Re: Miyauchi 5x32 Binon: Sehfeld kleiner
Hallo ihr Liebhaber des weiten Winkels,
es ist ja verständlich, wenn man angesichts der häufig mickrigen Sehfelder bei den aktuellen Ferngläsern etwas frustriert ist. Der Wunsch nach einem Superweitwinkelglas unter Verwendung moderner Technik ist absolut nachvollziehbar.
Entwickeln wir doch mal in Gedanken ein solches Fernglas:
Ausgangspunkt soll das Zeiss Victory 7x42 FL sein. Dieses Glas hat einen Mitteltrieb, 150m Sehfeld, ist wasserdicht, brillenträgertauglich und wiegt knapp 800g. Der Preis liegt bei ca. 1500 €.
So, nun soll ein neues 7x42 entwickelt werden, dass ein erheblich größeres Sehfeld hat, sagen wir mal mindestens 180 m. Da viele potentielle Kunden älter ( Kaufkraft! ) und somit häufig Brillenträger und/oder Naturbeobachter sind, soll das neue Modell wasserdicht sein, einen ausreichenden AP-Abstand haben und über einen praktischen Mitteltrieb verfügen. Wie sieht nun eine solche Konstruktion aus:
1. Im Vergleich zum Victory muss man viel größere Umkehrprismen verwenden, andernfalls passt das Strahlenbündel nicht durch das Prismensystem und man erhält Vignettierung.
2. Es müssen spezielle Ultraweitwinkelokulare entwickelt werden, die trotz des riesigen Sehfelds und des großen AP-Abstands von mindestens 17mm eine sehr gute Mittenschärfe, eine brauchbare Randschärfe, eine im akzeptablen Bereich liegende Verzeichnung und ein gutes Einblickverhalten haben. Dabei muss, wegen zwangsläufigen Verwendung vieler Linsen, auf eine höchstwertige Vergütung aller Glas/Luft-Flächen geachtet werden.
Dieser Forderungskatalog ergibt mit Sicherheit ein Okular, welches nicht nur voluminös und schwer, sondern auch teuer ist.
3. Im Vergleich zum Victory wird für dieses Glas ein größeres und damit schwereres Gehäuse erforderlich sein.
Wenn man nun die o. g. Betrachtungen berücksichtigt, ergibt sich folgendes:
1. Das Superweitwinkelglas wird sehr viel schwerer als das Victory ausfallen. Als Optimist könnte man vielleicht 1200 Gramm erwarten, realistischer ist sicher ein Wert um 1500g.
2. Dieses Fernglas wird richtig teuer, ich wäre überrascht wenn es weniger als 3000 € kosten würde.
Die entscheidende Frage lautet nun: Wer kauft ein solches Fernglas?
Der Naturfreund und Wanderer sicherlich nicht. Hier sind fast ausschließlich Gläser der 500g-Klasse gefragt.
Die ( oft gut betuchten ) Jäger? Eher nicht, ihnen kommt es in erster Linie darauf an, in der Dämmerung ein möglichst helles Bild zu bekommen, das Sehfeld ist ihnen ziemlich egal. Beweis: Das traditionelle Jagdglas ist das Zeiss 8x56 Dialyt mit jämmerlichen 110m Seefeld.
Was ist mit den Vogelkundlern? Die schleppen meist neben dem Fernglas noch ein Spektiv mit Stativ durch die Gegend und wollen sich nicht mit einem so schweren Fernglas belasten, welches den Vogel auch nicht deutlicher zeigt.
Seeleute brauchen das riesige Sehfeld auch nicht, das traditionelle Seefahrerglas ist das 7x50 mit 130m Sehfeld.
Wer bleibt denn nun als potentieller Kunde? Die gut betuchten Amateurastronomen, die möglicht weitwinklig durch die Milchstraße surfen wollen und die raren Fernglasfreaks, die das ( nahezu ) perfekte Fernglas besitzen wollen, werden wohl kaum ausreichen, eine genügende Nachfrage nach einem solchen Fernglas zu sichern. Fernglashersteller wollen und müssen wie andere Unternehmen auch Geld verdienen. Ein solches nur mit hohem Entwicklungsaufwand zu verwirklichendes Projekt wie das Superweitwinkelglas würde nur sinnvoll sein, wenn entsprechende Absatzzahlen zu erwarten wären.
So schade es ist, das Superweitwinkelglas wird wohl für immer ein Traum bleiben!
Beste Grüße
Manfred