Hallo,
Augenmuscheln sind Geschmackssache: Die Darstellung bei test ist zwar vereinfachend aber m.E. zutreffend. Viele Nichtbrillenträger - ich kenne einige - bevorzugen durchaus die klassischen Stülpaugenmuscheln aus Gummi. Das flexiblere Material passt sich der Anatomie meist besser besser an und schützt dadurch oft auch effektiver gegen Seitenlicht als die konstruktionsbedingt starren Dreh- oder Schiebeaugenmuscheln. Wer sein Glas mit keinem anderen Benutzer teilen muss oder will, könnte deshalb u.U. mit solchen Augenmuscheln zufriedener sein. Nichtsdestotrotz haben die neuen Drehaugenmuscheln, die ich persönlich auch bevorzuge, eine Reihe gewichtiger Vorteile (von mir hier vor Jahren schon einmal ausführlicher beschrieben, lange bevor es so etwas z.B. bei Zeiss gab) auf ihrer Seite: sie lassen sich z.B. individuell besser anpassen usw. Der eine sieht es so, der andere so. Man kann sagen: es ist Geschmackssache.
Sehfeld: Es gibt den Prüfpunkt "Sehfeld für Brillenträger". In der, wie ich finde, sehr übersichtlichen Tabelle "Ausstattung/Technische Merkmale" gibt es für jedes getestetes Modell exakte Angaben zur Sehfeldgröße. Ähnliches gilt auch für die Naheinstellung. Was ich dabei bemerkenswert finde: Es wurden nicht einfach die Herstellerangaben übernommen. Man hat die Sehfeldgröße (wie einige weitere Prüfpunkte auch) offenbar durch eigene Messungen ermittelt. Es finden sich zu einzelnen Modellen (z.B. 8x32 Leica, Nikon und Eschenbach) einige weitere Hinweise zum Sehfeld. Sicher ließe sich noch manches mehr zu diesem Thema sagen. Der Kritik, dass man bei oberflächlicher Lesart das Zeiss Conquest mit dem Leica Ultravid auf eine Stufe stellen könnte, muss ich allerdings zustimmen. Ich glaube aber kaum, dass man bei Zeiss erfreut ist über das Abschneiden des 10x42 Victory, das in einigen Punkten schlechter bewertet wurde als das Swarovski 10x42 SLC. Dies hat mich doch etwas überrascht, genau wie das relativ schlechte Abschneiden des 10x42 Docter. Test kauft die Prüfmuster ganz normal wie wir im Handel. Hier handelt es sich vermutlich um Einzelexemplare, bei denen suboptimale Bedingungen im Fertigungsprozess und wohl auch bei der Qualitätskontrolle dazu geführt haben, dass das optische Potential der Konstruktion nicht ausgeschöpft wurde. Das nennt man dann Serienstreuung. Dafür zeichnen aber die Hersteller verantwortlich, nicht die Tester.
Überrascht hat mich auch, wieviele Ferngläser schadstoffbelastet waren. Nur Swarovski und Canon erhielten hier ein "sehr gut" bzw. "gut". Angesichts seltsam nach Lösungsmitteln muffelnder Neugeräte habe ich mir die Frage nach Schadstoffen schon oft gestellt, ja sie war in einem Fall sogar kaufentscheidend. Immerhin hat man zu einem Fernglas direkten Körperkontakt. Gut, dass sich die Stiftung Warentest dieses Themas angenommen hat. Nun wird wohl auch hier wieder ein Lamento angestimmt: "Das ist alles nicht so schlimm", "überbewertet" usw. usf. Die Hersteller sollten das sein lassen und lieber sagen: wir verbessern das. So erwirbt man Kundenvertrauen.
Es ist klar, dass man sich noch viel mehr Informationen über Ferngläser wünscht. Genau genommen würde selbst ein ganzes Testheft kaum ausreichen, das Thema erschöpfend zu behandeln. Wer sich für Geschirrspüler interessiert, würde sich sicher auch freuen, wenn sein Thema noch mehr Raum erhielte. In einer solchen Zeitschrift ist der Platz, der einem einzelnen Thema gegeben werden kann, nun einmal mit Rücksicht auf die Interessen der gesamten Leserschaft begrenzt. Man wird sich deshalb immer, ebenso lang wie fruchtlos, darüber streiten können, ob nicht dieser oder ein anderer Gesichtspunkt nicht auch noch hätte ausführlicher behandelt werden können.
Ich sage nicht, dass die Tests der Stiftung Warentest in jeder Hinsicht perfekt sind. Sie sollen die Berichte in anderen, spezieller orientierten Zeitschriften ja auch nicht überflüssig machen. Sie sind aber eine sehr wertvolle Ergänzung, die in Sachen Unabhängigkeit, Neutralität, allgemeiner Testerfahrung und vermutlich auch technischen Testmöglichkeiten kaum zu schlagen sind. Die Ergebnisse von test werden von den Betroffenen derart aufmerksam beäugt und gerne auch rechtlich angegangen, dass allein das schon Gewähr für eine äußerst hohe Wahrscheinklichkeit an sachlichler Richtigkeit und Reproduzierbarkeit ist. Man kann sich dort einfach keine Schnitzer erlauben. Die Kontrolle ist bei vielen Test sogar international, denn sie werden oft und so auch hier in Zusammenarbeit mit Verbraucherschutzorganisationen anderer Länder durchgeführt. Dass man Industrienormen prüft, ist selbstverständlich, denn die Hersteller sind ja gehalten, diese Normen einzuhalten. Verbrauchermagazine wie test haben die wichtige Aufgabe, den Herstellern auf die Finger zu schauen, nach dem Motto: Kontrolle ist besser als Vertrauen. Wir als Verbraucher, Käufer und Kunden sollten uns darüber freuen, dass es so etwas trotz Anfeindungen aller Art immer noch gibt, denn so bleiben die Hersteller gezwungen, sich weiter anzustrengen. Ich werde immer hellhörig, wenn Hersteller oder auch Händler mit Testschelte anfangen, die sachlich nicht oder nur wenig gerechtfertigt ist. Meist verbirgt sich dahinter nichts anderes als simple Eigeninteressen.
Zum Fernglastest könnte ich noch einige weitere Ungenauigkeiten (z.B. dass das 8x32 Ultravid für Brillenträger sehr gut geeignet sein soll) aufzählen, die aber letztlich alle nur marginaler Natur sind. Soweit mir die getesteten Modelle bekannt sind, kann ich im wesentlichen nahezu alle Ergebnisse bestätigen. Test ist eine Zeitschrift, die sich an ein breites Publikum wendet und keine wissenschaftliche Fachzeitschrift. Das Auflisten langer Messdatenreihen müsste man ja für jeden Test zusätzlich abdrucken. Wie dick ein solches Heft wohl werden würde? Und wieviel Leser gibt es wirklich, die das studieren und den unvermeidlichen Mehrpreis dafür zahlen wollten? Ich denke, man kann nicht erwarten, dass sich die Zeitschrift wirtschaftlich in Schieflage bringt, weil es einige wenige gibt, die in Messdetails einsteigen wollen. Natürlich wäre ich selbst auch an mehr Daten interessiert. Aber bei einiger Überlegung kann man das Vorgehen von test dann doch nachvollziehen. So etwas muss der Fachliteratur überlassen bleiben, die ja auch ihre Berechtigung behalten soll.
Der Fernglasbericht der Stiftung Warentest enthält einige ebenso einfache wie wahre Kernaussagen, die man, auch für den Astrobereich, nicht oft genug wiederholen kann:
1. "Das ideale Glas für jeden Zweck gibt es nicht."
2. "Seelenfrieden: Wer nur Gläser in der präferierten Preisgruppe vergleicht, ist mit seinem Glas zufriedener als jemand, der schon einmal ein Spitzenglas benutzt hat - gute Gläser machen süchtig."
3. "Qualität hat bei Ferngläsern ihren Preis."
Praxisgerecht und einfach umzusetzen fand ich auch den Tipp, Ferngläser einmal nach einem anstrengenden Arbeitstag zu vergleichen. Fehler, z.B. in der Justierung lassen sich vom angestrengten Gehirn weniger leicht ausgleichen als von einem ausgeruhten.
Die Abstufung der Benotungen angelehnt an Schulnoten sind - jedenfalls im Falle von Ferngläsern - auch aus meiner Sicht grundsätzlich nicht ganz unproblematisch. Sie bringen eine (scheinbar) quantitative Bewertung, wo eigentlich eine qualitative Aussage angezeigt wäre. Welches Fernglas ist z.B. besser: das mit dem besten Kontrast aber schlechter Randschärfe oder das mit schwächerem Kontrast aber Schärfe bis zum Rand - bei gleicher Sehfeldgröße wohlgemerkt? Beide mögen im Ergebnis die gleiche Note bekommen aber dahinter verbergen sich unterschiedliche Qualitäten. Das Raster mit Schulnoten ist auch einfach zu grob. Aber so ist das nun einmal: unser Leben ist voll von solchen Bewertungsschwierigkeiten und Zwängen zur Vereinfachung. Man denke nur an Schul-, Ausbildungs- oder Studienzeiten. Die Leute, die Gesellschaft wollen im Endergebnis eine klare Aussage. Man kann ja, wenn man wirklich ins Detail gehen will, fast endlos weitermachen. Irgendwann muss man sich dann aber auch beschränken und einen Punkt machen (keine Angst, der kommt für diesen Beitrag gleich <img src="/phpapps/ubbthreads/images/graemlins/smile.gif" alt="" />). Ich denke, dass man sich bei der Stiftung Warentest der Problematik bewusst ist und auf Nachfrage mehr zu Methodik und Einzelergebnissen sagen kann.
Unabhängig davon muss ich wirklich sagen, dass ich mit Produkten, die ich nach Ergebnissen der Stiftung Warentest gekauft habe, über Jahre und Jahrzehnte hinweg immer gut gefahren bin.
Ich finde es im Interesse von Markttransparenz und Ansporn zur Qualitätsverbesserung bei den Herstellern gut, dass sich die Stiftung Warentest nach langer Vernachlässigung auch einmal wieder größerer Ferngläser angenommen hat und würde mir wünschen, dass es in nicht allzu ferner Zukunft weitere Testberichte gibt. Seien wir mal ehrlich: wer träumt nicht davon, dass sich test auch einmal speziell für die Astrobeobachtung angebotene Ferngläser annähme?
Steve