Hallo Dietz,
hab ich das richtig verstanden, Du möchtest völlig ohne vorherige Erfahrung von Astrofotografie mit kleineren Optiken, Autoguiding und Bildbearbeitung jetzt mit einem 10" Newton auf einer NEQ6 einsteigen?
Falls ja, solltest Du das nochmal überdenken. Das geht sowas von in die Hose.
Warum?
Astrofotografie ist nicht "Kamera an den Okularauszug flanschen, abdrücken und es purzelt ein fertiges Bild aus der Kamera". :mauer:
Das wichtigste bei der Astrofotografie ist die Montierung. Sie muß stabil sein, das Stativ darf sich bei Windlast nicht in sich verdrehen. Gleiches Gilt für die Montierung. Und ein Teleskop darf sich auch nicht in sich verwinden.
Wenn ein Händler die Montierung mit 20 kg Tragekraft bewirbt, dann mußt Du von diesen 20 kg erstmal 1/3 abziehen. Denn die Tragelast bezieht sich auf
visuelle Nutzung. Deine Augen machen keine Langzeitbelichtung. Du (bzw Dein Gehirn) ignorierst die Zittermomente aufgrund von Windlast, Behrührungen, Scharfstellen... Eine Kamera ignoriert das nicht. Jede Erschütterung, jedes Zittern wird auf dem Chip festgehalten.
Diese Fausformel mit dem Abziehen von 1/3 der Tragelast ist eine Erfahrung der Fotografen aus der Praxis.
Der 10" Newton ist
fotografisch vie zu schwer, sperrig, windanfällig für die Montierung, wenn Du Langzeitbelichtungen machen möchtest. Der wird Dir keine runden Sterne liefern, sondern Eier oder Zickzacklinien. :smiley64:
Rohbilder mit solchen Sternabbildungen lassen sich nicht vernünftig weiterverarbeiten (Stacken, spreizen, schärfen...). :krank:
Neben dem reinen Gewicht vom Tubus samt Rohrschellen mußt noch das Gewicht vom Komakorrektor, Off-Axis-Guider oder Leitrohr, Guidingkamera, Zwischenringen, EOS und dem Kabelsalat mit rein rechnen. Lose herabhängende Kabel z.B. reichen aus, um bei einem moderaten Wind die Bilder zu verwackeln. Weil deren Schwingungen übertragen werden. :teufelgrr:
Nach dem Montierung kommt die Nachführung. Ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt. Die Nachführung muß so genau sein, daß ein Stern über 5 oder 10 Minuten nicht mehr als 1 Bogensekunde von seiner Mittenposition auf dem Chip abweichen sollte. Von Haus aus schafft das keine Montierung von Skywatcher. Darum nimmt man entweder einen Off-Axis-Guider oder ein Leitrohr, steckt da eine sehr empfindliche Kamera rein und mißt jede Sekunde die Abweichung von der Sollposition. Ist die Abweichung größer als 1/4 Bogensekunde, wird vom Guidingproggy ein Korrekturbefehl an die Montierung geschickt, um der beginnenden Abweichung entgegenzuwirken. :augenrubbel:
Damit die Sterne am Rand Deines Kameragesichtsfeldes auch noch rund sind, muß ein Komakorrektor passend zum Öffnungsverhältnis Deines Newtons gewählt werden. Der beseitigt dann die bauartbedingte Koma des Newtons. Ohne sehen die Bilder einfach nur Schei...e aus. :smiley65:
Je nachdem, ob das Fotomotiv ein Linienstrahler (Emissionsnebel, Supernovaüberrest, PN) oder ein kontinuierlich leuchtendes Objekt (Galaxien, Sternhaufen, Reflexionsnebel) ist, sind dann entsprechende Filter hilfreich.
Dann die Optik - die sollte sehr gut justiert sein, sonst schaut das Rohbild ebenfalls Schei...e aus. :smiley60:
Jetzt kommt die Scharfstellung. Dabei darf der Okularauszug nicht wackeln oder verkippen. Und muß über Stunden hinweg den Fokus halten. Und bei der Brennweite mußt auch regelmäßig nachfokussieren. Weil sich die Temperatur im Lauf der Nacht ändert und damit der Fokus.
So, wenn jetzt alles zusammenpaßt, dann kommt die Belichtungszeit ins Spiel. Es gibt nur eine handvoll Motive, die mit weniger als 2 Stunden Belichtungszeit gut ausschauen. Die meisten Motive benötigen leider viel mehr Belichtungszeit.
Schau doch mal in der Galerie oder bei Astrobin auf die Daten unter den Bildern. Da steht dann so kryptischer Zeug wie "H-Alpha/RGB" 10/10 h.
Das bedeutet, daß das Motiv zuerst 10 Stunden mit einem H-Alpha Filter und dann nochmal 10 Stunden ohne den Filter belichtet wurde. In Summe also 20 Stunden!
20 Stunden, in denen der Leitstern nicht mehr als 1/4 Bogensekunde Abweichung haben durfte. :schwitz:
Eventuell tue ich Dir ja unrecht und Du bist der totale Überflieger mit "goldenen Händen", bei dem alles auf Anhieb klappt. Normal ist das aber nicht. Normal ist, daß ein Anfänger mit so einem Setup (HEQ-6/10" Newton) auf die Nase fällt und nix auf die Reihe kriegt. Und 12 Monate später landet dann die Ausrüßtung im Bieteboard.
Kauf Dir nen kleinen ED-Refraktor oder klemm die EOS mit nem Teleobjektiv auf die HEQ5/6 und übe damit. Also mit Brennweiten unter 500 mm. :Trost:
- Objekt ansprechend auf dem Chip platzieren (=Bildkomposition)
- Objekt scharfstellen
- Objekt guiden mit Belichtungszeiten von 5 oder 10 Minuten
mit den so gewonnenen Rohdaten übe dann die Bildbearbeitung. Dafür brauchst dann nochmal so viel Zeit vor dem Rechner wie für das reine Belichten.
Und in 2 oder 3 Jahren hast dann ein oder zwei dutzend schöner Motive abgelichtet, falls das Wetter mitspielt.
Um die richtigen Parameter (Agressivität in RA/DE, Hysterese, Minimal/Maximalabweichung, Belichtungszeit der Guidingcam, Guidingintervalle) für das Guiding zu finden, habe ich alleine 20 oder 30 Nächte gebraucht. Die Bildbearbeitung übe ich nach 3 Jahren Deepsky-Fotografie noch immer, weil jedes Motiv anderst bearbeitet werden muß.
Mit der dann gewonnenen Erfahrung und erneut angespartem Geld kannst in Geraffel für größere Brennweiten investieren. :super:
Als blutiger Anfänger mit 10" zu beginnen, ist wie als Beifahrer in einem Pkw ohne Führerschein und Fahrpraxis sich ans Steuer eines Formel-1 Rennwagens zu setzen und zu glauben, man gewinnt den 1. Platz beim Rennen. :totlach: