Rendus de l'Academie des Sciences“, Band 232. Die Russen Gaze und Shajn veröffentlichten 1955 ihren „Catalogue of Emission Nebulae“ in Russisch in der Zeitschrift Izvestija Krym. Astrofiz. Obs. 15, 11-30. Dort trägt der Nebel um NGC 7380 die Nummer 261. Steward Sharpless schließlich brachte seinen zweiten Katalog der HII-Regionen erst 1959 in die Öffentlichkeit, B.T. Lynds folgte dann schließlich 1969.

NGC 7380 und Sh2-142 haben deshalb in den Datenbanken auch unterschiedliche Koordinaten. Beide liegen im Perseus-Arm unserer Milchstraße und gehören zur Assoziation Cep OB1. Beide gehören physikalisch zusammen: Dort, wo der Sternhaufen mit massiven, heißen Sternen entstand, erzeugte er mit dem Gas der Umgebung die HII-Region! Das Gas stammt von der großen Molekülwolke NGC 7380E = [MML2017] 4340 (Miville, Murray und Lee, 2017), Sie liegt östlich (links jenseits) der hellen Nebelpartien bei den Pixelkoordinaten (1025/1385), und die vielen Dunkelwolken zwischen Nebel und den unsichtbaren Teilen der Molekülwolke machen die Übergangszone plastisch sichtbar. Die girlandenförmigen Strukturen mit den teilweise leuchtend hellen Rändern („bright rims“) beweisen die Dynamik, mit der HII-Region und Molekülwolke wechselwirken.

NGC 7380 ist ungefähr (2.6 ± 0.4) kpc entfernt (ca. 8500 Lj), der Durchmesser kommt auf ~ 8 arcmin, das Alter beträgt rund 4 Mio. Jahre (alle Angaben aus Chen et al., 2011). Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein sehr junges Objekt. Etwa 40 junge Einzelsterne sitzen im Haufen zusammen. Der hellste ist HD 215835, ein O5.5-Stern mit B = 8,85 mag und V = 8,61 mag bei (1519/893). Er ist sowohl ein spektroskopischer Doppelstern als auch ein Veränderlicher mit der Bezeichnung DH Cephei. Dieser junge, heiße und massereiche Stern strahlt also eine sehr hohe UV-Energie in seine Umgebung und regt so das Gas zur Emission an. Im Inneren junger HII-Regionen ist der Anteil an [OIII]-Emission stets am höchsten, verglichen mit der Hα-Emission. Man erkennt das im AdW sehr schön an dem blauen Bogen, der den O5-Stern in den dichteren Gaszonen links oberhalb umgibt. Die gesamte Region wird von interstellarer Materie verdunkelt, die Absorption kommt auf 1,6 bis 2,2 mag. Die beiden eng beieinander stehenden Sterne HD 215714 und HD 240051 bei den Pixelkoordinaten (1844/951) und (1869/939) sind etwa 70 pc entfernt, stehen also weit im Vordergrund.

Das Bild – eine Falschfarbendarstellung – gefällt durch seine Ausgewogenheit. Die Sterne haben keine Farbringe, wie gelegentlich zu sehen ist. Wir danken dem Bildautor und gratulieren ganz herzlich zum Astrofoto der Woche!

Peter Riepe
Bildautor: Reinhard Fukerieder

Objektkoordinaten (J2000) von NGC 7380:
RA = 22 h 47 min 21 s, DEK = +58° 07' 54''


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