Lucifugus
Aktives Mitglied
Servus bei8nand,
nun Teil 2 der weihnachtlichen Fahrt in die Alpen.
René hat bei mir übernachtet und die Diva (24“ Dobson) wartete brav im Divamobil, um erneut in die Alpen kutschiert zu werden.
Diesmal kamen wir relativ früh weg, wobei der Mond ohnehin erst kurz nach elf Uhr untergeht. Kein Grund zur Hektik. Nach einem unfreiwilligen Verfahren kamen wir an unserem Platz an. Der Mond strahlte den Schnee an und es war trotz nicht einmal Halbmond richtig hell. Ich setzte mich in meinen Campingstuhl, habe die Krücken zur Seite gelegt und erstmal die Stimmung genossen, während René den Aufbau begann. Und dann kam ein leiser Fluch. Die EQ-Plattform hat gestreikt bzw. der Kleber eines Teflon-Pads hat sich wohl durch die Kälte gelöst. René hatte das Ding in der Hand. Ohne kann die Diva nicht nachgeführt werden. Eine Diva will sanft gelagert sein! Zum Glück hatte René auch den normalen Untersatz dabei, denn sonst hätten wir jetzt heimfahren können. Dann eben alte Schule und ziehen (die Diva will im Gegensatz zu meinem Dino gezogen statt geschubst werden). Nachführung ist Luxus, es geht auch ohne.
Nach dem restlichen Aufbau der Diva haben wir gewartet, bis der Mond sich unter den Horizont verzupft hat. Als er im Westen hinter den Bergen verschwand (aber noch nicht untergegangen ist) war der Himmel schon mit Mond sehr gut. Das SQM-L zeigte 20m9, Jupiter strahlte vor sich hin und der Dauerfrost hatte uns wieder im Griff. Diesmal war es aber noch trockener als in der Nacht davor. Angesagt waren 50% Luftfeuchtigkeit. Könnte passen. Die Nacht davor waren es knapp über 60% (daheim 100% in dichtestem Nebel).
Im Hasen hatte ich ein nettes Ziel als Einstieg vorbereitet, aber vorher nochmal ein Blick auf Sirius. Diesmal war Sirius B nicht zu sehen, aber wir hatten nicht die Geduld, auf ein Fenster mit besserem Seeing zu warten. Gestern gelang die Trennung ja gut und eine Zwangspause bis zur erneuten Dunkeladaption reichte uns. Man könnte auch die Stirnlampen auf Weißlicht stellen, das wäre ähnlich sinnvoll wie diesen Flutlichtwerfer direkt durchs Okular der Diva anzuschauen. Also erstmal Dunkeladaptionspause, nochmal das SQM-L befragen: 21m2 bei -8°C, wie in der Nacht davor (mit Jupiter und der Milchstraße als Lichtspender). Später, ohne Jupiter und Milchstraße, waren es wieder 21m4 (wegen des Schnees, der wirklich jedes Sternenlicht reflektiert und so alles aufhellt). So, los geht’s…
Collinder 70 (bzw. Alnilam-Haufen) – Offener Sternhaufen
Dieser Haufen liegt zwar entgegen des Titels dieses Doppelberichts nicht in einem tierischen Sternbild (sondern einem Jäger, hat irgendwie auch was damit zu tun...), aber es geht um die Beobachtung mit bloßem Auge. Und da sieht man ja eh irgendwie alles gleichzeitig. Jedenfalls fiel heute um Alnilam der Kreis an Sternen rund um ihn mit bloßem Auge auf (bzw. ein Oval). Diese Sterne sind zwischen 5m3 und 8m0 hell. O.k., im Norden war das Oval nicht geschlossen, denn da sind die Sterne am schwächsten (eben um die 8m0, das geht natürlich nicht). Ich hatte jetzt leider keine Karte vorbereitet, um die Sichtungen abzugleichen, aber wenn ich die mit 7 mag mal weglasse könnte es schon bis 6m8 sein können (indirekt aufblitzend). Im Kleinen Bären konnte ich jedenfalls einen 6m4-Stern sehen, den ich gerne als Gradmesser für die Himmelsqualität heranziehe. Das passt also ganz gut zusammen.
Collinder 70 mit bloßem Auge finde ich immer wieder faszinierend, wobei ich ihn als den Alnilam-Haufen im engen Sinne interpretiere. Die Sterne rund um Mintaka gehören zu einem davon physikalisch getrennten, eigenen Offenen Sternhaufen, der mit bloßem Auge nicht geht.
O'Neal 4 – Asterismus
Jetzt aber runter zum Hasen, der ja zu den Füßen des Orion am Himmel positioniert ist. O’Neal 4 liegt südsüdwestlich von zeta Leporis und ist daher sehr leicht zu finden. Schon im Sucher fällt das Sternmuster auf. Die Diva zu nehmen ist da zwar irgendwie so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen, aber das Muster passt im Übersichtsokular ins Gesichtsfeld und dann funkelt es einfach so herrlich. Man sieht ein großes Dreieck heller Sterne, darin wieder ein Dreieck, dann noch ein kleineres Dreieck. Anstelle einer Skizze vom Teleskop hier ganz faul ein Bild von Wikisky.org (SDSS)
Ich finde das Muster auffällig und hübsch. Auch im großen Teleskop.
NGC 2076 – Galaxie
Von zeta Lepori geht eine Sternkatte direkt nach Süden. Ist man schon bei O’Neal 4, dann muss man nur wieder minimal nach Südosten und schon ist man wieder an der Sternkette mit zwei helleren Sternen (und einem dritte, schwächeren dazwischen). Diese drei Sterne zeigen direkt auf NGC 2076, die südlich des untersten der drei Sterne liegt.
NGC 2076 ist 13m0 hell und eine linsenförmige Galaxie (Klasse S0-a), 89 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und hat einen Durchmesser von 60.000 Lichtjahren. Warum besucht man eine so schwache (im Vergleich zu anderen Galaxien im Hasen) und dann noch „langweilig linsenförmige“ Galaxie an? Nun, zum einen ist sie eben in der Nähe von O’Neal 4 und sehr leicht zu finden und zum anderen hat sie eine Besonderheit. Ungewöhnlich für linsenförmige Galaxien hat sie ein sehr auffälliges Staubband, weshalb sie gerne fotografiert wird. Aber visuell? Nur Versuch macht klug oder so.
NGC 2076 wird sehr hübsch von einen Sternengruppe umringt. Das ist schon einen Blick wert. Die Galaxie ist diffus, wie erwartet ellipsoid, nicht sehr flächenhell (14mag/arcmin^2), aber gut erkennbar. Wir haben bis 302× vergrößert, aber ich fand es, wenn ich mich recht erinnere, bei 235× (9mm-Okular) besser. Das Seeing war jetzt besser als in der vorherigen Nacht, aber der Wattebausch waberte trotzdem ein Bisserl vor sich hin. Wir wechselten uns ab. René hat als erster eine dunkle Kante erkannt. Ich konnte das dann bestätigen, wobei es wirklich vom Seeing abhing. Kurzzeitig steht der Wattebausch stiller da (abgesehen vom Wandern durchs Gesichtsfeld) und dann erkennt man die Asymmetrie. Nach Südosten ist die Ellipse gerade abgeschnitten. René meinte, kurzzeitig auch jenseits der Kante noch ganz schwach etwas glimmen gesehen zu haben, das konnte ich aber nicht reproduzieren. Im Nachhinein habe ich das mit Fotos der Galaxie abgeglichen (also wieder daheim natürlich) und ja, die Position passt perfekt. Sehr cool. NGC 2076 ist ein lohnendes Ziel für große Teleskope (oder für Fotos, aber das ist ja eh klar).
Das war jetzt doch etwas anstrengend, also eine kurze Pause und wieder mit bloßem Auge den Himmel bewundern. Jupiter störte immer noch, aber wir blieben ja horizontnah, damit ich besser durch die Diva schauen kann. Und dann gings rüber in den Großen Hund.
NGC 2283 – Galaxie
Wir hatten diese Balkenspirale ja schon gestern aufgesucht. Jetzt der Wiederbesuch eine Nacht später. Die Galaxie bildet mit zwei etwas helleren Sternen ein Dreieck bzw. steht in einem kleinen Trapez. Hier ein Bild aus einem Paper – Kaisin, Karachentsev & Ravindranath (2012): Hα survey of nearby dwarf galaxies. Mon. Not. R. Astron. Soc. 425, 2083–2098. doi:10.1111/j.1365-2966.2012.21501.x – ich habe die Sterne, die für mich durch die Diva sichtbar waren, hier markiert. Laut Wikisky hat der südlichste der Sterne eine Helligkeit von 15m8, die beiden helleren sind um die 13 mag hell.
Jetzt war die Galaxie für mich deutlicher als in der Nacht zuvor zu erkennen. Der Balken kommt als wattig-flauschiges längliches ellipsoides Etwas zur Geltung. Wir haben zwischen 163× und 235× hin und her gewechselt. Die Position war jetzt klar und ich habe eine Zeichnung erstellt:
Ich habe nur die Sterne rund um die Galaxie eingezeichnet, die ich sehen konnte und einen weiteren weiter unten, der ein größeres Dreieck definiert (da habe ich die weiteren Feldsterne weggelassen)
Irgendwie kam uns die Fläche rund um den Balken aufgehellt vor. Das kann auch Wunschdenken gewesen sein, denn eigentlich hatten wir gehofft, das „S“ sehen zu können. Da es durch den schwachen Stern im Südwesten geht, konnten wir sehr exakt versuchen, zumindest einen Spiralarm zu erkennen. Aber Fehlanzeige. Vielleicht bei einem besseren Himmel (ohne Schnee als Reflektor). Ich habe die Aufhellung mit skizziert, denn so kam es uns vor. Da sie extrem diffus war und nicht im Bereich der Arme dichter/heller, bin ich noch etwas skeptisch. Zumindest hatten wir beide „das Gefühl“, dass da etwas minimal aufgehellt ist.
Tombaugh 1 – Offener Sternhaufen
Nur ein Kurzbesuch im Übersichtsokular, weil er gestern so wunderschön war. Und ja, auch da ist er im 24-Zöller sofort aufgelöst und der helle Stern im Zentrum leuchtet keck hervor. Das eigentliche Ziel war aber ein anderer Haufen…
Auner 1 – Offener Sternhaufen
Wir bleiben im Großen Hund. Jetzt hatten wir viel Zeit und konnten uns genüßlich Auner 1 widmen. Der Sternhaufen wurde von Auner et al. (1980) publiziert. Die Autoren fanden ihn auf den POSS-Platten (Palomar Observatory Sky Survey). Er wird dort von einer Reflexion (Sirius ist schuld) verdeckt, ist aber am Rand des Geisterbildes zu erahnen. Ein Abgleich mit einer Aufnahme der ESO ergab, dass es ein sternreicher Haufen mit mindestens 140 Sternen ist. Das Paper findet man hier offen zum Lesen: https://iopscience.iop.org/article/10.1086/130689/pdf
Direkt nördlich des Haufens liegt TYC 5972-2901-1, ein gelber Stern mit 9m2. Südlich davon, nah an diesem Stern, ist eine kurze Sternenkette (vier Sterne in Reihe) mit 11 bis 13 mag. Dazwischen liegt der Haufen. Auner 1 ist 29.000 Lichtjahre von uns entfernt, also ungefähr so weit weg von uns wie Tombaugh 2 und liegt damit auf dem bzw. nahe des Outer Arms der Milchstraße. Hier ungefähr die Position in der Milchstraße:
(Foto von https://commons.wikimedia.org – von mir mit roten Ergänzungen)
Beide Haufen, Tombaugh 2 und Auner 1 liegen unter der Scheibe, also unter dem eigentlichen Arm. Wir haben hier ein staubarmes Fenster, durch das wir eben sehr weit hinaus sehen können. Gestern war Tombaugh 2, der auch ca. 30.000 Lichtjahre entfernt ist, eines der Highlights, heute ist es Auner 1. Auf Fotos ist der Kern des Haufens schön langgestreckt. Das CMD zeigt, dass das Knie bei ca. 17m7 liegt – Carbajo-Hijarrubia et al. (2025) https://www.aanda.org/articles/aa/pdf/2025/07/aa53444-24.pdf – und somit im Teleskop nur die Sterne des Riesenasts und Vordergrundsterne zu sehen sind. Tombaugh 2 ist 2,0 Milliarden Jahre als, Auner 1 ist 3,25 Milliarden Jahre alt. Also noch eine Milliarde Jahre älter, ansonsten sehr ähnlich, was Lage und Position angeht. Nur ist Auner 1 langgestreckt, hat also offenbar in seiner um eine Milliarde Jahre längeren Historie deutlicher mit Gezeitenkräften zu tun gehabt. Etwas älter, etwas schwächere Sterne, diese lockerer länglich verteilt und insgesamt wohl auch sternärmer als Tombaugh 2. Kurz gesagt: eine knackige Aufgabe.
Was konnten wir sehen? Nun, die Sternenkette und TYC 5972-2901-1 konnten wir sehen. Das Finden war gar nicht so einfach, weil die Sternenkette im Übersichtsokular nicht auffällt (hat man sie aber erkannt, dann geht es plötzlich einfach). Beim Vergrößern bis auf 235× zeigte sich zwischen der Sternenkette und TYC 5972-2901-1 ein schwacher, länglicher Wattebausch. Man könnte meinen, da liegt eine Galaxie. Zart, länglich – ein Balken einer Balkenspirale? Eine gestreckte, ellipsoide Galaxie? Nein, ein Offener Sternhaufen! Die Sterne ab 18 mag sind offenbar so dicht, dass das diesen Wattebausch erzeugt. Und dann blitzt es plötzlich auf. Ein Stern ist am Rand des Wattebauschs sichtbar und dann auch kurz zu halten. Mit EQ-Plattform und Nachführung hätten wir vermutlich mit dem 3,3mm-Okular (641×) versucht, weitere Sterne herauszukitzeln. Laut der Veröffentlichungen zu dem Haufen (Links folgen am Ende) sollten jenseits von 15 mag mehrere Sterne zu sehen sein. Jetzt kann es sein, dass die außerhalb des eigentlichen Kerns liegen und daher nicht weiter auffallen oder der Wattebausch überstrahlt sie. Da hilft dann das gnadenlose Herausvergrößern.
Uns hat es gereicht, uns am Wattebausch einzugrooven und den immer besser zu lokalisieren. Ich habe das Ganze gezeichnet, wobei da das Rotlicht, das man braucht, sofort die Empfindlichkeit des Auges reduziert. Hier das Ergebnis (deutlich gemottelt war der Wattebausch nicht, das Seeing macht auch was aus, aber eine minimale Helligkeitsschwankung meine ich gesehen zu haben und habe sie daher hier auch eingezeichnet):
Uwe Glahn hat (natürlich) das Objekt visuell versucht – siehe https://www.deepskyforum.com/s…the-cluster-and-the-ghost – ich zitiere: „The brightest stars are around 16mag, most of the cluster members are in the 17mag-19mag range. I know about a successful observation with 8” but even in a 16” telescope the cluster remains difficult to observe. But…“
Mit 8 Zoll? Das muss wohl in Arizona, Namibia, Patagonien oder den Hochanden gewesen sein?! Oder auf der Edelweißspitze? (Aber im Winter? Da ist da oben alles dicht.) Puh, wie muss es dann in der Diva wirken, wenn der Himmel so ist? Wie auch immer, hellste Sterne ab 16 mag passt gut zu meinem visuellen Eindruck, denn 15-mag-Sterne wären kein Problem gewesen. 16 mag im Nebel aber ist kniffelig.
Ich habe außer diesem Forenthread (damals ein Objekt der Woche im deepskyforum) keine visuellen Beobachtungen von Auner 2 finden können.
Wer also meint, Offene Sternhaufen seien in großen Lichteimern langweilig, der hat sich ja dermaßen geirrt. Wer Galaxien mag, der kann sich gerne an Auner 1 versuchen. Sieht aus wie eine Galaxie. Tombaugh 2 ist auch ein Objekt für große Dobsons. Diese staubarmen Fenster lassen uns bis an den Rand unserer Milchstraße sehen. Wenn das nicht faszinierend ist? Ich bleibe dabei: Offene Sternhaufen mit großer Optik lohnen sich. Aber sowas von!
Nach diesem Highlight, das wir uns richtig erarbeitet haben, war es zwar noch dunkel und wir hätten noch ein paar Galaxien z. B. in der Virgo anschauen können, aber was soll die Beobachtung von Auner 1 noch toppen? Zudem war es die zweite Nacht in Folge. René hatte zwar viel geschlafen, aber eine zweite Nacht durchzumachen heißt in unserem Alter (*hüstel*) schon was. Langer Rede kurzer Sinn: wir haben abgebrochen. Der Abbau dauert ja auch seine Zeit, zumal René ja wieder alleine abbauen musste.
Dann ging es ab nach Hause. Diesmal waren wir schon kurz nach 6 Uhr daheim, René übernachtete nochmals bei uns und fuhr mittags mit genug Schlaf für die Heimfahrt nach gemeinsamen Mittagsfrühstück wieder nach Hause.
Zwei wunderbare Nächte sind vergangen, am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag. So kann man die Festtage perfekt zelebrieren. Erst gut essen, dann raus in die Natur. Die Akkus werden etwas entladen (als ich noch jung war, ja damals, da war das alles kein Problem…), aber es ist so schön! Man kann noch lange von dem Erlebten zehren. Und irgendwie ist nichts wirklich abgehakt. Die Ärmchen von NGC 2283 müssen irgendwann doch gehen, Tombaugh 2 und Auner 1 möchte ich mehr Sterne entlocken und die ersten Zeichnungen ergänzen. NGC 2076 wird sicher wieder von mir besucht. Staubbänder live zu sehen ist nicht nur beim Andromedanebel interessant. Beim Fotografieren ist es für mich irgendwie anders. Ich freue mich da auch auf schöne Ergebnisse. Aber es ist weniger „Erarbeiten“, sondern nur Geduld. Länger belichten hilft. Und Geduld bei der Bearbeitung. Aber es fehlt für mich dieses direkte, emotionale, wenn man live mit dem Auge plötzlich etwas entdeckt. Auner 1 zu fotografieren ist einfach. Ihn live zu „erleben“ etwas ganz anderes. In diesem Sinne allen hier einen guten Rutsch in ein spannendes, neues Astrojahr.
Liebe Grüße,
Christoph
nun Teil 2 der weihnachtlichen Fahrt in die Alpen.
René hat bei mir übernachtet und die Diva (24“ Dobson) wartete brav im Divamobil, um erneut in die Alpen kutschiert zu werden.
Diesmal kamen wir relativ früh weg, wobei der Mond ohnehin erst kurz nach elf Uhr untergeht. Kein Grund zur Hektik. Nach einem unfreiwilligen Verfahren kamen wir an unserem Platz an. Der Mond strahlte den Schnee an und es war trotz nicht einmal Halbmond richtig hell. Ich setzte mich in meinen Campingstuhl, habe die Krücken zur Seite gelegt und erstmal die Stimmung genossen, während René den Aufbau begann. Und dann kam ein leiser Fluch. Die EQ-Plattform hat gestreikt bzw. der Kleber eines Teflon-Pads hat sich wohl durch die Kälte gelöst. René hatte das Ding in der Hand. Ohne kann die Diva nicht nachgeführt werden. Eine Diva will sanft gelagert sein! Zum Glück hatte René auch den normalen Untersatz dabei, denn sonst hätten wir jetzt heimfahren können. Dann eben alte Schule und ziehen (die Diva will im Gegensatz zu meinem Dino gezogen statt geschubst werden). Nachführung ist Luxus, es geht auch ohne.
Nach dem restlichen Aufbau der Diva haben wir gewartet, bis der Mond sich unter den Horizont verzupft hat. Als er im Westen hinter den Bergen verschwand (aber noch nicht untergegangen ist) war der Himmel schon mit Mond sehr gut. Das SQM-L zeigte 20m9, Jupiter strahlte vor sich hin und der Dauerfrost hatte uns wieder im Griff. Diesmal war es aber noch trockener als in der Nacht davor. Angesagt waren 50% Luftfeuchtigkeit. Könnte passen. Die Nacht davor waren es knapp über 60% (daheim 100% in dichtestem Nebel).
Im Hasen hatte ich ein nettes Ziel als Einstieg vorbereitet, aber vorher nochmal ein Blick auf Sirius. Diesmal war Sirius B nicht zu sehen, aber wir hatten nicht die Geduld, auf ein Fenster mit besserem Seeing zu warten. Gestern gelang die Trennung ja gut und eine Zwangspause bis zur erneuten Dunkeladaption reichte uns. Man könnte auch die Stirnlampen auf Weißlicht stellen, das wäre ähnlich sinnvoll wie diesen Flutlichtwerfer direkt durchs Okular der Diva anzuschauen. Also erstmal Dunkeladaptionspause, nochmal das SQM-L befragen: 21m2 bei -8°C, wie in der Nacht davor (mit Jupiter und der Milchstraße als Lichtspender). Später, ohne Jupiter und Milchstraße, waren es wieder 21m4 (wegen des Schnees, der wirklich jedes Sternenlicht reflektiert und so alles aufhellt). So, los geht’s…
Collinder 70 (bzw. Alnilam-Haufen) – Offener Sternhaufen
Dieser Haufen liegt zwar entgegen des Titels dieses Doppelberichts nicht in einem tierischen Sternbild (sondern einem Jäger, hat irgendwie auch was damit zu tun...), aber es geht um die Beobachtung mit bloßem Auge. Und da sieht man ja eh irgendwie alles gleichzeitig. Jedenfalls fiel heute um Alnilam der Kreis an Sternen rund um ihn mit bloßem Auge auf (bzw. ein Oval). Diese Sterne sind zwischen 5m3 und 8m0 hell. O.k., im Norden war das Oval nicht geschlossen, denn da sind die Sterne am schwächsten (eben um die 8m0, das geht natürlich nicht). Ich hatte jetzt leider keine Karte vorbereitet, um die Sichtungen abzugleichen, aber wenn ich die mit 7 mag mal weglasse könnte es schon bis 6m8 sein können (indirekt aufblitzend). Im Kleinen Bären konnte ich jedenfalls einen 6m4-Stern sehen, den ich gerne als Gradmesser für die Himmelsqualität heranziehe. Das passt also ganz gut zusammen.
Collinder 70 mit bloßem Auge finde ich immer wieder faszinierend, wobei ich ihn als den Alnilam-Haufen im engen Sinne interpretiere. Die Sterne rund um Mintaka gehören zu einem davon physikalisch getrennten, eigenen Offenen Sternhaufen, der mit bloßem Auge nicht geht.
O'Neal 4 – Asterismus
Jetzt aber runter zum Hasen, der ja zu den Füßen des Orion am Himmel positioniert ist. O’Neal 4 liegt südsüdwestlich von zeta Leporis und ist daher sehr leicht zu finden. Schon im Sucher fällt das Sternmuster auf. Die Diva zu nehmen ist da zwar irgendwie so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen, aber das Muster passt im Übersichtsokular ins Gesichtsfeld und dann funkelt es einfach so herrlich. Man sieht ein großes Dreieck heller Sterne, darin wieder ein Dreieck, dann noch ein kleineres Dreieck. Anstelle einer Skizze vom Teleskop hier ganz faul ein Bild von Wikisky.org (SDSS)
Ich finde das Muster auffällig und hübsch. Auch im großen Teleskop.
NGC 2076 – Galaxie
Von zeta Lepori geht eine Sternkatte direkt nach Süden. Ist man schon bei O’Neal 4, dann muss man nur wieder minimal nach Südosten und schon ist man wieder an der Sternkette mit zwei helleren Sternen (und einem dritte, schwächeren dazwischen). Diese drei Sterne zeigen direkt auf NGC 2076, die südlich des untersten der drei Sterne liegt.
NGC 2076 ist 13m0 hell und eine linsenförmige Galaxie (Klasse S0-a), 89 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und hat einen Durchmesser von 60.000 Lichtjahren. Warum besucht man eine so schwache (im Vergleich zu anderen Galaxien im Hasen) und dann noch „langweilig linsenförmige“ Galaxie an? Nun, zum einen ist sie eben in der Nähe von O’Neal 4 und sehr leicht zu finden und zum anderen hat sie eine Besonderheit. Ungewöhnlich für linsenförmige Galaxien hat sie ein sehr auffälliges Staubband, weshalb sie gerne fotografiert wird. Aber visuell? Nur Versuch macht klug oder so.
NGC 2076 wird sehr hübsch von einen Sternengruppe umringt. Das ist schon einen Blick wert. Die Galaxie ist diffus, wie erwartet ellipsoid, nicht sehr flächenhell (14mag/arcmin^2), aber gut erkennbar. Wir haben bis 302× vergrößert, aber ich fand es, wenn ich mich recht erinnere, bei 235× (9mm-Okular) besser. Das Seeing war jetzt besser als in der vorherigen Nacht, aber der Wattebausch waberte trotzdem ein Bisserl vor sich hin. Wir wechselten uns ab. René hat als erster eine dunkle Kante erkannt. Ich konnte das dann bestätigen, wobei es wirklich vom Seeing abhing. Kurzzeitig steht der Wattebausch stiller da (abgesehen vom Wandern durchs Gesichtsfeld) und dann erkennt man die Asymmetrie. Nach Südosten ist die Ellipse gerade abgeschnitten. René meinte, kurzzeitig auch jenseits der Kante noch ganz schwach etwas glimmen gesehen zu haben, das konnte ich aber nicht reproduzieren. Im Nachhinein habe ich das mit Fotos der Galaxie abgeglichen (also wieder daheim natürlich) und ja, die Position passt perfekt. Sehr cool. NGC 2076 ist ein lohnendes Ziel für große Teleskope (oder für Fotos, aber das ist ja eh klar).
Das war jetzt doch etwas anstrengend, also eine kurze Pause und wieder mit bloßem Auge den Himmel bewundern. Jupiter störte immer noch, aber wir blieben ja horizontnah, damit ich besser durch die Diva schauen kann. Und dann gings rüber in den Großen Hund.
NGC 2283 – Galaxie
Wir hatten diese Balkenspirale ja schon gestern aufgesucht. Jetzt der Wiederbesuch eine Nacht später. Die Galaxie bildet mit zwei etwas helleren Sternen ein Dreieck bzw. steht in einem kleinen Trapez. Hier ein Bild aus einem Paper – Kaisin, Karachentsev & Ravindranath (2012): Hα survey of nearby dwarf galaxies. Mon. Not. R. Astron. Soc. 425, 2083–2098. doi:10.1111/j.1365-2966.2012.21501.x – ich habe die Sterne, die für mich durch die Diva sichtbar waren, hier markiert. Laut Wikisky hat der südlichste der Sterne eine Helligkeit von 15m8, die beiden helleren sind um die 13 mag hell.
Jetzt war die Galaxie für mich deutlicher als in der Nacht zuvor zu erkennen. Der Balken kommt als wattig-flauschiges längliches ellipsoides Etwas zur Geltung. Wir haben zwischen 163× und 235× hin und her gewechselt. Die Position war jetzt klar und ich habe eine Zeichnung erstellt:
Ich habe nur die Sterne rund um die Galaxie eingezeichnet, die ich sehen konnte und einen weiteren weiter unten, der ein größeres Dreieck definiert (da habe ich die weiteren Feldsterne weggelassen)
Irgendwie kam uns die Fläche rund um den Balken aufgehellt vor. Das kann auch Wunschdenken gewesen sein, denn eigentlich hatten wir gehofft, das „S“ sehen zu können. Da es durch den schwachen Stern im Südwesten geht, konnten wir sehr exakt versuchen, zumindest einen Spiralarm zu erkennen. Aber Fehlanzeige. Vielleicht bei einem besseren Himmel (ohne Schnee als Reflektor). Ich habe die Aufhellung mit skizziert, denn so kam es uns vor. Da sie extrem diffus war und nicht im Bereich der Arme dichter/heller, bin ich noch etwas skeptisch. Zumindest hatten wir beide „das Gefühl“, dass da etwas minimal aufgehellt ist.
Tombaugh 1 – Offener Sternhaufen
Nur ein Kurzbesuch im Übersichtsokular, weil er gestern so wunderschön war. Und ja, auch da ist er im 24-Zöller sofort aufgelöst und der helle Stern im Zentrum leuchtet keck hervor. Das eigentliche Ziel war aber ein anderer Haufen…
Auner 1 – Offener Sternhaufen
Wir bleiben im Großen Hund. Jetzt hatten wir viel Zeit und konnten uns genüßlich Auner 1 widmen. Der Sternhaufen wurde von Auner et al. (1980) publiziert. Die Autoren fanden ihn auf den POSS-Platten (Palomar Observatory Sky Survey). Er wird dort von einer Reflexion (Sirius ist schuld) verdeckt, ist aber am Rand des Geisterbildes zu erahnen. Ein Abgleich mit einer Aufnahme der ESO ergab, dass es ein sternreicher Haufen mit mindestens 140 Sternen ist. Das Paper findet man hier offen zum Lesen: https://iopscience.iop.org/article/10.1086/130689/pdf
Direkt nördlich des Haufens liegt TYC 5972-2901-1, ein gelber Stern mit 9m2. Südlich davon, nah an diesem Stern, ist eine kurze Sternenkette (vier Sterne in Reihe) mit 11 bis 13 mag. Dazwischen liegt der Haufen. Auner 1 ist 29.000 Lichtjahre von uns entfernt, also ungefähr so weit weg von uns wie Tombaugh 2 und liegt damit auf dem bzw. nahe des Outer Arms der Milchstraße. Hier ungefähr die Position in der Milchstraße:
(Foto von https://commons.wikimedia.org – von mir mit roten Ergänzungen)
Beide Haufen, Tombaugh 2 und Auner 1 liegen unter der Scheibe, also unter dem eigentlichen Arm. Wir haben hier ein staubarmes Fenster, durch das wir eben sehr weit hinaus sehen können. Gestern war Tombaugh 2, der auch ca. 30.000 Lichtjahre entfernt ist, eines der Highlights, heute ist es Auner 1. Auf Fotos ist der Kern des Haufens schön langgestreckt. Das CMD zeigt, dass das Knie bei ca. 17m7 liegt – Carbajo-Hijarrubia et al. (2025) https://www.aanda.org/articles/aa/pdf/2025/07/aa53444-24.pdf – und somit im Teleskop nur die Sterne des Riesenasts und Vordergrundsterne zu sehen sind. Tombaugh 2 ist 2,0 Milliarden Jahre als, Auner 1 ist 3,25 Milliarden Jahre alt. Also noch eine Milliarde Jahre älter, ansonsten sehr ähnlich, was Lage und Position angeht. Nur ist Auner 1 langgestreckt, hat also offenbar in seiner um eine Milliarde Jahre längeren Historie deutlicher mit Gezeitenkräften zu tun gehabt. Etwas älter, etwas schwächere Sterne, diese lockerer länglich verteilt und insgesamt wohl auch sternärmer als Tombaugh 2. Kurz gesagt: eine knackige Aufgabe.
Was konnten wir sehen? Nun, die Sternenkette und TYC 5972-2901-1 konnten wir sehen. Das Finden war gar nicht so einfach, weil die Sternenkette im Übersichtsokular nicht auffällt (hat man sie aber erkannt, dann geht es plötzlich einfach). Beim Vergrößern bis auf 235× zeigte sich zwischen der Sternenkette und TYC 5972-2901-1 ein schwacher, länglicher Wattebausch. Man könnte meinen, da liegt eine Galaxie. Zart, länglich – ein Balken einer Balkenspirale? Eine gestreckte, ellipsoide Galaxie? Nein, ein Offener Sternhaufen! Die Sterne ab 18 mag sind offenbar so dicht, dass das diesen Wattebausch erzeugt. Und dann blitzt es plötzlich auf. Ein Stern ist am Rand des Wattebauschs sichtbar und dann auch kurz zu halten. Mit EQ-Plattform und Nachführung hätten wir vermutlich mit dem 3,3mm-Okular (641×) versucht, weitere Sterne herauszukitzeln. Laut der Veröffentlichungen zu dem Haufen (Links folgen am Ende) sollten jenseits von 15 mag mehrere Sterne zu sehen sein. Jetzt kann es sein, dass die außerhalb des eigentlichen Kerns liegen und daher nicht weiter auffallen oder der Wattebausch überstrahlt sie. Da hilft dann das gnadenlose Herausvergrößern.
Uns hat es gereicht, uns am Wattebausch einzugrooven und den immer besser zu lokalisieren. Ich habe das Ganze gezeichnet, wobei da das Rotlicht, das man braucht, sofort die Empfindlichkeit des Auges reduziert. Hier das Ergebnis (deutlich gemottelt war der Wattebausch nicht, das Seeing macht auch was aus, aber eine minimale Helligkeitsschwankung meine ich gesehen zu haben und habe sie daher hier auch eingezeichnet):
Uwe Glahn hat (natürlich) das Objekt visuell versucht – siehe https://www.deepskyforum.com/s…the-cluster-and-the-ghost – ich zitiere: „The brightest stars are around 16mag, most of the cluster members are in the 17mag-19mag range. I know about a successful observation with 8” but even in a 16” telescope the cluster remains difficult to observe. But…“
Mit 8 Zoll? Das muss wohl in Arizona, Namibia, Patagonien oder den Hochanden gewesen sein?! Oder auf der Edelweißspitze? (Aber im Winter? Da ist da oben alles dicht.) Puh, wie muss es dann in der Diva wirken, wenn der Himmel so ist? Wie auch immer, hellste Sterne ab 16 mag passt gut zu meinem visuellen Eindruck, denn 15-mag-Sterne wären kein Problem gewesen. 16 mag im Nebel aber ist kniffelig.
Ich habe außer diesem Forenthread (damals ein Objekt der Woche im deepskyforum) keine visuellen Beobachtungen von Auner 2 finden können.
Wer also meint, Offene Sternhaufen seien in großen Lichteimern langweilig, der hat sich ja dermaßen geirrt. Wer Galaxien mag, der kann sich gerne an Auner 1 versuchen. Sieht aus wie eine Galaxie. Tombaugh 2 ist auch ein Objekt für große Dobsons. Diese staubarmen Fenster lassen uns bis an den Rand unserer Milchstraße sehen. Wenn das nicht faszinierend ist? Ich bleibe dabei: Offene Sternhaufen mit großer Optik lohnen sich. Aber sowas von!
Nach diesem Highlight, das wir uns richtig erarbeitet haben, war es zwar noch dunkel und wir hätten noch ein paar Galaxien z. B. in der Virgo anschauen können, aber was soll die Beobachtung von Auner 1 noch toppen? Zudem war es die zweite Nacht in Folge. René hatte zwar viel geschlafen, aber eine zweite Nacht durchzumachen heißt in unserem Alter (*hüstel*) schon was. Langer Rede kurzer Sinn: wir haben abgebrochen. Der Abbau dauert ja auch seine Zeit, zumal René ja wieder alleine abbauen musste.
Dann ging es ab nach Hause. Diesmal waren wir schon kurz nach 6 Uhr daheim, René übernachtete nochmals bei uns und fuhr mittags mit genug Schlaf für die Heimfahrt nach gemeinsamen Mittagsfrühstück wieder nach Hause.
Zwei wunderbare Nächte sind vergangen, am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag. So kann man die Festtage perfekt zelebrieren. Erst gut essen, dann raus in die Natur. Die Akkus werden etwas entladen (als ich noch jung war, ja damals, da war das alles kein Problem…), aber es ist so schön! Man kann noch lange von dem Erlebten zehren. Und irgendwie ist nichts wirklich abgehakt. Die Ärmchen von NGC 2283 müssen irgendwann doch gehen, Tombaugh 2 und Auner 1 möchte ich mehr Sterne entlocken und die ersten Zeichnungen ergänzen. NGC 2076 wird sicher wieder von mir besucht. Staubbänder live zu sehen ist nicht nur beim Andromedanebel interessant. Beim Fotografieren ist es für mich irgendwie anders. Ich freue mich da auch auf schöne Ergebnisse. Aber es ist weniger „Erarbeiten“, sondern nur Geduld. Länger belichten hilft. Und Geduld bei der Bearbeitung. Aber es fehlt für mich dieses direkte, emotionale, wenn man live mit dem Auge plötzlich etwas entdeckt. Auner 1 zu fotografieren ist einfach. Ihn live zu „erleben“ etwas ganz anderes. In diesem Sinne allen hier einen guten Rutsch in ein spannendes, neues Astrojahr.
Liebe Grüße,
Christoph