Gamma Virginis (Porrima) am 22. April 2005

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Hallo,

am 22. April (2005,31) konnte ich das gute Wetter wieder für Positionswinkelmessungen bei Gamma Virginis nutzen. Insgesamt konnte ich mit meiner Scheinerblende (=Interferometer) 24 Messungen nach 2 verschiedenen Methoden durchführen. Hier die Ergebnisse :


156° +- 5° nach Methode 1 (Kontrastminimum der Interferenzstreifen) bzw.
154° +- 2° nach Methode 2 (Kontrastmaximum der Interferenzstreifen). Der gesuchte Winkel befindet sich dann senkrecht zu dem gefundenen.

Nach den Ephemeriden nach Sodernhlelm sollte sich Gamma Virginis derzeit bei 142° befinden. Die große Differenz von etwa 12-14° könnte auf folgende Ursachen zurückzuführen sein :

1. Systematischer Fehler in der Winkelbestimmung : bislang konnte noch kein derartiger Fehler erkannt werden, die Suche geht jedoch weiter.
2. Die Berechnung der Ephemeride ist falsch.
3. Die Ephemeride selbst stimmt nicht.
4. Kombination aus allen genannten Möglichkeiten.

Den ausfühlichen Beobachtungsbericht sowie weitere Infos gibt es unter :
http://www.epsilon-lyrae.de/AktuellesProjekt/AktuellesProjekt.html

Grüße

JS
 
Hallo JS,

ich verfolge fasziniert Deine interferometrischen Beobachtungen von Gamma Vir!
Ich glaube dass Du systematische Fehler in Deiner Messanordnung nur durch
Beobachtungen anderer Doppelsterne ähnlicher Helligkeit und Distanz auf die
Spur kommst. Ansonsten können wir nur weitermessen, es ist jedenfalls spannend
was bei diesem Stern los ist!

Ich kann auch noch eine erste Messung von mir aus dem Periastron beisteuern:
2005 Apr.23 = 2005,309 Distanz 0,34 +- 0,11" Positionswinkel 154° +- 12°.
Die Beobachtung entstand mit meinem "Webcam-Mikrometer" am 1m RC-Teleskop der
Purgathofer-Sternwarte (http://members.eunet.at/astbuero/ps.htm).
Visuell war bei 1200x das Seeing nicht so schlecht, etwa 1,5" war das
"Fleckchen-Bild" des Systems. Angedeutet konnte ich mehrmals zwei Kerne darin
getrennt erkennen. Die Webcam-Bilder machte ich mit 3x Barlow bei f=27m.
Sehr störend war das atmosphärische Spektrum bis ich auf die Idee kam die
besten Einzelframes nach RGB-Farbkanälen zu trennen: so entstand die oben
zitierte Messung.

Hier ist noch das beste Einzelbild zu sehen (Norden ist etwa oben):
Link zur Grafik: http://home.pages.at/vollmann/bilder/2005/gammavir3_f173g.jpg

Die Messung passt interessanterweise recht gut zu Deiner Beobachtung --
beachte aber die grosse Standardabweichung im Positionswinkel.....

Beobachten wir weiter!

Wolfgang
 
Hallo Wolfgang,

tolle Beobachtung, ich würde mich freuen, wenn Du noch öfters dieses Teleskop für die Beobachtung von Gamma Virginis nutzen könntest und davon berichtest. Es gibt derzeit kaum aktuelle Daten über dieses Doppelsternsystem. Ich denke im Sommer und im Herst wird man vielleicht genauere Werte erhalten. Die meisten Beobachter werden Ihre Messungen erst in Ruhe auswerten, bevor sie veröffentlicht werden.
Es freut mich zumindest, daß Deine Winnkelmessung meinen Wert bestätigt. Ich hoffe, daß ich nicht in ein paar Monaten feststellen muß, daß ich voll daneben gelegen habe. Referenzmessungen wären sinnvoll, aber es gibt kaum ein so geeignetes System wie Gamma Virginis selbst. Was meine Distanz betrifft, so bin ich mir bewußt, diese nicht bestimmen zu können. Ich hoffe aber meinen Wert nocheinmal etwas zu verbessern zu können.

Gruß
JS
 
Als Testobjekt könntest Du vielleicht Alpha Com nehmen (STF1728 WDS13100+1732):
laut Ephemeride im WDS 0,46 Bogensekunden und Positionswinkel 192,5 Grad.
Die Helligkeiten der beiden Sterne mit 5,1mag sollte vielleicht auch
noch gehen.

Ich versuchs natürlich auch weiter. Aber die Messung war extrem schwer,
das atmosphärische Spektrum ist in der Höhe im Zehntelbogensekundenbereich --
ich muss es beim nächsten Mal mit Farbfilter probieren. Und das Seeing
ist bei 1 Meter Öffnung doch ganz anders als mit meinem kleinen Fünfzöller.

Zum Thema Positionswinkel ist mir noch eingefallen: die Bahn von Soderhjelm
hat eine Periode von 168,9 Jahren. Damit ergibt sich für 2005,31 ein
Positionswinkel von 141,4 Grad. Wenn die Umlaufzeit auch nur 0,1 Jahre
länger sein sollte, also 169,0 Jahre, dann kommt der Positionswinkel
mit 150,5 Grad heraus (wenn ich mich nicht verrechnet habe). Einen Fehler
von ca. einem Monat in der Periode halte ich schon für möglich... also
ich finde Deine Messungen noch immer plausibel.

Viele Grüsse
Wolfgang
 
Hallo Wolfgang,

die Lichststärke ist eines der Hauptprobleme meines Interferometers. Bei nur 8-Zoll Öffnung habe ich auch nicht viel Spielraum. Dieser wird durch die Sphärische Aberration oder Zone auch noch verringert (bei der Winkelmessung spielt das aber nur eine Nebenrolle). Von 2,75 auf 5 Mag zu kommen schaffe ich daher nicht.
Was Du über den Bahnumlauf schreibst ist völlig richtig : 1 Monat länger und wir haben einen Unterschied von 15°, ein ähnliches Ergebnis von 10° erhällt man, wenn man den Zeitpunkt des Periastrondurchgangs um rund einen Monat (1836,4 -> 1836,5) verschiebt. Man weiß ja nicht genau wann dieser Zeitpunkt das letzte Mal stattgefunden hat.
Seit ein paar Tagen gibt es auch einige wenige Meßergebnisse von 2004. Da gab es bereits eine Winkeldifferenz von ca. 4°. Diese läßt sich mit der besagten Annahme auch sehr gut simulieren, aber die Distanz stimmt nicht besonders gut überein.

Gruß
JS
 
Hallo JS,

jetzt gibt es ein Update der Seite von Christopher Taylor zu Gamma Vir:
http://www.hanwellobservatory.org.uk/

Sein Ergebnis für Ende Apr.2005: Gamma Vir ist im Positionswinkel
ca. 20 Grad hinter der Ephemeride von Soderhjelm zurück. Das passt
gut zu unseren Ergebnissen. Spannend!

Viele Grüsse
Wolfgang
 
Hallo Wolfgang,

vielen Dank für die Info ! Das freut mich doch außerordentlich. Ich hatte Herrn Taylor bereits vor Wochen bzgl. seiner Messung vom Dezember kontaktiert aber leider nie eine Antwort erhalten. Zumindest scheint er inzwischen für die Positionswinkelmessungen eine entsprechende Blende zu verwenden und trägt damit zu weiteren unabhängigen Meßwerten bei, was sehr wichtig ist.

Schaut man sich die Geschichte der Ephemeridenberechnung von Gamma Virginis an und bedenkt, daß bislang keine einzige Ephemeride in der Lage war die Bahn über einen längeren Zeitraum zu beschreiben, so liegt der Schluß nicht fern, daß sich Gamma Virginis generell nicht durch die "klassische" Ephemeridenberechnung darstellen läßt. Gamma Virginis verhält sich also nicht so, wie sich ein "normaler" Doppelstern üblicherweise verhält.
Der Raum für Spekulationen ist groß, bereits J.H.Mädler erwähnt einen dritten Körper, aufgrund von Helligkeitsschwankungen einer der beiden Komponenten, die Struve bemerkt haben will.
Die Frage ist also : gibt es eine stabile Lösung für die Konstellation zweier, etwa gleich großer und schwerer Körper, die sich auf einer Kepplerbahn bewegen, die durch einen dritten, nicht sichtbaren Körper gestört wird ?
Bislang habe ich keine Standardlösung ausmachen können, die sich auf Gamma Virginis übertragen ließe.

Gruß
JS
 
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