Hallo,
mal ein paar Gedanken von einem technikbegeisterten Beobachter und Softwareentwickler ;-)
Für ein kleines Gerät spricht die Handlichkeit, womit sich aber die Vorteile auch schon erschöpfen. Bisher hatte ich Astro-Apps auf dem Palm, zwei Windows Mobile Geräte und einem iPhone ausprobiert. Die älteren Geräte konnte ich sogar per Bluetooth drahtlos mit den Digital Setting Circles am Dobson verbinden. Coll ist das schon, aber eben auch nicht mehr. Denn solche Lösungen haben mMn erhebliche Nachteile:
* Die meisten der Geräte sind mit Handschuhen kaum oder nur umständlich zu bedienen.
* Alle Geräte beeinträchtigen die Dunkeladaption, selbst mit "Nachtmodus" oder roter Folie vor dem Display. Auf dem iPhone ist es besonders schlimm, denn manche Apps verwenden die normale Tastatur. Da man die nicht "skinnen" kann, ist sie hell. Noch schlimmer ist, wenn Apps wegen Programmierfehlern plötzlich grell weiß aufblitzen was ich auch schon erlebt habe.
* Mit entsprechendem Alter kommt bei vielen von uns die Weitsichtigkeit. Dann ist es nicht gerade einfach, auf einem so kleinen Display Informationen abzulesen
* Wenn man auf einer Mini-Sternkarte einzelne Objekte zur Anzeige von Details "anklicken" will wird man feststellen, dass das mit Stift ganz gut geht, aber ohne Stift (iPhone!) bei hoher Dichte auf dem Display zum Geduldsspiel ausartet
* Die Datenfülle aller Apps ist nicht so hoch dass man bei exotischen Zielen auch noch fündig wird. Jenseits des NGC ist meistens nicht viel geboten. Oft ist das Nachschlagen von Objektdaten ziemlich umständlich
Also habe ich nicht nur die Nutzung von MDA, iPhone und Co. beim Deep Sky Beobachten mit dem Dobson aufgegeben, sondern auch alle Ideen verworfen die ich als Entwickler mal in dieser Hinsicht hatte. Der Zeitaufwand lohnt sich nicht, denn die Plattform ist für den Einsatzzweck untauglich. Das sind harte Worte, aber ich habe keine Lust mehr, mir die Sache schönzureden wenn es bessere Alternativen gibt.
Dagegen schätze ich Apps sehr, wenn es darum geht mal schnell 'was nachzuschauen: Identifikation von Planetenmonden oder Mondkratern etwa geht sekundenschnell und ist wirklich nützlich. Auch als Übersicht über die Mondphasen, wann es dunkel ist oder wie lange ich warten muss bis Jupiter vom Garten aus zu sehen sein wird: wunderbar! Und schneller als einen PC starten. Und sogar beim Beobachten mit dem Fernglas kann ich einer PDA-Sternkarte inzwischen etwas abgewinnen. Aber nur wenn es um zwangloses Spazierengucken geht. Fernglas und iPhone waren eine gute Kombi im Sommerurlaub.
Zuhause habe ich volle Auswahl: mehrere Atlanten, ein Stapel Beobachtungsführer und einige Drehbare Sternkarten harren ihrer Benutzung. Ab und zu schaue ich überall mal rein bzw. benutze es. Doch heutzutage werfe ich meistens ein Netbook an, das halbwegs handlich ist, stundenlang läuft und dessen Bildschirm ausreichend groß für die vielen Informationen ist. Mit einem Trackball kann ich es sogar mit Handschuhen gut bedienen. Es blendet nicht, denn der Nachtmodus und die rote Folie sind in dem Fall wirklich sehr finster und tun's auch unter exzellemtem Himmel ohne die Adaption zu versauen. Und die Software auf dem Netbook kann genau das was ich will und macht das viel besser als alle Apps die ich kenne ;-)
Fazit: "Technik statt Pappe" muss nicht jeder gut finden. Ich ziehe die Technik vor, aber habe mir rausgepickt was für mich am besten funktioniert. Das Netbook ist gesetzt, das iPhone ergänzt in manchen Situationen durchaus sinnvoll (speziell Mondbeobachtung oder spontanes Nachschlagen *nicht* am Fernrohr).
Am iPhone nervt dass man wegen Apple im Goldenen Käfig gefangen ist. Daten kriegt man nur umständlich über WiFi rein und raus. Mit meinen alten MDAs und dem Palm konnte ich meine Objektlisten nämlich auf eine Speicherkarte schreiben und die dann von der App (Astromist, Planetarium) aus einfach lesen. Bei Apple darf man das nicht. Und zur Ansteuerung eines Teleskops braucht man entweder einen Rechner oder ein Zusatzgerät wie die Box von Carinasoft. Doch wenn ich schon einen Rechner am Teleskop habe, wozu dann noch ein iPhone? Dann bleibt wirklich nur der Spielfaktor, den Zusatznutzen sehe ich da nicht.
Und "Beobachtungsplanung mit einer App"? Seit mir nicht böse, wenn ich mich da minutenlang im Lachkrampf in den Teppich verbeisse
Viele Grüße,
Tom