Re: Zwischenstand
Hallo Chris,
bei mir ist es zusätzlich zum 12-Zöller eben ein (zu) schneller 110mm ED geworden. Mit f/6 bringt das Gerät die gewünschte Widefield Leistung bei ansprechender AP und Vergrößerungen (ab 17x), die sich vom handgehaltenen Feldstecher genügend absetzen (beim 80mm Richfielder kommt man mit 11x einfach in die Gegend von 10x50 und 7x50, die dann beidäugig einfach mehr abliefern). Bitte das richtig verstehen, ich meine nicht, dass ein Feldstecher einen 80mm Richfielder ersetzt, aber wenn man den Richfielder in seiner Disziplin "voll ausnutzt", also mit Minimalvergrößerung, dann hebt sich einer mit 80mm nicht genügend vom Feldstecher ab.
Nachteil durch f/6 ist halt, dass ein 110mm f/6 ED nicht mehr ganz farbrein abbildet, selbst als Luftspalt-Dreilinser wird das nicht mehr gehen (wird in "Astrooptik" von Laux vorgerechnet). Der Farbfehler spielt aber bei der Richfield-Beobachtung absolut keine Rolle, weil im Gegensatz zum ähnlich kurzen Achromaten die Spots insgesamt viel kleiner sind.
Das war nun meine Anforderung an Widefield, während viele Sternfreunde in dieser Disziplin mit einem 100mm f/5 Achromaten oder einer 120/600 "Blausau" wirklich glücklich sind.
Damit also zu den Öffnungsverhältnissen. Hier gilt es einfach, eine Entscheidung für oder gegen einige mehr oder weniger gegeneinander arbeitende Eigenschaften zu machen: Maximales Gesichtsfeld, Abbildungsleistung, Okularanforderungen, Preis.
Eine f/5 Optik zeigt bei gleicher Öffnung einen größeren maximalen Himmelsausschnitt, als eine mit f/7. Was nützt aber der größere Himmelsausschnitt, wenn ich mir kein Okular leisten kann, welches bei f/5 auch den Rand scharf abbildet, so dass ich vom hinzugewonnenen Feld des Teleskopes auch letztendlich etwas habe? Der Schritt von f/6 zu f/5 bedeutet für viele Sternfreunde den Ausschluss einer ganzen Okular-Preisklasse. Eine f/5 Refraktoroptik hat prinzipiell (und in der Praxis auch) einen größeren (Rest-) Farbfehler, und sie wird auch teurer, weil sie schwieriger herzustellen ist. Es kann also bei inkonsequentem Vorgehen hier leicht dazu kommen, dass man Geld ausgibt, ohne praktischen Nutzen davon zu haben.
Einen f/7 Refraktor erhält man so noch relativ günstig als ED, und man kann an so einer Optik auch die 2" Okulare unter 200 Euro, also auch die unter 100 Euro, gut einsetzen. Ich rechne mal mit 120mm Öffnung. Da hat f/7 dann 3,1° maximales Gesichtsfeld. f/6 kommt auf knapp 3,7° und f/5 auf knapp 4,4°.
Bei f/7 erreicht man die maximale AP mit einem 2" 50mm Okular (eigentlich 49mm, gibt's aber nicht), welches dann etwa 50° scheinbares Gesichtsfeld liefert. Bei f/6 kommt man auf ein 2" 42mm Okular und f/5 bedeutet ein 35mm Okular, ebenfalls in 2" Steckdurchmesser. Das 42mm Okular ist mit bis zu 72° scheinbarem Gesichtsfeld zu haben, bei 35mm findet man eine Art "Produktlücke" wodurch man auf 68° beschränkt ist, oder man geht auf 31mm zurück und kann dann 82° Feld nutzen, also Ultraweitwinkel.
Wie das ausschaut gibt es auch anschaulich zu sehen:
http://www.svenwienstein.de/HTML/weitwinkel.html
Meiner Meinung nach scheidet f/7 wegen der Problematik mit AP und Himmelsausschnitt für die Anwendung als Richfielder aus. Bleiben f/5 und f/6. f/5 bedeutet teure Okulare, um das machbare Feld mit ordentlicher Randabbildung umzusetzen, bzw. de facto gibt es kein Okular, welches an f/5 das maximale Feld sinnvoll umsetzen kann. Es gibt nämlich kein 35mm Ultraweitwinkel, das 31mm Nagler nutzt nur 42mm von 46mm Felddurchmesser und das 41mm Panoptic würde zwar 46mm nutzen, aber wegen der übergroßen AP von 8mm den Beobachter wahrscheinlich durch nur 7/8 seines Linsendurchmessers beobachten lassen. (Das ginge natürlich beim Refraktor ohne besondere Probleme.) Diese Okulare sind definitiv teuer, oder genauer sie gehören zum teuersten, was man am Markt so aufgabeln kann.
Demgegenüber bekommt man den typischen Richfield-Achromaten gerade eben mit f/5, nämlich üblicherweise 120/600 oder 100/500. Moderate 100/600 sind keine Standardgeräte, aber natürlich auch am Markt zu finden, muss man nur suchen. Was man aber suchen muss, ist nie so billig, wie Optik von der Stange, und von der Stange sind die ED Refraktoren inzwischen ungeheuer günstig geworden, so dass man schwer überlegen muss, ob man auf den Preis für einen teuren Achromaten nicht noch Geld drauflegt, um einen günstigen ED zu bekommen.
Die EDs aber haben eher die Tendenz, mit f/7 aufzutauchen, einige wenige gibt es auch mit f/6. Da werden dann wohl die Okulare günstiger, aber die Optik eventuell teuer?
Denn natürlich ist ein Gerät wie der 110mm Megrez mit 655mm Brennweite (nominell f/5,95) eine schöne Lösung, aber eben mit einem saftigen Listenpreis versehen!
Hier hilft nur Durchgucken, und selbst entscheiden. Denn schließlich habe ich selbst, obwohl ich vom Hauptgerät her mit f/4-tauglichen Okularen versehen bin, nicht den günstigen f/5 Achromaten gekauft, weil mir die optischen Eigenschaften dieser Geräte nicht besonders gefallen, mal ganz davon ab, was die Verarbeitung angeht. Nun lagen bei mir aber einige Jahre zwischen den Anschaffungen der verschiedenen Optiken und Okulare. Und ich frage mich, ob Du Dir nicht auch diese Zeit lassen solltest. Erstmal ein Hauptrohr anschaffen, dazu Okulare und weiteres Zubehör (Deepsky heißt auch Filter), und dabei die Perspektive "Richfielder" nicht aus den Augen verlieren - wenn denn der Sinn auch weiterhin nach Deepsky und Widefield steht.
Jedenfalls ist eine solche Widefield-Optik durchaus eine hervorragende Ergänzung zu einem großen Deepsky-Gerät, und besonders die von Günther angewandte Montage "Huckepack" auf dem Dobson bringt den "Supersucher" erst richtig zum tragen, weil man so im schnellen Wechsel ein Objekt im Detail und dann wieder mit Umgebung anschauen kann.
Das stellt aber in meinen Augen auch die Verhältnisse klar: Die große Optik ist das Hauptgerät und die kleine Optik dient als gelegentliche Ergänzung, die einen enormen Spaßfaktor hat, aber im Prinzip ohne die große Optik den Sternfreund einfach an zu vielen Objekten im Stich lassen würde.
Daher wäre meine Priorität zunächst einmal die größere Haupt-Optik, und der kleine Richfielder kommt nach der Anschaffungslatte für die Hauptoptik.
Günther hat schon angemerkt, ein 10" Dobson wird mit f/5 oder f/4,8 laufen. Ein 12" Dobs ist hingegen mit f/5 und 1500mm Brennweite häufig anzutreffen.
Möglicherweise erübrigt sich einiges an Überlegungen zum Richfielder allein deshalb, weil man schon einen schnellen Dobson (f/5) kauft, und die Okularpalette ohnehin darauf auslegt.
Noch ein Satz
@Micha: Von Wissen aufnehmen, ohne es zu hinterfragen, kann gar keine Rede sein. Wir benutzen das Medium "World Wide Web", ein gewaltiger Wissensspeicher, der jedem Neugierigen offen steht!
Es gibt ja schließlich nicht nur meine Homepage, sondern eine ungeheure Fülle an Optikwissen. Natürlich muss man auch etwas sieben, daher ist es sicher lohnenswert, sich mit den Basics vertraut zu machen, damit man nicht unter der Last aufgebundener Bären zusammenbricht. Huch... ich bin schon am dritten Satz, nu is aber Schluß!
Clear Skies
Sven