Teleskop nicht aufgeben!
Moin Zusammen,
ich möchte dem undifferenzierten Abwatschen nochmal was sachliches gegenüberstellen, um damit den mitlesenden Besitzern solcher Geräte Mut zu machen, dass sie ihr Gerät in mehr als brauchbaren Zustand versetzen können.
Also, es geht um sogenannte Cat Newtons (Gruß an Andi, das ist kein normaler Newton).
Diese Teleskope ähneln äußerlich stark dem Newton. Sie haben aber im unteren Ende des Okularauszuges einen zweilinsigen Korrektor, den man früher in Amateurkreisen fälschlich als "Barlow" bezeichnet hat.
Das habe ich auch vor gut 6 Jahren in diese grobe Zeichnung übernommen (die dargestellte Linsenform ist auch falsch):
Link zur Grafik:
http://www.svenwienstein.de/Pics/STNEWTONi.gif
Es ist aber gar keine Barlow, sondern ein Korrektor nach dem Jones-Bird-Prinzip. Bis vor gut einem Jahr war man sich uneinig, ob es wirklich ein Jones-Bird-Korrektor ist, aber die Chinesen geben das selbst auf ihren Export-Info-Seiten so an.
Wozu braucht man diesen Korrektor? Ganz einfach weil der Hauptspiegel nicht wie bei einem normalen "echten" Newton ein Parabolspiegel ist, sondern ein Kugelspiegel. Dieser Spiegel kann normalerweise kein scharfes Bild abliefern, besonders da es bei diesen Geräten ein ca. f/5-Spiegel ist. Die äußeren Bereiche des Spiegels haben nämlich einen anderen Brennpunkt, als die inneren.
Der Jones-Bird-Korrektor korrigiert dies nun (jepp, so ähnlich wie die Brille für Hubble). Aber der Jones-Bird verlängert die Effektiv-Brennweite grob um Faktor 2. Das heisst aus einem Spiegel mit 700mm wird dann ein Teleskop mit 1400mm. Dieser "Teil der Wirkung" des Korrektors erinnert halt an eine Barlow, weshalb man dieses Teil leicht dafür halten kann.
Das ergibt folgende Eigenschaften:
- "funktionierendes Teleskop"
- billige Bauweise durch Kugelspiegel (leicht maschinell zu fertigen)
- kurze, leichte Bauweise, daher weniger Anspruch an Montierung.
- Obstruktion geringer als f/5, aber größer als echter f/10 Newton. Durch den Korrektor kann nämlich der Brennpunkt näher am Fangspiegel liegen.
- Justage ist empfindlich wie bei f/5!
- Da der Korrektor mit dem Okularauszug verschoben wird, ist er nicht immer in optimaler Position zum Hauptspiegel, wirkt also nicht mit jedem Okular optimal.
Übrigens sei da noch auf die Variante hingewiesen, bei der dieser Korrektor nicht im Okularauszug sondern vor dem Fangspiegel montiert ist. Das hat sich irgendwie nie richtig durchsetzen können, scheint ungeheuer schlecht justierbar zu sein.
Jetzt zum Teleskop konkret:
Bei einem Cat-Newton kommt es ungeheuer darauf an, dass die Justage stimmt. Der Jones-Bird muss mittig im Strahlengang sitzen, sonst wirkt er nicht. Wer aber einen Newton "auf gewöhnliche Weise" justiert, der wird vom Korrektor behindert, weil beim Blick durch's Okular der Anblick von Fang- und Hauptspiegel stark verkleinert wird. Außerdem ist es sehr schwer, den Hauptspiegel voll zu überblicken. Dadurch kommen viele Sternfreunde beim Justieren arg ins Schleudern.
Heutzutage greift man da einfach zum Laser - HAAALT! Einfach??? Das wichtigste fehlt, die Justage des Fangspiegels zum Okularauszug, was man eben mit dem Chesire machen sollte, was aber bei diesem Gerät eben schwierig ist, weil man doch schwierigkeiten hat, durch das verkleinerte Bild hinter dem Korrektor.
Bevor man mit dem Laser arbeitet, ist es ungeheuer wichtig, den Fangspiegel genau auszurichten, er darf auf keinen Fall verdreht sein, weil eine Verdrehung des Fangspiegels ("um die Mittelschraube") vom Laser "nicht erkannt" wird.
Leider reicht die Strahlaufweitung durch den eingebauten Korrektor gewöhnlich nicht, um nach der Barlowed-Laser-Methode vorzugehen. Die scheint mir am besten geeignet, also braucht man dazu noch eine Barlow. Klar, dass die Mittenmarkierung auch stimmen muss.
Kann man mit dem Laser nicht arbeiten, dann muss man eben am Stern justieren. Das setzt allerdings auch einen ordentlich justierten Fangspiegel voraus.
Wenn man nun das Gerät wirklich justiert hat, und beim Sterntest auch sieht, dass es justiert ist, dann kann man sich zu einer Aussage über die Bildqualität hinreissen lassen.
Was heisst nun aber "beim Sterntest sehen"? Dazu muss man wirklich mit hoher Vergrößerung vorgehen, also Öffnung mal 2 als Faustregel (notfalls geht Öffnung mal 1,5 auch schon). Dann wird bei einem ausreichend hellem Stern ganz leicht defokussiert, und man erkennt, dass der "Klecks" in der Mitte den Fangspiegelschatten zeigt, der umgeben ist von den Beugungsringen. Diese Ringe sind bei einem ordentlich justierten Gerät alle konzentrisch. Bei dejustage machen sie den Eindruck, als schaue man in einen "Tunnel mit Kurve", sie liegen also nicht alle auf gleicher Mitte.
Wenn man nun so weit gekommen ist und das Bild trotz ausreichendem Seeing immer noch schlecht ist, dann kann man davon sprechen, eine totale Gurke vor sich zu haben. Dann sieht man aber meist auch grob, woran es liegt. Beugungsringe, die nicht rund sind, sondern dreieckig verzerrt deuten auf einen durch die drei Halteklemmen zu stramm gefassten Hauptspiegel hin. Ovale Beugungsringe sprechen für Astigmatismus, der auch durch eine schlechte (zu Stramme) Fangspiegelhalterung erzeugt werden kann. Also ist auch bei solchen Problemen unter Umständen Abhilfe möglich.
Erst wenn das alles nicht fruchtet, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass wirklich die Optik vergurkt ist.
Natürlich muss man sich die Frage stellen, ab welchem Zustand des Gerätes man Garantie in Anspruch nehmen sollte.
Aber bevor man bei so einem Gerät auf "wegwerfen" setzt, sollte man sich doch lieber damit beschäftigen.
So, das war eine Menge Stoff. Ganz klar: So ein Teleskop empfiehlt man keinem Einsteiger, und auch ich halte die Bauart Cat-Newton weiterhin für das meist abgeratendste Teleskop. Man kann das aber wirklich rein sachlich mit den Schwierigkeiten begründen, die ein solches Gerät macht. Pauschalurteile über Hersteller sind unnötig.
Unsinnig sind Pauschalurteile über Hersteller und Markennamen im Billigbereich. Schon deshalb, weil diese Importeure ihre Geräte alle von denselben asiatischen Massenherstellern rekrutieren. Baugleichheiten sind hinreichend bekannt!
Clear Skies
Sven