Lektüre für Vergrößerungs-Phobisten

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Reverend_Coyote

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Ich hab's eben mal überflogen - ist schon ein kurioses Traktat. Einerseits hat der gute Mann für die damalige Zeit durchaus ein nicht unerhebliches Detailwissen von Astronomie und geometrischer Optik, andererseits fehlt ihm jegliche Vorstellung für beugungsbegrenzende Effekte und Einschränkungen. So ist denn der Begriff der maximal sinnvollen Vergrößerung anscheinend noch ein Fremdwort für diese Zeit:

> Mondbeobachtungen mit einen 2,5-Zöller bei 2000-facher Vergrößerung, heute würden wir bei einer perfekten Optik da von 10-facher Übervergrößerung reden ...

> Dieses achromatische Objektiv hatte eine Brennweite von 84", für eine 2000-fache Vergrößerung wäre dann eine Okularbrennweite von etwa 1 mm erforderlich. Dafür gibt es immerhin eine plausible und auch detaillierte Erklärung: anstelle eines gewöhnlichen Okulars wurde ein Mikroskop am Okularende eingesetzt und das ist wohl auch die Essenz der wundersamen 'Vorrichtung', die solche wahnsinnigen Vergrößerungen möglich macht.

> Herschel schreibt er Vergrößerungen von 6000 bis 9000-fach bei dessen Uranus-Beobachtungen zu. Die größte von Herschel je gebaute Optik hatte eine Öffnung von 49.5-Zoll. Bei perfekter Optik wäre damit aber gerade mal eine maximal sinnvolle Vergrößerung von bis zu 2500-fach möglich ...

Man sollte aber nicht zu hart mit dem Autor und seinen 'ungemeinen Vergrößerungen' umgehen. Der Weg zu Wissen und Einsicht führt eben nun mal nicht immer geradewegs zum Ziel. Immerhin ist das Buch 225 Jahre alt. Bei der Werbung für Kaufhausoptiken ist der Begriff der maximal sinnvollen Vergrößerung ja immer noch nicht angekommen.

Ulkig ist aus unserer Sicht auch die Sprache. Ich finde es schön, dass man solche alten Sachen jetzt auch im Internet einsehen kann!

Gruß, Peter





 
Hallo Peter,

ich bin nicht sicher, aber irgendwo im Hinterkopf habe ich noch die Information, daß Vergrößerungen irgendwann nicht linear sondern quadratisch als Flächenvergrößerungen angegeben wurden. Dann müßte man aus den abenteuerlichen Zahlen die Quadratwurzel ziehen und es sieht nicht mehr so schlimm aus.

Ich werde das Buch morgen einmal (quer-)lesen, ob der Autor nicht diese Angaben machte.

Grüße, Coyote
 
Zitat von Reverend_Coyote:
ich bin nicht sicher, aber irgendwo im Hinterkopf habe ich noch die Information, daß Vergrößerungen irgendwann nicht linear sondern quadratisch als Flächenvergrößerungen angegeben wurden. Dann müßte man aus den abenteuerlichen Zahlen die Quadratwurzel ziehen und es sieht nicht mehr so schlimm aus.
Nein, die Betrachtung der Flächenhelligkeit betrifft nur den tabellarischen Vergleich der verschiedenen Planeten auf Seite 73, aber nicht die eigentliche Definition der Vergrößerung, welche schon unserem heutigen Verständnis als Verhältnis von scheinbaren zu wahren Winkelgrößen entspricht.

Weil der Autor so begeistert von seinem 'Okular-Mikroskop' ist, kommt nicht einmal die heutzutage wohlbekannte Formel V = f_obj/f_oku irgendwo vor. Stattdessen hangelt er sich in einer ziemlich chaotischen Weise durch den Strahlengang in diesem Mikroskop.

Aus heutiger optischer Sicht würde ich die vergrößernde Wirkung dieser Mikroskopoptik folgendermaßen beschreiben: die kleine Frontlinse, welche bei einem normalen Mikroskop also dessen Objektivlinse darstellt, projiziert das Zwischenbild im Fokus der teleskopischen Objektivlinse auf einen weiter hinten gelegenen Sekundärfokus. Dabei wird das Zwischenbild wie bei der Okularprokektion entsprechend dem Verhältnis der Abstände vor und hinter dieser Linse vergrößert.

In dem gegebenen Beispiel hat diese Linse eine Brennweite von 0,28" und sie steht 0,30" hinter dem primären Fokus. Daraus berechnet sich nach der bekannten Linsenformel der Bildabstand hinter der Linse zu 4,2" und die Vergrößerung dieser Projektion ist M_proj = (14,2"-0,28")/0,28" = 14,04. Die effektive Brennweite der Objektivlinse wird dadurch also von ursprünglich f_obj = 84" auf eine effektive Brennweite von f_eff = 14,04 * 84" = 1179" gestreckt.

Die dritte Linse im Strahlengang wirkt dann als Okular. Diese Linse steht auf halbem Wege zwischen dem Sekundärfokus und dem Auge des Beobachters. Zur Brennweite dieser Linse habe ich keine expliziten Angaben finden können, aber man kann indirekt aus der beschriebenen Geometrie folgern, dass ihre Brennweite halb so groß wie der Abstand zwischen Sekundärfokus und der Augenposition des Beobachters sein muss. Daraus folgt dann f_oku ~ 0,8"/2 = 0,4".

Damit können wir nun die Vergrößerung berechnen:

V = f_eff/f_oku = 1179"/0,4" ~ 2947

Und was gibt der Autor dafür an? Auf Seite 76 bestimmt er den Abstand der Projektionslinse hinter dem Primärfokus aus deren Brennweite und dem angegebenen Projektionsabstand zu (4,21"*0,28")/(4,21"-0,28") = 0,29995" ~ 0,3". Das folgt aus der Linsenformel und ist zunächst mal korrekt. Aber dann gibt er ohne weitere Begründung auf Seite 77 "seine" Formel für die Gesamtvergrößerung des Systems folgendermaßen an:

V = (84/0,3)*(4,21/0,8) = 1473,5

Das ist also nur halb so groß wie der weiter oben begründete Wert. Anstatt durch die Brennweite der Okularlinse zu dividieren, nimmt er stattdessen den doppelten Wert davon, nämlich den Abstand zwischen Sekundärfokus und Auge. So interpretiere ich jedenfalls seinen Text und die Abbildung am Ende des Buches.

Insgesamt ist es sehr mühselig, die Ausführungen im Text mit der Zeichnung zu korrelieren ...

Immerhin, abgesehen von dem Faktor 2, um den der Autor in dem konkreten Zahlenbeispiel dabeben liegt, stimmen rein formal die hohen Vergrößerungen. Heute würden wir die Methode als Okularprojektion bezeichnen. Eine Projektionslinse mit einem dahinterstehenden Okular könnte man auch als "Mikroskop" bezeichnen, und so nennt der Autor denn auch seine Vorrichtung zur "Bewirkung ungemeiner Vergrößerungen".

Dass die angegebenen Vergrößerungen jenseits von maximal sinnvollen Vergrößerungen für eine 2,5" Optik liegen, wurde ja schon gesagt.

Mit freundlichen Grüßen,
Peter
 

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Hallo Peter,

ich habe gerade mit der Lektüre angefangen. Herzlichen Dank für Deine fachgerechte Analyse des Sachverhaltes. Irgendwie gefällt mir der Stil der alten Bücher und auch die Geschichte der Astronomie und deren Instrumente hat mich schon immer begeistert.

Einen schönen Sonntagabend noch,

Coyote

PS: Nicht daß ihr nun meint, ich würde ein Lidl-Mikroskop hinter ein Lidl-Spektiv schnallen, zur Erzielung ungemeiner Vergrößerungen......NO! :krank:
 
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Dann mal noch viel Spaß beim Blättern und Lesen ...

Übringens auf Seite 84 wird das "Wiener Zoll" als Maßeinheit genannt, das weicht geringfügig vom heutigen Zoll zu 25,4 mm ab:

Wiener Zoll = (7 902 016 / 300 000 000) m ~ 0,026 340 m ~ 26,340 mm

Siehe dazu auch Alte Maße und Gewichte (Österreich)

Mit freundlichen Grüßen,
Peter
 
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