Definition von „Apochromat”
(Zitat.) „anbei noch eine kleine Ergänzung zum Thema Apochromat:
http://www2.pmf.fh-goettingen.de/~awolf2/Videopraktikum/Photo-Workshop/ws02n.htm
(dürfte eine ganz gut vertretbare Definition sein).” (Zitat-Ende)
Hallo hanz,
unter dem von Dir angegebenen Link habe ich zwar einige Aussagen, aber keine Definition zum „Apochromat” gefunden. Und was ich da unter dieser Überschrift (also rechts vom ersten Bild und unter diesem) las, ist nicht nur etwas schwammig, sondern teils sogar falsch. Wenn jemand schon „Abberation” (mit zwei b, aber nur einem r) schreibt, als wäre der Begriff von Ernst Abbe abgeleitet, so ist er mir schon suspekt, denn er kann wohl nicht vom Fach sein. Aberration kommt von „aberrare” aus dem Lateinischen (wie Du sicher weißt, aber leider nicht jeder hier im Forum): „ab” bedeutet „von etwas weg” und „errare” bedeutet „irren” (siehe „errare humanum est” = „Irren ist menschlich”), also „aberrare” = „sich verirren” oder „abweichen”, womit in unserem Falle das Abweichen der verschiedenen Farben vom Soll-Bildpunkt gemeint ist.
Ein zweiter Lapsus ist dem Autor mit „anormaler Dispersion” unterlaufen, die korrekt „anomale Dispersion” heißen muß, also „anomal” ohne r. Offenbar gilt nicht erst seit Pisa, aber heute mehr denn je „deutsche Sprache, schwere Sprache”. Aber es geht nicht nur um sprachliche Unzulänglichkeiten.
Der Autor bezieht sich auf eine Korrektion für drei Farben, jedoch ohne daß er dies als richtige „Definition” formuliert (Zitat: „… empfiehlt sich die Korrektur aller drei Hauptfarben …”). Daß dies, wie er weiter schreibt, „nur durch den Einsatz spezieller Gläser …” erreicht werden könne, ist insofern auch nicht richtig, als man statt spezieller Gläser z.B. auch Calciumfluorid (CaF2) nehmen kann, also kein Glas, sondern ein Kristall.
Weiterhin ist falsch, daß anomale Dispersion bedeutet, daß der Brechungsindex für Blau größer ist als der für Rot. Er schreibt: „Das heißt, diese Spezialgläser brechen blaues Licht stärker als rotes!”. Richtig ist vielmehr: Alle (farblosen) Gläser brechen blaues Licht stärker als rotes. Es sieht so aus, als meinte der Autor irrtürmlich, normale Gläser brächen roses Licht stärker als blaues, und bei den Spezialgläsern mit anomaler Dispersion sei es gerade umgekehrt. Anomale Dispersion bedeutet vielmehr nur, daß der Verlauf des Brechungsindex über die Wellenlängen von der leicht durchhängenden Standardkurve (± enger Toleranzzone) abweicht, nicht aber, daß die Kurve mit wachsender Wellen ansteigt statt abzufallen.
Weiterhin schreibt der Autor sozusagen als Krönung seines Inkompetenznachweises „Objektive mit einer Korrektur
aller sichtbaren Wellenlänge heißen Apochromaten (
APO), sie sind apochromatisch korrigiert und enthalten eine oder mehrere Linsen aus solchen Spezialgläsern” (fette Hervorhebungen stammen vom Autor, nicht von mir). Au weia, das hört sich schlimm an.
1. Die Mehrzahl von Achromat heißt im Nominativ „Achromate” und nicht „Achromaten” (aber das Thema hatte ich je erst kürzlich hier im Forum).
2. Es ist interessant zu erfahren, daß Apochromate (nicht: Apochromaten) apochromatisch korrigiert sind.
3. Neu ist mir, daß es Objektive gibt, die für
alle Wellenlängen des sichtbaren Lichts korrigiert sind. Bislang erschienen mir schon solche, die für nur drei Wellenlängen korrigiert sind, als Meisterleistung. Wer ist eigentlich das Genie, dem diese grandiose Leistung gelungen ist? Man sollte ihm ein Denkmal setzen.
Schließlich sagt der Autor auch noch, daß Objektive mit der Bezeichnung Apo oder AD „für höchste erreichbare Bildqualität” stehen. Auch das ist falsch. Zwar wird das in der Regel vom Käufer oder Anwender erwartet, aber das braucht nicht so zu sein. Denn hohe Bildqualität wird nicht allein durch minimierte chromatische Aberration erzielt, sondern liegt erst dann vor, wenn auch andere Bildfehler wie sphärische Aberration, Koma, Astigmatismus, Bildfeldwölbung, Verzeichnung, Vignettierung usw. so klein sind, daß sie nicht mehr störend wahrgenommen werden. Manche Apos erfüllen diese Forderung. Aber je nach Anwendungsfalls kann es durchaus auch apochromatisch korrigierte Objektive mit z.B. sehr starker Verzeichnung oder Bildfeldwölbung oder mit anderen starken Abbildungsfehlern geben. „Apo” garantiert also nicht generell hohe Abbildungsqualität, sondern zunächst nur bezüglich der Farbsaumfreiheit!
Nun habe ich Deine vermeintlich „ganz gut vertretbare Definition” ziemlich niedergemacht. Aber das mußte sein, damit die sehr fehlerhaften Aussagen nicht von den Lesern Deines Links künftig als Definition mißbraucht werden.
Ich empfehle ersatzweise zwar nicht als im streng wissenschaftlichen Sinne verbindliche Definition, aber doch als ziemlich gut brauchbare Umschreibung der Eigenschaften eines Apochromats (nochmals, damit es besser haften bleibt, nicht „eines Apochromaten”) folgendes:
In der fotografischen Reprotechnik war früher ein Apochromat als ein für drei Wellenlängen im Visuellen (auf die Schwerpunktfarben der drei Farbauszugsfilter) auskorrigiertes Objektiv definiert. Damit war auch das verbleibende (unkorrigierte) sekundäre Spektrum, also die Abweichungen bei anderen als den drei Korrektur-Wellenlängen, deutlich kleiner als bei einem Achromat. Diese Definition war sehr lange auch in anderen Bereichen der Optik, z.B. bei Mikroskopobjektiven, üblich.
Neuere Glassorten mit anomaler Dispersion und Fluorid (Calciumfluorid CaF2) ermöglichen auch bei Korrektion auf nur zwei Wellenlängen eine deutlich bessere Minimierung des sekundären Spektrums als bei Achromaten. Da es außerhalb der Reprotechnik (Herstellung von Farbauszügen für den Vierfarbdruck, der eigentlich ein Dreifarbdruck plus Schwarzdruck ist) nicht nur auf drei bestimmte Wellenlängen ankommt, sondern auch darauf, was dazwischen passiert, kann bei geschickter Abstimmung mit geeigneter anomaler Dispersion eventuell eine Korrektion auf zwei Wellenlängen sogar zu einem im Mittel bzw. in der Summe geringeren sekundären Spektrum führen als manche Korrektion auf drei Wellenlängen. Das ist er Grund, weshalb man heute von der früheren Definition abgekommen ist und sich nurmehr am Ausmaß des sekundären Spektrums orientiert, je nach Hersteller aber leider in unterschiedlicher Strenge. So wird sehr oft schon dann von „Apo” gesprochen, wenn das sekundäre Spektrum halb so groß wie bei einem vergleichbaren Achromat ist (und andere Abbildungsfehler evtl. sogar nur mäßig gut behoben sind); andere Hersteller nennen das aber noch einen „Halbapo” und lassen für einen echten Apo nur noch kleinere Abweichungen zu. Eine Norm wäre wünschenswert, hätte aber wohl vor mindestens 15 Jahren festgelegt werden müssen, bevor die alten Schott-Patente ausliefen und danach eine Apo-Schwemme bei Fotoobjektiven einsetzte und die Apo-Maßstäbe sehr verflacht wurden. Ob man heute noch strengere Vorschriften zur Benutzung des Begriffs „Apochromat” einführen kann, wage ich zu bezweifeln. Das wäre wohl genauso zum Scheitern verurteilt wie der Versuch der Wiedereinführung einer guten Kindererziehung.
MfG Walter E. Schön