Re: Test besser absagen?
Da ich ebenfalls gern den einen oder anderen Erfahrungsbericht schreibe, stelle ich mir die Frage: wie soll man mit Kritikpunkten umgehen? Soll man sie besser weglassen und nur Positives berichten? Soll man sie vorsichtig umschreiben?
Da ich selbst eine mehr als 30jährige Test-Erfahrung habe, kann ich zu diesen Fragen etwas antworten.
1. Ich war in der 70er Jahren Ressortleiter für Test und Technik beim Verbrauchermagazin DM (damals im Verlag Bärmeier & Nickel, dann Bärmeier allein). DM führte damals noch mit einer großen Mannschaft eigene Tests durch - wie heute nur noch die Zeitschrift „test” der Stiftung Warentest (bei der einige ehemalige Kollegen später gelandet sind und heute noch arbeiten). Etwa 1972 oder 1973 hatte ich einen Test aller damals in Deutschland erhältlichen ca. 35 verschiedenen Farbdia-Kleinbildfilme durchgeführt, in dem die Revue-Diafilme von Foto-Quelle u.a. wegen gravierender Mängel bei der Entwicklung (deutliche Streifenbildung nahe der Perforation) schlecht abschnitten. Mir wurde mit einer Klage gedroht (übrigens auch noch von einen anderen Filmanbieter), ich vereinbarte in Treffen in Nürnberg-Langwasser, kam mit allen meinen Belegen, mehreren Festfilmen mit normalen und Testtafel- sowie Farbtafelaufnahmen und meinen Aufnahme- und Auswertungsprotokollen, diskutierte schätzungsweise 5 bis 6 Stunden mit ebenso vielen Fachleuten von Foto-Quelle, und als ich ging, bedankte sich der Ranghöchste (ich weiß micht mehr, wer es war und welche Funktion er hatte) dafür, daß ich geholfen hatte, Mängel in der Filmverarbeitung aufzudecken und die Fehlerursachen zu finden. Wenige Tage später kam ein Brief von der obersten Etage von Foto-Quelle mit der Anfrage, ob ich evtl. interessiert sei, die Qualitätskontrolle bei Foto-Quelle zu übernehmen. Ich war daran nicht interessiert, weil das eher ein Job für einen Chemiker ist, aber ich freute mich über diese 180-Kehrtwendung vom der Klageandrohung zum Jobangebot.
2. Bereits während meiner DM-Zeit hatte ich damit begonnen, für die Fotozeitschrift ColorFoto Beiträge zur professionellen Großformatfotografie zu schreiben, dann zusätzlich über neue fototechnische und optische Entwicklungen, und als das sehr gute Resonanz fand, erhielt ich vom Verlager Joachim F. Richter das Angebot eines (später mehrfach verlängerten) 5-Jahres-Vertrages, Objektivtests für diese Zeitschrift zu machen. Ich bestand darauf, daß mir niemand - weder die Anzeigenabteilung, noch die Redaktion - hineinpfuscht, also meine Texte und Bilder inkl. Layout 1:1 übernommen werden, auch dann, wenn das Testergebnis negativ sein sollte. Im Gegenszug bot ich an, die volle Verantwortung zu übernehmen, wenn der betroffene Hersteller oder Vertrieb gerichtlich klagen sollte und/oder Schadenersatzforderungen stellte. Richter willigte ein, und es begann eine ca. 14 Jahre andauernde, für beide Seiten sehr erfolgreiche Zusammenarbeit. Einer meiner ersten Tests beurteilte ein Vivitar-Zoom ziemlich negativ. Es kam zur ersten Klage- und Schadenersatzandrohung. Der damalige Vivitar-Verkaufsleiter (später bei Ilford und heute im Ruhestand) war bereit zu einem Gespräch im Verlag, bei dem dann nach Vorlage meiner umfassenden Beweise, ein Bericht des Verkaufsleiters nach Santa Monica (Vorort von Los Angeles) an die Vivitar-Zentrale geschickt wurde. Folge dieses Berichts war ein 2tägiges Treffen mit mehreren Vivitar-Experten, u.a. dem damaligen Optikentwickler, in Santa Monica, an dessen Ende ich mit reichlichen Dankesworten verabschiedet wurde. Ich erhielt keinerlei Zahlungen oder sonstige „Entlohnung”, sondern es wurden nur die Flug-, Hotel- und Verpflegungskosten übernommen. Spätere Tests anderer Vivitar-Objektive fielen deshalb aber keinen Deut weniger kritisch und zum Teil ebenfalls recht negativ aus.
3. In der weiteren Folge beurteilte ich ein Zoom der heute nicht mehr existierenden Marke „Optigon” sehr negativ (Zitat: „katastrophale Schärfe”). Einen Tag nach Erscheinungstermin des Tests stand der Firmenboß des deutschen Importeurs auf der Matte und beschwerte sich bei J.F. Richter. Das Problem war, daß ein Kaufhauskonzern 2000 Stück dieses Zooms bestellt hatte und diese Objekte schon mit dem Schiff unterwegs waren, die Bestellung aber aufgrund meiner Testbeurteilung storniert wurde. Ich hatte aber, nachdem das getestete Zoom so schlecht war, ein zweites als Ersatz angefordert und erhalten, und als dieses wieder genauso schlecht war, auch noch ein drittes. Da dieses aber nicht besser als die anderen beiden war und die Seriennummern sich deutlich unterschieden (so daß auszuschließen war, daß sich bei drei auf dem Fließband aufeinanderfolgenden Objektiven derselbe Fehler wiederholt hatte), hatte ich keinen Grund mehr gesehen, die miserable Qualität auch als solche in meinem Testbericht zu benennen, der übrigens immer mit einer Vielzahl an normalen Tageslicht-, Nacht- und Testtafelaufnahmen sowie Auflösungsdiagrammen illustriert war. Die Importfirma hat als Folge der nach diesem Test auch nicht anderweitig verkäuflichen Zoomobjektive Pleite gemacht. Ich hatte das bedauert, aber sah und sehe keine Schuld bei mir. Wer miese Qualität anbietet, braucht sich nicht zu wundern, wenn das im Test nicht mit dem Mäntelchen des Schweigens zugedeckt, sondern klar und deutlich angeprangert wird.
4. Als in einem meiner weiteren Tests die hochlichtstarken Normalobjektive 1,2/50 mm, 1,2/55 mm und ähnlich getestet wurden und dort das Leica Noctilux 1,0/50 mm zur damaligen Leica M5 nicht gerade berauschend (relativ zu seinem stolzen Preis) abschnitt und ich u.a. die extreme Vignettierung bei weiter Blendenöfnung und die sehr kontrastarme Wiedergabe kritisierte und mit Bildern und Meßwerten belegte, bekam ich Ärger mit Leica, und da wurde J.F. Richter dann doch ein wenig kribbelig, denn bei dieser Firma hätte er zu fürchten gehabt, daß mir mit der geballten Kompetenz eines der auf dem Weltmarkt angesehensten Fotoherstellers das Lebenslicht als Fototester ausgeblasen werden könnte. Nun, ich fuhr von München nach Wetzlar (damals war der Umzug nach Solms noch nicht erfolgt), verbrachte dort einen vollen Tag mit ca. fünf oder sechs Optikrechnern und Managern, und Punkt um Punkt wurde mir nach Vorlage meiner Belege, zugestimmt und recht gegeben. Nur wurde jetzt ins Feld geführt, das sei ja ein Spezialobjektiv für besondere Lichtverhältnisse wie sie z.B. bei Bühnenaufnahmen, in der Available-Light-Fotografie usw. auftreten, und es dürfe daher nicht mit derselben Elle gemessen werden wie „normale” Standardobjektive. Doch ich konnte daraufhin einen Leica-Prospekt aus der Tasche ziehen, in dem dieses Noctilux als „das ideale Universalobjektiv” bezeichnet wurde. Damit war auch das letzte Argument gegen meine Testergebnisse vom Tisch, und die Stimmung blieb zwar noch ein wenig gedrückt (denn das alles mußte erst verdaut werden), aber als ich zurück in München mit dem Verleger über diese Treffen sprechen wollte, sagte es, daß er schon angerufen worden sei und man volles Vertrauen in meine Tests habe und die Sache in gutem Einvernehmen beigelegt sei. Seither stand ich mit einigen Leica-Männern in stets gutem Kontakt, nicht immer geliebt (denn es gab noch weitere Tests von Leica-Produkten, die nicht immer so gut ausfielen, wie man es sich erhoffte), aber respektiert und nie mehr nach weniger guten Testresultaten kritisiert.
Ich könnte weitere Beispiele nennen, aber das sollte schon für folgendes Fazit reichen: Wenn Tests sorgfältig und verantwortungsbewußt durchgeführt werden, darf man nicht nur, sondern man muß die festgestellten Mängel klar benennen (und freilich auch im Notfall beweisen können!). Der Tester ist nämlich nicht pimär dem Hersteller oder der Vertriebsfirma, sondern dem Leser seiner Tests zur wahrheitsgemäßen, fachgerechten, fachkundigen, sorgfältigen und eben auch kritischen Berichterstattung verpflichtet. Leider war das bei früheren Fototests nicht der Fall; da gab es gute, sehr gute und exzellente Objektive als Qualitätsabstufung, aber so gut wie nie ein mittelmäßiges oder gar ein schlechtes. Ich hatte es damals radikal und mit einem mutigen Verleger im Rücken, der mir diese Freiheit zuließ, geändert, und der Verleger wurde für seinen Mut damit belohnt, daß schon bald nach meinen ersten derartigen „Praxistests” ca. 80 bis 90% aller Leserzuschriften sich nur auf meine Tests bezogen (die im Heft aber nur monatlich ca. 10 bis 16 Seiten von weit über hundert füllten) und die verkaufte Auflage binnen etwa eines Jahres sich von ca. 80000 auf ca. 160000 verdoppelte! Der Leser hat es honoriert, die Industrie mußte sich damit abfinden, und wer mit Anzeigenentzug drohte, hatte nicht nur keine Chance der Einflußnahme, sondern mußte zum eigenen Nachteil in anderen Zeitschriften mit geringerer Auflage und geringerem Aufmerksamkeitswert inserieren.
Leider gibt es derart kritische Tests heute nicht mehr, weil der damit verbundene Aufwand nicht mehr von den Verlagen bezahlt wird. Die Tests sind dank den heute möglichen elektronischen Mitteln und Meßgeräten automatisiert und vereinfacht worden und jetzt leider ein großes Stück weiter weg von der Praxis, die wiedergegebenen Meßkurven für viele Leser sehr abstrakt, zudem auch sehr unvollständig, weil (nicht oder nur schwer automatisierbare) Messungen mancher wichtiger Parameter fehlen. Aber die heutigen Tester können immer noch von der damals von mir mit großem Aufwand erarbeiteten Freiheit der Kritik profitieren und sich mehr „herausnehmen”, als das vor meinen Tests möglich und Usus war. Leider hat aber die Schärfe der Formulierungen nachgelassen, sicher nicht zuletzt, weil manche erkannte Mängel nicht ausreichend abgesichert und belegt werden können, wenn es Spitz auf Knopf kommen sollte.
Ich möchte alle, die als Redaktuere oder freie Mitarbeiter von Astro- und sonstigen Zeitschriften Tests machen, dazu ermuntern, nicht mit Kritik zu sparen und klare Worte in den Beurteilungen zu finden. Denn das will der Leser haben, nicht um den heißen Brei reden und sich so verrenken, daß aus „schlecht” ein „nicht besonders gut“ wird. Haben denn Tests überhaupt noch eine Berechtigung, oder dürfen sie diesen Titel noch tragen, wenn sie nur positives Gelabere mit Auslassung sämtlicher Schwachpunkte sind?
Natürlich sollte man, wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, daß ein getestetes Produkt ein Ausreißer ist, einen Defekt haben könnte o.ä., den Lieferanten kontaktieren und anhand eines oder mehrerer weiterer Exemplare sicherstellen, daß man ein für die normale Serie repräsentatives und nicht ausgerechnet das einzie Montagsprodukt unter tausend Exemplaren getestet hat. Bleibt das Ergebnis negativ, muß der Leser das als solches erfahren, auch wenn's dem Hersteller/Vertrieb weh tut.
Zum Schluß, weil vom horrenden „normalen Preis” von 1198 Euro des Apogee-Fernglases die Rede war: ich habe dieses Modell noch nie irgendwo zu diesem Preis angeboten gesehen, sondern immer nur in der Größenordnung um 700 Euro. das gilt auch für die nach wenigen Monaten unglaubwürdig gewordene Werbung in
Sky & Telescope, wo als auf wenige Monate begrenzte Zeit ein Einführungspreis von, wenn ich mich recht erinnere, 699.95 $ angegeben war, der auch nach Ablauf der ursprünglich angegebenen Frist („bis Weihnachten”) unverändert blieb und noch lange Zeit danach als Einführungspreis bezeichnet wurde. Heute hat man bei immer noch 699.95 $ eine andere Floskel: „Due to the high demand we've extended the promotion. We will honor the $699.95 price with a FREE pair of eyepieces till 6-30-05”. Na also, nicht Preiserhöhung nach Ablauf der Einführung, sondern noch ein Okularpaar zusätzlich zum unveränderten Preis! Leider finde ich in meinem derzeitigen Büro-Chaos nicht das neueste, erst vor wenigen Tagen erhaltene Heft, wo das anders formuliert oder der Termin erneut hinausgeschoben oder gar noch ein zweites Paar Okulare draufgelegt sein müßte, denn der 30.6.2005 ist ja inzwischen vorbei.
Die große Nachfrage („high demand”) steht mir allerdings in gewissem Widerspruch zur Aussage von Markus Ludes, daß „der publizierte Test” (welcher eigentlich, vielleicht spricht er von einem ganz anderen, als hier allgemein vermutet wird?) den Verkauf „zerstört” habe. Sollte wirklich in den USA die Begeisterung riesig, bei uns aber auf dem Nullpunkt sein? Auszuschließen ist es nicht, aber es erscheint mir doch etwas unwahrscheinlich.
Walter E. Schön