Fenster in die Vergangenheit

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Gelöschte Mitglieder 487

Ich liege mit meinem frisch gekauften 10x50-Minolta-Fernglas im Bett und schaue durch den schmalen Winkel zwischen Wand und geöffnetem Fenster nach oben ins All. Der große Bär steht hoch und eine unglaubliche Anzahl an Sternen in weitem Feld funkeln in meinen Augen. Ich stolpere über eine Galaxie – es muss wohl M 102 gewesen sein... Ich schwenke freudig quer über den schmalen erreichbaren Himmelsausschnitt – fast im Zenit. Ich stolpere über enge Grüppchen von unbekannten Sternen und kleine neblige Fitzel, die mir in ihrer Art und Gestalt noch unbekannt sind. Was für eine neue Welt!

Knapp 20 Jahre später - Neujahr 2019. Während ich gemütlich Fernsehen schau in der Heimat bei Berlin vertrete ich mir die Beine und schau aus meinem alten Kinderzimmerfenster. Sterne! Zurück zum Laptop und sat24 geprüft: eine schmale Wolkenlücke – juhu! Allerdings zieht diese sehr schnell voran. Rausfahren? In 15 Minuten könnte es wieder bewölkt sein...


Fenster_Neujahr2019.jpg


Ich entschließe mich tatsächlich, stattdessen den 72er Refraktor am Fenster aufzubauen. Die Plejaden stehen in erreichbarer Position und das wäre immerhin etwas Sternenlicht zum neuen Jahr. Genau genommen – das erste meines Heimaturlaubs!

So ist mein Refraktor binnen Sekunden an dem Fenster aufgebaut, an welchem ich meine ersten astronomischen Beobachtungen gemacht habe.


Das Rauschen des stürmischen Windes, der mir noch 2 h zuvor den Regen beim Heimatspaziergang entgegengepeitscht hat, dringt zum offenen Fenster herein, die Bäume im Innenhof rascheln. Die Plejaden sind schnell eingestellt im 13er Ethos. Die Sterne pulsieren – weil es draußen viel kälter ist oder wegen schlechtem Seeing generell? Ich weiß es nicht. Zumindest ist es mit 5 Grad plus nicht sonderlich kalt draußen.

Immer wieder huschen Wolken durch das Sehfeld. In klaren Momenten jedoch meine ich sogar, den Merope-Nebel zu sehen. Mitten aus der 13000-Seelen-Kleinstadt am Rande Berlins. Das Stativ steht auf engestem Raum zwischen Schreibtisch und Schrank und dicht am Fenster, ich stütze mich auf den Schreibttisch beim Schauen durchs Okular. Mal was anderes...aber gemütlich. Ein Flugzeug fliegt dicht an den Plejaden vorbei durchs Sehfeld. Ich wechsle auf das 26er Nagler-Okular. Mit 4,7 Grad Sehfeld ist der Haufen schön umrahmt vom restlichen All. Das Wechselspiel von komplettem Grau im Okular und urplötzlich freiziehendem klarstem Himmel, auf dessen fast schwarzem Hintergrund mich die hellen Sterne der Plejaden anfunkeln, fasziniert mich. Es erinnert mich an Ansichten des Mondes, der mysteriös in Teilen hinter Wolken liegt und Wolkenschwaden davor entlangziehen. Helle Objekte und schnell durchziehende Wolken haben eine ganz eigene Faszination finde ich.

Das ist Leben, das ist Live-Beobachtung. Und dieses einfache Erlebnis am Ort meiner ersten Deepsky-Gehversuche...
Plejaden_Heimatfenster.jpg


... erfreut mich gerade genauso, wie eine Nacht auf dem Berg unter Alpenhimmel...

In diesem Sinne - Clear Skies für 2019!

Norman
 
Hallo Norman,

netter kleiner Bericht, der wieder einmal zeigt, dass unser Hobby eben nicht nur aus akribisch geplanten Astronächten besteht, sondern auch etliche Momente, wie du ihn gerade erlebt hast, zu bieten hat. Auch das hat seinen unvergleichlichen Reiz. Ähnliches habe ich auch schon erlebt, gespickt mit Erinnerungen aus der Jugendzeit, als ich das Hobby für mich entdeckte.

Viele Grüße
Stefan
 
Grüß Dich Stefan,

danke Dir! Finde ich auch, unser Hobby bietet eine große Vielfalt an Reizen, was vermutlich jeder von seinem Hobby behauptet, aber is halt so ;-)

Beste Grüße + CS
Norman
 
Hallo Norman,

danke für den tollen Bericht von Deinem Sprung in die persönliche Vergangenheit...
Schön zu lesen, dass ich nicht der einzige Verrückte bin, der DS vom Haus aus der Stadt raus macht - zum Spaß und um die kurzen Wolkenlücken zu nutzen.
Auch diese "nicht perfekten" Bedingungen liefern kleine, wertvolle Lichtblicke.
Ich war gestern mit meinem 70/420 ED kurz auf der Terrasse. Vor der astronomischen Dunkelheit (so weit man hier in der Stadt davon überhaupt reden kann) aber eben bei klarem Himmel bevor wieder Wolken kamen.
Die Andromedagalaxie M31 ist da echt nur ein kleines Nebelfleckchen und M32 war soeben von einem Stern zu unterscheiden. M110 hab ich nicht gesehen.
Aber M31 u. M32 zusamnen mit den optisch benachbarten Sternen war schön anzuschauen!
Und h und chi Per mit den roten Sternen FZ und AD waren wunderschön.

Beste Grüße

Achim
(sternenlichtbetankt)
 
Hallo Achim,

danke Dir :-)
Hauptsache es macht Spaß. Stundenlang könnte ich das jetzt so nicht machen, aber als kleines Wolkenlückenbonbon ist sowas schonmal tauglich :-) Und wo die Transparenz fehlt, kann man sich eben lustige Betätigungsfelder suchen wie Flugzeuge verfolgen oder so - das fetzt auch mal, das so zu beobachten, wie die an den hellen Sternen oder gar Häufchen vorbeifliegen :giggle:

Schöne Grüße und Clear Skies
Nornan
 
Hallo,
ein schön geschriebener Bericht weitab vom Perfektionswahn, der mich auch mit zurückgenommen hat in meine Jugendzeit, wo ich mit einem 10-30x30 "Refraktor" auch vom Kinderzimmerfenster aus versucht habe, an Jupiter, Saturn, dem Mond, an Venus und auch an einigen Deepsky-Objeten zumindest ein bisschen was zu erkennen.

Viele Grüße

Markus
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Quidquid agis, agas prudenter et respice finem!
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Juniper Hill Observatory

Markus A. R. Langlotz
Dr.-Bruno-Sahliger-Str. 8
D-93096 Köfering

Die Astroseite: astronomie.N-T-L.de
Die Sternwarte: sternwarte.N-T-L.de
Die Mailadresse: ntl.observatory (at) freenet.de
 
Hallo Norman!

Ein sehr schöner Bericht von dir. Den Blick durch die Dachluke kenne ich auch noch gut. Ich weiß noch genau, wie ich meinen einfachen 60/700mm Refraktor erstmalig auf Saturn richtete und zum ersten Mal den Ring live sah. Oder die erste deutliche Sichtung der Spiralarme von M51 im damaligen C8. Seltsamerweise sind es bei mir diese ersten einfachen Beobachtungen gewesen, die den stärksten nachhaltigen Eindruck hinterließen.

salü, volker.
 
Hallo Volker,

Willkommen auf der dunklen Seite ;-)
Vielen Dank für Deine nette Rückmeldung. In der Tat fand ich es wunderschön, einfach auf dem Rücken liegend durchs Fenster zu schauen. Was war der Himmel nicht noch unbekannt - alles war faszinierend. Jedes Nebelchen/ Sterngrüppchen war irgendwie verdächtig ("Wurde das schon entdeckt?") und musste nachgeschlagen werden. Das waren Zeiten.

Beste Grüße und CS
Norman
 
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