Delyon
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Beobachtungsort: Annaberg bei Mariazell (Niederösterreich)
Beobachtungszeitraum: 2./3.11.2014, ca. 19-05:00 Uhr
Verwendetes Teleskop: Skywatcher 80/600 ED auf AZ-4
Verwendete Okulare und Filter: 32mm Erfle/ 14mm Explore Scientific/ 6,7mm Explore Scientific/ 4,7mm Explore Scientific/ Astronomik UHC Filter 2"
Mit dem kleinen Dorf Annaberg bei Mariazell habe ich wohl den für mich perfekten Beobachtungsplatz ausfindig machen können. Bei der Ermittlung des bestmöglichen Beobachtungsortes habe ich systematisch nach drei Kriterien ausgewählt:
-Erstens muss er, da ich kein Auto habe, von Wien aus noch in akzeptabler Zeit bequem per Zug oder Bus erreichbar sein. Das erfüllt Annaberg noch halbwegs: Mit der direkten Busverbindung von Wien bin ich für ein paar studentenbudgetverträgliche Euro in zweieinhalb Stunden am Ziel.
-Zweitens muss er so dunkel wie möglich sein. Die Gegend nördlich von Mariazell ist einer der seltenen blauen Flecken auf den Lichtverschmutzungskarten, wesentlich dunkler wird es in Mitteleuropa nicht mehr gehen. In weitem Umkreis keine Siedlung mit mehr als ein paar tausend Einwohnern, und Annaberg selbst besteht nur aus ein paar Dutzend Häusern, die nachts kaum Licht abgeben und dem man sich ganz entziehen kann, indem man etwas den hinter dem Ort beginnenden Bergwald bis zu einer Lichtung hochmarschiert.
-Drittens muss er so hoch gelegen wie möglich sein. Annaberg ist die höchstgelegene Gemeinde mit regulären Verkehrsverbindungen, die ich in der Gegend ermitteln konnte: Wenn man aus dem Bus aussteigt, ist man schon auf etwa 1000m Höhe, und wenn ich noch ein Stück den Bergwald zu meiner Beobachtungswiese hochspaziere, komme ich wohl auf etwa 1100m Höhe, ganz ohne teure Bergbahntickets.
Diesen 1a Beobachtungsplatz habe ich bisher erst einmal in einer allzu kurzen und recht feuchten Sommernacht nutzen können, aber gestern gab es endlich eine lange Beobachtungsnacht mit Traumbedingungen. Während das Wiener Becken in trüber Hochnebelsuppe schwamm, prognostizierte der Wetterbericht eine durchgehend sternklare Nacht im Mariazeller Land, also schnappte ich mir ein Teleskop - diesmal den 80er ED statt des 120er Achros, weil heute auch Mond und Jupiter auf dem Programm stehen sollten - und machte mich auf die zweieinhalbstündige Busfahrt nach Annaberg. Zwar fast Vollmond, aber nach Monduntergang würde ich noch einige Stunden für Deep Sky haben - die Nächte sind ja mittlerweile wieder recht lang, und im Spätherbst sind die astrotauglichen Nächte nicht so häufig, dass man allzu wählerisch sein dürfte.
Auf der Fahrt sank mir zunächst etwas der Mut: Noch wenige Kilometer vor Annaberg alles in so dichter Nebelsuppe, dass man nicht einmal den Mond am Himmel sah. Erst auf der letzten Etappe, als die Straße sich mehrere hundert Meter hoch steil den Berg nach Annaberg hochschlängelt, kamen wir endlich über das Nebelmeer hinaus und begrüßte mich im Ort nicht nur ein wunderbarer klarer Sternenhimmel, sondern auch viel mildere Temperaturen als im Flachland - das wird dann wohl eine der gerühmten Inversionswetterlagen gewesen sein. Mit der Taschenlampe bahnte ich mir durch enge Waldpfade den Weg hinauf zu meiner Beobachtungswiese, wo ich nach dem Aufbauen erst einmal eine Weile den Mond beobachtete. Die Luft war noch etwas feucht, und bei 127x war das Bild etwas unruhig, trotzdem machte es viel Spaß, mal wieder intensiver Monddetails zu beobachten und machte ich mir den Spaß, bei verschiedenen Vergrößerungen auszuprobieren, welche Kleinkrater oder Berggipfel ich bei niedrigen Übersichtsvergrößerungen noch erspähen kann. Für Mondbeobachtung ist der kleine ED jedenfalls immer wieder phantastisch, so knackscharfe, kontrastreiche Monddetails habe ich noch in keinem anderen Teleskop gesehen, weder in meinem alten 4,5"-Newton noch im 5"-Mak.
Mit dem Mond musste ich mich ziemlich lange begnügen, denn bis zum Monduntergang waren noch lange Stunden zu überbrücken, in denen in Sachen Deep Sky nur wenig geht. Ein Blick auf h&chi war schon nett, dann kam der Ringnebel M57 dran, dem Mondlicht ja nicht soviel ausmacht und den ich in allen Vergrößerungen jeweils mit und ohne UHC-Filter ausprobierte. Am meisten überzeugte mich der Kringel bei 89x mit UHC-Filter. Später in der Nacht kamen noch die prächtigen offenen Sternhaufen im Fuhrmann an die Reihe, die man ja ebenfalls bei starkem Mondlicht genießen kann. Im Erfle bei 18x sind M36 und M38 gemeinsam im Gesichtsfeld ein toller Anblick, M38 erinnert mich immer an eine aus feinen Sternchen geformte Spinne. In der Detailansicht begeisterte mich M37 am meisten, der bei jeder Vergrößerung reizvoll ist: Bei niedriger Übersichtsvergrößerung sieht er aus wie ein aufgelöster Kugelsternhaufen, und erst bei höheren Vergrößerungen (Bei 43x gefiel er mir am besten, bei 89x ist er mir schon einen Tick zu locker aufgelöst) wird einem der immense Sternenreichtum dieses Haufens bewusst, der tatsächlich fast wie ein verhinderter Kugelsternhaufen wirkt. Den etwas abseits gelegenen offenen Sternhaufen NGC 1931 habe ich in dieser Nacht zum ersten mal beobachtet, ein nettes Objekt mit schönen Sternenketten, aber nicht mit der Pracht von M36/37/38 vergleichbar. Offene Sternhaufen mit ihren unzähligen Diamantpünktchen sind in so einem guten kleinen Refraktor wirklich ein Genuss, dessen ästhetische Wirkung man schwer vermitteln kann - ich kenne keine Zeichnungen oder Fotografien, die einen annähernd adäquaten Eindruck davon vermitteln, wie offene Sternhaufen bei visueller Beobachtung im Okular aussehen, sind wohl die einzigen Deep Sky-Objekte, bei denen der visuelle Eindruck die Fotografie um Längen schlägt.
Nach einem Blick auf den unter dem Mondlicht leidenden Hantelnebel M27 kehrte ich wieder zum Mond zurück und unternahm einen kleinen Nachtspaziergang auf dem Berg, um die Zeit zum Monduntergang abzukürzen (Darum, dass mir jemand die Ausrüstung klauen könnte, muss ich mir dort wohl kaum Sorgen machen). Schließlich kam nach langer Warterei endlich der Moment des Monduntergangs (Und so ein Monduntergang im Gebirge ist ein Erlebnis - wunderschön, wie der Mond beim Abtauchen am Horizont noch die fernen Berggipfel in ein ganz eigenartiges Licht taucht). Sobald der Mond weg und ich einigermaßen dunkeladaptiert war, offenbarte sich mir nun der wohl beste Himmel, den ich jemals gesehen habe, mit einer einfach unbeschreiblichen Masse an Sternen und einer Wintermilchstraße, die heller und strukturierter war als es an mittelmäßigen Standorten oft die Sommermilchstraße ist. Die Andromedagalaxie beeindruckend groß, M33 indirekt sichtbar. Und das Merkwürdige: Die Nacht schien in ihrem Verlauf immer trockener zu werden statt nasser. Während es zu Beginn noch etwas feucht war, fand sich am Ende nach zehnstündiger Benutzung auf der ganzen Ausrüstung kein Tropfen Tau und war die Luft so unglaublich transparent, dass es wirkte, als wären die Sterne einem viel näher gerückt als in Durchschnittsnächten. Bis zur Dämmerung würde ich jetzt noch etwa drei Stunden Zeit haben, diesen besten bisher erlebten Himmel meines Lebens auszukosten, also gab es ein ehrgeiziges Programm.
Los ging es mit altbekannten Standardobjekten, neugierig, wie diese unter so einem Bombenhimmel wirken würden. Ich konnte mich nicht zurückhalten, sofort einen Blick auf den Orionnebel zu werfen. Ein unglaublicher Anblick: Bei 43x mit UHC-Filter nicht nur die Adlerschwingen sichtbar, sondern noch ein riesiger, rundlicher Nebelbereich mit weiten Ausläufern dahinter, und innerhalb des Nebels Dunkelwolken und Filamente, die man bis 89x gewinnbringend hochvergrößern konnte. Ich erlaube mir mal, eine Zeichnung von Jeremy Perez zu verlinken, die ziemlich genau die Details wiedergibt, die ich zweifelsfrei identifizieren konnte - nur hat Perez das mit acht Zoll beobachtet, ich mit drei! ( http://www.perezmedia.net/beltofvenus/archives/images/2010/img2010011401_M42lg.jpg ). Als Nächstes kam das Galaxienpaar M81/82 dran, das zwar kräftiger als unter Durchschnittsbedingungen war und bei dem M81 einen ungewohnt großen Halo zeigte, aber die eigentlich Überraschung war NGC3077: Diese Galaxie, die ich erst einmal nach intensiver Suche bei mittlerer Vergrößerung hatte beobachten können, fiel in dieser Nacht schon bei 18x sofort auf, ohne dass ich danach hätte suchen müssen. Weitere Galaxien in der Gegend, denen ich einen Besuch abstattete, waren M108, M94, M106 (Beeindruckend hell und ausgedehnt), M101, M63, NGC 4490 und zum ersten mal M109, die ja leicht vom 2,4-mag Stern daneben überstrahlt wird, aber in dieser Nacht war sie ganz leicht sichtbar und hob sich sogar ansatzweise der Kern ab. Ein Blick auf den sehr kräftigen, auffallenden Eulennebel M97, dann ging es herunter zum Galaxienpaar M51/NGC5195, das zwar recht tief stand, aber trotzdem beeindruckte: Schon im Übersichtsokular sind beide Galaxien sauber getrennt, und bei 89x ist mit indirektem Sehen Struktur innerhalb der Nebelscheibe von M51 sichtbar: Oberhalb des Kerns sieht man einen Bogen, der heller als seine Umgebung strahlt - das war dann wohl tatsächlich ein Fragment eines Spiralarms. Mit 80mm Öffnung! Das Deep Sky-Vergleichsbild auf binoviewers Website für M51 im 150er Newton gibt den visuellen Eindruck dieser Nacht ziemlich gut wieder, natürlich etwas dunkler, aber sonst sehr ähnlich. Hätte ich den Fünfzoll-Achro dabei gehabt, vielleicht hätte ich in dieser Nacht zum ersten mal die Spiralstruktur von M51 wirklich deutlich sehen können.
Beflügelt von diesem Erfolgserlebnis wandte ich mich zu den leider schon etwas tief stehenden großen Herbstgalaxien, erst zur riesig ausgedehnten Andromedagalaxie mit ihren Satelliten M32 und M110, dann zur Dreiecksgalaxie M33, in der ich bei 43x und 89x zweifelsfrei das Sternentstehungsgebiet NGC604 als rundes Nebelbällchen sehen konnte. Die Galaxie NGC 891 dagegen habe ich wieder nicht gefunden, der einzige Misserfolg dieser Nacht. Ich musste mir dann h&chi noch einmal ohne Mondlicht ansehen und war von der Sternenanzahl erschlagen, dann gab es noch einen Blick auf den erstmals beobachteten Offenen Sternhaufen NGC 1245 und noch einmal auf die Paradesternhaufen M36/37/38 sowie die Plejaden, die ohne Mond natürlich alle noch einmal ein gutes Stück glanzvoller als vorhin waren. Dann war es Zeit für ein paar kniffligere, bisher noch nie beobachtete Galaxien, aber die Bedingungen waren so gut, dass ich sie alle mit fast schon zu großer Leichtigkeit finden konnte. NGC 2841 im Großen Bären war nicht nur sofort deutlich im Übersichtsokular zu sehen, diese 50 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie zeigte auch schon deutlich ihre elongierte Form mit hellerem Kernbereich, eine selbst mit der kleinen Öffnung wirklich schöne Galaxie, die ich mir recht lange ansah. Auch NGC 2683 im Luchs fand ich problemlos auf Anhieb. Diese etwa 16 Millionen Lichtjahre entfernte edge on-Galaxie zeigte sich strichförmig wie eine schwächere Version von M82.
Ich suchte im Karkoschka, was ich heute nacht noch ausprobieren könnte - na klar, der Eskimonebel in den Zwillingen! Den hatte ich schon einmal vergeblich gesucht, wahrscheinlich, weil ich ihn bei der geringen Übersichtsvergrößerung nicht von einem Stern hatte unterscheiden können. Deswegen ging ich in dieser Nacht gleich mit dem 6,7mm-Weitwinkelokular bei 89-facher Vergrößerung auf die Pirsch und sah tatsächlich bald einen kleinen Nebelball, auch wenn ich die berühmte grüne Farbe nicht wirklich sehen konnte, es war eher ein helles Grau, in dem man einen ganz leichten Grünstich höchstens erahnen konnte. Als Nächstes beobachtete ich den Krebsnebel M1, der bei jeder Vergrößerung deutlich als ovaler, heller Nebel sichtbar war. Mittlerweile stand auch der Löwe mit dem darin strahlenden Jupiter hoch genug, aber mich reizten zuerst Galaxien, beobachtete das Galaxienpaar M65/66 sowie die hübsche, ziemlich helle NGC 2903. Erst dann gönnte ich mir die erste Jupiterbeobachtung dieser Saison, und bei 127x war trotz der noch recht geringen Größe immerhin schon mehr als nur die zwei Hauptwolkenbänder sichtbar, sondern ließen sich ein drittes Wolkenband und Ausfransungen an den Hauptwolkenbändern ausmachen, dann ging ich herunter auf 89x, um entspannt etwas das Bild der vier aufgereihten Jupitermonde zu genießen. Der Horizont hellte sich schon etwas auf, also verzichtete ich darauf, noch nach schwachen Galaxien im Haar der Berenike zu suchen und schaute mir stattdessen noch einmal ein paar Prachtobjekte an, besonders den Orionnebel, M81/82/NGC3077 und M51/NGC5195.
Bald brach ein herrlicher Morgen mit wunderbar reiner und klarer Luft über den Bergen herein, doch als ich mich mit dem Frühbus Richtung Wien aufmachte, gerieten wir nach zehn Minuten Fahrt den Berg herunter schon wieder mitten in dichte, nasse Nebelsuppe - unglaublich, was für einen Unterschied die paar hundert Meter mehr Höhe machen. Eines steht jedenfalls fest: Nach Annaberg werde ich noch oft wieder zurückkommen.
CS,
Fabian
Beobachtungszeitraum: 2./3.11.2014, ca. 19-05:00 Uhr
Verwendetes Teleskop: Skywatcher 80/600 ED auf AZ-4
Verwendete Okulare und Filter: 32mm Erfle/ 14mm Explore Scientific/ 6,7mm Explore Scientific/ 4,7mm Explore Scientific/ Astronomik UHC Filter 2"
Mit dem kleinen Dorf Annaberg bei Mariazell habe ich wohl den für mich perfekten Beobachtungsplatz ausfindig machen können. Bei der Ermittlung des bestmöglichen Beobachtungsortes habe ich systematisch nach drei Kriterien ausgewählt:
-Erstens muss er, da ich kein Auto habe, von Wien aus noch in akzeptabler Zeit bequem per Zug oder Bus erreichbar sein. Das erfüllt Annaberg noch halbwegs: Mit der direkten Busverbindung von Wien bin ich für ein paar studentenbudgetverträgliche Euro in zweieinhalb Stunden am Ziel.
-Zweitens muss er so dunkel wie möglich sein. Die Gegend nördlich von Mariazell ist einer der seltenen blauen Flecken auf den Lichtverschmutzungskarten, wesentlich dunkler wird es in Mitteleuropa nicht mehr gehen. In weitem Umkreis keine Siedlung mit mehr als ein paar tausend Einwohnern, und Annaberg selbst besteht nur aus ein paar Dutzend Häusern, die nachts kaum Licht abgeben und dem man sich ganz entziehen kann, indem man etwas den hinter dem Ort beginnenden Bergwald bis zu einer Lichtung hochmarschiert.
-Drittens muss er so hoch gelegen wie möglich sein. Annaberg ist die höchstgelegene Gemeinde mit regulären Verkehrsverbindungen, die ich in der Gegend ermitteln konnte: Wenn man aus dem Bus aussteigt, ist man schon auf etwa 1000m Höhe, und wenn ich noch ein Stück den Bergwald zu meiner Beobachtungswiese hochspaziere, komme ich wohl auf etwa 1100m Höhe, ganz ohne teure Bergbahntickets.
Diesen 1a Beobachtungsplatz habe ich bisher erst einmal in einer allzu kurzen und recht feuchten Sommernacht nutzen können, aber gestern gab es endlich eine lange Beobachtungsnacht mit Traumbedingungen. Während das Wiener Becken in trüber Hochnebelsuppe schwamm, prognostizierte der Wetterbericht eine durchgehend sternklare Nacht im Mariazeller Land, also schnappte ich mir ein Teleskop - diesmal den 80er ED statt des 120er Achros, weil heute auch Mond und Jupiter auf dem Programm stehen sollten - und machte mich auf die zweieinhalbstündige Busfahrt nach Annaberg. Zwar fast Vollmond, aber nach Monduntergang würde ich noch einige Stunden für Deep Sky haben - die Nächte sind ja mittlerweile wieder recht lang, und im Spätherbst sind die astrotauglichen Nächte nicht so häufig, dass man allzu wählerisch sein dürfte.
Auf der Fahrt sank mir zunächst etwas der Mut: Noch wenige Kilometer vor Annaberg alles in so dichter Nebelsuppe, dass man nicht einmal den Mond am Himmel sah. Erst auf der letzten Etappe, als die Straße sich mehrere hundert Meter hoch steil den Berg nach Annaberg hochschlängelt, kamen wir endlich über das Nebelmeer hinaus und begrüßte mich im Ort nicht nur ein wunderbarer klarer Sternenhimmel, sondern auch viel mildere Temperaturen als im Flachland - das wird dann wohl eine der gerühmten Inversionswetterlagen gewesen sein. Mit der Taschenlampe bahnte ich mir durch enge Waldpfade den Weg hinauf zu meiner Beobachtungswiese, wo ich nach dem Aufbauen erst einmal eine Weile den Mond beobachtete. Die Luft war noch etwas feucht, und bei 127x war das Bild etwas unruhig, trotzdem machte es viel Spaß, mal wieder intensiver Monddetails zu beobachten und machte ich mir den Spaß, bei verschiedenen Vergrößerungen auszuprobieren, welche Kleinkrater oder Berggipfel ich bei niedrigen Übersichtsvergrößerungen noch erspähen kann. Für Mondbeobachtung ist der kleine ED jedenfalls immer wieder phantastisch, so knackscharfe, kontrastreiche Monddetails habe ich noch in keinem anderen Teleskop gesehen, weder in meinem alten 4,5"-Newton noch im 5"-Mak.
Mit dem Mond musste ich mich ziemlich lange begnügen, denn bis zum Monduntergang waren noch lange Stunden zu überbrücken, in denen in Sachen Deep Sky nur wenig geht. Ein Blick auf h&chi war schon nett, dann kam der Ringnebel M57 dran, dem Mondlicht ja nicht soviel ausmacht und den ich in allen Vergrößerungen jeweils mit und ohne UHC-Filter ausprobierte. Am meisten überzeugte mich der Kringel bei 89x mit UHC-Filter. Später in der Nacht kamen noch die prächtigen offenen Sternhaufen im Fuhrmann an die Reihe, die man ja ebenfalls bei starkem Mondlicht genießen kann. Im Erfle bei 18x sind M36 und M38 gemeinsam im Gesichtsfeld ein toller Anblick, M38 erinnert mich immer an eine aus feinen Sternchen geformte Spinne. In der Detailansicht begeisterte mich M37 am meisten, der bei jeder Vergrößerung reizvoll ist: Bei niedriger Übersichtsvergrößerung sieht er aus wie ein aufgelöster Kugelsternhaufen, und erst bei höheren Vergrößerungen (Bei 43x gefiel er mir am besten, bei 89x ist er mir schon einen Tick zu locker aufgelöst) wird einem der immense Sternenreichtum dieses Haufens bewusst, der tatsächlich fast wie ein verhinderter Kugelsternhaufen wirkt. Den etwas abseits gelegenen offenen Sternhaufen NGC 1931 habe ich in dieser Nacht zum ersten mal beobachtet, ein nettes Objekt mit schönen Sternenketten, aber nicht mit der Pracht von M36/37/38 vergleichbar. Offene Sternhaufen mit ihren unzähligen Diamantpünktchen sind in so einem guten kleinen Refraktor wirklich ein Genuss, dessen ästhetische Wirkung man schwer vermitteln kann - ich kenne keine Zeichnungen oder Fotografien, die einen annähernd adäquaten Eindruck davon vermitteln, wie offene Sternhaufen bei visueller Beobachtung im Okular aussehen, sind wohl die einzigen Deep Sky-Objekte, bei denen der visuelle Eindruck die Fotografie um Längen schlägt.
Nach einem Blick auf den unter dem Mondlicht leidenden Hantelnebel M27 kehrte ich wieder zum Mond zurück und unternahm einen kleinen Nachtspaziergang auf dem Berg, um die Zeit zum Monduntergang abzukürzen (Darum, dass mir jemand die Ausrüstung klauen könnte, muss ich mir dort wohl kaum Sorgen machen). Schließlich kam nach langer Warterei endlich der Moment des Monduntergangs (Und so ein Monduntergang im Gebirge ist ein Erlebnis - wunderschön, wie der Mond beim Abtauchen am Horizont noch die fernen Berggipfel in ein ganz eigenartiges Licht taucht). Sobald der Mond weg und ich einigermaßen dunkeladaptiert war, offenbarte sich mir nun der wohl beste Himmel, den ich jemals gesehen habe, mit einer einfach unbeschreiblichen Masse an Sternen und einer Wintermilchstraße, die heller und strukturierter war als es an mittelmäßigen Standorten oft die Sommermilchstraße ist. Die Andromedagalaxie beeindruckend groß, M33 indirekt sichtbar. Und das Merkwürdige: Die Nacht schien in ihrem Verlauf immer trockener zu werden statt nasser. Während es zu Beginn noch etwas feucht war, fand sich am Ende nach zehnstündiger Benutzung auf der ganzen Ausrüstung kein Tropfen Tau und war die Luft so unglaublich transparent, dass es wirkte, als wären die Sterne einem viel näher gerückt als in Durchschnittsnächten. Bis zur Dämmerung würde ich jetzt noch etwa drei Stunden Zeit haben, diesen besten bisher erlebten Himmel meines Lebens auszukosten, also gab es ein ehrgeiziges Programm.
Los ging es mit altbekannten Standardobjekten, neugierig, wie diese unter so einem Bombenhimmel wirken würden. Ich konnte mich nicht zurückhalten, sofort einen Blick auf den Orionnebel zu werfen. Ein unglaublicher Anblick: Bei 43x mit UHC-Filter nicht nur die Adlerschwingen sichtbar, sondern noch ein riesiger, rundlicher Nebelbereich mit weiten Ausläufern dahinter, und innerhalb des Nebels Dunkelwolken und Filamente, die man bis 89x gewinnbringend hochvergrößern konnte. Ich erlaube mir mal, eine Zeichnung von Jeremy Perez zu verlinken, die ziemlich genau die Details wiedergibt, die ich zweifelsfrei identifizieren konnte - nur hat Perez das mit acht Zoll beobachtet, ich mit drei! ( http://www.perezmedia.net/beltofvenus/archives/images/2010/img2010011401_M42lg.jpg ). Als Nächstes kam das Galaxienpaar M81/82 dran, das zwar kräftiger als unter Durchschnittsbedingungen war und bei dem M81 einen ungewohnt großen Halo zeigte, aber die eigentlich Überraschung war NGC3077: Diese Galaxie, die ich erst einmal nach intensiver Suche bei mittlerer Vergrößerung hatte beobachten können, fiel in dieser Nacht schon bei 18x sofort auf, ohne dass ich danach hätte suchen müssen. Weitere Galaxien in der Gegend, denen ich einen Besuch abstattete, waren M108, M94, M106 (Beeindruckend hell und ausgedehnt), M101, M63, NGC 4490 und zum ersten mal M109, die ja leicht vom 2,4-mag Stern daneben überstrahlt wird, aber in dieser Nacht war sie ganz leicht sichtbar und hob sich sogar ansatzweise der Kern ab. Ein Blick auf den sehr kräftigen, auffallenden Eulennebel M97, dann ging es herunter zum Galaxienpaar M51/NGC5195, das zwar recht tief stand, aber trotzdem beeindruckte: Schon im Übersichtsokular sind beide Galaxien sauber getrennt, und bei 89x ist mit indirektem Sehen Struktur innerhalb der Nebelscheibe von M51 sichtbar: Oberhalb des Kerns sieht man einen Bogen, der heller als seine Umgebung strahlt - das war dann wohl tatsächlich ein Fragment eines Spiralarms. Mit 80mm Öffnung! Das Deep Sky-Vergleichsbild auf binoviewers Website für M51 im 150er Newton gibt den visuellen Eindruck dieser Nacht ziemlich gut wieder, natürlich etwas dunkler, aber sonst sehr ähnlich. Hätte ich den Fünfzoll-Achro dabei gehabt, vielleicht hätte ich in dieser Nacht zum ersten mal die Spiralstruktur von M51 wirklich deutlich sehen können.
Beflügelt von diesem Erfolgserlebnis wandte ich mich zu den leider schon etwas tief stehenden großen Herbstgalaxien, erst zur riesig ausgedehnten Andromedagalaxie mit ihren Satelliten M32 und M110, dann zur Dreiecksgalaxie M33, in der ich bei 43x und 89x zweifelsfrei das Sternentstehungsgebiet NGC604 als rundes Nebelbällchen sehen konnte. Die Galaxie NGC 891 dagegen habe ich wieder nicht gefunden, der einzige Misserfolg dieser Nacht. Ich musste mir dann h&chi noch einmal ohne Mondlicht ansehen und war von der Sternenanzahl erschlagen, dann gab es noch einen Blick auf den erstmals beobachteten Offenen Sternhaufen NGC 1245 und noch einmal auf die Paradesternhaufen M36/37/38 sowie die Plejaden, die ohne Mond natürlich alle noch einmal ein gutes Stück glanzvoller als vorhin waren. Dann war es Zeit für ein paar kniffligere, bisher noch nie beobachtete Galaxien, aber die Bedingungen waren so gut, dass ich sie alle mit fast schon zu großer Leichtigkeit finden konnte. NGC 2841 im Großen Bären war nicht nur sofort deutlich im Übersichtsokular zu sehen, diese 50 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie zeigte auch schon deutlich ihre elongierte Form mit hellerem Kernbereich, eine selbst mit der kleinen Öffnung wirklich schöne Galaxie, die ich mir recht lange ansah. Auch NGC 2683 im Luchs fand ich problemlos auf Anhieb. Diese etwa 16 Millionen Lichtjahre entfernte edge on-Galaxie zeigte sich strichförmig wie eine schwächere Version von M82.
Ich suchte im Karkoschka, was ich heute nacht noch ausprobieren könnte - na klar, der Eskimonebel in den Zwillingen! Den hatte ich schon einmal vergeblich gesucht, wahrscheinlich, weil ich ihn bei der geringen Übersichtsvergrößerung nicht von einem Stern hatte unterscheiden können. Deswegen ging ich in dieser Nacht gleich mit dem 6,7mm-Weitwinkelokular bei 89-facher Vergrößerung auf die Pirsch und sah tatsächlich bald einen kleinen Nebelball, auch wenn ich die berühmte grüne Farbe nicht wirklich sehen konnte, es war eher ein helles Grau, in dem man einen ganz leichten Grünstich höchstens erahnen konnte. Als Nächstes beobachtete ich den Krebsnebel M1, der bei jeder Vergrößerung deutlich als ovaler, heller Nebel sichtbar war. Mittlerweile stand auch der Löwe mit dem darin strahlenden Jupiter hoch genug, aber mich reizten zuerst Galaxien, beobachtete das Galaxienpaar M65/66 sowie die hübsche, ziemlich helle NGC 2903. Erst dann gönnte ich mir die erste Jupiterbeobachtung dieser Saison, und bei 127x war trotz der noch recht geringen Größe immerhin schon mehr als nur die zwei Hauptwolkenbänder sichtbar, sondern ließen sich ein drittes Wolkenband und Ausfransungen an den Hauptwolkenbändern ausmachen, dann ging ich herunter auf 89x, um entspannt etwas das Bild der vier aufgereihten Jupitermonde zu genießen. Der Horizont hellte sich schon etwas auf, also verzichtete ich darauf, noch nach schwachen Galaxien im Haar der Berenike zu suchen und schaute mir stattdessen noch einmal ein paar Prachtobjekte an, besonders den Orionnebel, M81/82/NGC3077 und M51/NGC5195.
Bald brach ein herrlicher Morgen mit wunderbar reiner und klarer Luft über den Bergen herein, doch als ich mich mit dem Frühbus Richtung Wien aufmachte, gerieten wir nach zehn Minuten Fahrt den Berg herunter schon wieder mitten in dichte, nasse Nebelsuppe - unglaublich, was für einen Unterschied die paar hundert Meter mehr Höhe machen. Eines steht jedenfalls fest: Nach Annaberg werde ich noch oft wieder zurückkommen.
CS,
Fabian
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