APM HD 10x50 und ein altes Dekarem
Olaf hat sich in seinem Beitrag die beiden TS Modelle 7x50 und 10x50 vorgenommen und bei der Gelegenheit möchte ich einen kleinen Vergleich zwischen dem APM HD 10x50 und meinem alten CZJ Dekarem beisteuern. Mal abgesehen vom Aufdruck mit den optischen Daten und dem "Hersteller" sind das APM und das TS 10x50 Modell von der optischen Leistung und der Konstruktion wohl vergleichbar.
Link zur Grafik:
http://212.80.228.216/sites/f.schaefer/0apmczj10x50.jpg
Auf dem Foto sieht man die beiden (ungleichen) Kontrahenten. Im Vergleich zum APM 10x50 wirkt das gute alte Dekarem beinahe zierlich. Nimmt man beide Gläser in die Hand, so sind Gewicht und Abmessungen auch die auffälligsten Unterschiede. Unsere Sartorius meldet mir beim Dekarem 1,008 kg und beim APM (ohne Okular- aber mit Objektivdeckeln) 1,537 kg – das ist praktisch ein halbes Kilogramm Unterschied! Das APM Glas ist wirklich schwer und man merkt ihm den ursprünglichen Verwendungszweck beim Militär deutlich an. Das Gewicht ist für meinen Geschmack bei der Freihandbeobachtung schon ein Nachteil. Dazu kommt, dass ich das Fernglas nicht so gut mit den Händen fassen kann wie das deutlich kompaktere Dekarem. Letzteres ist ein ganzes Stück leichter, handlicher und griffiger. Das hohe Gewicht des APM hat aber auch einen Vorteil: das Zittern meiner Hände wird besser gedämpft als beim Dekarem. Leider kann ich den Vorteil der Massenträgheit nicht allzu lange auskosten, denn dann wird mir das Glas einfach zu schwer. Zum Glück hat der Hersteller einen Stativanschluß eingeplant, den würde ich wahrscheinlich auch nutzen.
Zur Verarbeitung wurde schon einiges gesagt. Das Glas bewegt sich auf einem erstaunlich hohen Niveau und ähnelt mit seiner Gummierung vom "Feeling" verdächtig einem Fujinon 10x50. Insgesamt macht das Fernglas einen soliden und robusten Eindruck. Da hat sich der Hersteller einige Mühe gegeben und ich habe den Eindruck, hier kein billiges Chinaglas in den Händen zu halten. Man sieht es aber schon am Preis: das 10x50 (egal ob APM oder TS) kostet deutlich mehr als eins der oft angebotenen chinesischen 15x70, 20x80 oder 20x90 Ferngläser! Schaut man sich auf der TS Website um, dann liegt der Preis fürs 10x50 Marine auf dem selben Niveau wie beim geradsichtigen 25x100 Großfernglas! Der Hersteller der 10x50 APM und Marine Ferngläser kann also auch nicht zaubern und Qualität hat nunmal ihren Preis – auch wenn das Fernglas aus China kommt.
Nun zum Vergleich APM HD 10x50 vs. Dekarem 10x50. Die auffälligsten Unterschiede habe ich schon genannt: das sind die Abmessungen und die satten 500 g Differenz beim Gewicht. Das Dekarem kommt vom äußeren Erscheinungsbild in der Qualität daher, die man i.allg. von CZJ kennt: die Ferngläser wurden in Jena mit Liebe zum Detail und einem Herz für gute Optik und Mechanik konstruiert und genauso gebaut. Das Dekarem ist allerdings weder wasserdicht noch ist es für Brillenträger geeignet. Hier hat das APM HD 10x50 seine Vorteile, wenn auch die Tauglichkeit für Brillenträger ihre Grenzen hat (dazu später). Da ich mein 10x50 nicht ausschließlich für Astro sondern auch tagsüber nutze, kommen mir die "belederte", kompaktere und leichtere Bauweise sowie der Mitteltrieb beim Dekarem ein ganzes Stück entgegen. Mit dem APM 10x50 möchte ich weder auf Wanderung gehen noch bei der Beobachtung zwischen weit entfernten Objekten und dem Nahbereich wechseln. Das aber nur am Rande, hier steht ja die Himmelsbeobachtung im Vordergrund. Einen Vergleich zum Fujinon 10x50 kann ich nur aus der Erinnerung ziehen, da ich zwar mal ein Fujinon ausprobieren durfte, selbst aber keins besitze. Bei der Einzelokulareinstellung sehe ich schon einen Unterschied, die läuft beim Fujinon deutlich sanfter. Beim APM Modell sind kleine Drehbewegungen zur präzisen Scharfstellung nicht so einfach zu bewerkstelligen und ich habe einige Zeit gebraucht, um wirklich die optimale Einstellung zu finden. Beim Fujinon klappte das besser. Bei den Okularen des APM Fernglases fällt noch etwas auf. Der Austrittspupillen-Längsabstand wird mit 18,5 mm angegeben und auf den ersten Blick könnte man eine sehr gute Tauglichkeit für Brillenträger vermuten. Klappt man die Augenmuscheln um, so macht sich u.U. Ernüchterung breit. Bei der Konstruktion der Okulare hat der Hersteller (aus welchen Gründen auch immer) die letzte Linse (augenseitig) ziemlich weit in die Fassung des Okulars versenkt (8,5 mm gemessen zwischen letztem Linsenscheitel und oberem Fassungsrand). Das heißt, das Umklappen der Augenmuscheln verschafft einem Brillenträger einen kleineren Vorteil als man zunächst vermuten könnte. Ich habe den AP-Abstand nicht gemessen, kann aber sagen, das Fernglas verhält sich bezüglich der Eignung für Brillenträger in etwa genauso wie ein Nikon 8x30 E II oder ein Leica 8x32 Trinovid. Beide Ferngläser haben einen recht knapp bemessenen AP-Abstand und sind nicht jedermanns Geschmack, wenn Beobachtungen mit Brille angesagt sind. Beim APM 10x50 hilft also nur Ausprobieren, denn nicht jeder Brillenträger wird mit Brille beobachten können.
Ein Blick auf die Objektive und in die Objektivtuben zeigt neben einer anscheinend sehr effektiven Vergütung auch eine aufwendige Streulichtunterdrückung in Form eines "Antireflex-Profils" mit recht ordentlicher Schwärzung, welches sich im Innern der Objektivtuben fast über den ganzen Weg zwischen Objektiv und objektivseitigem Prisma erstreckt. Beobachtungen in der späten Dämmerung und in der Nacht zeigen auch kaum Störungen durch diffuses Streulicht ("Merlitz-Test" <img src="/phpapps/ubbthreads/images/graemlins/wink.gif" alt="" />) und Reflexe mit einer hellen Lichtquelle im Sehfeld sind wenig auffällig. Auch in dem Punkt hat sich der Hersteller Mühe gegeben. Die Vergütung der Objektive und Okulare zeigt an den Grenzflächen reflektiertes Licht in verschiedenen Farben, was eine echte MC-Vergütung vermuten läßt. Die objektivseitige Prismenfläche schimmert grünlich, in etwa so, wie man das von manchem chinesischen Astrookular der nicht so teuren Sorte kennt. Ob man hier noch was verbessern kann, das läßt sich mit dem bloßen Auge natürlich nicht sagen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass bei den APM HD oder TS Marine Gläsern von über 90% Transmission die Rede war. Allerdings ist mir nicht in Erinnerung, worauf sich diese Angabe bezogen hat. Liegt nur das Maximum der spektralen Verteilung über 90%? Handelt es sich bei der Prozentangabe um eine Wichtung der Transmissionskurve mit der Tag- oder Nachtempfindlichkeit der Augen? Oder liegt die Transmission in einem bestimmten Bereich des Spektrums (von x nm bis y nm) über 90%? Mal sehen, vielleicht können ja unsere zuständigen Astrohändler eine fundierte Erklärung dazu geben.
Nun zurück zum Vergleich zwischen APM 10x50 und Dekarem am Sternhimmel. Ich habe mir dabei zwei Punkte herausgepickt, die nach meiner Meinung für die Himmelsbeobachtung wichtig sind: Randschärfe und Transmission. Zuerst muß man feststellen, das Dekarem hat ein deutlich größeres Sehfeld. Laut Hersteller sind das 7,2 Grad im Vergleich zu 6,5 Grad beim APM HD 10x50. Für meine Augen (und das ist jetzt genauso subjektiv wie wichtig!) zeigt das APM Fernglas keinen signifikanten Vorteil bei der Randschärfe. Das Dekarem hat ein größeres Sehfeld und zeigt im Randbereich auch etwas mehr Unschärfe. Wenn ich mich beim Dekarem auf einen Bereich von ca. 6 Grad Durchmesser beschränke, dann ist die Randunschärfe bei beiden Ferngläsern sehr ähnlich. So wie ich das einschätze, liegt das beim APM HD 10x50 in einer stärker ausgeprägten Bildfeldwölbung begründet. Das Dekarem zeigt mir keine auffällige Bildfeldwölbung und ich kann die zunehmende Unschärfe im Randbereich nicht durch Nachfokussieren oder Akkommodation ausgleichen. Das Bild bleibt auch beim Versuch des Nachfokussierens auf den äußeren 15-20% des Sehfelds (auf den Radius bezogen) unscharf. Beim APM Fernglas kann ich einen großen Teil der Randunschärfe durch Nachfokussieren mit Hilfe der Einzelokulareinstellung kompensieren, was aber nicht praktikabel ist. Da in meinem Alter das Akkommodationsvermögen schon eingeschränkt ist, kann ich die abnehmende Schärfe zum Rand nicht mehr mit meinen Augen kompensieren. Dadurch erscheint mir das APM Fernglas bei der Randschärfe kaum besser als mein Dekarem. Es kann also gut sein, dass jüngere Beobachter als ich (mit einer größeren Akkommodationsbreite der eigenen Augen) auch über einen größeren Teil des Sehfelds scharfe Sterne sehen. Daher hilft wohl auch hier nur eins: ausprobieren. Die Randschärfe oder –unschärfe werden Beobachter unterschiedlichen Alters vermutlich recht unterschiedlich einschätzen.
Ansonsten ist die Schärfe über den zentralen, ohne Augenbewegung erfassbaren Bereich des Sehfelds sehr gut. Auch helle Sterne wie Arktur lassen sich auf ein beinahe sternförmiges Objekt fokussieren und Jupiter zeigt ein rundes, gut definiertes Scheibchen und deutlich sichtbar seine vier großen Monde. Im direkten Vergleich würde ich bei der "Punktförmigkeit" der Sterne dem alten Dekarem trotzdem einen leichten Vorteil einräumen. Die Okularkonstruktion des alten Zeiss Jena Fernglases ist seit Jahrzehnten bekannt und beliebt für ihre Eignung bei der Himmelsbeobachtung. Im Vergleich mit dem Dekarem mußte schon manches ungleich teurere Dachkantglas Federn lassen, wenn es um die Disziplin der "Ästhetik der Sternabbildung" geht. Für meinen Geschmack ist das APM HD 10x50 nahe dran, aber das Dekarem gefällt mir in dem Punkt noch einen Tick besser. Die Ursache dafür kann aber zum Teil auch bei der zweiten wichtigen Eigenschaft zu suchen sein: der Transmission. Schwächere Sterne erscheinen eher als nadelförmige Punkte als helle Sterne ...
Mein Dekarem ist nun runde 25 Jahre alt und die Vergütung der Optik entspricht dem Stand der Technik bei Zeiss in Jena von Anfang der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das ist ein Punkt, den man beim Vergleich mit modernen Ferngläsern berücksichtigen muß. Mit einer für "typische China-Ferngläser" (so wie ich sie kenne) wirklich sehr guten MC-Vergütung hat das APM HD 10x50 einen klaren Vorteil bei der Transmission. Das alte Dekarem bringt es im Maximum der Transmissionskurve vielleicht auf 85% und bei einer auf die Empfindlichkeit unserer Augen gewichteten Transmissionsverteilung wird der Wert für das Nachtsehen vermutlich kaum die 80% erreichen. Hier ist das Dekarem wegen seines Alters im Nachteil. Vergleicht man beide Ferngläser am Sternhimmel, so ist der Unterschied auch zu sehen. Das APM Fernglas zeigt die selben Objekte etwas heller und der Kontrast zwischen Objekt und Himmelshintergrund ist besser. Für die Himmelsbeobachtung allein hat das APM HD 10x50 die Nase vorn. Der Unterschied wird sich etwas relativieren, wenn man ein Dekarem von 1992 mit einer verbesserten Vergütung zum Vergleich heranzieht oder gar ein Docter Nobilem gegen das APM HD 10x50 antreten läßt.
Ob das APM Fernglas im Vergleich zum Dekarem das bessere Astroglas ist oder nicht, das hängt nun wieder von der Summe der Eigenschaften ab. Für mich alten Sack mit vermutlich schon deutlich eingeschränkter Akkommodationsbreite bringt das APM Fernglas keinen echten Vorteil bei der Randschärfe. Es bleibt für mich der Vorteil der höheren Transmission und dem gegenüber steht das etwas wuchtige Design mit seinem hohen Gewicht. Markus Ludes hat mir sein APM HD Fernglas zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt und er wird mir sicher nicht böse sein, wenn ich es wieder zurück schicke. Auf meine alten Tage bleibe ich bei Dekarem und Nobilem. Beide Ferngläser kann ich neben Astro auch für die Beobachtung bei Tag und in der Dämmerung sehr gut nutzen und unterm Sternhimmel machen sie für ihr Alter und im Vergleich zu manch anderem "High-End Fernglas" aus dem aktuellen Astrosortiment diverser Anbieter noch immer eine sehr gute Figur. Andere Beobachter werden möglicherweise zu einem anderen Urteil kommen und das APM oder TS 10x50 behalten und trotz 1,5kg Lebendgewicht mit Spaß am Nachthimmel nutzen.
Eine letzte Frage stellt sich mir noch: bekommt man mit dem APM HD 10x50 nun ein "Fujinon" zum halben Preis? Ich denke nein. Ich kann zwar nur aus der Erinnerung argumentieren, bin mir aber einigermaßen sicher, dass das Fujinon 10x50 auch für meine alten Augen deutlich randschärfer abbildet. Dazu kommt die Einzelokulareinstellung des APM HD 10x50, die in Präzision und Gängigkeit nicht so ganz auf dem Niveau des Fujinon Fernglases liegt. Dann sind mir noch ein paar kleinere Mängel aufgefallen. Ein kritischer Blick zeigt eine leicht asymmetrische Schärfeabnahme zum Sehfeldrand (oben etwas unschärfer als unten), was auf eine nicht ganz optimale Justage schließen läßt. Es ist kein Bildversatz in Bildmitte zu erkennen, nur nimmt die Schärfe in Richtung Rand halt nicht rotationssymmetrisch zur optischen Achse ab. Ein Fehler hat sich bei der Montage eingeschlichen: die Skala zur Einstellung der Augenweite zeigt eine Abweichung von rund 3 mm. Wer einen Augenabstand von 72mm hat, der muß mein Exemplar des APM HD 10x50 Fernglases an der Skala (oben an der Knickbrücke) auf knappe 70mm einstellen. Desweiteren hätte man die Gummierung etwas sorgfältiger anbringen können. Die Nahtstellen auf den Innenseiten der Tuben sind nicht richtig verschweißt. Bezüglich Randschärfe bzw. –unschärfe halte ich es für möglich, dass APM HD und Fujinon Unterschiede bei der Bildfeldwölbung zeigen, welche je nach Alter des Beobachters mit einer mehr oder weniger auffälligen Randunschärfe beim APM Fernglas zu Buche schlagen. Den Punkt müßte man nochmal genauer prüfen. Ob es noch einen größeren Unterschied bei der Transmission gibt, dass kann man per Augenschein kaum klären. Hier hilft nur eine vergleichende Transmissionsmessung und nicht der Vergleich von Daten, die vom jeweiligen Hersteller kommen. Obige Frage könnte man nun etwas abändern: bekommt man mit dem APM HD 10x50 eine sinnvolle Alternative zum Fujinon? Hier fällt ein "Ja" schon leichter. Es gibt nach meiner Einschätzung durchaus noch Unterschiede zum Fujinon und dafür zahlt man auch einen höheren Preis. Es ist wie bei vielen anderen Ferngläsern: ein Docter 8x42 B/CF beispielsweise macht unterm Sternhimmel eine Menge Spaß. Ein Zeiss 8x42 Victory FL macht aber noch mehr Spaß, der Spaß kostet allerdings richtig Geld.
Zum Schluß noch meinen Dank an Markus Ludes: dafür, dass er das Fernglas verpackt, verschickt und die sicher nicht unerheblichen Transportkosten <img src="/phpapps/ubbthreads/images/graemlins/grin.gif" alt="" /> getragen hat. Mein Dank an CZJ, dass sie schon vor vielen Jahrzehnten ein wunderschönes 10x50 zu einem für viele Leute erträglichen Preis auf den Markt gebracht haben, kommt vermutlich etwas zu spät ...
Frank.