Durchschauen kostet nichts? Warum denn? Biete auf dem Astrotreffen an, dass man kostenlos durch ein gutes Okular mit derselben Brennweite gucken darf oder gegen einen Obulus durch das neue sündhaft teure Okular. Vielleicht gewinnt man dadurch einen besseren Einblick in die Ausgabebereitschaft der Menschen.
Abgesehen davon finde ich diese Diskussion sehr interessant. Über teure Preise in der Astronomie kann ich mich nicht aufregen. Wer mit einem geringen Budget eine gute Teleskopausrüstung kaufen möchte, findet auf dem GebrauchtmMarkt eine Vielzahl von hervorragenden Instrumenten zu Spottpreisen. Vor kurzem bot hier jemand Celestron C8 mit Piratenkiste an und verlangte dafür 250 €. Das Teleskop soll im guten Zustand gewesen sein. Das war sehr billig.
Wer gelegentlich die Anzeigen auf dem Gebrauchtmarkt checkt, wird immer wieder Angebote finden, die deutlich machen, dass für sehr wenig Geld gute Teleskope zu haben sind. Aber auch neue Geräte unterscheiden sich mehr durch ihre Preisspanne als durch ihre Qualität. Man nehme einen Skywatcher 80ED, 100ED und 120 ED. Diese Teleskope haben ausgezeichnete Objektive und selbst die billigeren Apo-Serien vom selben Hersteller sind optisch ausgezeichnet. Einige Käufer tunen diese Geräte durch den Austausch der Fokussierer. Es scheint mir, als ob in solchen Fällen Geld ohne technischen Mehrwert ausgegeben wird, aber die Käufer wollen es so. Zumindest kann ich nicht behaupten, dass der TS-Fokussierer an meinem Skywatcher 80ED Pro, der mir gebraucht in dieser Kombination verkauft wurde, einen Vorteil brächte. Trotz der günstigen Geräte mit einem extrem guten Preis-/Leistungsverhältnis gibt es Käufer für sehr viel teurere Teleskope, die eher theoretisch etwas besser sind.
Ich kann mich eines Vergleichs mit der Bootsfahrerrei nicht erwehren. Häufig fahre ich auf meinem alten Boot auf der Havel in Berlin spazieren. Ich gehöre zu den langsamen Fahrern, die in Ruhe die Landschaft vorbeiziehen lassen. Gerne bei einer Tasse Kaffee und ich habe nichts gegen ein Stück Kuchen. Manchmal wirft man den Anker und döst in einer ruhigen Bucht auf dem Boot oder geht baden. Immer wieder sehe ich andere Menschen, die genau das gleiche auf ihren Booten machen. Fast jeder winkt dem anderen Größen zu. Das ist eine gemütliche Gemeinschaft in Booten, deren Längen sich üblicherweise zwischen 6 und knapp 15 m bewegen. Der eine fährt ein gebrauchtes Schiff für 3000 € oder andere eine dicke Yacht, die mehrere 100.000 € gekostet hat. Die Kosten für die Liegeplätze der Boote unterscheiden sich beträchtlich. Das gleiche gilt für den zeitlichen und finanziellen Aufwand zur Pflege und zum Unterhalt der Fahrzeuge. Aber letztlich sitzen die Leute bei gutem Wetter halb bekleidet in ähnlichen Posen auf diesem Booten und machen das gleiche. Sie sehen das gleiche, sie erleben das gleiche und viel von dem Komfort, den sich einige mit teurem Geld erkauft haben, wird nie gebraucht. Abgesehen davon gibt es teure Boote, die jahrelang gar nicht bewegt werden. Dennoch möchten ihre Eigener sie nicht verkaufen. Auf diesem Gebiet wird in viel krasserer Form als in der Astronomie sichtbar, dass viele Menschen gerne und bereitwillig sehr viel Geld für etwas ausgeben, was sich andere Leute mit einem erheblich geringeren finanziellen Aufwand ebenfalls leisten. Es gibt sogar Dinge, von deren Existenz vernünftige und gut gebildete Leute, die nicht Boot fahren, nichts ahnen. Zum Beispiel Bezüge für die Fender, den luftgefüllten Plastikbehältern, die an der Bordwand baumeln, um eine direkte Berührung der Bote mit Stegen oder anderen Booten zu vermeiden. Für diese Fender kann man sich Bezüge bestellen, in die sogar der Name des Bootes eingestickt wird, womöglich in Gold auf dunklem Marineblau. Ob die zum Teil horrenden Ausgaben für derartigen Firlefanz überhaupt einen Gegenwert zur Geldausgabe bieten, vermag ich als sparsamer Mensch nicht zu beurteilen. Aber die Existenz solcher Dinge, ihre sichtbare Häufigkeit und die hohen Preise sprechen eine deutliche Sprache. Ja, es gibt Menschen die gerne und bereitwillig Summen, die anderen Menschen sehr hoch erscheinen, für so was ausgeben. Erfreulicherweise ist der Genuss einer gemütlichen Fahrt im Boot nicht abhängig von einem dicken Geldbeutel. Diese Tatsache ist nicht mal ein Geheimnis. Die Beteiligten sind gut informiert, sie kennen die Preisunterschiede und denjenigen, die viel Geld ausgeben, ist es wahrscheinlich vollkommen egal, ob das ökonomisch sinnvoll ist. Sie geben es aus und wahrscheinlich stehen sie sogar nachhaltig dazu. Schön ist hierbei, dass derjenige mit einem schmalen Geldbeutel sich durch einen überquellenden Gebrauchtmarkt den gleichen Spaß zum Spottpreis leisten kann. Gut betuchte Leute, die viel Geld für Dinge ausgeben, sind deswegen nicht doof. Viele Menschen, die sich über teure Preise für Gegenstände aufregen, würden wahrscheinlich dasselbe tun, wenn sie das Geld hätten. Seien wir froh, dass neben den teuren Produkten viele andere verfügbar sind, die nur einen Bruchteil kosten, aber praktisch (fast) den gleichen Spaß bieten. In dem Sinne mag irgend ein Hersteller gerne eine Okularserie auf den Markt bringen, von der jedes Exemplar 1.000.000 € kostet. Ein solcher Sachverhalt vermindert nicht die Verfügbarkeit von preisgünstigen Alternativen, die einem jahrelang nette Beobachtungen am Teleskop ermöglichen.
Ich teste gerade ein Diktiersystem. Sorry, falls deswegen irgendwo Unsinn steht, der mir entgangen ist.
Tom