Zitat von the_viewer:
ok, die Verzeichnung "rettet" dann also quasi die Möglichkeit so ein Okular in 2" zu bauen. Wenn man nun Verzeichnung zulässt, gibt es denn darüber hinaus noch eine Einschränkung, wie weit man das treiben kann? Von mechanischer Handlichkeit des Okulars jetzt mal abgesehen...
Ansonsten könnte man doch auf Kosten von noch höherer Verzeichnung auch ein 31mm Okular mit 100° sGF in 2" bauen, oder?
Gibts eine Möglichkeit das zu quantifizieren, wie viel Verzeichnung noch ertragbar ist?
Hallo David,
was Du hier unter "Verzeichnung" verstehst, beschreibt eine
Abweichung vom rektilinearen oder othoskopischen Abbildungsverhalten
tan alpha' = M tan alpha
wobei die
Projektionen tan alpha und
tan alpha' von Gegenstand und Abbild zueinander proportional sind. Wenn sich diese Projektionen ohne wesentliche Verzerrungen in der Ebene darstellen lassen, dann ist die rektilineare Abbildung eine natürliche Referenz für "Verzeichnung". Das trifft in der Regel insbesondere dann zu, wenn hinreichend kleine Felder am Himmel auf kleinen und planen Kamerachips abgebildet werden, aber auch für orthoskopische Okulare mit kleinen Gesichtsfeldern.
Wenn hingegen große Teile der Himmelskugel, z.B. mit Fisheye-Linsen, verzeichnungsfrei abgebildet werden sollen oder, wie bei astronomischen Weitwinkelokularen, sehr große scheinbare Gesichtsfelder von 80° bis über 100° auftreten, dann ist es sinnvoller, eine winkeltreue Abbildung von Kugelabschnitt zu Kugelabschnitt anzustreben
alpha' = M alpha
und dann von "Verzeichnung" als Abweichung von einer exakt winkeltreuen Abbildung zu sprechen.
Eigentlich sollten astronomischen Anwendungen, bei denen große wahre oder auch große scheinbare Felder eine Rolle spielen, grundsätzlich winkeltreue Abbidungen favorisieren. Es ist schließlich eine Binsenweisheit, dass sich Kugelabschnitte nur wieder auf Kugelabschnitten, nicht aber in der Ebene, verzeichnungsfrei abbilden lassen.
Erst bei hinreichend kleinen Feldwinkeln alpha und alpha' (im Bogenmaß) gehen die oben dargestellten Abbidungsgesetze wegen
tan alpha ~ alpha
tan alpha' ~ alpha'
ineinander über und dann macht es auch keinen Unterschied.
Bei Großfeldokularen mit scheinbaren Feldern von 80° oder 100° macht es aber einen gewaltigen Unterschied, und da sollte man für die Verzeichnung nicht die rektilineare, sondern die Winkeltreue Abbildung als Referenz nehmen. Wenn man das tut, dann haben diese Okulare auch gar keine ungewöhnlich hohe "Verzeichnung". Idealerweise bilden sie den Winkelabstand von Sternen im ganzen Feld proportional ab. Genau das aber ist bei der rektilinearen Abbildung wegen der Nichtlinearität der Tangensfunktion bei großen Winkekn nicht der Fall.
Verzeichnung in einem absoluten Sinn gibt es gar nicht. Sie kann nur in Bezug auf ein bestimmtes Abbildungsgesetz definiert werden.
Mit freundlichen Grüßen,
Peter