Jedes Bildstabilisierungssystem erzeugt Fehler
Nicht nur das Vari-Angle-System, sondern auch alle anderen mit quer zur optischen Achse verschiebbaren Linsen(gruppen) oder mit kippbaren quaderförmigen Prismen führen im ausgelekten Zustand (d.h. außerhalb der Ruhestellung) Abbildungsfehler ein, und zwar auch sphärische und chromatische Aberration in nachweisbarem Umfang. Insofern könnte man bei oberflächlicher Betrachtung versucht sein, Bildstabilisierung abzulehnen. Aber das ist ein falscher Ansatz, weil man nicht das Faktum eines Fehlers an sich beurteilen darf, sondern prüfen muß wie von der sichtbaren Auswirkung her sich die Größenordnungen der neu hinzugekommenen Fehler (sphärische und chromatische Aberration, Koma) zu derjenigen der beseitigten Fehler (Verwackelung) verhalten. Wenn deutlich weniger Unschärfeeffekte hinzu kommen als beseitigt werden, handelt es sich um einen Gewinn. Allein das zählt.
Für viel wichtiger halte ich es, das Augenmerk auf den Hysterese- und Nachschwingeffekt zu legen. Bei der „Hysterese” (oder „Hysteresis”) handelt es sich um das zeitliche Nachhinken der Bildlagekorrektur. Die Korrektur kann ja immer erst eingeleitet werden, wenn eine Beschleunigung vom Sensor erkannt wurde, aber dann liegt zu diesem Zeitpunkt ja auch schon eine minimale Bildverschiebung vor. Entscheidend ist also, eine möglichst verzögerungsarme Bildstandskorrektur (verzögerungsfrei geht prinzipbedingt nicht) zu erreichen. Andererseits besteht gerade bei schnellen Systemen, die immer auch höhere wirksame Kräfte erfordern, die Gefahr der Überschwingens. Also muß eine entsprechende, möglichst aperiodische Dämpfung eingebaut werden, die aber wiederum die Reaktionsgeschwindigkeit merklich herabsetzen kann. Die Kunst des Entwicklers solcher Systeme ist, hier den optimalen Kompromiß zu finden aus Reaktionsschnelligkeit und Bedämpfung des Überschwingens. Hier sehe ich durchaus ein noch großes Potential zu Verbesserungen.
Ein wichtiger Punkt bei der Konstruktion solcher Systeme, gleich welcher Art, also egal, ob Vari-Angle, drehbarer Quader oder querverschiebbare Linse(n), ist die Festlegung des Vibrations- bzw. Verwackelungs-Frequenzbereichs, für den ich Optimierung erfolgen soll. Hier kann z.B. das Einsatzgebiet eine Rolle spielen (relativ hochfrequentes Rütteln im Hubschrauber, relativ niederfrequentes Schwanken eines Schiffes, mittelfrequentes Zittern der Hände). Nikon und Fuji bieten da eine Umschaltmöglichkeit für einerseits niedrigeren Frequenzen mit großer Auslenkung (z.B. bis zu 3°) und andererseits höherfrequenten geringeren Auslenkungen (z.B. unter 0,5°).
Das einzige bereits technisch realisierte Bildstabilisierungssystem (außer dem Stativ), das frei von optischen Abbildungsfehlern (sphär. und chrom. Aberration, Koma) ist, ist das von Minolta in einigen Digitalkameras benutzte System der Sensorverschiebung. Aber das funktioniert nicht bei Ferngläsern; hier müßte analog zum Sensor entweder das ganze Okular, das Auge des Betrachters oder die Netzhaut nachgeführt werden.
Aus allen diesen Gründen halte ich es nach wie vor für unfair, vorab schon mit einer pessimistischen Erwartungshaltung die Flinte ins Korn zu werfen. Warten wir doch erst mal ab, ob und ggf. welche möglichen Verbesserungen Canon bei dem neuen Fernglas realisiert hat. Ich bin jedenfalls schon gespannt darauf, obwohl ich für mich persönlich lieber eine neues Super-Fernglas in der Gewichtsklasse zwischen 600 g und 800 g (vielleicht ein 10x38 oder 10x40) mit scheinbarem Sehwinkel um etwa 65° gewünscht hätte. Eventuell hätte ich auch 900 g noch akzeptiert, wenn im Fernglas ein Laser-Entfernungsmesser z.B. nach Art des Nikon ProStaff Laser 440 eingebaut wäre.
Walter E. Schön