Ein paar kleine Tips zur Ergänzung
Hallo Christian (Pryrates),
das Gewicht solltest Du nicht unterschätzen. Wenn man das Fernglas nur mal zum Ausprobieren für zwei, drei Minuten vors Auge hält, merkt man nicht viel vom Gewicht. Aber wenn die Beobachtung länger dauert, scheint das Gewicht exponentiell mit der Zeit zuzunehmen. Das ist wie mit einem schweren Koffer, den Du mal nur kurz hochhebst, um sein Gewicht abzuschätzen (und den Du dabei als gar nicht so schwer empfindest), den Du dann aber 2 km weit zum Bahnhof schleppen mußt. Dann wirst Du schnell feststellen, daß er recht bald merklich schwerer wird!
Nach meiner Erfahrung liegt das für freihändige Beobachtung bequeme Maximalgewicht bei etwa 700 bis 800 g. Bis 1200 g ist es noch zuträglich, aber nicht mehr bequem. Alles, was darüber liegt, ist nur noch für kurzes Betrachten, aber nicht längeres Beobachten tragbar. Bedenke auch die relativ unbequeme Haltung beim Blick steil nach oben, die anstrengender ist als die normale Kopfhaltung bei normalen Naturbeobachtungen.
Achte aber auch bei einem nicht so schweren Fernglas darauf, daß es dazu eine Stativhalterung gibt, auf die Du langfristig bei Himmelsbeobachtung nicht verzichten wirst, wenn Du sie einmal ausprobiert hast. Es ist nicht nur viel angenehmer, das schwere Ding nicht dauern halten zu müssen, sondern das Bild steht ruhig und wackelt nicht. Also siehst Du viel schärfer und somit Details, die freihändig auch mit dem besten Qualitätsfernglas nicht erkennbar sind. Natürlich kann man sich auch selbst eine Auflageplatte auf einem Besenstiel passender Länge behelfsmäßig bauen, und vielleicht ist das sogar eine Empfehlung, um die viel ruhigere und schärfere Beobachtung im Vergleich zum freihändigen Beobachten erst mal kennenzulernen.
Wenn Du von Wackeln Deines Fernglases schreibst, so zeigt das ja, daß Du die Schwäche der freihängigen Beaobachtung bereits selbst erlebt und bewußt wahrgenommen hast. Sie wird natürlich durch die 10fache Vergrößerung noch gefördert. Ein 8fach-Fernglas liefert ein ruhigeres Bild, weil gleich starkes Wackeln eine um den Faktor 0,8 kleinere Schwankungsamplitude und Geschwindigkeit der Bewegung des Bildes erzeugt.
Das ist einer der Gründe, die für ein 8fach-Fernglas als Allround-Glas sprechen. Ein zweiter Grund wird selten bewußt wahrgenommen und erwähnt, ist aber speziell für ältere Beobachter wichtig. Mit der wachsender Vergrößerung nimmt nämlich die Schärfentiefe (in etwa quadratischer Funktion) ab. Das ist am Himmel nicht so wichtig, da dort alles im optischen Sinne „gleich weit", nämlich unendlich weit entfernt ist, also Schärfentiefe nicht benötigt wird. Aber bei terrestrischer Naturbeobachtung sieht man bei 10fach nur einen viel kleineren Entfernungsbereich scharf als bei 8fach und muß öfter nachfokussieren. Das wird um so deutlicher, je kürzer die Entfernung ist, aus der man beobachtet, und je geringer das Akkomodationsvermögen des Auges (altersbedingt) geworden ist. Mir erscheint daher ein 10fach-Fernglas für einen jüngeren Menschen mit noch gutem Akkomodationsvermögen und auch höherer Belastbarkeit der Armmuskulatur durchaus noch als Allround-Ferngals empfehlenswert, für einen älteren aber wegen der geringeren Schärfentiefe oft schon als problematisch. Allerdings bin ich selbst trotz meines bereits altersbedingt deutlich eingeschränkten Akkumodationsvermögens dennoch ein Liebhaber stärkerer Vergrößerung (10x), u.a. weil ich eine sehr ruhige Hand habe (vielleicht, weil ich nie geraucht habe).
Noch ein anderes Argument zum Gewicht. Es geht ja bei einem Allround-Glas nicht nur darum, wie schwer es ist, wenn man es vors Auge hält, sondern auch darum, ob man bereit ist, z.B. mehr als 1 kg (ebentuell zusätzlich zu einer noch schwereren Fotoausrüstung, Videokamera etc.) auf Spaziergängen, Wanderungen oder im Urlaub vielleicht gar den ganzen Tag mit sich herumzuschleppen.
Ich denke, auch diesbezüglich liegt die Toleranzgrenze eher bei 600 bis 700 g als weit darüber. Ich habe ein ca. 700 g schweres „Universalglas”, ein ca. 250 g leichtes „Kompaktglas” für den Urlaub (das dann auch superbequem in einer Gürteltasche kaum spürbar getragen werden kann) und ein 12x50 für die Nacht und beondere Anlässe wie etwa ornithologische Beobachtungen an einem dafür gezielt aufgesuchten See oder Vogelschutzgebiet. Wenn Du eines Tages mal ein Fernglas-Fan geworden sein wirst, wirst Du Dir vielleicht auch wenigstens zwei Modelle (z.B. 8x20 oder 10x25 als Kompaktglas und 10x50 fürs Astrohobby und für besondere Beobachtungen) anschaffen. Das 10x50 wirst Du am Himmel aber nur dann wirklich ausreizen, wenn Du es auf einem Stativ befestigst.
Zu diesem Thema abschließend nur noch ein einziger weiterer Tip: Wenn Du das Fernglas nicht nur astronomisch einsetzen willst, sondern auch für Naturbeobachtungen, dan achte auf eine Zentralfokussierung, also eine gemeinsame Scharfeinstellung beider Okulare mit einem Rad oder einer Walze zwischen den beiden Rohren. Die Einzelokulareinstellung ist für Naturbeobachten völlig ungeeignet. Denn bevor Du nacheinander das linke und das rechte Okular scharfgestellt hast, ist der Vogel, der Rehbock oder der Schmetterling schon wieder weg. Die Einzelokulareinstellung ist neben dem Astroeinsatz bestenfalls noch auf dem Schiff gut, weil der Segler, Marinesoldat etc. auf „hoher See” doch immer nur über relativ große Entfernung beobachtet. Und weil in diesem Bereich u.a. wegen der schwankenden Unterlage auch die niedrigeren Vergrößerungen (z.B. 8x40 oder 7x50) viel besser und weiter verbreitet sind und die niedrige Vergrößerung wiederum automatisch mit größerer Schärfentiefe verbunden ist, braucht der Segler etc. normalerweise gar keine Zentralfokussierung: Er stell einmal auf „fast unendlich” ein, und das paßt dann für alles, was er vor die Linse bekommt.
Jetzt aber noch zu Deiner anderen Frage: warum Fernglas statt Teleskop. Beide Instrumente sind keine Alternative zueinander, sondern Ergänzungen. Das Fernglas deckt den Bereich geringer Vergrößerung (etwa 8 bis 12fach, max. etwa 20fach) mit großem Sehfeld und bequemer beidäugiger Betrachtung ab, das Teleskop den Bereich der deutlich stärkeren Vergrößerungen. Für beispielsweise 10fache Vergrößerung reicht eine Objektivöffnung von max. 70 mm (je nach Alter auch 60 mm), weil jede weitere Vergrößerung zwar die Austrittspupille vergrößert, das Auge aber von diesem Lichtgewinn nichts hat, weil dann die kleinere Augenpupille den Strahlenbündelquerschnitt begrenzt. Da das Auge aber aufgrund seiner eigenen Abbildungsfehler (überwiegend sphärische Aberration, aber auch chromatische Aberration und evtl. Astigmatismus) bei völlig offener Pupille nicht so scharf sieht wie bei etwas „abgeblendetem” Auge, halte ich persönlich eher eine Austrittspupille zwischen 4 und 5 mm für optimal bei Himmelsbeobachtungen. Auch die aus einer etwas kleineren Pupille resultierende geringere Aufhellung es Himmelshintergrundes in unseren lichtverschmutzten Ballungsgebieten spricht dafür. In solchen Fällen bringt nämlich die größere Helligkeit der Sterne, Galaxien, Nebel etc. nichts mehr, wenn gleichzeitig auch der schwarze Himmel heller wird (keine Kontrastgewinn mehr!). Also wäre ein 8x40 oder 10x40, das sich gemäß den obigen Überlegungen als universell zeigt, auch für Astro sehr geeignet. 8x50 oder 10x50 oder darüber bringt zwar noch eine kleine Steigerung, die dann aber auf der anderen Seite bei Naturbeobachtungen zu Nachteilen führt (Volumen und Gewicht werden dazu führen, daß das Fernglas meistens zu Hause bleibt).
Es gäbe noch viel mehr zu diesem beinahe unerschöpflichen Thema zu sagen, aber ich muß jetzt leider noch ein bißchen arbeiten, weil ich gestern und heute schon zu viel Zeit mit Astronomie.de verbracht und meine beruflichen Hausaufgaben vernachlässigt habe. Darum muß ich jetzt einen Schlußpunkt setzen und das Wort für einige Zeit anderen überlassen.
MfG Walter E. Schön