Re: Teleskop als Spektiversatz? Na klar!
Hallo Frank,
was Du schreibst, ist nachvollziehbar, solange sich jemand ausschließlich oder jedenfalls ganz überwiegend für astronomische Beobachtung interessiert. Ich habe gesehen, dass die konkrete Frage bereits im Teleskopeinsteigerforum geklärt wurde. Dennoch einige Anmerkungen, da hier auch Fragen berührt werden, die m.E. von allgemeiner Bedeutung sind.
> Sitzt man im Urlaub unter der Sommermilchstraße, dann bekommt man mit einem 45 Grad Einblick schnell Genickstarre.
Das sind wir als Fernglasbenutzer unter dem Sternenhimmel ja gewohnt...
> zum Fotografieren braucht man oft Sonderlösungen.
Gilt nur für SLR-Kameras. Da gibt es für die Spektive wohl aller Hersteller recht teuere Fotoadapter. Digitalkameraanschluss ist kein Problem. Das Fotografieren durch ein Spektiv als Teleobjektiversatz hat regelrecht eine neue Richtung in der Fotografie begründet. Wenn man das Stichtwort "digiscoping" in eine Suchmaschine eingibt, wird man auf Tausende zum Teil sehr interessante Seiten stoßen, die sich mit diesem Thema befassen. Es gibt viele verschiedene Adaptiermöglichkeiten. Vielfach funktioniert sogar das freihändige Halten der Digitalkamera ans Okular. In der Naturfotografie kommt man dabei zum Teil zu Resultaten, die qualitativ kaum zurückstehen hinter solchen, die mit digitalen Spiegelreflexkameras und wesentlich teureren (Tele-)Objektiven erzielt werden . Hier sehe ich also keinen Unterschied zwischen astronomischen Teleskop und Spektiv. Was auf diese Weise möglich ist, kann man für den Bereich der Naturfotografie z.B. auf dieser Seite bestaunen:
www.naturfotografie-digital.de
oder auch hier:
http://digiscopingukbirds.homestead.com/Index.html
> mit einem kleinen Teleskop ist man bei häufiger astronomischer Nutzung einfach besser bedient.
Das ist prinzipiell sicher richtig - jedenfalls wenn man in der Wüste von Arizona wohnt : ). Im Ernst: genau hier liegt doch das Problem. Hierzulande kann man nun einmal, wohl zu unser aller Leidwesen, wetterbedingt nicht wirklich häufig beobachten. Schaue ich z.B. auf das vergangene Jahr zurück, so konnte ich mein Spektiv an vielleicht knapp 100 Tagen nutzen - und sei es nur zur Fotografie von Vögeln im Garten. Wie Du ja weist, überlege ich schon seit längerem, mir ein Teleskop anzuschaffen, denn der Virus der Himmelsbeobachtung hat mich vollends erfasst, nicht zuletzt Dank der Beobachtungserfahrungen mit meinem Spektiv. Finanzamt und Autowerkstatt machten kurzfristig einen Strich durch die Rechnung. Andererseits hätte ich als vorwiegender Wochenendbeobachter ein Astroteleskop in dem genannten Zeitraum an weniger als 10 Abenden wirklich ausgiebig nutzen können. Wenn man etwa Student und zeitlich flexibel ist oder in einem Gebiet mit wenig Lichtverschmutzung lebt, so dass man jederzeit bei sich bietender Gelegenheit mit der Beobachtung loslegen kann, mag sich das vielleicht noch anders darstellen. Diesen Aspekt der Relation von Nutzungsdauer und Investitionskosten sollte man bei allen Anschaffungen von optischen Geräten im Auge behalten und sich die Frage stellen: welches Gerät kann ich wie häufig nutzen? Wenn man sich also auch für Naturbeobachtungen interessiert, muss man die viel zahlreicheren Nutzungsmöglichkeiten am Tage mit berücksichtigen. Und an dieser Stelle senkt sich die Waagschale meiner Meinung nach klar in Richtung Spektiv. Die Robustheit eines Spektivs, dass sich auf Stativ montiert über der Schulter bei jedem Wetter durchs Gelände tragen lässt, lässt sich nun einmal nicht mit einem Astroteleskop erreichen. Für das Spektiv spricht also die größere Vielseitigkeit im praktischen Allroundeinsatz.
> Wenn Du mit so einer Kombi durch die Milchstraße segelst, kannst Du jedes klassische Spektiv im nächsten Tümpel versenken.
Nun, dort wird es im Gegensatz zum Teleskop keinen Schaden nehmen ... Surfen in der Milchstraße macht man in der Regel mit geringen Vergrößerungen und dies ist eigentlich nicht unbedingt eine Domäne der Teleskope. Ich finde, dass das mit dem Feldstecher am meisten Spaß macht. Sehfeldmäßig jedenfalls dürften da selbst die besten Astrookulare nicht mitkommen. Ansonsten erreichen aber auch viele Spektivokulare Gesichtsfelder von mehr als 70 ° virtuell und mehr als 3 ° real. Jedenfalls muss man, ganz praktisch gesehen, z.B. beim unter Vogelbeobachtern legendären Leica 14 mm 32 x WW und dem Leica Televid Spektiv schon einigermaßen mit den Augen rollen, um alles anzuschauen, was da sichtbar ist. Kostenmäßig dürfte es beim Einsatz von richtigen Weitfeldokualren a la Nagler wohl keine großen Unterschiede mehr zwischen Spektiv und Teleskopen von vergleichbarer Größe und Qualität geben.
Spektiv oder Teleskop - inwieweit das eine das andere ersetzen kann und wo dabei die Grenzen liegen - das haben wir jetzt wohl einigermaßen ausreichend geklärt. Entprechend gefächerte Interessen vorausgesetzt, ist es sicher schön, wenn man einem beides zur Verfügung steht. Eines kann ich aber aus eigener Erfahrung sagen. Mein Spektiv hat mir am Nachthimmel sehr viel Freude bereitet und tut dies weiterhin. Gleichzeitig hat es aber auch den Wunsch nach einem - allerdings erheblich größeren - Astroteleskop geweckt. Insofern war es aus heutiger Perspektive, neben einem guten Fernglas, wohl schon so etwas wie der ideale Einstieg in die praktische Astronomie.
Steve