Liebe Freunde der Astronomiegeschichte,
Jochen Schramm: Sterne über Hamburg. Die Geschichte der Astronomie in Hamburg. Hrsgb.: Kultur- und Geschichtskontor, 1. Auflage Hamburg 1996. Broschur eines Kleinverlags, ca. 270 Seiten. Mein Kommentar: Ich sah in der Sternwarte Bergedorf ca. 2014 eine zweite Auflage. Astronomie seit ca. 1600, modern-"wissenschaftlich" verstanden, d.h. Horoskope werden mit keinem Wort erwähnt. Frühe Kometen- und Finsternis-Beobachtungen, ausgiebige Info zur hohen Zeit der Hamburger Sternwarte im 19. Jahrhundert und insbesondere in den 1930er-Jahren. Interessante biographische Infos zu bis heute bekannten Protagonisten wie Repsold, Schumacher, den Rümkers mehrerer Generationen, Schorr, Bernhard Schmidt und Walter Baade. Viele schöne Illustrationen.
Zu den folgenden zwei beachtet bitte, dass man vor 1600 Astrologie und Astronomie nicht unterschied und beides ineinanderlief. Die Geschichte der Astronomie kann man nicht trennen von der Geschichte der Horoskopdeuterei:
Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag Beck, München, 2007 1. Auflage als Beck´sche Reihe. Gut 400 Seiten, Broschur, nur wenige Abbildungen. Kommentar: Der Horoskop-Deuterei gewogener Zugang zur "Himmelskunde" aus geistesgeschichtlicher Richtung. Die kosmologischen Modelle und ihre philosophischen Hintergründe kommen eher WIRR daher und man ist danach nicht viel schlauer als zuvor. Man erfährt einiges über die seit 1600 zunehmende Zerstrittenheit der Horoskopdeuterszene und kann den daraus folgenden Niedergang nachvollziehen. Die Bindung des Autors an eine Sekte innerhalb dieser Szene ist kaum zu überlesen, macht skeptisch und mindert den Informationswert.
Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Von Abendstern bis Zwillingsproblem. Verlag Harri Deutsch, Frankfurt a.M., 1. Auflage 2010. Gut 750 Seiten, gebunden, viele Abbildungen. Der Autor ist hochproduktiver Fachhistoriker der Astronomie und steht der Horoskop-Deuterei skeptisch gegenüber. Das Buch bietet keinen durchgehenden Text, sondern ist als Lexikon mit ausführlichen Begriffserklärungen strukturiert. Die Texte vereinnahmen den Leser nicht im Sinne einer Sekte wie bei Stuckrad, sind oftmals aber auch wenig erhellend. Z.B. wird die seit 300 vor Christus bekannte Präzession korrekt erklärt und man erfährt, dass die sich aus ihr ergebenden Einsichten oftmals nicht in das horoskopdeuterische Denksystem integriert wurden. Man erfährt aber NICHT, dass man sich schon um 500 herum um die richtigen numerischen Werte des "Voranschreitens" (=Präzession) stritt, also schon echte wissenschaftliche Diskussionen im modernen Sinn führte. Da zu dieser Zeit die genaueste Tages- besser: "Nacht"-Zeitbestimmung die Bestimmung mehrerer Gestirnhöhen war, die Präzession auf diese offensichtlich Einfluss nimmt und die Alten es deshalb genau wissen wollten, muss man sich dann selbst zusammenreimen. Auch viele typisch astrologische Begriff wie Aszendent werden m.E. nicht gut erklärt.
Ich versuchte einmal, einen reich bebilderten Jahreskalender des 15. Jahrhunderts mit dem epoche-typischem Gemisch aus kalendarischer und Horoskop-Info, den ich im Internet fand, auszulegen. Hamel half da nur sehr begrenzt, von Stuckrad ganz zu schweigen. Schramm ziehe ich immer wieder gerne heraus, Stuckrad nervt, Hamel hilft oft nicht.
Mit freundlichen Grüßen, R.M.