Hallo Leute,
ich habe dieses Thema hier mehrmals durchgelesen und wurde dann in meiner Entscheidung bestärkt: Das TS 80 will ich haben!
Aber erstmal die Vorgeschichte:
Ich suchte „etwas Größeres“, um von den vielen Gipfeln aus das Ruhrgebiet zu betrachten (hier mein Projekt: www.revierpanorama.de). Auch im Urlaub sitze ich gerne an der Promenade in Cuxhaven und schaue mir das Geschehen auf der Elbe oder die Insel Neuwerk an. Bislang stand mir dazu ein wirklich tolles Fernglas mit Bildstabilisator zur Verfügung (Canon 12 x 36 II IS). Doch irgendwann will man einfach mehr als nur 12-fache Vergrößerung. Ich habe auch zum Spaß mal mein „Orion 80 ED“ samt Amici-Prisma und EQ3-Montierung auf den Deich geschleppt. Keine Frage: Die hohen Vergrößerungen machen süchtig, aber das Geschleppe ist zumindest für mich unverhältnismäßig hoch. Letztendlich habe ich das nur einmal gemacht.
Schnell war mir klar: Hohe Vergrößerung aber dennoch einfach zu transportieren sollte „es“ sein. Am besten im Rucksack transportabel, da ich oft mit dem Fahrrad zu den Ruhrgebietsgipfeln oder ans Wasser fahren möchte.
Nach ein bischen Stöbern im Web war klar: Das TS 80 Spektiv könnte meine Begierde befriedigen. Mit 1,4 Kilogramm ist es spürbar leichter als das TS 100. Letzteres bietet zwar 20 mm mehr Öffnung, doch das ich das Gerät hauptsächlich tagsüber nutzen möchte, habe ich mich für die leichtere und deutlich preisgünstigere Variante entschieden.
Doch wie ist das mit dem Tunnelblick beim Zoomokular? Wie stark ist der Farbsaum bei der Nicht-ED-Variante?
Gestern kam das Spektiv bei mir an. Es macht einen sehr wertigen und robusten Eindruck. Mit der beigefügten Tasche passt es locker in meinen Fahrradrucksack. Das ist schonmal perfekt.
Schnell war das Okular aufgeschraubt und das Spektiv auf meinem leichten Videostativ geschraubt.
Von der Dachterasse dann das „first light“: Wouw, ein helles, knackescharf einstellbares Bild bei kleinster Vergrößerung (20-fach). In dieser Stellung ist der „Tunnelblick“ am größten. Doch zu meiner Freude hält sich der Tunneleffekt in weiten Grenzen. Blicke in einfache Zoom-Ferngläser haben mich dagegen schon so manches mal zusammenschrecken lassen, weshalb ich bislang Bedenken bei Zoomokularen hatte.
Die Schärfe lässt sich am Spektiv feinfühlig bis „knackescharf“ einstellen. Ehrlich gesagt habe ich damit in der Preisklasse nicht gerechnet und wurde auch hier angenehm überrascht. Feinste Prägebuchstaben, vielleicht 1 cm hoch, auf einer ca 150 Meter entfernten Antenne waren scharf und bequem zu lesen. Ein farbiger Saum, weil gegen hellem Himmel, war hier nicht auszumachen. Auch bei 60-facher Maximalvergrößerung war das Bild scharf einstellbar, wenngleich natürlich es etwas dunkler war. Anzumerken ist, dass das Okular nicht homofokal ist, d. h. nach dem Zoomen muss die Schärfe minimal korrigiert werden.
Dann schwenkte ich auch einen Hochspannungsmast in etwa 2 km Entfernung. Er stand im Gegenlicht. Im Kontrast des hellgrauen Himmels war nun eine leichter Lila-Farbsaum zu sehen. Ich empfand ihn aber nicht als so störend, zumal keine Details verschluckt wurden.
Ich schwenkte auf ein Autokennzeichen in etwa 60 Meter Entfernung. Mit meinem Fernglas bei 12-facher Vergrößerung war der Text auf der Plakette nicht zu lesen. Mit dem Spektiv dagegen war ab etwa 50-facher Vergrößerung der Text sicher zu lesen. Wohlgemerkt: Der Text auf der kleinen, runden Plakette.
Beim Umherschwenken auf Hauswände, Autos, Bäume in unterschiedlichen Entfernungen war kein Farbsaum zu erkennen. Nur bei hohen Kontrasten, z B. Dachgiebel gegen Himmel, waren leichte Farben zu erkennen. Für empfinde sie so unauffällig, dass ich froh bin, nicht den dreifachen Preis für die ED-Variante ausgegeben zu haben.
Bis zur Dämmerung habe ich das Stativ im Freien stehen lassen. Bemerkenswert: Obwohl es schon recht dunkel war (Orion war schon deutlich am Himmel sichtbar), waren bei Minimalvergrößerung (20-fach) noch viele Details im unbeleuchteten Garten zu erkennen. Sobald man dann allerdings weiter vergrößert hat, war es dann wirklich zu dunkel.
Auch wenn primär nicht für den Einsatz gedacht, so habe ich das Spektiv auch am Himmel getestet. Die schmale Mondsichel passte selbst bei höchster Vergrößerung locker ins Gesichtsfeld. Die Krater am Terminator waren haarscharf sichtbar. Lediglich außen am Mondrand war ein hauchfeiner gelber Farbsaum sichtbar – in keinster Weise störend oder gar detailschluckend. Ein großartiger Anblick!
Dann schwenkte ich rüber auf Orion: M42 ist trotz Großstadthimmel deutlich als Nebelfleck zu erkennen. Die vier Trapezsterne werden eindeutig und punktförmig aufgelöst. Wouw!
Übrigens macht das „reinzoomen“ im Großstadthimmel richtig Spaß, weil sich der Hintergrund mit zunehmender Vergrößerung verdunkelt und so den scheinbaren Kontrast erhöht.
Was mich noch verblüffte war die Randschärfe: Insgesamt werden alle Sterne bis zum Rand hin punktförmig abgebildet. Das kann eigentlich bei solchen preiswerten Okularen nicht sein, oder? Also bilde ich mir ein, dass die Sterne am äußeren Gesichtsfeldrand, vielleicht die äußeren 5 Prozent, minimal verzogen sind. Vorhin noch mal im Alltagscheck auf die diversen Hauswände, Antennen und Bäume: Ich würde behaupten, das Bild ist bis zum Rand knackescharf.
Ein Hinweis zum Stativ: Ich nutze das Gerät auf einem leichten Alu-Videostativ. Der Vorteil gegenüber Fotostativen: Die Achsbewegungen sind gedämpft, was feinfühlige Schwenks ermöglicht. Selbst beim Lösen aller Achsen kippt gut ausbalancierte Spektiv nicht einfach nach vorn oder hinten, sonder gleitet dank Dämpfung ganz langsam bis zum Anschlag.
Fazit: Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Ich bin froh, nicht die teure ED-Version gekauft zu haben, die chromatischen Aberationen, sprich Farbsäume, treten nur bei extremen Kontrasten dezent auf. Auch für astronomische Zwecke ist das Spektiv im Rahmen seiner Öffnung (80 mm) uneingeschränkt empfehlenswert. Eigentlich hatte ich es nicht vor, aber ich werde mir vielleicht doch nochmal zwei festbrennweitige Okulare gönnen…irgendwie habe ich jetzt Blut geleckt …
