Ergänzung zur Innenfokussierung
Hallo Hans-Georg,
mir sind noch ein paar Ergänzungen eingefallen. Gestern hatte ich geschrieben:
"Vielleicht war man bei CZJ der Meinung, dass ein Fernglas mit Brillenträgerokularen im Fall der Weitsichtigkeit auch mit Brille genutzt wird."
Eigentlich meinte ich Kurzsichtigkeit, denn weitsichtige Beobachter (kaufen eh ein aktuelles Zeiss, Leica oder Swarovski Glas, ich weiß :biggrin

haben ja kaum das Problem, bei -2 oder -3dpt. Überhub ohne Brille nicht auf unendlich fokussieren zu können. Da ich selbst kurzsichtig bin (-3 und -3,5dpt.), kommt mir schon mal kein Leica Fernglas ins Haus. :/ Bei Leica geizt man noch heute mit dem Überhub, so dass ich nur selten eins der schönen Ferngläser ohne Brille am Sternhimmel nutzen kann. Bei Zeiss klappt das problemlos ab Fotoladen mit einem Überhub von -5dpt. und mehr ...
> Ich wollte nur wissen, ob mein Glas defekt ist oder ob das konstruktiv bedingt ist
Der Nahpunkt von 8 oder 10m scheint wirklich normal zu sein. Beim Notarem hast Du ja links und rechts je ein Okular mit einer verschiebbaren Linsengruppe. Wenn man einfach mal annimmt, dass die Objektive ein Öffnungsverhältnis von 1:4 haben, dann beträgt die Bildweite bei Einstellung auf unendlich 160mm. Wenn man nun auf ca. 10m Entfernung einstellt, dann erhöht sich die Bildweite (näherungsweise) auf 162,5mm. Da Objektive und Okulare fest eingebaut sind und die Objektive keine Fokussierlinse nutzen, bleibt also nur eine Verkürzung der Okularbrennweite, um das "fest eingebaute" Okular auf die größere Bildweite bei Naheinstellung zu fokussieren. Nun vermute ich, eine Differenz von 2,5mm ist mit dieser Art der Fokussierung noch machbar. Würde man nun auf 2m Entfernung fokussieren wollen, dann müsste man eine Veränderung der Bildweite von runden 14mm mit der "Okularfokussierung" kompensieren und das dürfte beim Notarem oder bei den alten Leitz Gläsern schlicht nicht funktionieren. Ich hoffe, dass ich jetzt keinen Denkfehler gemacht habe. In welchem Maß sich die Bildweite zwischen 2m Entfernung und unendlich tatsächlich verändert, das weiß ich nicht. Die Objektive des Notarem sind ja "Teleobjektive", also Zweilinser mit vergrößertem Linsenabstand. Mehr als ein paar Millimeter Differenz dürften aber durch eine solche "Okularfokussierung" kaum auszugleichen sein, ohne dass sich die Vergrößerung signifikant ändert. Das Prinzip scheint aber so zu funktionieren: eine vergrößerte Bildweite bei der Naheinstellung wird durch eine Veränderung (Verkürzung) der Okularbrennweite kompensiert, wodurch die Baulänge des Fernglases konstant bleibt, die Vergrößerung im Nahbereich aber größer wird. Da man die im Nahbereich schnell größer werdende Bildweite nicht in beliebigem Maß durch ein Okular mit einer beweglichen Linsengruppe kompensieren kann, hat die Naheinstellung wohl ihre Grenzen (siehe auch die alten Leitz Trinovid Gläser). Bei Porrogläsern mit beweglichen Okularen ist das kein so großes Problem, hier kann man die Okulare auch mal um 5 oder 10mm verschieben.
Diese Art der Innenfokussierung wurde übrigens von Leitz als die erste "echte" Innenfokussierung beworben. Die Dachkantgläser von Zeiss hatten zu jener Zeit entweder bewegliche Okulare (z.B. 7x42 Dialyt) oder bewegliche Objektive (z.B. 8x30 ClassiC). Beide Varianten waren auch mit ihren Gummidichtungen zwischen dem Gehäuse und den bewegten Komponenten nicht auf lange Zeit gegen das Eindringen von Staub oder Feuchtigkeit abgesichert. Bei den Leitz Trinovid und den CZJ Notarem Gläsern bewegen sich äußerlich nur noch der Mitteltrieb und die Dioptrienkorrektur, die an die "Außenwelt" grenzenden optischen Elemente stehen fest und können so besser abgedichtet werden (das müsste auch für die russischen Foton Dachkantgläser gelten).
Die bewegliche Linsengruppe im Okular kann man schön sehen, wenn man das Notarem mit den Okularen nach oben unter die heimische Stubenlampe hält. Beim Fokussieren sieht man gut, wie die Reflexe von der Vergütung der im Innern beweglich angeordneten Linsen ihre Lage verändern. Man kann auch sehen, dass sich die Okularbrennweite in gewissen Grenzen ändert. Schau mal durch das Notarem auf eine diffus beleuchtete Wand oder auf ein Blatt Papier und beobachte die Größe des scheinbaren Sehfeldes beim Fokussieren. Ich bilde mir zumindest ein, dass sich die Größe beim Fokussieren von Nah auf Fern sichtbar ändert: im Nahpunkt ist die Okularbrennweite etwas kürzer und das scheinbare Sehfeld ist (bei konstanter Sehfeldblende) etwas größer. Mit einer Messlupe kann man auch die Größe der AP bei der Fokussierung auf den Nah- und auf den Fernpunkt messen. Bei meinem Notarem variiert der Durchmesser der AP zwischen 4 und 4,2mm.
> Da ich das Glas mehr als Sammlerstück gekauft habe, kann ich mit den Einschränkungen leben.
Eigentlich finde ich, dass ein richtig justiertes Notarem als Sammlerstück allein zu schade ist. Das 10x40 hat eine erstklassige Schärfe im Zentrum, eine noch immer sehr gute Randschärfe und eine exzellente Sternabbildung in Bildmitte. Die Transmission ist zwar nicht auf aktuellem Stand, aber in der Summe der Eigenschaften ist so ein Notarem auch heute noch konkurrenzfähig, wenn man sich bei neuen Ferngläsern im Preisbereich bis 500 Euro umschaut. Nur sollte die Kollimation ok sein und die Mechanik nicht allzu viel Spiel haben. Leider zeigen alte, gebrauchte Notarem Gläser hier oft Mängel (manchmal schon ab Werk). Wie schaut es denn diesbezüglich bei Deinem Sammlerstück aus?
Viele Grüße Frank.